Mark Benecke ist ein Tausendsassa: Als Kriminalbiologe trägt er zur Aufklärung von Kriminalfällen bei, er hat einen vielgehörten Wissenschafts-Podcast, ist Landesvorsitzender von DIE PARTEI in Nordrhein-Westfalen und engagiert sich im Klima- und Tierschutz. Darüber hinaus schreibt er Bücher. Sein neuestes trägt den ausladenden Titel „Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes Illustrirtes Thierleben“ – es ist eine Verneigung vor den zoologischen Nachschlagewerken vergangener Zeiten. Wir sprechen mit Benecke über seine Begeisterung für unterschiedlichste Tiere, die Faszination des Abseitigen und die gestörte Mensch-Tier-Beziehung.

Greenpeace Magazin: Für diejenigen, die Sie und Ihre Arbeit nicht kennen: Was hat Ihre Tätigkeit als Kriminalbiologe mit Tieren zu tun?
Mark Benecke: Tiere helfen mir bei der Arbeit, ich arbeite mit ihnen zum Beispiel, um zu bestimmen, wie lange eine Leiche irgendwo lag. Man kann anhand von Insekten rauskriegen, wie lange der tote Körper besiedelt wurde, denn die Larven der Tiere wachsen in einer bestimmten Zeit, und dieses Wachstum kann man wie eine Uhr lesen. Wenn die Polizei einen toten Körper findet, eingeschlagen in einen Teppich, kann ich anhand von Insekten bestimmen, ob die Leiche in der Nähe eines Waldes oder in einer Vorstadtsiedlung eingerollt wurde. Oder man bestimmt den Ursprung von Drogenfunden wie früher Cannabis, indem man schaut, welche Insekten sich auf den Pflanzenteilen finden – kommen die aus dem Nahen Osten oder aus Kreuzberg? Der Einsatz ist sehr vielfältig, der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Insekten sind also quasi Ihre KollegInnen?
Alle Tiere sind meine Kolleginnen und Kollegen, aber die Insekten sind besonders hilfreich. Und das ist auch nicht neu. Die forensische Entomologie, also die Anwendung von Insekten in der Kriminalistik, wird seit dem 13. Jahrhundert genutzt. Das ist schon lange erforscht.

In Ihrem neuen Buch haben Sie kuriose Geschichten über Tiere versammelt. Es geht um qualgezüchtete Möpse, um Haustiere, die ihre Herrchen fressen, und um homosexuelle Zootiere. Wie haben Sie die Porträtierten ausgewählt?
Ich wollte einfach Tiere vorstellen, die ich spannend finde. Mir war es wichtig, dass die Tiere nicht zu bekannt und ihre Außenwahrnehmung noch nicht zu stark überformt ist. Der Elefant, die Giraffe, das Pferd, bei solchen Tieren rutschen die Leute schnell in Klischees, jeder hat eine Geschichte dazu, findet sie eklig oder süß. Diese Vorannahmen will ich umgehen – oder verändern. Die Silberfischchen sind dafür ein gutes Beispiel: Ich habe in der alten Literatur geforscht, und früher galten diese kleinen Insekten als freundliche Hausbewohner. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie abstoßend zu finden. Dass die vereinzelten Silberfischchen in unseren Wohnungen vollkommen harmlos sind und sogar etwas Zauberhaftes an sich haben, das will ich vermitteln. Vielleicht kann ich die Menschen für die harmlosen Mitbewohner begeistern. Darum habe ich ihnen auch ein ganzes Kapitel gewidmet.

Das aufwendig illustrierte Buch (Zeichnerin: Kat Menschik) spielt nicht nur im Titel mit Anlehnungen an zoologische Nachschlagewerk wie „Brehms Thierleben“. Was wollen Sie den LeserInnen in Zeiten, in denen sich die meisten Menschen übers Internet informieren, mit dieser Sammlung vermitteln?
Früher waren diese Werke eine eigene Gattung. Es gab praktisch keinen bildungsbürgerlichen Haushalt, in dem sich nicht eine solches Tierbuch mit wunderschöne Zeichnungen fand. Das ist geiles Material, und trotzdem sind die Bücher heute nahezu in Vergessenheit geraten. Der Brehm ist nur der bekannteste, unser Buch ist eine Verneigung vor allen alten Forscherinnen und Forschern und ihre Sammlungen. Es soll kein Nachschlagewerk sein, sondern die Leute einfach für Tiere begeistern. Für Leute, die beim Lesen der Geschichten über Vampirkatzen, betrunkene Elche oder nekrophile Enten Feuer fangen, gibt es hinten im Buch ein schönes Quellenverzeichnis, mit dem sie weiter recherchieren können.

