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Ab nach draußen!

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.11

Ab nach draußen!

Text: Andreas Weber Foto: Franck Courtès

Welches Kind klettert heute noch auf Bäume, baut Dämme oder beobachtet Kaulquappen und Frösche? Unser 
Autor Andreas Weber diagnostiziert 
einen verhängnisvollen Rückzug 
der Kinder  aus der Natur. Weil die Sprösslinge die Begegnung mit Tieren und Pflanzen brauchen, um gesund und vital zu bleiben, fordert er 
alle Eltern auf: Schickt eure Kinder ab nach draußen

In den ersten Frühlingstagen hat es geregnet. Auf dem lehmigen Boden des Baugrundstückes steht Wasser in großen Lachen. Noch ragt das Haus unfertig empor. Die Besitzer sind nicht da. Statt ihrer haben sich nach Schulschluss die Kinder der Nachbarschaft eingefunden. Mädchen und Jungen zwischen sechs und zwölf Jahren geben sich den Elementen hin: Im Schlamm kniend heben sie Kanäle aus, mit den Händen modellieren sie Staubecken und bauen Stufen, über die das Wasser in Kaskaden rinnt.

Satzfetzen und Gelächter fliegen hin und her. Die Kinder sind in Bewegung, als tanzten sie ein aquatisches Ballett. Sie kratzen Rinnen, blockieren Abflüsse und beobachten gespannt, wie winzige Risse in den Wehren sich weiten und von trüben Fluten fortgerissen werden. Kleider und Gesichter sind von Krusten getrockneten Schlamms bedeckt. Die Kleinen sind schmutzig – und tief ins 
Dasein versunken.

Eine typische Szene, könnte man denken. Doch was noch vor einer Generation dem für die Wäsche zuständigen Elternteil einen Schauer über den Rücken gejagt hätte, ist heute eher unüblich. Kinder machen sich weniger schmutzig. Denn sie verlassen kaum noch das Haus. Wer ein paar von ihnen auf einem Matschgrundstück toben sieht, sollte die Szene genießen: Sie hat Seltenheitswert.

Kinder, die „einfach nur so“ draußen spielen, scheinen eine aussterbende Spezies zu sein. Viele Erwachsene, eingespannt in ihr Terminkorsett, haben das vielleicht noch nicht einmal bemerkt. Aber wer sich draußen auf die Suche macht, in den Straßen städtischer Wohnviertel oder auf den Feldern ländlicher Siedlungen, der begreift: Das Abenteuer einer Kindheit, in der nach der Schule und den Hausaufgaben Stunden voller Neugier und Ungebundenheit begannen, gehört weitgehend 
der Geschichte an.

Zunehmend wachsen Kinder – inzwischen über die Hälfte weltweit – in städtischen Umgebungen auf. Technik und Verkehr dominieren ihren Alltag derart, dass viele nicht mehr allein vor die Haustür gehen, geschweige denn durch eine wilde Umgebung stromern. Mehr als die Hälfte der deutschen Stadtsprösslinge spielt fast ausschließlich in geschlossenen Räumen – daheim oder im 
Kindergarten.

Selbst dort, wo urwüchsige Areale erreichbar wären, geht keiner mehr hin. Auch Landkinder streunen kaum noch durch die Umgebung. Statt draußen 
Fantasiewelten zu kreieren, versinken Jungen wie Mädchen in den Kunstszena­rien elektronischer Medien. In Deutschland starren Kinder zwischen drei und 
13 Jahren fast anderthalb Stunden täglich in den Fernseher und fast ebenso lange auf den Computerschirm – die Touchscreens ihrer Smartphones nicht eingerechnet. 
In den USA löschen elektronische Medien sogar sechseinhalb Stunden der täg­­lichen Lebenszeit aus. Ein Neunjähriger, vom Umweltjournalisten Richard Louv befragt, wo er seine Freizeit verbringe, antwortete: „Ich spiele lieber drinnen. 
Da sind die Steckdosen.“

Mit dem Schwinden des ungezügelten Spiels droht den Kleinen etwas Unersetzliches verloren zu gehen. Hirnforscher und Kognitionspsychologen glauben: Unbeaufsichtigt durch die Natur zu streifen, ist für die kognitiven und emotionalen Bedürfnisse heranwachsender Menschen essenziell. Kinder brauchen eine Welt, die aus sich heraus entstanden ist und nicht von Erwachsenen künstlich gefertigt wurde, sonst verkümmern nicht nur Fantasie, Kreativität, Lebensfreude, sondern auch Empathie und kindliche Bindungsfähigkeit.

