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11 Tierfreunde müsst ihr sein!

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.18

11 Tierfreunde müsst ihr sein!

Text: Vito Avantario Foto: Roderick Aichinger

In der englischen Grafschaft Gloucestershire hat ein Unternehmer aus einem Provinzverein den vegansten Fußballclub der Welt gemacht. Die Geschichte einer Kulturrevolution

Es begann mit einer Schlacht, und als die Schlacht geschlagen war und der Staub sich nach Jahren gelegt hatte, stand auf einem Hügel vor den Toren von Nailsworth im Westen Englands das derzeit vielleicht außergewöhnlichste Versuchslabor des internationalen Profifußballs.

1985. Dale Vince gehört zu einer Gruppe sogenannter New Age Traveller, 600 friedensbewegten Hippies und Punks, die ein Festival in Stonehenge veranstalten wollen. Natürlich ist das Festival nicht genehmigt. Auf einem Motorrad führt Vince, damals 23, den „Peace Convoy“ an, als sich ihm sieben Meilen vor dem Ziel 1200 Polizisten in den Weg stellen. Es kommt zum legendären „Battle of the Beanfield“. An dessen Ende gibt es einen Berg demolierter Busse, 537 Verhaftungen und viele blutverschmierte Gesichter.

Vince kommt einigermaßen unbeschadet aus der Sache heraus, verlässt das Land aber aus Angst vor Repressionen. In seinem Kopf, so erzählt er es später, nimmt er Grundsatzfragen mit, etwa: Muss man eine Gesellschaft, deren Konsumismus und Maßlosigkeit man ablehnt, notwendigerweise bekämpfen? Oder ist es fruchtbarer, sie mit neuen Ideen zu infiltrieren, um sie auf diese Weise zu verbessern?

Man darf sich Dale Vince nicht wie einen verträumten Weltverbesserer vorstellen, im Gegenteil, er gilt schon in den Achtzigerjahren unter Weggefährten als zielstrebig, bestimmt, tüchtig. Zurück auf der Insel gründet er 1995 Ecotricity, ein Ökostromunternehmen, das inzwischen 700 Mitarbeiter hat. Vince ist heute ein reicher Mann. Von seinem Büro in Stroud, einer Kleinstadt zwischen den Cotswolds und der walisischen Grenze, sind es dreißig Minuten nach Nailsworth, wo er 1999 den klammen Fußballclub kauft. Nach dem Geschäft mit regenerativen Energien soll die Arbeit mit Verantwortlichen, Fans und Spielern weitere Antworten liefern auf die Fragen in seinem Kopf.

Ein Marktplatz, ein Fluss, ein Fish-and-Chips-Imbiss, zwei Supermärkte, vier Kirchen, fünf Immobilienagenturen, 7700 Einwohner, darunter auffällig viele Hundebesitzer. Die „Sunday Times“ führt Nailsworth in der Liste der 101 lebenswertesten Orte Großbritanniens. Doch die Forest Green Rovers, die auf dem Hügel vor der Stadt ihre Heimspiele austragen, stehen vor der Pleite, als Vince sich ihrer annimmt und die Schulden tilgt. „Dann kam er in unsere Mitgliederversammlung und sagte: Leute, wir werden jetzt vegan!“ So erzählt es Tom Newman.

Newman ist heute siebzig Jahre alt. Seit dreißig Jahren steht er bei jedem Heimspiel vor dem Stadion und verkauft die Vereinspostille. Er ist zunächst nicht begeistert von Vince und seinen Plänen. Na gut, denkt er noch, dann schreiben wir eben die Menüs unserer Stadionimbisse um und verkaufen den Fans Gemüsebratlinge statt Rinderbrühe und Fleischpastete, den Klassikern in englischen Stadien. Doch schon bald verordnet Vince den Rovers von 1890 auch neue Vereinsfarben, grasgrün statt schwarz und weiß, wie die Corporate Identity seines Unternehmens. Newman sagt: „Einem Fußballverein seine Farben zu nehmen, ist wie einem Menschen das Herz herauszureißen.“ Die Rovers gleichen plötzlich harmlosen Grashüpfern. Seinen stillen Protest gegen die neuen Vereinsfarben äußert Newman bis heute in seiner Kleidung: Um den Hals trägt er einen grasgrünen Schal, auf seinem Kopf eine Schiebermütze mit Rovers-Sticker, im klassischen Schwarzweiß.

