Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Adel verpflichtet

Als Lord und Chef von Greenpeace UK kämpft Peter Melchett für die Zukunft des Planeten — und gegen das Establishment.

Was ist bloß mit Peter Melchett los? Eigentlich ist er nie pünktlich. Doch an diesem Morgen steht er als erster vor dem House of Lords, wo er mit zwei Mitarbeiterinnen einem Technik-Komitee des britischen Oberhauses die Greenpeace-Position zur atomaren Endlagerung erläutern soll. Die Augen rot von der nächtlichen Lektüre der Hintergrundpapiere, das Hemd, aus dem das Brusthaar quillt, wie immer zwei Knöpfe offen, die Ärmel hochgekrempelt, grinst er die perplexen Kolleginnen rauflustig an. Er freut sich auf das Gastspiel bei den Lords und Ladies, das eigentlich ein Heimspiel ist.

Rasch bindet er sich noch die Krawatte mit den Friedenstauben um und umkurvt schwungvoll die Sicherheitsschleuse. Ein Wachmann will sich ihm schon entgegenwerfen und starrt verblüfft die rot-weiße Identitätskarte an, die Melchett ihm unter die Nase hält: „Willkommen, Mylord!“, stammelt der Beamte noch, doch der ist schon weiter. Bis er vor zehn Jahren Geschäftsführer von Greenpeace UK wurde, ging er als 4. Lord Melchett im Oberhaus aus und ein, saß in Ausschüssen, stellte die Fragen, statt sie zu beantworten wie heute. Seitdem läßt er seine Mitgliedschaft ruhen, verzichtet auf Stimme, Geld und Privilegien – und zweifelt keine Sekunde, daß er heute beim Schlagabtausch mit den „mürrischen alten Männern“ des Komitees auf der richtigen Seite sitzt.

100 Minuten später ist der Kopf von Lord Tombs, dem Vorsitzenden der noblen Runde, noch eine Spur röter, sind Atomindustrie und deren teils recht tatt-rige Fans im Oberhaus von Melchett ebenso formvollendet wie vernichtend abgewatscht. Ein perfekter Balanceakt aus Aggressivität und Stil, aus Expertise und Süffisanz. „Menschen erkranken an Leukämie, Land und Meer werden verseucht. Die Schäden sind irreversibel“, sagt Melchett, während er durch prachtvolle Hallen zum Ausgang eilt, „es ist höchste Zeit für das Ende dieser schrecklichen Industrie.“

Er erzählt von einer Wanderung in Cumbria vor 15 Jahren. Wie er mit seiner Freundin Cassandra, mit der er eine Tochter und eine Sohn hat, bei einem Dorf namens Seascale den Strand erreichte. Wie er mit ihr darüber sprach, was für ein toller Platz dies sei, um Kinder großzuziehen. Erst bei Greenpeace erfuhr er, daß dieses Dorf neben der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield die höchste Rate von Kinder-Leukämie im ganzen Land hat. Nur weil seine Tochter zufällig schlief, habe er sie nicht in den Sand gesetzt und mit ihr gespielt. „Dort ist überall Plutonium. Ein Sandkorn in den Mund und sie hätte an Leukämie sterben können. So etwas macht mich verflucht wütend.“

Bei Greenpeace fühlt sich Melchett jetzt „zu Hause“, weil er Einfluß nehmen kann, ohne seine Werte zu verraten. In der Politik hatte der Eton-Schüler und Cambridge-Absolvent nicht gefunden, was er suchte. Zwei Labour-Regierungen gehörte er in den 70er Jahren an, brachte es bis zum Staatssekretär, könnte heute als 50jähriger im Blair-Kabinett Minister sein, wie manche sagen. „Mir hat Politik eine zu kurzsichtige Perspektive, und ich sah, wie schwer es ist, nicht zynisch zu werden“, sagt Melchett. 1979 zog er nach knapp fünf Jahren die Konsequenz und stieg aus.

Den Politiker kann er, den manche als „graue Eminenz“ bei Greenpeace International bezeichnen, bis heute nicht ganz ablegen, wenn er über die Organisation spricht. Wenn er interne politische Differenzen über Weg und Ziel haarspalterisch wegdefiniert. Auch der adlige Aktivist selbst war nicht immer unumstritten. Der im Zwist geschiedene frühere Aktions-Koordinator Paul McGhee etwa warf ihm vor, eine „größere Gefahr für die Umwelt (zu sein) als ICI“. Eine böse Spitze, war doch Melchetts Urgroßvater einer der Mitgründer des heutigen Chemie-Giganten.

Der Vorwurf ist durch die Realität längst widerlegt. Und Greenpeace UK führt er unangefochten. Da läßt es ihn auch kalt, wenn man ihm vorhält, er verstehe sich zu gut mit BP-Chef John Browne, weil er den einmal auf eine Konferenz geladen hat. „In einer Zeit, in der sich die Macht von der Politik auf die Wirtschaft verlagert“, argumentiert Melchett, „und in Managerköpfen mehr Bewegung ist als in denen mancher Minister, müssen wir da hin, wo die Macht ist, wenn wir was verändern wollen.“

Bei seinen Kontakten mit den Öl-Bossen wittert Melchett die Verunsicherung hinter der Beton-Fassade. Da fragt eine Firma an, was er davon halte, wenn sie nur in demokratischen Ländern Öl fördere und es in Tierfutter verwandle. Ein anderer Manager erzählt ihm, wie sehr er sich schäme, daß der amerikanische Exxon-Chef Lee Raymond den Klimawandel leugne. Daß der Vorrat an Gemeinsamkeiten mit BP-Chef Browne und Konsorten trotz erster Solar-Projekte vorerst denkbar gering ist, ist allen Beteiligten klar: „Wir steuern in die Klimakatastrophe“, sagt Melchett, „wenn wir nur ein Viertel des Öls verbrennen, das schon erschlossen ist.“ An harten Aktionen führt da auch in Zukunft kein Weg vorbei.

Den Niedergang der mächtigsten Branche dieses Jahrhunderts zu beschleunigen und die Alternativen zu Öl – und Atom – durchzusetzen, sind für Melchett die zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre. Und mit denen schlägt er sich ebenso gerne herum wie mit dem „zynischen Establishment“. Wenn Greenpeace dem nicht mehr auf die Nerven gehe, findet der grüne Lord, „machen wir einen schlechten Job“. Das aber werde nicht geschehen, solange er Boß ist. So viel Elite muß sein.

Von MICHAEL FRIEDRICH