Jahr für Jahr treffen in der brasilianischen Hauptstadt Brasília hunderte Vertreter indigener Völker aufeinander. Beim „Terra Livre Camp“ tauschen sich die Stammesführer aus dem brasilianischen Amazonasgebiet über indigene Rechte aus. Sie formulieren gemeinsame Forderungen und Ziele zum Erhalt ihres Lebensraums und protestieren gegen die Abholzung des Regenwaldes. Im April 2020 jedoch musste das „Terra Livre Camp“ abgesagt werden. Der Grund: Die Corona-Pandemie hat auch Brasilien fest im Griff, insbesondere die indigene Bevölkerung ist von hohen Infektionsraten betroffen. Doch die Aktivistinnen und Aktivisten wollen auf ihren Austausch nicht verzichten: Kurzerhand verlegten sie ihre Workshops und Vorträge ins Netz. Statt von Angesicht zu Angesicht diskutierten die Stammesführer per Videokonferenz und über Social-Media-Kanäle.

So wie den indigenen Aktivisten Brasiliens ergeht es derzeit vielen sozialen und ökologischen Bewegungen in aller Welt. Sie transferieren ihre Aktivitäten in die virtuelle Welt. Unter den Hashtags #NetzstreikFürsKlima und #FightEveryCrisis rief eine breite Allianz aus Umweltschutzorganisationen Ende April zum virtuellen Streik aus. Fridays for Future verlegte als Antwort auf Corona die regelmäßigen Demos ins Internet. Und auch zivilgesellschaftliche Initiativen für Geflüchtete wie die Seebrücke wanderten größtenteils von der Offline- in die Onlinewelt. Doch welche Formen des Protestierens und Demonstrierens sind im Netz überhaupt möglich? Welchen ökologischen Fußabdruck hat der digitale Protest? Und werden wir nach Corona wieder vermehrt auf der Straße mobilisieren oder uns weiterhin um das digitale Lagerfeuer versammeln?

Die Triebfedern der meisten Protestbewegungen sind klassische Demonstrationen auf der Straße, Sit-Ins oder Platzbesetzungen. Durch Flashmobs, zivilen Ungehorsam und andere aufsehenerregende Aktionen im öffentlichen Raum gelingt es vielen Bewegungen, Medienaufmerksamkeit zu erzeugen und Menschen außerhalb des eigenen Dunstkreises für die Sache zu gewinnen. Aufgrund der strengen Abstandsregeln ist ein Großteil dessen nicht mehr möglich. Versammlungen sind wegen der Ansteckungsgefahr vielerorts verboten oder werden reglementiert und kontrolliert. Statt auf Transparente und Megafons setzen Engagierte daher vermehrt auf Twitter-Hashtags und Instagram-Banner.

„Klickaktivismus ist weniger nachhaltig als Straßenprotest“

„Durch symbolische Aktionen im öffentlichen Raum versuchen Aktivisten weiterhin auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen und nicht aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein zu verschwinden“, erklärt Dagmar Hoffmann, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Siegen. So legten Fridays-For-Future-Aktivisten im Rahmen einer Kunstaktion massenhaft Plakate unter dem Motto „Fight Every Crisis“ vor den Bundestag. Doch es entstehen auch neue Formen des virtuellen Protests: Aktivistinnen und Aktivisten in Hongkong schmückten Figuren in Computerspielen mit Bannern, auf denen politische Botschaften standen. Das Bündnis „Seebrücke“ organisierte eine virtuelle Demo-Route, bei der die Demonstrierenden nacheinander die Social-Media-Profile unterschiedlicher Institutionen „abgingen“ und Botschaften hinterließen – vom Auswärtigen Amt bis zur EU-Innenkommissarin Ylva Johansson.

