Die deutsche „Hippie-Metal“-Gruppe Selig wurde in den Neunzigerjahren mit Herzschmerzliedern wie „Ohne dich“ berühmt. Nun singt die Band Liebeslieder für den Planeten Erde. Ein Gespräch mit dem Front-Sänger Jan Plewka (49) über Salami zum Frühstück, die Ökosünden der Musikindustrie und die neue Zusammenarbeit mit Greenpeace.

Mit „Alles ist so“ habt ihr gerade Eure erste Öko-Ballade herausgebracht. Woher kommt das plötzliche Engagement für die Umweltbewegung?

Meine beiden Töchter haben mich angesteckt. Eines Tages haben wir uns am Küchentisch über ihr Engagement bei Fridays for Future unterhalten. Als ich zum Kühlschrank ging, hatte sich mein Blick verändert: So viele Plastikverpackungen, so viel Müll, dachte ich nur. Das war meine Initialzündung. Dann haben wir als Familie zu experimentieren begonnen. Wir haben aus Kastanien Waschmittel gemacht, ein Lasten-E-Bike gekauft und aufgehört, Fleisch zu essen. Die größte Veränderung habe dabei sicher ich selbst durchgemacht: Früher habe ich schon morgens Salami gegessen. Dass das nun Vergangenheit ist, macht mich sehr glücklich.

Werfen dir deine Kinder vor, dass du dich nicht schon viel früher engagiert hast?

Vorwürfe gibt es keine, weil wir sehr gegenwärtig leben. Bei uns zählen nicht Verzweiflung und Missgunst, sondern Hoffnung. Würde ich statt mit dem Rad doch mal mit dem Auto fahren, würde ich von meinen Kindern kein schlechtes Wort hören. Wir haben unsere Kinder durch Liebe erzogen – das machen sie jetzt auch mit uns.

Welche umweltpolitischen Ziele sind dir besonders wichtig?

Ich wünsche mir insgesamt einen gesellschaftlichen Wandel. Weil es uns in Deutschland lange Zeit so fantastisch ging, ist eine gewisse Trägheit entstanden. Wir müssen aber unsere Demokratie in eine Öko-Demokratie verwandeln, in der nicht nur auf die weißen alten Männer, sondern auch auf Fridays for Future (FFF) gehört wird.

Wie stellst du dir so eine Öko-Demokratie vor? In deinem neuen Song heißt es: „Ich will nicht, dass die Welt so untergeht – in regulierter Realität“. Braucht der Umweltschutz nicht genau das – klare Regularien und auch Verbote?

Die Natur ist nicht reguliert, sie ist wild. Regularien werden von uns Menschen gemacht: Dass auf Festivals und in Clubs die Lautstärke reguliert werden, finde ich furchtbar. Wenn die Welt schon untergeht, dann bitte als freie Welt.

Das heißt, du würdest auch im Klimaschutz eher auf die Vernunft des Einzelnen appellieren und weniger auf Verbote und Regeln setzen?

Bei den Fridays-for-Future Demos habe ich Plakate mit der Aufschrift „Verbietet uns endlich mal was“ gesehen – das fand ich gut. Mit einer Moralkeule kann man trotzdem nichts bewegen. Verbieten müsste man eher die Manipulation durch Werbung, die uns glauben macht, dass man vier Mal im Jahr in den Urlaub fliegen muss und ein neues Auto braucht. Statt Fleischessen zu verbieten, sollte man besser Kompromisse finden: Fleisch erst nach 18 Uhr oder nur sonntags. Ich wünsche mir eine sinnliche Revolution.

In den letzten Jahren wurde viel über den ökologischen Fußabdruck verschiedener Branchen geschrieben. Wo könnt ihr als Musiker zurückstecken?

Bei den Verhandlungen für unsere neue Platte haben wir bereits viel gefordert: Kaum Plastik bei der CD, kein überflüssiger Verpackungsmüll. Keine Flugreisen bei der Promo, am besten nur Busreisen. Ich finde, man muss sich als Band einfach nur trauen, Dinge einzufordern. Es ist mehr möglich, als man denkt.

