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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.15

Zurück aufs Festland

Text: Toni Keppeler

Der Meeresspiegel steigt, das Archipel von Guna Yala vor der Küste Panamas versinkt. Die dort lebenden Guna sind das erste Volk, das vom Klimawandel vertrieben wird

Niemand weiß, wann das Meer kommen wird. Aber es wird kommen, das ist sicher. Jedes Jahr, wenn der Wind aus dem Norden zum Sturm wird, drückt er das Wasser auf die Insel Gardi Sugdub. Dann stehen die Bewohner knöcheltief im Wasser, für eine Woche oder manchmal auch länger. In diesem Jahr soll es das letzte Mal sein. „Wir gehen“, sagt Pablo Presiado, der „Sagla“ genannte politische und geistliche Führer seiner Gemeinde. Im Januar hat er zusammen mit einer Gruppe von Freiwilligen begonnen, auf dem Festland ein Stück Regenwald für ein neues Dorf zu roden. Die gut tausend Bewohner von Gardi Sugdub sind die ersten, die der Klimawandel zwingt, ihre versinkende Insel zu verlassen.

Gardi Sugdub gehört zum Archipel von Guna Yala, einer Gruppe von 365 kleinen Inseln vor der karibischen Küste Panamas. 49 davon sind bewohnt, knapp 40.000 Guna leben dort. Sie alle werden der Vorhut aus Gardi Sugdub folgen müssen. Noch ein paar Jahrzehnte, dann wird es den Archipel nicht mehr geben. Keines der Eilande ragt mehr als zwei Meter aus dem Meer, die meisten nicht einmal einen. Von der Ferne sehen sie aus, als seien sie Scheiben, die auf dem Wasser schwimmen, mit Palmen und ein paar Hütten mit Bambuswänden und Schilfdach darauf.

Bei Messungen an Korallenriffen in der Bucht haben Meeresbiologen festgestellt, dass sich dort der Meeresspiegel zwischen 1907 und 1975 um durchschnittlich zwei Millimeter pro Jahr erhöht hat. Seither hat sich der Anstieg auf 2,4 Millimeter im Jahr beschleunigt. Ursache ist das globale Anschwellen der Pegel, ausgelöst durch das Schmelzen der Gletscher in den Polargebieten und den Gebirgen der Welt. Die Folgen sind lokal besonders gravierend, zumal auch Unwetter heftiger werden. Die unbewohnten Inseln von Guna Yala haben seither fast zehn Prozent ihrer Fläche verloren. Auf den noch bewohnten Eilanden kämpfen die Guna um jeden Quadratmeter Land.

Im Einbaum paddeln sie hinaus zu den vorgelagerten Korallenriffen, brechen große Brocken heraus und bauen damit Barrieren am Strand. Eingefriedete Stücke werden mit feinen Korallenästen aufgefüllt. Umweltschützer in Panama-Stadt würden die Korallenzerstörung am liebsten verbieten. Lange sind die Inseln mit der dort lebenden Bevölkerung gewachsen, manche bis aufs Doppelte der ursprünglichen Größe. Heute spülen die Stürme mit ihren hohen Wellen die mühsame Arbeit von Monaten oft einfach wieder weg. Seither wird es immer enger. Die Hütten stehen nahe beieinander, in vielen sind die Hängematten in zwei Stockwerken übereinander gespannt. „Die Kinder haben keinen Platz mehr zum Spielen”, sagt Pablo Presiado besorgt. Die Dorfversammlung hat deshalb vor vier Jahren den Umzug beschlossen. Nur vier Familien waren dagegen.

Im Prinzip sind die Voraussetzungen ideal: Die Gemeinde besitzt 17 Hektar auf dem Festland, gerade 15 Bootsminuten entfernt. Die Fläche ist dreimal so groß wie die Insel und liegt hoch genug, um vor Überschwemmungen sicher zu sein. Die Regierung von Panama hat versprochen, ganz in der Nähe ein Krankenhaus und ein Schulzentrum zu bauen. Es gab sogar die Zusage, die ersten 65 Häuser des neuen Dorfes mit 2,4 Millionen US-Dollar zu finanzieren. Die Skizze eines Bauplans hat Presiado schon im Bauministerium gesehen. Gleich nach dem Umzugsbeschluss haben die Bewohner von Gardi Sugdub das vorgesehene Gelände schon einmal gerodet. Inzwischen hat sich die Natur alles zurückgeholt. „Ich war oft im Ministerium,“ erzählt der 68-jährige Anführer der Guna. „Aber dann wurde der Minister ausgetauscht und das bereitgestellte Geld für einen anderen Notfall ausgegeben.“ Im Sommer 2014 gab es wieder einen Regierungswechsel, und heute weiß niemand, wer in der neuen Regierung für den Umzug von Gardi Sugdub zuständig ist. „Bei meinem letzten Besuch haben sie nicht einmal mehr den Bebauungsplan gefunden.“

Das Krankenhaus sollte eigentlich seit einem halben Jahr fertig sein. Es steht nur die Hülle aus Beton, die vom Pilz befallen ist. Das Schulzentrum sollte im Oktober 2014 fertig sein, bis heute stehen nur Gerüste. Dennoch sind die Guna fest zum Umzug entschlossen: „Uns bleibt keine andere Wahl,“ sagt Presiado. In der Dorfkasse haben sie 7000 US-Dollar angespart – die reichen gerade, um den Platz für die neue Heimat mit schwerem Gerät einzuebnen. „Zur Not werden wir zunächst in Hütten aus Holz und Karton wohnen“, sagt Presiado.

Lange hat sein Volk ungestört und nahezu ohne Einfluss von außen auf dem Archipel gewohnt. Mit ihrer kurzen, aber heftigen Revolution gegen die Staatsmacht von Panama haben sich die Guna 1925 einen in Lateinamerika einzigartiges Autonomie-Status erkämpft. Sie bestimmen ihre politischen Führer selbst und haben ihre eigene Gerichtsbarkeit. Sie sprechen ihre eigene Sprache, die meisten Frauen gehen noch immer in der traditionellen Tracht aus einem langen Wickelrock, einer bunt bestickten Bluse und Geweben aus Perlen an Armen und Beinen.

Dass ihre Kultur mit dem Umzug verloren geht, befürchtet Presiado nicht. Die Guna seien vor 500 Jahren vom kolumbianischen Bergland gekommen, erzählt er. Im heutigen Panama ließen sie sich zunächst auf dem langgezogenen Bergrücken oberhalb der karibischen Küste nieder. Später zogen sie hinunter in die schmale Küstenebene, weil der Boden fruchtbarer ist. Dort gibt es aber Moskitos, die Malaria, Dengue- und Gelbfieber übertragen. Vor gut 150 Jahren flohen die Guna vor diesen Seuchen auf die vorgelagerten Inseln.

Die Geschichte des Volkes ist in uralten sakralen Gesängen überliefert, die der „Sagla“ bei religiösen Zeremonien in stundenlangen eintönigen Gesängen mit näselnder Stimme vorträgt. „Die Inseln kommen in diesen Liedern nicht vor”, sagt Presiado. Der Umzug aufs Festland ist für ihn deshalb wie eine Rückkehr zu den Wurzeln, wenn auch erzwungen. Aber Malaria, Dengue- und Gelbfieber gibt es noch immer. „Wir werden lernen müssen, damit zu leben.“