Greenpeace Magazin Ausgabe 3.96

25 Jahre GREENPEACE: Chronik einer runden Sache 1971-96 Teil I

25 Jahre „Taten statt Warten“: von der Geburt einer Idee zur erfolgreichsten Umweltorganisation der Welt. Die Geschichte. Die Aktionen. Die Hintergründe.

Mit einem Seelenverkäufer gegen die Bombe 25 Jahre Greenpeace – die Vorgeschichte:
Auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg im kanadischen Vancouver lernen Marie und Jim Bohlen 1967 die Quäker Dorothy und Irving Stowe kennen. Als 1969 ein amerikanischer Atomtest auf der Alaska vorgelagerten Aleuten-Insel Amchitka die Öffentlichkeit erschüttert, beschließen die Friedensaktivisten, etwas gegen weitere Tests zu unternehmen. Und zwar durch eine von den Quäkern praktizierte Form des passiven Widerstands: „Bearing witness“. Quäker „legen Zeugnis ab“, indem sie sich am Ort des Geschehens einfinden und durch schlichte Anwesenheit ihre Opposition bekunden. Marie Bohlen schlägt vor, mit einem Schiff vor Amchitka zu protestieren. So haben es Quäker schon 1958 einmal gegen Tests auf dem Bikini-Atoll versucht – allerdings erfolglos.
Jim Bohlen, Irving Stowe und der Jurastudent Paul Cote gründen 1970 mit Freunden das „Don’t Make A Wave Committee“ – den Vorläufer von Greenpeace. Über ein Jahr lang suchen sie nach einem Schiff und finden die Phyllis Cormack: einen gerade eben noch seetüchtigen Fischkutter mit schrottreifer Maschine, rostigen Tanks und marodem Getriebe. Charterkosten: 15.000 Dollar. Das Geld für das Schiff und die Reise bringt die Gruppe durch ein Benefizkonzert mit Joni Mitchell und James Taylor und durch Spenden auf. Die Gruppe um Bohlen, Stowe und Cote in Vancouver gibt sich 1972 einen neuen Namen: „Greenpeace Foundation“.

1971
15. September 1971, vier Uhr nachmittags: Nach monatelanger Vorbereitung hißt die Crew der Phyllis Cormack das grüne Segel mit den Friedens- und Ökologiesymbolen und legt tutend zu ihrer 42tägigen Reise ab, um gegen einen bevorstehenden weiteren Atomtest der US-Regierung zu protestieren. An Bord sind zwölf Mann: Kapitän Cormack und Jim Bohlen, dazu Journalisten, Wissenschaftler sowie ein Arzt. Ihnen steht eine abenteuerliche Reise über Tausende von Seemeilen in die rauhe Beringsee bevor.
Die Medienresonanz ist gewaltig. Greenpeace kann den Atombomben-Test am 6. November 1971 zwar nicht verhindern, löst aber eine Welle öffentlicher Empörung und Sympathie mit den „Regenbogenkämpfern“ aus. Demonstrationen, Streik- und Boykottdrohungen in Kanada und den USA folgen. Nach viermonatigem Schweigen verkündet die amerikanische Atomenergie-Kommission den Abbruch der Testserie „aus politischen und anderen Gründen“. Greenpeace hatte nach Quäkerart „Zeugnis abgelegt“ – und durch eine perfekte Medienkampagne die nordamerikanische Öffentlichkeit Zeuge werden lassen.
Würfel-Pech: Geld war knapp im September 1971 bei der Greenpeace -„Jungfernfahrt“ gegen die US-Atomtests auf der Aleuten-Insel Amchitka. Wie könnte man mit einfachsten Mitteln messen, wohin die Meeresströmung im Falle einer Atomexplosion die Strahlung transportiert, fragte sich die Crew. Die Greenpeace-Gründer warfen schließlich elf (!) gelb markierte Styropor-Würfel über Bord, mit der Nachricht an etwaige Finder, sie möchten bitte Ort und Zeitpunkt des Fundes mitteilen. Die – etwas naive – Idee funktionierte natürlich nicht. Greenpeace erhielt nie eine Antwort.

