Greenpeace Magazin

Ausgabe 6.17

6.17 - Vorneweg

Jetzt geht es um alles, liebe Leserinnen und Leser!

Norbert Lammert war 37 Jahre für die CDU im Deutschen Bundestag, die letzten zwölf als dessen Präsident. Lammert hat eine Feststellung hinterlassen, die dieser Tage, da die Welt am Klima-Scheideweg steht, als Vermächtnis gelten kann. Ein Vermächtnis, das sich die Abgeordneten des neu gewählten19.Bundestags hoffentlich zu Herzen nehmen: „Es ist nicht leicht, die Welt zu verändern. Aber der Versuch lohnt, und manchmal ist er überfällig.“

Wenn wir dieses Zitat auf die deutsche Klimapolitik anwenden, müssen wir sagen: überfällig, allerdings! Denn sonderlich weit ist die scheidende Bundesregierung da wahrlich nicht gekommen. Stillstand, wenn nicht gar Rückschritt bei der Energiewende, keine Bewegung bei der Reformierung der Landwirtschaft und nahezu vollständige Kapitulation vor der Autoindustrie, die für weiter steigende CO2-Emissionen im Verkehrssektor sorgt und die im Dieselskandal Millionen Kunden betrog. Auf der Haben-Seite der Regierung stehen Mitaushandlung und Unterzeichnung des historischen Klimaabkommens von Paris. Das dort festgelegte 1,5-Grad-Ziel ist die Hoffnung des Planeten.

So machte der Wahlkampf bis zu unserem Redaktionsschluss zwar beileibe nicht den Eindruck, aber die Bundestagswahlen am 24. September 2017 waren die wichtigsten der vergangenen Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte. Ab 2020 – also in der kommenden Legislaturperiode – müssen die weltweiten CO2-Emissionen fallen, schnell fallen. Die Klimakonferenz im November in Bonn wird zum Gradmesser dafür, ob die neue Bundesregierung, die national nicht um das Thema Kohleausstieg herumkommt, Deutschland endlich zum Treiber dieser Entwicklung macht.

In Ihren Händen halten Sie die zweite monothematische Ausgabe seit unserer Neugestaltung – und danken möchten wir an dieser Stelle einmal besonders herzlich für die vielen lobenden, aber auch die konstruktiv-kritischen Zuschriften zu unserer Europa-Ausgabe im neuen Gewand. Sie bestärken uns darin, uns mit der gleichen Leidenschaft unserem neuen Thema zu widmen: Wie ist das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen und was muss dafür getan werden – in Deutschland, aber auch weltweit? Auf 100 statt, wie sonst bei uns üblich, 84 Seiten stellen wir unter anderem die Pioniere einer solaren Energierevolution in Afrika, die Architekten emissionsfreier urbaner Mobilität und einen Hightech-Biohof vor.

Was uns darüber hinaus zuversichtlich stimmt: dass sich die Diskussion zuspitzt. Ein „Vielleicht später – und nur, wenn es kurzfristig keine Arbeitsplätze kostet“ ist keine legitime Antwort mehr auf den bereits jetzt spürbaren Klimawandel, auf Extremwetter und steigende Meeresspiegel, auf die Flucht vor den Folgen aus wärmeren Erdregionen. Politiker, Konzernbosse, Interessenvertreter – alle müssen sich entscheiden: Nehmen wir die Klimawissenschaft ernst und handeln, auch im ökonomischen Interesse, gemäß ihren Mahnungen? Oder ignorieren wir sie wie Donald Trump? Norbert Lammerts Parteikollege Volker Kauder, zuletzt Fraktionschef der Unionsabgeordneten, bemüht übrigens sehr gern ein Bonmot des Sozialdemokraten Kurt Schumacher: „Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit.“ Nun gilt es, auch danach zu handeln, was wir sehen.

Eine inspirierende Lektüre wünschen Ihnen die Chefredakteure
Kerstin Leesch & Kurt Stukenberg