Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen
Zwei allein im Wald

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

Zwei allein im Wald

Text: Greta Taubert Illustration: Monika Aichele

Simon Ewers sucht mit einem Detektor Fledermäuse, um sie zu schützen – Jörg Mewes sucht mit einem Gewehr Wildtiere, um sie zu töten.

Beide jagen nachts im gleichen Waldgebiet, beide fühlen sich sinnvoll verbunden mit der Natur. Aber wer ist hier der Romantiker? Und wer glaubt nicht an Gespenster?

Um 20.11 Uhr an einem Donnerstag Ende September hört Simon Ewers ein Knacken im Detektor. Er erstarrt kurz. „Pipistrellus pipistrellus“, flüstert er dann und leuchtet mit der Stirnlampe in den Himmel. Die Zwergfledermaus zieht eine hektische Kurve und verschwindet ins Dunkel der Bäume. Sie sind über uns!
Um 20.20 Uhr am Tag darauf schleift Jörg Mewes einen jungen Hirsch in Richtung Auto. „Ein schöner Spießer!“, ruft er, den Schleppgurt über der Schulter. Der Hirsch verschwindet heute noch gemeinsam mit zwei Rehen und einem Wildschwein in der Wildkammer des Forstamts. Er hat es hinter sich.

Halt, wer da?
Simon „Batman“ Ewers, 32, Diplombiologe, Marburg. Äußere Erkennungsmerkmale: Piercing in der linken Augenbraue, Lachgrübchen. Innere Überzeugung: ethischer Vegetarier. Ausrüstung: Klappleiter, verschiedene Batcorder, GPS-Gerät, Geländekarte.
Jörg Mewes, 60, Revierförster, Schotten-Rudingshain. Äußere Erkennungsmerkmale: kerniger Typ, Lachfältchen. Innere Überzeugung: Man kann den Nutzen der Jagd nicht finanziell aufwiegen. Ausrüstung: Jagdgewehr, Patronen, Wolldecke, Fernglas, Messer. Und ein Dackel.

Stellung beziehen
Wenn die Sonne untergegangen ist, beginnen die Fledermäuse zu fliegen. Am Himmel glimmt noch launig ein rosa Rest des Tages. Drei Rehe äsen auf einer Lichtung. Simon Ewers zieht sich eine lange Unterhose unter die Jeans, einen Fleecepullover unter die blaue Softshelljacke und eine Stirnlampe auf den Kopf. In der linken Hand hält er einen Ultraschalldetektor, den er auf den für Menschen nicht wahrnehmbaren Frequenzbereich 45 Hertz einstellt. Ruft eine Fledermaus, übersetzt das Gerät die Schwingung in ein Klackern. In der rechten Hand trägt er einen gameboyähnlichen Apparat, auf dem der Ruf als Audiokurve abgebildet wird. An ihr kann Ewers die Fledermausart erkennen. Fünfzehn Kilometer Fußmarsch in finsterer Nacht liegen vor ihm, bis zum Sonnenaufgang. Avisierter Höhepunkt: eine Mopsfledermaus.
Jörg Mewes parkt den grünen VW Caddy vor einem Blockhaus im Wald. Dort warten vier andere Jäger. Ein Jagdgast aus Münster, eine Kollegin aus dem Forstamt, zwei Rentner aus der Region mit sogenannten Begehungsscheinen. „Die anderen unterstützen mich dabei, die Abschussquoten zu erfüllen“, sagt Mewes. Die Jäger besprechen, wer welchen Hochstand bezieht – und welche überhaupt besetzt werden. Letzteres hängt vom Wind ab. „Heute kommt er aus Südwest“, sagt Mewes. Er hat das vorher im Vorbeifahren an den Rotorblättern eines Windrades abgelesen. Die Jäger nicken ernst. Es ist später September, die Hirschbrunft hat gerade begonnen, „im Jägerjahr die Hochzeit“. Alles darf geschossen werden. Hasen, Wildschweine, Hirsche, Rehe, Jungtiere inklusive. Avisierter Höhepunkt: ein totes „Stück“, also Tier.

