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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Zuflucht für kleine Seelen

Text: Andrea Hösch Fotos: Hardy Müller

Das Kinderdorf „Selo Mira“ in Bosnien gewinnt durch jede geräumte Mine ein Stück Normalität

Zwanzig Kinder hat Azemina Hadžibulic großgezogen. Sieben eigene und 13 Waisen. Wie eine Matrone sitzt die 50-Jährige an diesem heißen Augusttag inmitten ihrer Kinderschar und strahlt. Sie kann sich nichts anderes vorstellen als Mutter zu sein: „Ich bin sehr dankbar, dass wir hier so viele Kinder retten können.“

Hier, das ist ein Kinderdorf in Turija, einem kleinen Ort nahe dem Städtchen Lukavac in Zentralbosnien, nicht weit von Tuzla. In der Kantine des Heims „Selo Mira“ (Dorf des Friedens) hängt ein Foto aus den ersten Tagen der Einrichtung im Jahr 1998. Ein Dutzend Kinder gucken starr in die Kamera, in ihren Gesichtern spiegelt sich das Grauen, das sie in den Kriegsjahren erlebt haben. Sie alle kamen aus Srebrenica – genau wie Azemina. Ihr jüngstes Kind war sieben Monate alt, als sie im Juli 1995 zusammen mit zehntausenden Frauen, Kindern und Alten nach dem von Serben an Muslimen verübten Massaker fliehen musste. Ihr Mann wurde erschossen. Erst vor drei Jahren fand man seine Knochen. Endlich konnte Azemina ihren Frieden schließen.

Emrah, Selma, Mufid und die 102 anderen Kinder leben im Friedensdorf, weil ihre Mütter oder Väter krank oder gestorben sind, sich getrennt und die Kinder allein gelassen haben oder zu arm sind, um sie zu versorgen. Das Kleinste war bei seiner Ankunft wenige Monate alt, manchmal kommen gleich sieben Geschwister auf einmal. „Die Kinder können nichts dafür, dass die Eltern durch den Krieg traumatisiert sind, aber sie müssen dafür büßen“, sagt Osman Pozderović, der das Kinderdorf seit seiner Gründung leitet. In all den Jahren hat er gelernt, dass Kinder mit der Tatsache, dass ihre Eltern tot sind, oft besser klarkommen als mit dem Wissen, noch Mütter oder Väter zu haben, die sich aber nicht um sie kümmern.

Rund ein Dutzend Häuser stehen im Karree um eine große Rasenfläche. In jedem Haus haben zwei Familien Platz und in jeder Familie leben bis zu acht Kinder mit „ihrer“ Mama. Außerdem werden die Jungen und Mädchen von einer Psychologin und zwei Pädagogen betreut. Sie kommen aus allen Teilen des Landes und gehören unterschiedlichen Ethnien und Religionen an. Für die Kleinen gibt es einen Kindergarten, die Größeren gehen mit den Kindern aus Turija in die Schule. Danach können sie eine Ausbildung machen – zum Beispiel als Friseur, Schreiner oder Kfz-Mechaniker. „Die Kinder sollen alle ein selbstständiges Leben führen können“, sagt der Direktor. Weil er weiß, wie schwer es ist, in Bosnien eine Arbeit zu finden, legt er Wert auf eine gute Ausbildung. Zur Not übernimmt er den einen oder anderen Schützling selbst – etwa als Hausmeister oder Sozialarbeiter.

Die Spenden für das Friedensdorf kommen zum Großteil aus Deutschland, allen voran von Stiftungen wie der „Kinderzukunft“ oder „Hit“. Dankbar ist Pozderović aber auch vielen italienischen Patenfamilien, die „seine“ Kinder in den Winter- und Sommerferien aufnehmen. Gerade sind alle nach Turija zurückgekehrt. Die Kinder genießen die letzten Ferientage im kühlen Fluss. Es herrschen 40 Grad im Schatten.

In dieser Bruthitze arbeiten nur etwa einen Kilometer entfernt die Teams der Deutschen Minenräumer (Demira). Denn auch 18 Jahre nach Kriegsende liegen dort noch immer Minen vergraben. Mehr als 170.000 Quadratmeter werden sie in den nächsten Wochen säubern, den größten Teil der Fläche übernimmt eine zur Minenräummaschine „Rex“ umgebaute Planierraupe. Minensuchhunde und Hand-Entminer räumen da, wo Rex nicht hinkommt. Maßgeblich wird das Projekt von der EU finanziert. Die Stadt Lukavac steuert etwas bei – und auch das Greenpeace Magazin mit Hilfe seiner Leser.

„Im Kanton Tuzla gab es die meisten Minenunfälle in ganz Bosnien, sowohl während des Krieges als auch danach“, sagt Amir Sejdinović von der zuständigen Zivilschutzbehörde in Lukavac. So wie im Jahr 2000: Vier Jungs aus dem Dorf Turija wollten im nahen Wald Beeren suchen, einer trat dabei auf eine „Prom“. Die Killermine riss den Elfjährigen und seinen drei Jahre älteren Bruder aus dem Leben. Die beiden anderen Kinder wurden verletzt. Der Unglücksort grenzt direkt an das umzäunte Kinderdorf. „Es muss leider oft erst etwas passieren, bevor es Geld für die Entminung gibt“, sagt Pozderović. Einige Dutzend Hektar Fläche wurden zwar seither geräumt, die Gefahrenzone verschob sich aber nur um einige hundert Meter – für abenteuerlustige Kinder eine leicht zu überwindende Distanz. Auf dem Verdachtsgelände zieht Rex seit Tagen seine Bahnen und zermalmt Büsche und Bäumchen zu Kleinholz. Noch vor Einbruch des Winters wird die Gefahr endlich gebannt sein. Bis Redaktionsschluss haben die Demira-Teams weder Minen noch Blindgänger gefunden.