1972
Greenpeace weitet seine Proteste auf die französischen Atomtests in Französisch-Polynesien aus. Im Mai startet David McTaggart, ein Ex-Bauunternehmer und erfahrener Segler, im Greenpeace-Auftrag mit seiner Yacht Vega vom neuseeländischen Auckland zum 11.000 Kilometer entfernten Moruroa. Die von Sturm und tropischem Fieber gebeutelte dreiköpfige Crew erreicht Anfang Juni die Sperrzone des Testgebiets. Wochenlang werden sie von französischen Kriegsschiffen und Hubschraubern drangsaliert, trotzdem behaupten sie ihre Position 15 Seemeilen vor dem Atoll.
Am 1. Juli, 8.30 Uhr, hören sie eine Explosion. Sie ahnen nicht, daß in ihrer Nähe bereits radioaktiver Staub niedergeht. Zwei Stunden später rammt ein französisches Kriegsschiff die Vega – in internationalen Gewässern, ein Akt der Piraterie. Die Yacht ist so stark beschädigt, daß sich die Crew notgedrungen von den Franzosen nach Moruroa schleppen läßt. Der Schaden an der Vega beläuft sich auf rund 13.000 Dollar. McTaggart schwört, die Weltmacht vor Gericht zu bringen.

1973
Mit der reparierten Vega segelt McTaggart im Juli zum zweiten Mal nach Moruroa. An Bord: Nigel Ingram, Mary Lornie und Ann-Marie Horne. Französische Soldaten entern die Yacht und prügeln McTaggart krankenhausreif; der Öffentlichkeit lügt die Regierung vor, ihr Opfer habe einen Unfall erlitten. Doch Ann-Marie Horne gelingt es, Fotos vom Überfall von Bord zu schmuggeln. Sie gehen durch die Weltpresse und entlarven die Schutzbehauptung als Lüge. Frankreich bricht die 1973er Testserie ab.

1974
Nach weltweiten Protesten verlegt Frankreich seine Atomtests unter die Erde. Greenpeace eröffnet in Neuseeland das erste offizielle Büro außerhalb Kanadas. Die Umweltschützer wenden sich den großen Walen zu, die vor der Ausrottung durch eine unersättliche Walfang-Industrie stehen. Die Anti-Atom-Fraktion von Greenpeace sträubt sich zunächst gegen ein Engagement für den Artenschutz. Nach langen Debatten überzeugt Paul Spong, ein Walforscher des Vancouver-Aquariums, die Greenpeace-Mitglieder von der Intelligenz und Sensibilität der Tiere und von der Notwendigkeit einer Wal-Kampagne.
Im Oktober stirbt Greenpeace-Mitgründer Irving Stowe an Krebs.

1975
Nachdem Spong monatelang in aller Welt für die bedrohten Meeressäuger geworben hat, startet Greenpeace mit den Schiffen Phyllis Cormack und Vega eine Fahrt zum Schutz der Wale. Ziel der ersten Aktion im Juni ist die sowjetische Fangflotte vor der kalifornischen Küste. Mit Schlauchbooten manövrieren sich Greenpeacer zwischen Wal und Harpune. Filmaufnahmen von der Aktion alarmieren die ganze Welt. Rings um den Globus gründen Greenpeace-Fans spontan Unterstützergruppen.

1976
Greenpeace eröffnet ein Büro in den USA und erweitert abermals die Themenpalette – mit einer Kampagne zum Schutz der Robben. Ab März starten Expeditionen gegen das Abschlachten von Robben auf dem Eis vor dem kanadischen Neufundland und vor Norwegen. Paul Watson und Bob Hunter riskieren ihr Leben, als sie ein eisbrechendes Fangschiff blockieren; andere Aktivisten schirmen die Robbenjungen mit ihrem Körper gegen die Keulen der Jäger ab – und werden von den kanadischen Behörden mit Bußgeldern bestraft, wegen „Verletzung des Robbenschutzgesetzes“. Ähnliche Schikanen begleiten die Kampagne auch in den folgenden Jahren. 1976 kann Greenpeace zwar nur eine Handvoll Robben retten, doch die Öffentlichkeit ist alarmiert.

1977
David McTaggart ficht vor Gericht noch immer gegen Frankreich. Greenpeace wächst derweil weiter und eröffnet zwei neue Büros in Großbritannien und Frankreich. Die Robben-Kampagne erreicht einen ersten medialen Höhepunkt durch die Teilnahme von Brigitte Bardot an den Protesten. Der Widerstand gegen das Abschlachten von Robbenbabys wächst später so stark an, daß die Europäische Gemeinschaft 1982 ein Importverbot für Jungrobbenfelle erläßt.