Digitale Protestformen gab es freilich auch vor Corona. Die Bandbreite der Aktionen reichte von Onlinepetitionen über Webinare bis hin zu sogenannten Climate-Hackathons, ein reales oder virtuelles Treffen, bei dem Engagierte gemeinsam Apps und Ideen für den Klimaschutz entwickeln. Sabrina Zajak, Protestforscherin und Professorin am Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum, bezweifelt jedoch, dass digitaler Protest ebenso viel Aufmerksamkeit erzeugen kann wie Demonstrationen auf der Straße. Onlinevernetzung könne Offlineprotest nicht ersetzen; stattdessen könnten sich die beiden Kanäle gegenseitig stützen und stärken: „Online-Aktivismus kann den Austausch erleichtern – ohne Offline-Aktionen trifft er jedoch selten auf eine große Resonanz“, schreibt Zajak in einem Blogbeitrag ihres Instituts.

Auch die Kommunikationswissenschaftlerin Hoffmann macht auf die Probleme aufmerksam, wenn Engagierte nur digital mobilisieren: Ausschließlich digitale Protestformen würden sich schnell abnutzen, Onlinepetitionen blieben oft flüchtig. „Klickaktivismus ist weniger nachhaltig als Straßenprotest“, sagt Hoffmann. Das zeige auch die breite Berichterstattung über die sogenannten Hygienedemos. Auch wenn in vielen Städten nicht mehr als hundert Leute gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gingen, berichteten die Medien ausführlich darüber. Einer der Gründe: Straßenproteste liefern emotionale Bilder, die die Forderungen der Demonstranten für viele Menschen begreiflich machen. Digitaler Aktivismus berge mitunter die Gefahr der Exklusion. Weniger netzkompetente Menschen würden gar nicht erst angesprochen. „Protestformen, die primär im Netz stattfinden, müssen es in die Massenmedien schaffen, um außerhalb der eigenen Gruppe wahrgenommen zu werden“, sagt Dagmar Hoffmann.

Die Stärken der digitalen mit denen der lokalen Initiativen verbinden

Insbesondere Umweltaktivistinnen und -aktivisten müssen sich jedoch auch die Frage gefallen lassen, wie groß der ökologische Fußabdruck ihres digitalen Protests ist. Zwar entfallen nun Reisen zu Demonstrationen, Konferenzen und Aktionstreffen – und die damit verbundenen Emissionen. Doch auch die Nutzung der digitalen Instrumente ist nicht klimaneutral. Wer sich Videos anschaut oder an Videokonferenzen teilnimmt, verbraucht Energie. Wie hoch der Verbrauch im Vergleich zur Offline-Aktion ist, hängt vom Einzelfall ab. Zumindest bei Reisen ist sich die Wissenschaft aber mittlerweile einig: „Auch lange Videokonferenzen sind Ressourcen-schonender als Geschäftsreisen, selbst als solche über kurze Distanzen“, erklärt Stefanie Kunkel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Ansonsten gelte auch für Aktivisten: Nicht jedes Video muss in höchster Qualität angeschaut werden, nicht jede E-Mail muss jahrelang gespeichert werden.

Zurück zum „Terra Livre Camp“: Die Politikwissenschaftlerin Maria Cecilia Oliveira, ebenfalls vom IASS, erforscht die Protestbewegungen Brasiliens. Seit Längerem beobachtet sie auch die Aktionen der indigenen Bevölkerung. Dass sie das Camp in diesem Jahr zum ersten Mal bequem aus Berlin verfolgen konnte, war für sie ein Gewinn. „Die Menschen vor Ort haben eine direkte Stimme bekommen, ohne auf Journalisten oder andere Mittelsmänner angewiesen zu sein.“ Die Digitalisierung berge die Chance, Menschen auf der ganzen Welt für lokale Umweltprobleme zu sensibilisieren. Wandel könne aber nur vor Ort gelingen, durch Druck auf lokale Entscheidungsträger. Dazu benötigen Aktivistinnen und Aktivisten nicht nur emotionale Internetbotschaften, sondern auch ein breites Wissen über regionale Strukturen. Oliveira sagt: „Wir müssen die Vorteile der digitalen Tools mit der Stärke der lokalen Initiativen verbinden.“ Nur dann könnten am Ende alle davon profitieren.

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