Als die Kinder am frühen Abend vom Baden zurückkehren, duftet es in Azeminas Küche verlockend nach Pizza. „Die mögen sie alle“, freut sie sich und erzählt, dass ihre Schützlinge zu ihrem Glück nicht viel brauchen: „Sie wollen die Schule schaffen, einen Job finden und später eine Familie gründen“, sagt Mama Azemina. Sie selbst ist lange schon mehrfache Großmutter.

Kinder, die im Friedensdorf „Selo Mira“ leben, erzählen über ihr Schicksal: Mirnesa, 24 Jahre, aus Srebrenica
„Ein bisschen mehr Liebe hätte ich mir in meinem Leben gewünscht“, sagt Mirnesa. 1998 war sie nach ihrer Flucht aus Srebrenica eines der ersten Waisenkinder, die in Turija einquartiert wurden. Sie erinnert sich gut an Erschießungen, Granaten und einstürzende Häuser. „Ich hatte lange Zeit Alpträume und habe oft im Schlaf geweint“, erzählt sie. Mit neun Jahren blieb ihr nur noch die Oma – der Vater war schon vor dem Krieg gestorben und ihre Mutter hatte sie von einem Tag auf den anderen verlassen. Seitdem hat das Mädchen sie nie wieder gesehen. Dass sie inzwischen mit einem anderen Mann und zwei Kindern zusammenlebt, weiß die 24-Jährige seit längerem. Irgendwann will sie zu ihr gehen und sie zur Rede stellen. „Meine Oma war für mich wie eine Mutter“, erzählt Mirnesa. Die alte Frau durfte mit ihr im Kinderheim leben. „Der Tag, an dem sie starb, war der schwerste Tag in meinem ganzen Leben.“ Noch drei Prüfungen, dann wird sie ihr Studium als Sozialarbeiterin abschließen. Weil sie sich trotz allem durchgekämpft hat, ist sie heute der ganze Stolz des Kinderdorfes. „Wäre ich bei meinen Eltern groß geworden, hätte ich wahrscheinlich nicht studieren können“, glaubt Mirnesa. Die junge Frau hat gelernt, selbst im Unglück einen Funken Glück zu finden.

Gordan, 15 Jahre, aus Tuzla, will gern mal ein Spiel von Real Madrid im Stadion sehen
„Am liebsten würde ich Profifußballer oder Automechaniker werden. Der Vater meiner ita­lienischen Patenfamilie hat eine Autowerkstatt. Es ist mein Traum, später dort zu arbeiten.“

Selma, 11 Jahre, aus Bihać, möchte Polizistin werden
„Ich kenne meine Eltern nicht. Sie haben mich nie besucht.“

Mufid, 16 Jahre, aus Gorazde, wäre später gern Schauspieler
„Ich bin stolz darauf, dass ich meistens gut drauf bin. Deshalb fällt es mir leicht, andere aufzumuntern.“

Davorin, 17 Jahre, aus Sarajevo
„Ich hätte gar nicht zur Welt kommen sollen“, sagt Davorin. Nervös knetet der Junge seine Hände und erzählt seine Familiengeschichte: Der ältere Bruder war gestorben. Ein zweites Kind, so hofften die Eltern, könnte den Erstgeborenen ersetzen. Ein Jahr nach dem Ende des Bosnienkrieges kam Davorin zur Welt. Doch das Baby konnte seiner Mutter nicht über den Verlust hinweghelfen. Davorin war
fünf Jahre alt, als sie einem Herzinfarkt erlag. In seiner Verzweiflung griff der Vater zur Flasche und starb wenige Jahre später. Das Waisenkind lebte fortan bei seiner Oma. Obwohl finanziell für ihn gesorgt ist – er erbte drei Wohnungen in der bosnischen Hauptstadt – geriet er auf die schiefe Bahn. Immer öfter hatte er in der Schule Probleme, war in Schlägereien verwickelt, nahm Drogen und lebte auf der Straße. Mit 15 Jahren kam er schließlich ins Kinderdorf. „Für mich ist das hier ein bisschen wie Knast“, sagt der 17-Jährige. Dennoch weiß er, dass ihm die strengen Regeln und die Gemeinschaft mit anderen gut tun: „Ich habe hier gelernt, wie man mit anderen umgeht, ich bin ein besserer Mensch geworden.“ Besonders ans Herz gewachsen ist ihm der kleine Belmin. Seit einem Dreivierteljahr lebt das Baby in seiner Familie. Davorin streichelt, badet und wickelt es – als wäre es sein Bruder.

Ihr Beitrag gegen Minen
Für die Minenräumaktion in Turija konnten wir – dank Ihres Engagements – wieder rund 30.000 Euro sammeln. Die Kinder des Friedensdorfes sind froh, dass die gefährliche Hinterlassenschaft des Krieges sie schon bald nicht mehr bedrohen wird. Für jedes neue oder verschenkte Abo (31 Euro im Jahr für sechs Ausgaben) lässt das Greenpeace Magazin in Bosnien auch weiterhin sechs Quadratmeter Boden von Minen räumen.