Im Jahr 1966 ließen sich gleich zwei Chemie-Konzerne in der Region Tarragona nieder: Ein amerikanischer, Dow Chemical, und ein deutscher, BASF. Mit den Konzernen kamen neue, moderne Produkte ins Land Düngemittel und Pestizide. Werbung und Kampagnen überzeugten Landwirte und Bäuerinnen davon, dass ihr hartes Landleben damit viel einfacher werden würde: Keine Ernteausfälle mehr, keine Schädlinge, größere Früchte.

Eva Mas, Gründerin des „Ecocamp Vinyols“, einem Öko-Ferienhof 120 Kilometer südlich von Barcelona, erinnert sich gut an die Erzählungen ihres verstorbenen Vaters Juan, der als Bauer, Öko-Pionier und Erfinder des Ecocamps so einiges anders gemacht hat als alle um ihn herum – und als sein eigener Vater. Denn Eva Mas’ Großvater, der vorher nie Pestizide oder künstliche Dünger verwendet hatte, ließ sich von den neuen, großen Firmen überzeugen. Er sagte sich, dass dies vielleicht die modernen Zeiten wären und dass man nach vorne schauen müsse. 

Auch sein Sohn Juan kam anfangs zu der Annahme, dass dies der bessere Weg sei. „Der Einsatz von Pestiziden wurde als total modern angesehen. Das war wie mit der Einführung des Fernsehers oder der Waschmaschine. Es folgte ein richtiger Boom in der Chemiebranche“, erzählt seine Tochter Eva heute. 

Mit der Zeit merkte Juan aber, dass die Früchte zwar größer wurden, aber an Geschmack verloren. Und dass er von Jahr zu Jahr immer stärkere Mittel brauchte, um die gleichen Ergebnisse zu erzielen. „Das ist mit dem menschlichen Körper zu vergleichen. Wenn du eine Abhängigkeit entwickelst, brauchst du mit der Zeit immer mehr, um auf das gleiche Level zu kommen“, sagt Eva. Das hieß für die Bäuerinnen und Bauern, dass sie immer mehr Geld ausgeben mussten, um die gleichen Ergebnisse zu erzielen. Juan wurde misstrauisch, merkte, dass da etwas falsch läuft. 

<p>Ein altes Foto zeigt Juan Mas mit Tochter Eva auf seiner Pfirsichplantage </p>

Ein altes Foto zeigt Juan Mas mit Tochter Eva auf seiner Pfirsichplantage 

Er fühlte sich zunehmend nicht wohl dabei, Gift gegen Insekten und Pflanzen auf Lebensmittel zu geben, die später verzehrt werden. „Und die wenigsten trugen beim Spritzen eine geeignete Schutzausrüstung“, so Eva Mas. „Ich erinnere mich, dass der Import der Früchte in Deutschland aufgrund der Lebensmittelschutzgesetze später verboten wurde. Die chemisch behandelten Waren standen im Verdacht, Krebs und andere Krankheiten zu fördern. Der Grund dafür: Gespritzte Früchte dürfen erst nach einer bestimmten Zeit geerntet werden. Kontrollen gab es aber nicht, und so wurde schon vorher geerntet und verkauft, was befürchten lässt, dass das Gift direkt von den Menschen aufgenommen wurde.“

Anfang der Achtzigerjahre kam Uwe, ein deutscher Rucksacktourist, auf den Hof. „Ich erinnere mich, dass er eine John-Lennon-Brille trug und lange Haare hatte.“ Er war zu Fuß in Spanien unterwegs und auf der Suche nach einer Unterkunft. Zwischen Uwe und Juan entwickelte sich eine Freundschaft. Uwe ließ sich zeigen, wie Juan seine Landwirtschaft betrieb, er wiederum erzählte Juan von der ökologischen Bodenkultur. Uwe erklärte, dass die Erde kein Objekt sein, das man ausbeuten kann. Dass immer Pestizidrückstände auf den Früchten bleiben würden, und dass Mensch, Boden und Grundwasser diese aufnehmen. In Deutschland fand bereits Mitte der Siebzigerjahre ein Wandel hin zum ökologischen Landbau statt, Menschen taten sich zusammen und organisierten sich in Verbänden. So veröffentliche die 1975 gegründete „Stiftung Ökologischer Landbau“ zahlreiche Publikationen zum Thema, 1979 wurden die Anbauverbände Biokreis und 1982 Naturland gegründet. Anfang der Achtzigerjahre folgten erste Richtlinien zum Ökolandbau in Deutschland. 

Mammutprojekt Ökolandbau

Uwe überzeugte Juan schließlich, den Pestiziden den Rücken zu kehren. Er schätzte, dass es bis zu fünf, sechs Jahre dauern könne, bis die Erde sich erholt und bis die natürlichen Fressfeinde von Schädlingen sich wieder etablieren. Nach fast 15 Jahren Einsatz verschiedener Pestizide und künstlicher Dünger brauchte das Land einfach Zeit, um sich zu regenerieren – was zu einem erheblichen Ernteverlust führte. Die Familie konnte sich gerade so mit dem Buchhalterinnengehalt von Maria Rosa, Juans Frau, über Wasser halten. Niemand von den anderen Landwirten und Landwirtinnen verstand, warum Juan dies alles auf sich nahm. Viele wurden wohlhabend, schätzten ihr neues, einfacheres Leben. 