1978
Die Umweltorganisation gründet Büros in Australien und Holland. Sie erwirbt ihr erstes eigenes Schiff: ein ehemaliges Forschungsschiff, das in den Docks von London vor sich hin rostet. Das Fahrzeug wird in Rekordzeit umgebaut und auf den Namen Rainbow Warrior getauft. Sein erster Einsatz richtet sich gegen die isländische Fangflotte, um sie am Abschuß von Finnwalen zu hindern, deren Populationen extrem geschrumpft sind. Mit Schlauchbooten manövrieren sich die Aktivisten zwischen die Wale und das Fangboot Hvalur 9; trotz drei Meter hoher Wellen halten sie ihre Position in der Schußlinie und verhindern, daß die Isländer auch nur einen Wal harpunieren können – der erste Sieg des Greenpeace-Flaggschiffs.
Einen Monat später wird die Crew auf ihre nächste Mission geschickt. Greenpeace hat zufällig entdeckt, daß Großbritannien und andere europäische Länder radioaktive Abfälle in den Nordatlantik kippen. Mit 2000 Tonnen Atommüll ist der britische Frachter Gem auf dem Weg zum Versenkungsort, rund 960 Kilometer vor der Küste von Cornwall. An Bord hat er angeblich auch zwei Fässer mit abgebrannten Brennstäben aus einem Atom-U-Boot – ein dreister Verstoß gegen die „London Dumping Convention“. Das internationale Abkommen verbietet die Versenkung von hochradioaktivem Abfall im Meer. Um das Verklappen der atomaren Fracht zu verhindern, postieren sich Aktivisten in zwei Schlauchbooten unter der Laderampe der Gem. Die Briten rollen weiter Fässer über Bord. Eines verursacht eine Riesenwelle, die ein Schlauchboot zur Seite schleudert; das zweite, 270 Kilo schwer, kracht auf das andere Schlauchboot, verfehlt die Insassen knapp und zertrümmert den Außenbordmotor. Die Aktion muß abgebrochen werden, dramatische Filmaufnahmen des Vorfalls flimmern später aber über Millionen Fernsehschirme.

1979
Greenpeace setzt seine Wal-Kampagne mit der Rainbow Warrior fort. Auch gegen amerikanische Atom-U-Boote, Atommülltransporte und Atomkraftwerke in den USA und Kanada ist die Organisation aktiv. Über einer kanadischen Akw-Baustelle springen fünf Aktivisten mit dem Fallschirm ab. In der allgemeinen Verwirrung gelingt anderen Greenpeacern die Besetzung des Baugeländes.
Im Oktober führt David McTaggart die zerstrittenen nordamerikanischen Büros und die Sektionen in Australien, Neuseeland und Europa zu einer Dachorganisation zusammen, dem in den Niederlanden registrierten „Stichting Greenpeace Council“. Dies ist die Geburtsstunde von Greenpeace International. Die Zentrale befindet sich zunächst in Washington D.C., später in Amsterdam.

1980
Greenpeace eröffnet in Dänemark ein neues Büro, das sogleich eine Aktion gegen norwegische Robbenjäger startet.
Im Juni beschlagnahmt spanisches Militär die Rainbow Warrior nach einer Anti-Walfang-Aktion und schleppt sie in den Marinehafen von El Ferrol. Die Militärs lassen den Drucklagerdeckel ausbauen, ein unentbehrliches Teil der Maschine. Greenpeace gelingt es, den 68 Kilo schweren Deckel nachzubauen und nach Spanien zu schmuggeln, wo er trotz strenger Bewachung heimlich eingebaut wird. Am 8. November, in mondloser, nebliger Nacht, schleicht sich das Schiff davon. Wegen der Flucht muß der verantwortliche Admiral in Spanien seinen Hut nehmen. Der spektakuläre Coup führt zur Gründung eines Greenpeace-Büros in Spanien.
Im Oktober kommt es zur ersten Greenpeace-Aktion in Deutschland: In Nordenham blockiert die Organisation ein Dünnsäure-Verklappungsschiff von „Kronos Titan“. Daran beteiligen sich außer holländischen Aktivisten auch Monika Griefahn und Harald Zindler aus Hamburg.