Klimaschutz trifft gerade auch einen gewissen Zeitgeist. Man könnte behaupten, ihr schwimmt auf der Welle mit, um daraus Profit zu schlagen. Inwiefern taugt das Engagement für den Umweltschutz auch als PR-Werkzeug für eure Band?

Ich denke, dass manche Leute eher sagen werden: Überlasst die Politik den Politikern!  Ihr sollt uns lieber entertainen, uns große Gefühle bescheren und uns vom Liebeskummer heilen. Wir waren aber immer schon eine Band mit Haltung. Unser persönliches Leben dreht sich gerade um das Thema Umweltschutz. Wenn das jemand nicht authentisch findet, dann ist das nicht unser Problem.

Im Musikvideo zu eurem neuen Song verwendest du Videomaterial von Greenpeace. Man sieht Palmölplantagen, Waldbrände und Fotos von Greenpeace-Aktionen. Warum hast du dich entschieden, mit Greenpeace zusammenzuarbeiten?

Ob Fridays for Future oder Extinction Rebellion –  es gibt viele Vereine, bei denen man sich engagieren kann. Wir als Selig haben uns für Greenpeace entschieden, weil wir glauben, dass Greenpeace dieselbe breite Masse erreicht wie die Popmusik. Extinction Rebellion ist für viele zu radikal, Fridays for Future zu jung, Greenpeace ist genau in der Mitte. Ich selbst bin aber sehr offen, war schon bei FFF-Demos und bin bei GermanZero aktiv. Wir haben auch bei einer Extinction-Rebellion-Blockade in Berlin gespielt. Da haben wir uns mit unseren Töchtern auf die Straße gelegt und wegtragen lassen.

Wie viel ziviler Ungehorsam ist erlaubt, um das Klima zu retten?

Das ist typbedingt. Wenn man mich verhaftet und eine Nacht lang in den Knast gesteckt hätte, dann hätte ich das für das Klima gerne hingenommen. Was mich abgestoßen hat, war aber die Holocaust-Relativierung des Mit-Gründers Roger Hallam. Das konnte ich nicht mehr unterstützen. Aber Extinction Rebellion ist viel breiter und diverser als das! Da engagieren sich viele Aufklärer, über die ich viel über den Zustand der Welt gelernt habe.

Als prominenter Musiker trägst du auch Verantwortung. Die Botschaften, die du verbreitest, werden von vielen wahrgenommen. Wie gehst du damit um?

Ich bin von Anbeginn meines Lebens ein Philanthrop. Ich liebe diese Menschheit – und will, dass sie weiter existieren kann. Jetzt steht dieser Planet und damit auch seine Bewohner auf der Kippe. Wer dann wie ich ein Mikrophon vor der Nase hat, und vor sieben, siebzig oder 70 000 Leuten sagen kann: Hey Leute, lasst uns gemeinsam diese Welt retten, der sollte das auch tun. 

Musik berührt Menschen emotional, nicht rational. Hast du den Eindruck, dass die Umweltbewegung diesen Hebel schon ausreichend nutzt?

Als wir bei der letzten FFF-Demo einem Wagen hinterherliefen, haben die Kids dort oben gesagt: Guckt mal, da sind auch ältere Herrschaften; für die spielen wir „Wind of Change“ von den Scorpions. Ich dachte nur: Oh, nein! Die Revolution gehört der Jugend, genauso die Musik. Die jungen Leute haben lässige Rhythmen, aber es könnten noch viel mehr Lieder für unseren Planeten geschrieben werden – für alle Generationen.

Welche Macht hat Musik? Können deine Lieder zu Verhaltensänderungen führen?

Ja, wenn sie sinnlich sind. Nur wenn eine Schnittmenge zwischen Hörer und Song entsteht, dann kann man auch was erreichen. Unser neues Lied ist keine Moral-Keule, sondern eine Melancholie-Keule. Es ist wie ein Liebeskummer-Lied – nur dass es darin nicht um eine verflossene Liebe geht, sondern um den Planeten.

Das Interview führte Anja Reiter

 

Aufmacherbild: Dennis Dirksen

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