Die Monarchfalter tragen die Seelen der Toten, sagt Homero Gómez González in einem auf Twitter veröffentlichten Video. Darin ist er in einer Wolke von Schmetterlingen zu sehen. Einen Tag später verschwindet er. Zwei Wochen später treibt seine Leiche in einem Regenwassertank, an seinem Kopf eine Messerverletzung. Wenige Tage später, am ersten Februar, wird auch Raúl Hernández Romero tot aufgefunden, an seinem Körper Verletzungen von einem scharfen Gegenstand. Schenkt man den Worten von Gómez González Glauben, dann tragen die Monarchfalter nun ihre Seelen.

Die beiden Männer setzten sich rund 180 Kilometer westlich von Mexiko-Stadt für den Schutz der Schmetterlinge ein. Jedes Jahr im Herbst brechen die Falter aus den USA und Kanada in Richtung Süden auf. Bis zu 4500 Kilometer legen sie zurück, um im warmen Mexiko zu überwintern. Auf ihrer monatelangen Reise werden mindestens drei Generationen geboren, in Mexiko kommen also die Urenkel der Falter an, die sich in Nordamerika auf die Reise machten. Woher sie ihre Route kennen, ist ein Geheimnis, das bislang noch nicht entschlüsselt werden konnte. Millionen Exemplare hängen sich in ihrem Winterquartier im Bundesstaat Michoacán an die Bäume, die Äste biegen sich unter dem Gewicht der Falter. Dann färbt sich der grüne Wald orange, bis sie im Frühling wieder nach Norden ziehen, ihr millionenfacher Flügelschlag klingt dabei wie leichter Regen.

Ein derartiges Naturschauspiel ist weltweit einzigartig und die extremste Form von Insektenmigration. Homero Gómez González und Raúl Hernández Romero wollten die Tiere schützen. Und auch wenn die Ermittlungen noch laufen, so liegt die Vermutung nahe, dass sie dafür mit ihren Leben bezahlen mussten. Die beiden Umweltschützer hatten sich mit mächtigen Gegnern angelegt. Denn die Wälder, in denen die Monarchfalter überwintern, werden von illegalen Holzfällern gerodet. Immer öfter sind daran Avocadobauern beteiligt, die sich so mehr Anbauflächen verschaffen. In beides sind auch die Drogenkartelle involviert, die sich außerdem um Schmuggelrouten für Kokain durch die dichten Wälder streiten. All jenen boten die Umweltschützer die Stirn. Gómez González war maßgeblich an dem Aufbau eines Schutzzentrums in der Stadt Ocampo beteiligt, das erst im vergangenen November eröffnet worden war.

Die beiden Schmetterlingsschützer reihen sich in eine erschreckende Statistik ein. Laut dem lateinamerikanischen Journalistenkollektiv „Tierra de resistentes“ wurden in den letzten zehn Jahren 1350 Umweltschützer angegriffen, 375 von ihnen wurden getötet. Laut Michel Forst, dem UN-Sonderberichterstatter über die Lage von Menschenrechtsverteidigern, liegen sechs der zehn gefährlichsten Länder für Umweltschützer in Lateinamerika. 

Die britische Nichtregierungsorganisation „Global Witness“ macht seit Jahren auf die Verfolgung von Umweltschützern aufmerksam. Das Greenpeace Magazin sprach mit Rebecca Fordham, Leiterin der Kommunikationsabteilung:

Die Fälle der beiden tot aufgefundenen mexikanischen Umweltschützer werden noch untersucht. Welche Fährten gibt es?

Verwandte berichteten den lokalen Medien, dass Gómez González von einer Bande des organisierten Verbrechens Drohungen erhalten habe, die ihn warnten, seine Kampagne gegen den illegalen Holzeinschlag zu beenden. Vor seinem Verschwinden hatten Menschenrechtsgruppen die Sorge geäußert, dass Gómez González von kriminellen Banden, die am illegalen Holzeinschlag in der Region beteiligt sind, ins Visier genommen worden sein könnte.

Morde an Umweltschützern sind in der Region leider keine Einzelfälle. Lateinamerika ist für Umweltschützer die gefährlichste Region der Welt. Was macht den Umweltschutz dort so gefährlich?

Mehr als die Hälfte der Morde im Jahr 2018 ereigneten sich in Lateinamerika. Etwa ein Viertel der Opfer waren Indigene, was angesichts der Tatsache, dass sie nur fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, erschütternd ist. Es ist jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass die tödliche Gewalt nur die Spitze des Eisbergs ist. Wir sehen auch, dass Regierungen und Unternehmen andere, weniger bekannte Taktiken anwenden, um Aktivisten zum Schweigen zu bringen, darunter Verhaftungen, Inhaftierungen oder die Einführung oder Änderung von Gesetzen, die einst legale Formen des Protests illegal machen. Lateinamerika und Südasien sind zwar Brennpunkte, aber das harte Vorgehen gegen Aktivisten findet überall auf der Welt statt. Im vergangenen Jahr wurde in Großbritannien zum ersten Mal jemand zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er zum Beispiel gegen Fracking protestiert hatte.

Welches sind die Hauptkonflikte, welche die Sicherheit von Umweltschützern bedrohen?

Gemeinschaften auf der ganzen Welt sind in tödliche Kämpfe gegen Regierungen, Unternehmen und kriminelle Banden verwickelt, die sich Land für die alltäglichen Produkte, die unsere Regale füllen, aneignen. Hinter den Haushaltsgegenständen, die wir jeden Tag benutzen, wie die Lebensmittel auf unseren Tellern, die Mineralien in unseren Telefonen, die Möbel in unseren Wohnungen, steckt oft eine brutale Realität. 

Was sind die wirksamsten Instrumente, um dies zu stoppen?

Die Bekämpfung der Korruption in Wirtschaft und Politik, die es erlaubt, dass private Interessen und das Streben nach Profit in die Rechtsstaatlichkeit und die Regierungsführung ganzer Bevölkerungen eingreifen. Stärkung der Landrechte, des Umweltschutzes und der Vorschriften, die Unternehmen und den internationalen Handel mit Land und Ressourcen regeln. Dazu gehört die Gewährleistung des Rechts der Gemeinschaften, ihre freie, vorherige und informierte Zustimmung zur Nutzung ihres Landes und ihrer natürlichen Ressourcen zu geben oder zu verweigern.

Welche konkreten Schritte sind dafür notwendig?

Unternehmen müssen ihre Lieferketten besser kontrollieren, um sicherzustellen, dass weder sie noch ihre Lieferanten die Landnahme oder die Umweltzerstörung vorantreiben. Ebenso sollten Investoren hinterfragen, was genau sie finanzieren. Regierungen müssen Vorschriften einführen, die die Unternehmen dazu verpflichten nachzuweisen, dass die von ihnen gekauften oder gehandelten Produkte von Land stammen, das legal und ethisch einwandfrei erworben wurde. Die Holzgesetze in den USA und in der EU verlangen von den Unternehmen bereits, dass sie die Abholzung nicht durch den Import von illegalem Holz vorantreiben. Die Banken und Fonds, die Geld in landintensive Industrien wie den Bergbau, die Agrarindustrie oder den Holzeinschlag pumpen, müssen Verantwortung übernehmen und ihre Investitionen mit der gebotenen Sorgfalt prüfen.

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