Aktion auf Lieferschein: Zwei wichtige Dinge wußten die Gründer des deutschen Greenpeace-Büros im Juni 1981 über die Hamburger Chemiefabrik „Boehringer“: 1. Dioxinhaltige Abgase kommen heraus. 2. Kein Unbefugter kommt hinein. Mit beidem wollten sie sich nicht abfinden. Sie „gründeten“ eine Spedition und erteilten sich den ersten und einzigen Auftrag selbst. Statt einer bei Boehringer beschäftigten Handwerksfirma „Befestigungslaschen“ zu liefern, verbargen sich freilich Aktivisten und Reporter im Lieferwagen. Der arme Pförtner, der auf den Trick hereinfiel, wurde später verdächtigt, mit Greenpeace unter einer Decke zu stecken. Er sollte entlassen werden. Schließlich präsentierte Greenpeace den täuschend echten „Lieferschein“, der den Aktivisten Zugang verschafft hatte. Der Pförtner behielt seinen Job.

1981
Das neue Greenpeace-Schiff Sirius tritt seinen Dienst an.
Anfang des Jahres wird Greenpeace Deutschland offiziell ins Leben gerufen. Freiwillige bewältigen fast die gesamte Arbeit im Hamburger Büro. Am 24. Juni folgt die erste spektakuläre Aktion: Die 26 Stunden währende Besetzung des Schlotes der Pestizidfabrik „Boehringer“ in Hamburg ist der Auftakt einer langjährigen Chemiekampagne.
Greenpeace führt in diesem Jahr über 50 Aktionen durch: gegen britische Atommüllverklappung, Atomtransporte in Frankreich, Waljagd vor den Färöer-Inseln, gegen Robbenjagd, sauren Regen und – wieder einmal – gegen Atomtests auf Moruroa.

1982
Im Juni besucht die Sirius Leningrad, um gegen sowjetische Atomtests zu protestieren. Das Schiff wird aus dem Hafen geschleppt. Zwei Wochen später demonstrieren Aktivisten im Heißluftballon Trinity gegen US-Atomtests in Nevada.
August/September: Bilder der dramatischen Aktionen gegen britische und holländische Atommüll-Verklappungsschiffe gehen um die Welt. Am 22. September verkündet die Regierung in Den Haag ihren Rückzug aus der Atommüllverklappung.
Zeitgleich gibt es Krach bei Greenpeace Deutschland: Einige regionale Gruppen und ein Teil der Mitarbeiter im Hamburger Büro werfen der Leitung autoritären Führungsstil und schlechte Finanzpolitik vor. Sie spalten sich ab und gründen die Umweltgruppe „Robin Wood“.
Am 31. Dezember beendet der „Bayer“-Konzern die Dünnsäureverklappung in der Nordsee.

Die Luft ist raus: Dieses Schlauchboot wurde im August 1982 von zwei Fässern, jedes etwa 500 Kilo schwer, zerschmettert. Greenpeace hatte einen niederländischen Frachter verfolgt, der im Atlantik Atommüll versenken sollte. Der Aktivist Gijs Thieme manövrierte sich unter die Abwurfvorrichtung. Die Fässer fielen trotzdem, verfehlten Thieme knapp und schleuderten ihn aus dem Boot. Die Bilder von der Aktion gingen um die Welt. Im folgenden Jahr wurde die Atommüllversenkung im Atlantik gestoppt.

1983
5. Januar: Vor der geplanten Protestaktion gegen einen Atommülltransport aus Japan wird die Sirius im französischen Hafen Cherbourg mit Tränengas beschossen, geentert und beschlagnahmt.
Februar: Die Konferenz zur „London Dumping Convention“, ein Abkommen gegen Meeresverschmutzung, beschließt mit großer Mehrheit ein weltweites Moratorium zur Verklappung jeglichen Atommülls. Nur Großbritannien will sich daran nicht halten.
März-September: Nach einer Serie von Aktionen gegen Betriebe in England, Deutschland und Belgien, die Titandioxid in Flüsse und Meere leiten, verstopfen Greenpeacer den Dünnsäure-Abfluß einer Firma in Gloucester im US-Bundesstaat New Jersey.
Im April landet Greenpeace erneut einen sensationellen Coup: Vier Aktivisten dringen in das US-Atomtestgelände in Nevada ein und fordern den sofortigen Teststopp.
18. Juli: Die Rainbow Warrior läuft erstmals in sowjetische Gewässer ein. Sechs Greenpeacer fahren mit Schlauchbooten zum Strand von Lorino auf der Tschuktschen-Halbinsel, auf der seit Jahren das Fleisch illegal harpunierter Grauwale, einer bedrohten Art, zu Futter für Zuchtnerze verarbeitet wird. Kurz nach dem Filmen der Walfangstation werden die Aktivisten verhaftet, nur einer entkommt mit den Filmen. Per Schiff und Hubschrauber versuchen die Sowjets, der Warrior-Crew die Filme abzujagen – vergeblich. Greenpeace präsentiert das sensationelle Filmmaterial der Internationalen Walfang-Kommission.
28. August: Im Luftraum über Berlin demonstriert Greenpeace mit dem Ballon Trinity gegen die Atomwaffentests der vier Mächte. Nach ihrer Landung in der DDR werden die beiden Ballonfahrer fünf Stunden verhört und anschließend abgeschoben.
14. November: Greenpeace-Taucher enthüllen, daß aus der Abwasser-Pipeline der britischen Atommüll-Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield radioaktiver Ölschlamm tritt. 40 Kilometer Küste werden daraufhin für acht Monate gesperrt.