Dennoch sei die Transformation seines Clubs zu einem Fußballverein, der besonders auf Tierwohl und Umwelt achtet, gut für Spieler, Fans und Ansehen von Nailsworth gewesen, sagt Newman. Dann zählt er Maßnahmen auf, die Vince durchgesetzt hat. Dann zählt er Maßnahmen auf, die Vince durchgesetzt hat: Der Greenman düngt den Stadionrasen nur noch ökologisch und verzichtet auf Pestizide; der Strom kommt von den 180 vereinseigenen Solarpaneelen; Regenwasser vom Stadiondach fließt in die Toiletten; es gibt Ladestationen für Fans mit E-Autos und eine Küchenchefin, die für Vereinsangestellte, Spieler, Heim- und Gästefans ausschließlich vegan kocht.

Mehr noch als das ökologische Profil sorgt diese umfassende Verbindung von Leistungssport und veganer Lebensweise für überregionale Aufmerksamkeit: Als die Rovers im Sommer 2017 in die League Two aufsteigen, die vierte Liga Englands, und damit auch vom gehobenen Amateursport in den Profibereich, ruft BBC-Sportkommentator Bob Hunt ihren zukünftigen Gegnern durch das Radio zu: „Hallo England, hallo Cheltenham, Swindon und Mansfield – in der nächsten Saison werdet ihr Hummus fressen.“

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Veganer in England, Schottland und Wales verdoppelt, heute ernähren sich über eine halbe Million Menschen ohne tierische Produkte. Andere reduzieren ihren Tierkonsum, ohne ganz zu verzichten. Auch bei den Rovers werde kein Spieler zum Veganismus gezwungen, erklärt Dale Vince routiniert den Journalisten aus aller Welt, die sein Clubkonzept heute wieder einmal zum Viertligafußball locken konnte. Ist die Rede vom veganen Verein also reine PR? Nein, auch wenn damit PR gemacht wird. Doch Stadionkost ist das eine, die Ernährung von Profikickern etwas anderes. Für die Spieler ist nur rotes Fleisch tabu, weißes darf privat verzehrt werden. Beim Club essen auch sie vegan, außerdem bekommen sie erklärt, wie das Leistung verbessern, Regeneration beschleunigen und ihre Verletzungsanfälligkeit verringern kann. Und auch das: dass sie als Fußballer Teil einer weltweiten Bewegung sein können, die dagegen ist, wenn Tiere für die Ernährung von Menschen sterben müssen.

So wie auch Jermain Defoe vom Erstligisten AFC Bournemouth. Nachdem sein Bruder 2009 an den Folgen eines Überfalls starb, geriet der heute 35-Jährige in eine Krise, die sich irgendwann auch auf seine Leistung auswirkte. 2014 wechselte er in die schwächere kanadische Liga nach Toronto. Dann strich Defoe Schokolade, Honig, Eier und den von ihm geliebten Räucherlachs vom Speiseplan, stattdessen gab es viel Spinat, Kohl, Brennnesselsaft. „Es ist schwierig, auf Gewohnheiten zu verzichten“, sagte Defoe dem „Guardian“, nachdem er 2015 in die Premier League zurückgekehrt war. „Meine Freundin zeigte mir Dokus über vegane Ernährung, dann sagte sie: Mach das! Sie hat mir bei meiner Transformation sehr geholfen.“

Seit Defoe Veganer ist, erlebt er eine Renaissance. 2017 holte ihn Englands Nationaltrainer Gareth Southgate für das Spiel gegen Deutschland zurück in die Nationalmannschaft. Zur WM nach Russland fährt Defoe nun zwar nicht, doch bis zuletzt wurden ihm Außenseiterchancen für einen Kaderplatz eingeräumt – beachtlich für einen 35-jährigen Feldspieler.

Im deutschen Profifußball gilt Thomas Tuchel als Vorreiter veganer Ideen. Nachdem der Trainer, von manchen auch Tofu-Tuchel genannt, 2015 vom FSV Mainz 05 zum BVB nach Dortmund gewechselt war, war es eine seiner ersten Amtshandlungen, den Spielern eine andere Ernährung ans Herz zu legen. Weniger Weizen und Zucker, Fisch und Fleisch. Nationalverteidiger Mats Hummels hatte unter Tuchel bald drei Kilogramm abgenommen und schwärmte in Interviews von ungeahnten Leistungsreserven. Anderes Niveau, ähnliche Begeisterung: Marco Sailer, der bis Mai 2017 zwei Jahre mit Darmstadt in der Bundesliga spielte, ernährt sich seit Juni 2015 rein pflanzlich. Früher hätten ihn häufig Muskelfaserrisse geplagt, hat er dem „Focus“ gesagt. Das habe abgenommen, seitdem er nur noch vegan esse.