Der Exodus der Kinder aus der Landschaft ist vielfach belegt. Die englische „Daily Mail“ schilderte diese Entwicklung am Beispiel einer Familie aus Sheffield. Der Urgroßvater war in den 1920ern schon mit acht Jahren mehrere Meilen weit zum Angeln marschiert. Dessen Schwiegersohn durfte in den 50er-Jahren, ebenfalls mit acht, eine Meile entfernt im örtlichen Wald spielen. Seiner Tochter stand es 20 Jahre später immerhin frei, mit ihrem Rad durch die Nachbarschaft zum Schwimmen zu fahren. Ihr eigener Sohn jedoch darf allein nur bis ans Ende der Straße – und wird mit dem Auto zur Schule kutschiert.

Die Mobilität von Kindern wurde innerhalb von 20 Jahren drastisch beschränkt – als lauerten hinter jedem Müllcontainer Heckenschützen. 1971 gingen noch 
80 Prozent der Sieben- bis Achtjährigen allein zur Schule, 1990 waren es nur noch neun Prozent. Wenn Eltern heute den Kleinen gestatten, Rollschuh oder Rad zu fahren, dann sind die Kinder mit Schutzkleidung gepanzert, als zögen sie in die Schlacht. Früher verboten Eltern ihren Sprösslingen, drinnen herumzutoben. Heute untersagen sie ihnen, vor die Tür zu gehen. In Amerika gaben 71 Prozent aller Mütter mit Schulkindern an, dass sie selbst regelmäßig draußen gespielt haben. Aber nur ein Viertel ihrer eigenen Kinder darf das noch.

Fragt man Eltern, warum sie ihren Kindern das Leben bis zur Erfahrungstaubheit erleichtern, so lautet die Antwort meist: Angst. Angst, dass die Kleinen sich beim Toben im Freien verletzen. Angst, dass sie entführt werden. Und vor allem Angst, dass ihnen im Verkehr etwas zustoßen könnte. Selbst wenn draußen genügend Spielmöglichkeiten zur Verfügung stehen, sehen Eltern ihre Kinder lieber zu Hause – oder im geschützten Fond eines schweren Wagens.

Wie Reisende mit Flugphobie entwickeln Erwach­se­ne auch dort Panik, wo in Wahrheit kaum Bedrohung besteht. Die gefühlte Gefahr durch Sexual­verbrecher etwa ist um Zehnerpotenzen höher als das wirkliche Risiko. Viel wahrscheinlicher ist eine Verletzung in der Sporthalle oder beim Reiten. Statis­tisch betrachtet müsste ein Kind 600.000 Jahre an einer Ecke stehen, bis es entführt wird.

Eltern und Gesellschaft sind in den Wahn verfallen, alle Risiken kontrollieren zu wollen. Heute müssen viele Kinder, wollen sie den Bus benutzen, ihr Handy dabei haben. So können sie Hilfe herbei­telefonieren oder den elterlichen Fahrdienst bestellen. Umgekehrt wissen Papa und Mama jederzeit, wo sich ihr Kind befindet und können alle Aktivitäten überwachen. Selbst eine GPS-gestützte „Fußfessel“ in Form einer Armbanduhr ist 
schon auf dem Markt. Das Gerät meldet via SMS, wenn ein Kind den voreingestell­ten Bereich verlässt und macht die „Fluchtroute“ per Satellit nachvollziehbar.

Je weniger Kinder in einer Gesellschaft heranwachsen, umso größer scheint der Wunsch, sie zu behüten. Stärker noch als vor einer Generation hat sich die Mentalität durchgesetzt, die – guten wie schlechten – Wechselfälle des Lebens nicht als Schicksal zu betrachten, sondern als Erfolge oder Misserfolge, für die man verantwortlich ist. In einer solchen Atmosphäre laufen Eltern Gefahr, im Unberechenbaren der Natur und des selbstbestimmten Spiels ausschließlich die Risiken für ihre Kinder zu wittern. Aber die Erwachsenen selbst sind es, die sich vor Zecken gruseln, vor dem Fuchsbandwurm, vor herabfallenden Ästen. In den USA werden auf Spielplätzen bereits Schaukeln und Rutschen entfernt – sie gelten vielen Müttern und Vätern als zu gefährlich.