Ballonfahrt über Berlin: „Die Aufregung begann lange vor dem Start. Aus Angst vor Entdeckung parkten wir den Möbelwagen mit dem Heißluftballon jede Nacht woanders. Als am Morgen des 28. August endlich der richtige Wind wehte, mußten wir erst den Wagen suchen. Wir starteten von einem verdeckt liegenden Sportplatz in Wilmersdorf. Berlin war der einzige Platz der Welt, an dem wir gleichzeitig gegen die Atomtests von vier Atommächten demonstrieren konnten. Wir landeten hinter der Mauer in Groß-Ziethen. Die Soldaten, die uns festnahmen, hatten mehr Angst als wir.“

Gerd Leipold, 1983 einer der beiden Ballonpiloten, arbeitet heute als Organisationsberater in London und ist 45 Jahre alt.

1984
Greenpeace eröffnet neue Büros in Belgien und der Schweiz.
5. Januar: Zum Auftakt der 1983 beschlossenen Antarktis-Kampagne verhindern zwei Aktivisten im neuseeländischen Lyttelton das Auslaufen des Forschungsschiffs SP Lee, das in der Antarktis nach Erdöl suchen soll.
Februar bis Juli: Greenpeace verschärft den Protest gegen Dünnsäure-Verklappung durch eine Serie von Aktionen: In Nordenham an der Verladepier von Kronos Titan, in Duisburg bei der „Pigment-Chemie Sachtleben“ und in Tracy (Quebec) bei der „Tioxide of Canada“. Am Jahresende kündigen Kronos Titan und Pigment-Chemie den Bau von Recycling-Anlagen an und versprechen das Ende der Dünnsäure-Verklappung für 1988.
2. April: Als Signal gegen den sauren Regen besetzen Aktionisten in acht Ländern gleichzeitig die Abgasschlote von Kohlekraftwerken: in Dänemark, England, Holland, Belgien, Frankreich, Österreich, in der Tschechoslowakei und der Bundesrepublik.
11. Juni: Am Zifferblatt des „Big Ben“ in London flattert ein Protestbanner: „Time to Stop Nuclear Testing“ – Zeit, die Atomtests zu beenden.
18. Juni: Die Hamburger Giftfabrik Boehringer muß wegen weit überhöhter Dioxin-Emissionen schließen.
6. August: Die Freiheitsstatue in New York ziert ein Transparent: „Give Me Liberty from Nuclear Weapons Testing“ – Befreit mich von Atomwaffentests.

Aufsteiger:Stacheldraht, Polizeisperre und eine erst zehn Meter über dem Boden beginnende Leiter – die Betreiber des niedersächsischen Kohlekraftwerks Buschhaus hatten sich im August 1984 einiges einfallen lassen, um Greenpeacer am Besteigen des Kühlturms zu hindern. Vergeblich. Als Arbeiter getarnt, schraubten Aktivisten Eisenstangen zusammen, als sich ein Angestellter dazugesellte: „Was machen Sie denn da?“ Ein Aktivist blaffte zurück: „Sieht man doch!“, und der konsternierte Mann ging seines Weges. Kurz darauf war Greenpeace oben – dank der „Buschhaus-Leiter“ (re.).