Mission erläutern
Seit sieben Jahren geht Simon Ewers nachts raus. „Ich bin fledermausen“, sagt er dann zu seiner Freundin, steigt in einen Kleinwagen und fährt in den Wald. Diesmal liegt die Forschungsstrecke nahe Allmenrod im Kreis Vogelsberg in der Region Oberhessen. Er hat eine DIN-A3-große Geländekarte dabei, auf der mit grünen Dreiecken markiert ist, wo eine Windkraftanlage gebaut werden könnte. Ob das tatsächlich passiert, hängt auch davon ab, was Ewers nachts im Wald hört und sieht. Der Biologe arbeitet für ein Umweltplanungsbüro, das ökologische Gutachten unter anderem für Windkraftanlagenbauer erstellt. Zwei Prozent der Landesfläche Hessens sollen für erneuerbare Energien genutzt werden. Weil es in dem Bundesland aber kaum mehr freie Flächen für Windräder gibt, werden mittlerweile die Hügel der Mittelgebirge für Windenergie erschlossen. Dafür müssen Bäume gefällt werden. Findet Ewers zum Beispiel eine seltene Mopsfledermaus, hat es der Windpark im Wald schwer. „Erneuerbare Energien oder Fledermäuse – ich bin da selbst gespalten“, sagt er.

Seit 29 Jahren ist Jörg Mewes der Revierförster von Rudingshain im Kreis Vogelsberg, Oberhessen. 1800 Hektar Wald. Gerade Fichten, ausladende Buchen. Wilde Wiesen, einsames Hochmoor, Forellenteiche, Jagdgründe. Hinter der Windschutzscheibe seines Kastenwagens mit Allradantrieb klebt eine Plakette mit dem hessischen Landeswappen, darunter das Wort „Forst“. Die Jagd, das möchte Mewes vermitteln, gehört zur Sorge um den Wald dazu. Knabbert das Rotwild viele schöne Bäume an, können die später keine schönen Bretter mehr werden und schönes Geld in die Landeskassen bringen. „Wir wollen einen gesunden Wald“, erklärt der Förster, der auch Beamter ist, „und zur Hege gehört auch, dass wir Tiere aus dem Wildbestand entnehmen.“ Wenn Mewes über das Jagen spricht, dann redet er von Abschusszahlen und Verordnungen oder Hygienebestimmungen – nicht über das Adrenalin kurz vor dem Abschuss oder das archaische Überwältigungsgefühl. Ein bisschen so, als zählte er nur Fledermäuse.

Natur erleben
Wenn sich das Licht aus dem Wald zurückzieht, verstummen auch seine Melodien. Erst die Vögel, dann die Brummer, dann die Grillen. Bis nur noch ein vereinzeltes kauziges Huu-huu darauf hinweist, dass in der Schwärze noch etwas ist, unsichtbar und ein bisschen unheimlich. Herz aus, Hirn an. „Allein sein hat nichts mit Mut zu tun“, sagt Ewers. „Du kannst dir ja jedes Geräusch rational erklären.“ Rauschen, Knarzen, Rascheln – alles Natur. Was soll’s. Alles wie immer, nur in unsichtbar. Einfach weiterlaufen. Nicht rennen. Nicht umdrehen. Ganz locker bleiben. An was Lustiges denken. Dieser Name, Pipistrellus pipistrellus. Der Lichtkegel der Stirnlampe wandert wie ein Suchscheinwerfer umher. Dadurch gewöhnen sich die Augen nicht an die Dunkelheit und die Waldwelt schrumpft auf einen Drei-Meter-Lichtraum zusammen. Es ist, als wäre man darin eingesperrt und der Wald dränge sich finster auf.
Der Wagen hält auf einem Forstweg. Jörg Mewes reißt das Etikett von seiner neuen gefütterten Wildlederjacke ab. Er sagt, er habe es gern kuschelig. Darüber hängt er sich das Gewehr und das Fernglas, geht noch eine Runde mit Basko und sperrt den Dackel dann erstmal wieder in den Zwinger im Auto. Die Wiesen tragen schon die Abendfeuchte auf den Halmen und Blättern. Mewes versucht, leise zu gehen, aber das Leder der neuen Schuhe quietscht. Manchmal bleibt er stehen, sodass sich seine Tonspur in der Weite verliert. Vor einer Lichtung steht die „Hirschkanzel“, deren Holzleiter etwa fünf Meter in die Höhe führt. Mewes hat sie selbst gebaut. Er steigt hinauf, breitet oben seine Decke über die Sitzbank, stellt das Gewehr ab – und wartet. „Der Tag kann noch so beschissen gewesen sein, aber wenn ich eine halbe Stunde hier bin, fällt alles von mir ab“, sagt er. Sein Blick wandert zu den sich färbenden Blättern der Baumkronen. Zum sich färbenden Horizont. „Ich bin froh, dass ich fähig bin, diese Schönheit als solche erkennen zu können.“ Ein Hirsch röhrt in der Ferne. Es klingt ein bisschen wie Magengegrummel. „Es gibt Abende, da sitze ich einfach nur hier oben und entscheide: Heute Abend schießt du nicht. Heute ist es zu schön.“