Es ist gerade das Unvorhersehbare, das Kinder am Spiel im Freien fasziniert. Es gewährt ihnen Autonomie – und somit die Reifung zur eigenständigen Persönlichkeit. Sein Fehlen engt die kindliche Existenz ein, trotz bester Vorsätze. Mit der Bewegungsfreiheit wird den Kindern die freie Erfahrung entzogen – eine von niemandem vorgegebene Weise, sich selbst zu erleben. Mit möglicherweise gravierenden Folgen: Unsere Zivilisation läuft Gefahr zu vergessen, welche Spielarten der Neugier und Begeisterung überhaupt existieren.

Aber nicht nur Selbsterfahrung verwehren wir unseren Kleinen. Festgeschnallt an 
sichere Rücksitze, alleingelassen vor Spielkonsolen und Touchscreens, verlernen sie auch, was es heißt, ein Gegenüber zu haben, das ganz anders ist als sie selbst. Der ganze nichtmenschliche Rest der Schöpfung kommt ihnen abhanden. Sie verzichten auf die Nähe zu Tieren und Pflanzen, auf die Fülle einer belebten, aber nicht allein vom Menschen abhängigen Welt. Immer weniger Kinder spüren Sand und Wasser, Wind und Staub auf ihrer Haut. Immer weniger lassen sich von hakeligen Spinnen faszinieren, von tanzenden Schmetterlingen verzaubern, von Disteln und Dornen zerkratzen, suchen Bäume zum Klettern und Gebüsche zum Verstecken. Aus dem Leben unserer Sprösslinge schwindet die Natur – und mit ihr die Lebendigkeit.

Dabei wird jedem klar, der sich entwickelnde Menschen beobachtet: Intuitiv folgen Kinder einem eingebauten Suchprogramm für andere Lebensformen. Sobald ein Tier die Bildfläche betritt, streben Kinder darauf zu. Ein Hund im Park weckt unweigerlich das Interesse der Kleinen, die dort ihre Gehversuche machen. Labortests ergaben: Säuglinge ziehen immer ein echtes Kaninchen einem Holzspielzeug vor. Kaum ein Kind, das sich nicht ein Haustier wünscht. Die Namen anderer Geschöpfe sind überall auf der Welt unter den ersten Wörtern, die ein Krabbler lallt. „Von frühester Kindheit an ist ‚Tier‘ eine ontologische Basiskategorie“, folgert daraus die amerikanische Kognitionsforscherin Susan Carey.

„Biophilie“ nennt Edward O. Wilson diese Faszination des Lebendigen. 
Der US-Evolutionsforscher glaubt, dass eines der wichtigsten seelischen Bedürfnisse des Menschen in der Sehnsucht nach anderen Wesen besteht. Durch Jahrmillionen gemeinsamer Evolution mit Tieren und Pflanzen, so Wilson, bräuchten wir diese als symbolische Spiegel, an denen sich unsere Gedanken und Gefühle orientieren.

Und tatsächlich finden Kognitionspsychologen in der Fantasie der Kinder überwältigend viele Spuren der Natur. So bevölkern Tiergestalten 85 Prozent aller Geschichten, die Fünfjährige erzählen. Bei Rorschach-Tests sehen Kinder signifikant häufiger als Erwachsene die Umrisse von Tieren aus Farbklecksen hervortreten. „Animalische Charaktere sind das Rohmaterial, aus dem Kinder ein Gefühl für ihr Selbst konstruieren“, meint die amerikanische Entwick­lungspsychologin Gail Melson. Und das in allen Kulturen zu allen Zeiten: Das älteste erhaltene Spielzeug ist eine bronzezeitliche Tonrassel, besetzt mit Fuchs­köpfen, Vögeln, Hunden und hölzernen Krokodilen, tausend Jahre vor Christus 
in Ägypten gefertigt.