1985
Greenpeace gründet ein Büro in Luxemburg und kauft ein Schiff für die Antarktis-Kampagne, die MV Greenpeace.
25.-27. Februar: Die internationale Kampagne für bleifreies Benzin beginnt. Im französischen Hafen Saint-Nazaire blockiert Greenpeace die Essi Flora, die mit bleihaltigen Benzinzusätzen beladen ist.
5. März: Zwei Aktivisten erklettern den 73 Meter hohen Schornstein der britischen Firma „Tioxide“; vier Tage später verschließt ein internationales Team von neun Greenpeacern das Abwasserrohr der Firma, die das Verklappen von Titandioxid in der Nordsee nicht einstellen will.
15. März, Hamburg: Ein ehemaliges Feuerlöschboot, das in 10.000 Arbeitsstunden in ein hochmodernes schwimmendes Chemielabor umgebaut wurde, erhält den Namen Beluga. Die Greenpeace-Flotte weitet mit dem Schiff ihr Einsatzgebiet auf Flüsse aus.
10. Juli: Kurz vor ihrer Protestfahrt gegen erneute Atomversuche auf Moruroa versenkt der französische Geheimdienst die Rainbow Warrior im neuseeländischen Auckland. Der portugiesische Greenpeace-Fotograf Fernando Pereira ertrinkt in seiner Kabine. Zwei der französischen Agenten werden später gefaßt und von einem neuseeländischen Gericht zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die Feindseligkeit gegen Greenpeace wird in Frankreich so stark, daß die französische Sektion ihr Büro in Paris schließen muß.
September: Die MV Greenpeace tritt anstelle der Rainbow Warrior die Reise nach Moruroa an. In Frankreich sehen sich Verteidigungsminister Hernu und Geheimdienstchef Lacoste wegen der „Greenpeace-Affäre“ zum Rücktritt gezwungen.
11. Oktober: Gegen „Lagerkostenerstattung“ von 8523 Mark gibt die DDR den 1983 beschlagnahmten Ballon Trinity zurück.

Mast- und Schotbruch: Wer aus dem Antwerpener Hafenbecken fliehen will, muß eine bewachte Schleuse passieren oder eine niedrige Brücke unterqueren. Die belgische Polizei wähnte deshalb das Greenpeace-Schiff „Sirius“, das im Juni 1985 wegen Blockade eines Giftmüllfrachters beschlagnahmt worden war, in sicherem Gewahrsam. Denkste: Nachts schlichen Greenpeace-Aktivisten an Bord und sägten die Mastspitze ab. Weil ein eigens für die Aktion konstruiertes Scharnier nachgab, krachte das dicke Ende mit lautem Schlag aufs Deck. Doch ehe die Polizei reagieren konnte, fuhr die „Sirius“ paßgenau unter der Brücke hindurch Richtung niederländische Grenze.

Evakuierung von Rongelap: „Die Stimmung war düster, die Leute standen an der Reling und blickten zurück auf ihre Insel. 30 Jahre zuvor hatten überirdische Atomtests der USA das Atoll Rongelap, das drittgrößte Atoll der Marshall-Inseln, radioaktiv verseucht. Als immer mehr Kinder und Erwachsene krank wurden, entschieden sich die 350 Bewohner, im Mai 1985 nach Mejato umzusiedeln. Die Fahrt auf der Rainbow Warrior dauerte drei Tage. Die Leute weinten nicht, doch sie waren sehr traurig. Es war die letzte Aktion der Rainbow Warrior vor ihrer Versenkung durch den französischen Geheimdienst.“

Bunny McDiarmid, Ex-Matrosin auf der Rainbow Warrior, koordiniert heute die Pazifik-Kampagne von Greenpeace und ist 39 Jahre alt.

1986
Greenpeace Italien nimmt seine Arbeit auf.
17.-21. Februar:
Bei der „AK Chemie“ in Biebesheim blockiert Greenpeace vier Tage lang Waggons mit Bleizusätzen für die Benzin-Raffinerien.
26. April: In Tschernobyl kommt es zum bislang schwersten Reaktorunfall in der Geschichte der Atomenergie. Für Greenpeace ist dies der Anlaß, endlich eine Kampagne gegen die zivile Nutzung der Atomenergie zu beginnen.
30. Mai: Das neue Greenpeace-Schiff Moby Dick läuft zu seiner ersten Fahrt aus; bis Mitte Juli behindert es norwegische Walfänger.
15. Mai: Greenpeace Schweden startet die europäische Kampagne für Papierherstellung ohne Chlor und kippt eine halbe Tonne mißgebildeter Fische vor das Tor des Zellstoffproduzenten „Värö Bruk“. In Österreich verstopfen Aktivisten am 26. Juni die Abwasserrohre der Papierfirma „Neusiedler AG“.
Mai-August: Während ihrer ersten Mittelmeer-Tour unternimmt die Crew der Sirius Aktionen gegen Atommülltransporte und Treibnetzfischer, gegen Militärübungen in Naturschutzgebieten sowie gegen das Einleiten und Verklappen von Giftmüll.