Geduld haben
Nach etwa sieben Kilometern führt ein von Ästen und Blättern überwehter Weg in ein nebliges Tal. Es kühlt merklich ab. Laut Karte muss es der „Grabhügel“ sein. Simon Ewers erzählt von seltsamen Püppchen, die er hier einmal in Bäumen hängend gefunden hat. Auf dem Display vom Gameboy erscheint eine Kurve. Die anderen Detektoren zeigen keine Regung. „Hmm“, sagt Ewers. „Das ist merkwürdig.“ Dann verschwindet die hexennasenförmige Amplitude wieder. Kein Geist, keine Mopsfledermaus. Heute ist hier nichts los.

Im Sucher des Gewehrs erscheint die dämmrige Umgebung heller, schärfer, näher. Das Visier wandert über den Waldrand. Kein Fuchsschwanz da, keine Sau zu sehen, null Bock. Ein Schuss zerreißt die Stille. Die Jägerkollegin aus dem Forstamt! Jörg Mewes wird ihr später helfen, den Hirsch aus dem Wald zu zerren und auf den Heckträger am Auto zu wuchten. Aber das kann warten. Er möchte erst noch eine Weile sitzen bleiben. Heute ist es zu schön.

Revier verlassen
Am Ende der Nacht lässt sich Simon Ewers erschöpft in seinen Kleinwagen fallen. Auf seinem Handy leuchten neue Bilder von seiner einjährigen Tochter, die ihm seine Freundin geschickt hat. Er freut sich auf zu Hause. So schön das sei, draußen allein mit sich und der Natur, er sei froh, je nach Jahreszeit und Auftragslage nicht ständig fledermausen zu müssen – denn dann würde er wirklich zum nachtaktiven Kauz werden.
Es ist längst schon Nacht, da fährt Jörg Mewes noch einmal zur Wildkammer vom Forstamt. Mewes muss jedes Tier registrieren und mit einer Nummer versehen, bevor dessen Fleisch verkauft wird. Der Aufwand der Jagd geht weit über das Schießen hinaus. „Vor zwei Jahren hatte ich einen Herzinfarkt“, sagt Mewes. Das war die Zäsur, er tritt jetzt kürzer. Seine Frau ruft an und fragt, wo er bleibt. Er sagt, er komme gleich heim.

Die Moral
Der Förster will als Jäger kein Mörder sein, und der Fledermausfan hadert mit seinem Kampf gegen Windräder. Der Wald bleibt ungerührt zurück und wäre ohne die beiden doch ein anderer. Ob besser oder schlechter – um das zu klären, ist es heute zu schön.

Bitte bestellen Sie hier die gedruckte Ausgabe. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf Ihrem Tablet und Smartphone lesen. Alle Vorteile finden Sie hier.