Die Sehnsucht nach Tieren hat einen biologischen Sinn. Deren Gegenwart macht nachweislich gesund, und sie steigert die kognitiven Fähigkeiten. Das ist vielfach nachgewiesen. Schon die schlichte Präsenz eines Haustiers senkt den Blutdruck der Anwesenden – im Gegensatz zur Gegenwart von Menschen, selbst nahestehenden, die ihn stets erhöhen. Bei Kindern in Stresssituatio­nen beruhigt ein Hund die Herzfrequenz. Schüler, die mit ihrem Haustier viel Zeit zubringen, sind messbar weniger ängstlich und zurückgezogen als der Durchschnitt und häufig auch beliebter. Außerdem zeigen sie signifikant mehr Empathie.

Mittlerweile vermuten Psychologen und Neuro­wissenschaftler, dass Heranwachsenden, denen Selbsterfahrung in der Gegenwart anderer Wesen vorenthalten wird, mehr verloren geht als ein bisschen Feinmotorik beim Rennen über unebene Äcker. „Das Gehirn ist ein Sozialorgan“, meint etwa der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther. Es wächst und stellt neue Verbindungen her, wenn ein Kind Erfahrungen macht. Je komplexer die Umgebung, je vielfältiger die Beziehungen, die es in ihr eingehen kann, desto intensiver das kognitive Wachstum. Und bei jeder neu gebahnten Nervenverbindung schüttet das Hirn beglückende Botenstoffe aus.

„Leben ist ein erkenntnisgewinnender Prozess“, 
zitiert Hüther den Verhaltensforscher Konrad Lorenz. „Und je verschiedener ein Gegenüber ist, in dem sich ein Kind bei diesem Prozess spiegeln kann, umso voll­­ständiger wird das Bild von sich selbst, umso tiefer 
geht die Selbsterkenntnis.“

Der amerikanische Kognitionspsychologe Gregory Bateson vergleicht das Gewebe der Natur unmittelbar mit dem Beziehungsgeflecht im Hirn: Hier wie dort gibt es eine unendliche Zahl von Verbindungen, die eine unermessliche Vielfalt von Formen und Situatio­nen hervorbringen. Indem Kinder die ökologische Fülle mit allen Sinnen erleben, vermehren sie die Verflechtungen in ihrem Teil dieser Beziehungsökologie – nämlich im eigenen Hirn. Sie erfahren die Natur quasi als Außenseite des eigenen Denkens und Fühlens, als einen geistigen Beziehungskosmos, der sich ihnen als berührbar und veränderbar offenbart.

Wer diese Beziehungen nicht zu erwidern lernt, läuft Gefahr, Schaden an der Seele zu nehmen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade in den letzten zwei Jahrzehnten, in denen Kinder so viele Freiräume verloren haben, die Zahl ihrer 
psychischer Krankheiten sprunghaft zunahm. Dem Freiburger Psychologen 
Wolfgang Bauer zufolge leiden in Deutschland knapp über 50 Prozent der Jugendlichen an chronischen psychosomatischen Beschwerden. Ein knappes Sechstel aller 
Kinder erkrankt an Depressionen, Angst- und Essstörungen, jedes fünfte quält sich mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom ADHS durch die Schule. Allein zwischen 2005 und 2008 stieg die Zahl der Verschreibungen des ADHS-Mittels Ritalin um ein Viertel.

Der Natur ausgesetzt zu sein, erweist sich für viele dieser Kinder als zweite 
Geburt. Dieser Effekt ist experimentell nachweisbar: So können sich kleine ADHS-Patienten nach einem Spaziergang im Park besser konzentrieren. Es ist fast so, als würden Tiere und Pflanzen, wie der amerikanische Journalist Richard Louv meint, eine Art „natürliches Ritalin“ bereitstellen.

Brauchen somit zehntausende Jungen und Mädchen, die in Deutschland psychiatrisch behandelt werden, gar keine Medikamente, sondern ein Lebens­umfeld, das nicht von Spielekonsolen und Verkehrsarterien, sondern von atmenden und freien Wesen, von Sonne und Sand, Bächen und Blättern geprägt wird? Sind Depressionen und psychische Störungen bei Heranwachsenden ein zentrales Symptom der Entfremdung von den emotionalen Wurzeln unserer animalischen Wesensart?