Aktion in der DDR:„Per Telefon-Geheimcode hatten wir uns auf einem Rastplatz zwischen Potsdam und Berlin verabredet. Westdeutsche Greenpeacer hatten zuvor einen Zentner Salz aus dem Dreckwasser der Weser herausgekocht. Rainer Oertwig von der Berliner Greenpeace-Gruppe brachte das Salz zu dem konspirativen Treffpunkt, wo wir es in wenigen Sekunden in meinen grauen Trabant umluden. Das Banner haben wir dann in meinem ausgeräumten Schlafzimmer in Berlin-Köpenick gemalt. Am 15. September 1986 kippten westdeutsche Greenpeacer das Salz vor das DDR-Umweltministerium in Ost-Berlin. Ich stand als scheinbar unbeteiligter Passant in der Nähe.“

Peter Grützmacher, Bürger der ehemaligen DDR, arbeitet heute im Berliner Greenpeace-Büro und ist 55 Jahre alt.

1987
Greenpeace gründet ein Büro in Irland und errichtet in der Antarktis eine eigene Station, um Umweltschäden durch geologische Exploration und wirtschaftliche Nutzung zu erforschen.
Mai/Juni: Die Beluga geht auf „Chemie-Tour“ in Schweden. Vor Papier- und Zellstoff-Fabriken führt die Besatzung eine Serie von Aktionen gegen die Vergiftung der Gewässer durch chlorierte Kohlenwasserstoffe durch.
10. Juli: Am zweiten Jahrestag der Rainbow-Warrior-Versenkung ruft Greenpeace seine Kampagne für atomwaffenfreie Meere mit Aktionen in Sydney und Auckland ins Leben.
August bis Oktober: Die Sirius stellt mehrfach die Schiffe Vesta und Vulcanus II bei der Verbrennung von Giftmüll auf hoher See. Seit fünf Jahren hat Greenpeace seinen Widerstand dagegen vor nationalen und internationalen Gremien mit wissenschaftlichen Studien untermauert.
Oktober: Der Internationale Gerichtshof in Den Haag verurteilt Frankreich wegen der Versenkung der Rainbow Warrior zur Zahlung von 15 Millionen Mark Schadensersatz an Greenpeace.
14. November: Das deutsche Büro und seine ostdeutschen Unterstützer überlisten die Stasi und hängen an der Georgij-Dimitroff-Brücke in Dresden ein Protestbanner gegen die Verschmutzung der Nordsee durch die Elbanrainer-Staaten auf. Wasserproben aus der DDR belegen die Vorwürfe.
13. Dezember: In einer feierlichen Zeremonie wird das gereinigte und ausgeschlachtete Wrack der Rainbow Warrior in der neuseeländischen Matauri-Bucht als künstliches Riff versenkt. Eine Hamburger Werft baut den Trawler Grampian Fame zur Rainbow Warrior II um.

Blockade in Sellafield: „Sechs Zentimeter Beton und zwei Zentimeter Stahl mußten wir aufbohren, bevor wir die Abwasserleitung der englischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield mit einem aufblasbaren Ballon blockieren konnten. Dafür wurde ich zu drei Monaten Haft verurteilt. Die Zeit im Gefängnis in London war sehr hart, sehr anstrengend und sehr langweilig. Tausende holländischer Schulkinder baten in Briefen um meine Freilassung. Meine Mit-Häftlinge interessierten sich vor allem dafür, wie wir unter Wasser mit einer ‘thermischen Lanze’ die Pipeline geknackt hatten.“

Hans Guyt, 1987 Kampagnenleiter in Sellafield, ist heute 43 Jahre alt und betreibt ein Restaurant im irischen Cork.