Die meisten Tiere im Buch stehen in Beziehung zum Menschen, sie werden von ihnen gehalten, leben versteckt oder sichtbar in ihrer Nähe. Geht es in Ihren Erzählungen mehr um die Tiere oder um die Menschen?
Es geht um den Blick des Menschen aufs Tier und umgekehrt. Ich möchte das Missverständnis aufklären, Tiere hätten ein großes Interesse am Menschen. Das ist Quatsch. Menschen sind ihnen ziemlich egal, wir bilden uns nur ein, dass sie irgendwas von uns wollen. Das sieht man gut bei Hunden: Viele denken, ihre Hunde würden etwa beleidigt oder beschämt gucken. Aber in Wirklichkeit sind sie von uns so gezüchtet, dass sie uns gefallen wollen – ein großes Missverständnis. Ich werfe einen biologischen, unromantischen Blick auf das Mensch-Tier-Verhältnis. Es ist ja trotzdem zauberhaft!

Auf der einen Seite erweicht nichts unser Herz so sehr wie Videos von flauschigen Tierbabys, gleichzeitig fluchen wir über unerwünschte Tiere wie Ratten oder Tauben. Können Sie diese komplizierte Beziehung erklären?
Erklären kann ich sie nicht. Aber feststellen, dass das darunterliegende Problem die komplette Entfremdung zwischen Menschen und Tieren ist. In den Städten wächst derzeit die zweite Generation von Menschen heran, die Tiere nur aus Kindertierbüchern kennt. Tiere sind für sie nur Darsteller in Märchen, aber keine echten Gegenüber. Und gleichzeitig verformen wir jene Tiere, mit denen wir dann doch eng zusammenleben, bis zur Unkenntlichkeit. Ich denke da an Züchtungen wie Möpse oder Französische Bulldoggen, deren zu kurze Nasen ihre Atmung alptraumhaft erschweren. Man braucht den Halterinnen und Haltern bloß mal ein Skelett ihrer Lieblinge zeigen. Der Schock könnte heilsam sein, denn die Verkindlichung unserer Haustiere ist für diese Lebewesen die reinste Qual. Auf Mitleid können Tiere, selbst, wenn sie „liebenswert“ sind, also nicht hoffen. Und wenn jetzt Millionen von Nerzen gekeult werden, weil sie Corona haben, lässt das die meisten Menschen kalt. Diese Tiere haben schon vor ihrem Tod in der Hölle gelebt. Die Nerzzucht für Pelze gehört schon seit vierzig Jahren verboten, und wir tun den Tiere Unrecht, wenn wir uns nicht für sie einsetzen.

© Abbildungen aus: Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes Illustrirtes Thierleben. Galiani Verlag, 2020

Welchen Umgang mit Tieren wünschen Sie sich konkret von Ihren Mitmenschen?
Wir sollten Tiere einfach in Ruhe lassen, das wünsche ich mir. Wir können Tiere beobachten, Fotos von ihnen machen, und wenn sie in unser Leben flattern wie die Stare auf dem Alexanderplatz, können wir ihnen auch ein paar Krumen hinschmeißen. Aber darüber hinaus sollten wir sie einfach ihr Ding machen lassen. Sie lassen uns ja auch in Ruhe. Grundsätzlich gehören Tiere nur sehr begrenzt in unsere Obhut. Hamster, Mäuse, Ratten und Vögel gehören nicht in unsere Wohnungen, sondern in ihre natürlichen Umgebung. Dazu kommt bei Tieren wie Hunden und Katzen auch noch, dass man sie mit Fleisch füttern muss und damit den ganzen Klima-Scheiß anpeitscht. Das geht nicht mehr.

Sie sind also auch gegen jede Nutztierhaltung?
Es gibt keine Nutztiere. Das, was wir Nutztierhaltung nennen, ist im besten Fall ahnungslose und im schlimmsten Fall absichtliche Freude am Foltern. Wenn wir uns etwa den größten Teil der Hühnerzucht anschauen, dann ist das stumpfeste Lebensverachtung, komplett indiskutabel. Meiner Auffassung nach gibt es so wenig Nutztiere wie es Nutzmenschen gibt. Wir sollten uns als Teil eines größeren, biochemischen Kreislaufes begreifen, dem auch die Tiere und Pflanzen angehören. Diese Einsicht würde nicht nur die Mensch-Tier-Beziehung, sondern die Mensch-Welt-Beziehung entscheidend verbessern. Da wir derzeit klimamäßig von einem „Nichtumkehrpunkt“ zum nächsten gelangen, wäre ein Umdenken nötiger denn je.