Diesem Verdacht folgend hat der Hirnforscher Hüther ein Pilotprojekt ange­stoßen: Alljährlich im Sommer verbringen mehrere kleine ADHS-Patienten einige Wochen auf einer Hütte im Schweizer Hochgebirge – umgeben von Weite und Geröll, von winzigen Pflanzen, die während der kurzen Vegetationszeit aus dem Boden kriechen, vom Geschrei der Alpendohlen und dem Duft von Mineralien und Schnee.

Zur Elementarnatur kommt das Gruppenleben, in dem alle ihre Pflichten haben. 
Auf einmal gehört jeder, ob er es will oder nicht, zu einer Gemeinschaft. Proviant muss den Berg hinaufgeschleppt, Feuerholz gespalten werden. Plötzlich zählen existenzielle Dinge. Der Kühlschrank füllt sich nicht mehr von allein. „Manche Kinder blühen schnell auf, andere sind so weit in sich zurückgezogen, dass sie eine Weile brauchen“, erzählt ein Betreuer. Aber fast alle stoßen für die Zeit des Aufenthaltes den Panzer ihres Leidens ab.

In Wahrheit ist diese Therapie gar nicht besonders neu. So manch kleiner Zappelphilipp wurde in der Vergangenheit durch die Kräfte der Natur von seiner Unrast geheilt. Wie etwa der legendäre amerikanische Landschaftsfotograf Ansel Adams, der 1902 in San Francisco zur Welt kam. Dessen Eltern fuhren mit ihrem unruhigen Kind immer wieder an die See. Die weit offenen Gestade, der Donner des ozeanischen Atems bliesen die Rastlosigkeit des kleinen Ansel fort. Die Erfahrung der Wildnis hinterließ unauslöschliche Spuren: Adams wurde zum berühmtesten Naturfotografen seiner Zeit.

Folgt man der „Pleistozän-Hypothese“ des Ökophilosophen Paul Shepard, so ist die Epidemie von ADHS und anderen Entwicklungsstörungen kaum verwunderlich. Shepard zufolge sind Kinder kognitiv immer noch Urmenschen – in ihren Bedürfnissen, Sehnsüchten und Fähigkeiten darauf eingestellt, in der Wildnis zu leben. Die dort nötige Wachheit und Neugier haben freilich in der rasend getakteten Leistungs- und Ablenkungswelt immer weniger Platz.

Statt sich zu bemühen, dieses Ungleichgewicht zurechtzurücken, verstärkt das Bildungssystem es noch: Die wahre Katastrophe besteht nicht in einem schlechten PISA-Ranking, sondern darin, dass die Schulen Hunderttausende von ADHS-Patienten entlassen. Denn in den Lernfabriken wird beinahe nur theoretische Performance gefordert – Wahrnehmungs­tiefe stellt oftmals ein Leistungshindernis dar.

„Unser abstraktes Denken füllt nur eine winzige Bandbreite der uns zur Verfügung stehenden Wahr­neh­mungskanäle“, gibt der amerikanische Natur­pädagoge Jon Young zu bedenken. Der Amerikaner ist treibende Kraft hinter einer Renaissance der Päda­gogik, die nicht auf eingetrichtertes Faktenwissen setzt – aber ebensowenig daran glaubt, wie es in der reformierten Pädagogik gerade Mode ist, dass Kinder kleine Forscher seien, die beim Spielen ständig physikalische Experimente machen.

In Wahrheit geht es in den Erfahrungen, auf die Kinder am wenigsten verzichten können, nicht um Haben, sondern um Sein. Es ist dieses Sein, das beim schulischen Lernen immer stärker in Vergessenheit gerät und für das in der übrigen Zeit immer weniger Platz ist. „Es gibt eine Zeit im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren“, sagte der amerikanische Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger Wallace Stegner, „wenn ein Eindruck, der nur ein paar Sekunden dauert, für das ganze Leben eingebrannt werden kann. Wenn man ein Kind in dieser sensiblen Phase einer bestimmten Umgebung aussetzt, wird es sie bis zu seinem Lebensende im Herzen behalten.“

Es kommt bloß darauf an, ob die prägenden Sekunden inmitten von Leben stattfinden – oder vor einem Bildschirm-Setup. Lesen Sie auch: 15 Tipps für Eltern

Von unserem Autor Andreas Weber 
erscheint am 11. März das Buch: 
 Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur. 
Ullstein 2011, 256 Seiten, 18 Euro