1988
Ab dem 1. Januar gibt es an bundesdeutschen Tankstellen kein verbleites Normalbenzin mehr – nicht nur, aber auch ein Erfolg der dreijährigen Greenpeace-Kampagne.
Greenpeace eröffnet ein Büro in Norwegen; außerdem eines in Brüssel, um die Lobbyarbeit bei der EG zu verstärken. Die eistaugliche Gondwana tritt ihren Dienst als Versorgungsschiff für die Antarktis-Station der Organisation an.
Greenpeace richtet seine Aufmerksamkeit auf Giftmüllexporte aus Industrieländern nach Afrika, Lateinamerika und Osteuropa. Die neue Kampagne gegen den illegalen Müllhandel startet mit exklusiv recherchierten Dokumentationen, die internationalen Gremien vorgelegt werden.
5. Mai: Die Beluga läuft zu einer sechsmonatigen Tour auf nordamerikanischen Flüssen aus. Die Crew analysiert Wasserproben, ermittelt Gifteinleiter und setzt sie mit Aktionen unter Druck.
29. Juli: Vier Kletterer besteigen den Schornstein des luxemburgischen Stahlwerks„Arbed-Belval“, dessen Schwefeldioxid-Ausstoß den sauren Regen mitverursacht.
26. August: Die Kampagne gegen die Chlorbleiche wird im südlichen Norwegen mit der Besteigung des Schornsteins der Zellstoff- und Papierfabrik „Borregaard“ fortgesetzt.
27. Oktober: Vier Greenpeace-Aktionisten schleichen sich auf die schwerbewachte Baustelle für eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf, erklettern einen Kran und entrollen ein riesiges Transparent: „Sonne statt Plutonium“.
6. Dezember: Im Hafen von Emden blockiert die Moby Dick den schwedischen Atommüllfrachter Sigyn – ein Höhepunkt der Aktionen gegen Atomtransporte in diesem Jahr.

1989
Das nach der Rainbow-Warrior-Versenkung geschlossene französische Büro öffnet wieder. Außerdem gründet Greenpeace neue Niederlassungen in Finnland, Japan, Argentinien und der UdSSR.
Die neue Kampagne gegen den Ozonkiller FCKW beginnt im Mai mit Aktionen gegen den Chemiegiganten „Du Pont“ in Luxemburg. Am 5. Juli besetzen 250 Greenpeacer das Gelände der Firma „Hoechst“ in Frankfurt und fordern den Stopp der FCKW-Produktion. Am 29. und 30. August ist Du Pont in Deepwater, New Jersey, im Visier: Der Wasserturm wird besetzt und mit Bannern behängt, ein FCKW-Bahntransport acht Stunden lang blockiert.
10. Juli: Exakt vier Jahre nach der Versenkung der Rainbow Warrior in Auckland läuft in Hamburg die Rainbow Warrior II vom Stapel.
4. Dezember, Cape Canaveral: Schiffe der US-Marine rammen zwei große Löcher in die Backbordseite der MV Greenpeace, die zum Protest gegen den Abschuß von „Trident-II“-Raketen im Testgebiet kreuzt.
8. Dezember: Die deutsche Chemie-Industrie verkündet das Ende der Giftmüllverbrennung auf hoher See.
31. Dezember: "Sachtleben Chemie" und Kronos Titan beenden die Dünnsäure-Verklapung in der Nordsee.

1990
Greenpeace deckt zahlreiche Fälle von „Mülltourismus“ auf; allein 40mal wurde deutscher Giftmüll illegal nach Polen verschoben.
19. Januar: Im Südpazifik hindert die Rainbow Warrior die Treibnetzflotten Japans und Taiwans daran, ihre kilometerlangen „Todeswände“ auszulegen. Im Sommer verkündet Japan das Ende der Treibnetzfischerei im Südpazifik.
7. April: Die Beluga beginnt ihre zweimonatige Elbe-Tour mit Protestaktionen gegen Flußverschmutzer in Ost- und Westdeutschland.
24. Juni: In Australien verstopfen Greenpeacer die Rohre der Aluminiumwerke „Broken Hill“, die hochgiftige Zink- und Bleiverbindungen ins Meer leiten.
11. Juli: Die Vega demonstriert im Hafen von Yokosuka/Japan gegen den atomwaffenbestückten US-Flugzeugträger USS Midway.
Oktober: Aus Protest gegen russische Atomtests auf Novaja Semlja fährt die MV Greenpeace ins arktische Eismeer. Militär stürmt das Schiff und nimmt die Besatzung fest. Nach internationalen Protesten werden Schiff und Crew vier Tage später freigelassen.
11. Dezember: Das Verbrennungsschiff Vulcanus II verläßt Antwerpen zu seiner letzten Fahrt – danach ist weltweit Schluß mit der Verbrennung von Giftmüll auf hoher See.