Fünf Jahre später gediehen schließlich wieder die Früchte, so geschmackvoll und aromatisch, wie Juan es noch aus seiner Kindheit in Erinnerung hatte. „Der Geschmack eines Pfirsichs, der traditionell gewachsen ist und zur richtigen Zeit geerntet wurde – nicht noch grün, um auf seinem Weg in den Supermarkt zu reifen – ist erstaunlich, wie Honig“, schwärmt seine Tochter Eva. Jedoch waren die Früchte viel kleiner, nur wenige wollten sie kaufen. 

Als Juan im sechsten Jahr nach seinem Pestizid-Ausstieg die erste große Pfirsichernte einfuhr, bestellte ein Öko-Markt aus Deutschland gleich zwei Lkw-Ladungen. Dann der Rückschlag: Der Zoll stoppte die Kühltransporter an der deutschen Grenze – die kleineren Pfirsiche entsprachen nicht der Normgröße. Juan, der so lange gekämpft hatte und mittlerweile unter Depressionen litt, ließ sich nicht unterkriegen. Er wollte die Menschen von seinen Idealen überzeugen, andere Landwirtinnen und Landwirte den Ökolandbau vermitteln. Die Idee, sein Wissen unter die Menschen zu bringen, nahm mit der Zeit Gestalt an.

Anfang der Neunzigerjahre konnte die Familie dank des Öko-Booms in Deutschland ihre Haselnussernte exportieren. Jedoch nur für kurze Zeit: Eine Vereinbarung zwischen Deutschland und der Türkei unterband den Import von Haselnüssen aus Spanien, auch für ökologisch angebaute. Doch das war nicht das Schlimmste: Bei Juan wurde Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert, ihm blieben nur noch zwei Monate.

<p>Eva Mas zwischen ihren Oliven- und Zitronenbäumen</p>

Eva Mas zwischen ihren Oliven- und Zitronenbäumen

Juan Mas' Vermächtnis

Trotz allem beschloss er, das Gelernte weiterzugeben und seinen Hof zu einem Erlebnisort zu machen, der Menschen die Natur erleben und verstehen lässt. „Er wurde von allen anderen als Spinner, als Hippie abgetan. Aber er war stur und fürchtete, dass seine Kinder andernfalls später nicht mal aus einem Brunnen trinken können“, erinnert sich Eva. 

Juan bat seinen besten Freund, auf seinem Land ein paar Holzhütten zu bauen. Kurz vor Juans Tod erstellte dieser eine Skizze von seiner Vision. Als die Familie danach den Hof übernahm, stand die Frage im Raum: Ist diese Skizze die Zukunft oder nicht? Keiner brachte es übers Herz, Juans Idee zu verwerfen. Wieder musste die Familie alle Kraft zusammennehmen und Hürden überwinden: bürokratische, finanzielle, persönliche. Die Stadt und Firmen aus Barcelona versuchten, der Familie das Land abzukaufen. „Sie boten uns sehr viel Geld, setzten uns unter Druck. Aber meine Mutter blieb stur und hatte den Traum meines Vaters im Kopf. Sie war wie Asterix und Obelix zusammen gegen die Römer“, erzählt Eva. 

Neun Jahre kämpfte ihre Mutter Maria Rosa gegen Behörden und Unternehmen, bis diese nachgaben. 2002 wurde endlich die Baugenehmigung erteilt: Mit der Hilfe von Freunden und eines Geldgebers entstand das Ecocamp Vinyols. Mutter und Tochter ließen einen Ferienhof entstehen, in dem Familien in Einklang mit der Natur Erholung finden. Bei verschiedenen Aktivitäten werden Kindern und Eltern wertvolles Wissen über Pflanzen und Tiere vermittelt: Beim gemeinsamen Ernten im eigenen biozertifizierten Gemüsegarten, der zweimal täglich stattfindenden Fütterung der Tiere und in Mini-Workshops erfahren die Besucherinnen und Besucher des Ecocamps vor allem, wie Früchte und Gemüse wachsen, was ihre Qualität ausmacht und wie man sie selbst verarbeiten kann. 

Die Hütten für die Gäste stehen zwischen Oliven- und Mandelbäumen. Im Garten wachsen Paprika, Tomaten, weiße Auberginen und Unmengen an Kräutern. Hühner, Katzen, Gänse, zwei Schweine, ein Pferd, ein Pony, ein Schäferhund und viele Truthähne führen ein entspanntes Leben – sie sind eher Familienmitglieder als Nutztiere. Der Hof wird ökologisch bewirtschaftet und dient zur Selbstversorgung. Juan Mas wäre stolz. 

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