Ihre Faszination gilt nicht nur den Säugetieren, sondern besonders auch Insekten, Sie selbst sind stolzer Fauchschabenhalter – was begeistert Sie an diesen Tieren?
Ich finde eben alle Tiere interessant und schön. Und die Fauchschaben haben mich selbst überrascht. Vieles, was man diesen Tieren leicht abspricht – Gefühle, soziale Beziehungen – kann man bei ihnen beobachten. Die Schabenmännchen machen jede Nacht ein Drama, wer der coolste unter ihnen ist und auf dem höchsten Stöckchen im Terrarium sitzen darf. Oder die Tiere freuen sich, wenn ich eine neue Lampe installiere: Dann versammeln sich alle an der nächstliegenden Wand und rutschen daran herunter. Einfach so, aus Freude. Je länger ich die Fauchschaben aufmerksam beobachte, desto mehr begeistern sie mich. Und das liegt nicht an mir, sondern an den Tieren selbst: Wenn wir uns ihnen widmen, ihre Fähigkeiten und Eigenarten verstehen lernen, dann können sie jeden von uns begeistern.

Mit wie vielen Fauchschaben leben Sie denn zusammen?
Mit ungefähr siebzig, genau weiß ich das auch nicht. Es sind viele.

In Ihrem Buch handelt ein Kapitel von Haustieren, die ihre BesitzerInnen fressen. Hunde verspeisen die Hände ihrer verstorbenen Herrchen, Katzen die Lippen. Welchen Teil Ihres Körpers würden deine Fauchschaben wohl als erstes fressen?
Die brauchen eigentlich kein tierisches Eiweiß, ich füttere sie mit Pflanzen und Möhrenschalen. Die haben so kleine Fresswerkzeuge, es wäre schwierig für sie, frisches Fleisch zu essen. Vielleicht, wenn eine große Wunde vorliegen würden – aber ich glaube, der Staub hinterm Kühlschrank wäre für sie interessanter.

Ihr Engagement ist sehr vielfältig, unter anderem sind Sie Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen für DIE PARTEI – was kann, was sollte die Politik für die Verbesserung der Tier-Mensch-Beziehung tun?
Ich habe keine politischen Ziele. Ich biete Informationen an, die Menschen können sich dann selbst ihre Meinung bilden. Als zum Beispiel 2017 im Europaparlament die Abstimmung über die Mindestgröße von Kaninchenkäfigen anstand, habe ich den Leuten aus den linken Parteien erklärt und dargelegt, warum dieser kleine Schritt wichtig ist. Viele haben das zuerst gar nicht ernst genommen, und ich verstehe auch, dass das in ihrem Kosmos ein schwieriges Thema ist: Bei der einen Abstimmung geht es um Krieg in Syrien, bei der anderen um minimale Käfigvergrößerungen für Kaninchen. Aber ich finde, dass das Leben, das bereits auf der Welt besteht, einen Wert an sich hat, und den müssen wir respektieren. Wir leben in einem Lebensnetz, jedes Tier hat sein Plätzchen, auch wir Menschen. Blumen, Wolken, Wasser, Erde, Pilze, Pferde, das gehört biologisch alles zusammen. Das meine ich nicht esoterisch, sondern sachlich, weil wir alle in die Kreisläufe der Erde eingebunden sind. Wir brauchen Tiere nicht verniedlichen und sie müssen uns auch nicht nützen, sondern sie haben ein Recht auf ihr Leben, so wie wir auch. Jede Art von Tierverwendung muss einfach aufhören. Da muss ich gar nicht die Mängel des Tierschutzes aufzählen. Das wäre so, als hätte ich seit Jahren ein Entführungsopfer im Keller leben und sollte über dessen „Haltung“ eine Mängelliste erstellen. Können wir das Entführungsopfer nicht einfach freilassen?

Jahresabo inkl. Prämie ab

35,50 €

Die Welt besser machen!

Wie, steht im Greenpeace Magazin.

Jetzt Abonnieren