Auch Holger Stromberg empfiehlt heute eine vegane Ernährung an fünf Tagen in der Woche, für Spitzen-, aber auch für Freizeitsportler. Der 46-Jährige war Küchenchef und Ernährungsberater der deutschen Nationalmannschaft während der WM in Brasilien. „Wer das einhält, wird fitter, vitaler und wacher“, sagt er.

 Dass ein Teilverzicht auf tierische Fette neben dem Gewicht auch die Entzündungsgefahr reduzieren kann, bestätigen Sportmediziner. Trotzdem sind sie auch besorgt – denn nicht alle Sportler gehen ihre veganen Versuche wirklich überlegt an. „Leistungssportler, die auf ihr Gewicht achten müssen, verzichten oft einfach auf tierische Produkte“, weiß Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule. Das aber muss nicht immer gut sein. Denn irgendwann fehlt es an Vitaminen wie B12, B6 und D, an Zink, Eisen, Calcium und Omega-3-Fettsäuren. Auf das Gefühl größerer Leichtigkeit und Robustheit können dann Mangelerscheinungen folgen.

Dem sollen bei den Forest Green Rovers Köchin, Arzt und Fitnesscoach vorbeugen, mit Ernährungsplänen sowie Gesundheits- und Leistungschecks.

Es ist Matchday im „New Lawn“. Das Stadion fasst 5147 Zuschauer, es ist nur zur Hälfte besetzt. Das ist unter Ligaschnitt, aber normal für die Rovers, die trotz ihrer internationalen Bekanntheit als veganer Club lokal kein Publikumsmagnet sind. Das Team tritt gegen Mansfield Town FC an, beide Mannschaften müssen gewinnen, die Rovers spielen gegen den Abstieg, Mansfield um den Aufstieg. Auf der Speisekarte im Stadion: Süßkartoffeln mit Kokosnusssoße, vegane Fajitas,  Kichererbsensuppe, Linsensalat, die mit Quorn hergestellten „Q-Pies“ und mit Hummus bestrichene Veganburger, der Verkaufsschlager auch unter den Fans aus Mansfield. 217 von ihnen sind angereist, darunter der Clubpräsident John Radford, ein Geschäftsmann, eingeflogen im Hubschrauber. Dale Vince ist wie immer zu Heimspielen aus Stroud in seinem E-Mobil angeschwebt, einem BMW i3.

In der Elf der Rovers, die nun einläuft, bevorzugen fast alle Spieler Mischkost mit Fisch und Geflügel, vegane und vegetarische Tage werden eingestreut. Nur ein Spieler ernährt sich komplett vegan. Er sei kein Außerirdischer, er esse bloß keine tierischen Produkte, wird Rechtsverteidiger Dale Benett, 28, nach dem Spiel eigens angereisten Journalisten aus den USA in die Aufnahmegeräte diktieren. Seit er sich vegan ernähre, regeneriere sich sein Körper schneller als zuvor. „Elefanten, Gorillas, Nashörner, Wale – die größten und stärksten Tiere der Welt sind auch keine Fleischfresser“, sagt Benett. Warum sollten die Rovers, denen der Klassenerhalt am Ende der Saison tatsächlich gelingen wird, also nicht bald auch zu den stärksten Teams ihrer Liga gehören?

Wie an den allermeisten Tagen im Jahr zieht eine kräftige Brise durch das Stadion. Hier oben auf dem Hügel am nördlichen Rand von Nailsworth hat Vince auch zwei Windkraftanlagen installieren lassen. Ihre Flügel drehen sich stolz, als der Schiedsrichter noch einmal kurz auf seine Armbanduhr blickt. Es ist 15 Uhr. Anpfiff. Aus der Mansfield-Kurve werden die Rovers von einigen angetrunkenen Fans als kraftlose Gemüsefresser verhöhnt.

Was soll’s, sagt Tom Newman, das ist normal. Einen im unnachgiebigen Wind ausgekühlten Veggieburger in der Hand, verfolgt er in der zweiten Halbzeit den Kraftakt seines Teams, das die technisch besseren Mansfielder 45 Minuten lang in die eigene Hälfte presst. Dann Abpfiff. Endstand: Gemüse gegen Fleisch 2:0. Mansfield musste Hummus fressen.