Die schlechten Nachrichten zuerst: Viele Menschen ersetzen noch funktionierende Geräte, einfach weil sie ein neues, vermeintlich besseres haben wollen. Eine Befragung des Bundesumweltamtes ergab 2012, dass 60 Prozent aller Fernseher-Käufer noch ein funktionierendes Modell zuhause hatten. 2018 wurden immer noch über 22 Millionen neue Smartphones gekauft, obwohl es einem vorkommen mag, als hätte schon jeder eins. Die ausgesonderte Ware verschwindet von der Bildfläche, bis zu 90 Prozent des jährlichen weltweiten Elektromülls werden laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen illegal gehandelt oder entsorgt. Und der durchschnittliche Ressourcenverbrauch wächst und wächst: umgerechnet entfällt auf jeden einzelnen Deutschen ein Rohstoffverbrauch von 44 Kilogramm – pro Tag.

Dem nachhaltigen Lebensstil steht ein starkes Gefühl im Weg: Der Kaufrausch. Wir lieben neue, unbenutzte Dinge. Auf Youtube posten Menschen Videos von sich, wie sie ihre neuesten Einkäufe auspacken – die sogenannten Unboxing-Videos bekommen Millionen von Klicks. Doch es gibt eine kleine, wachsende Gruppe von Menschen, die sich dem Überfluss widersetzt: Keine Hobbybastler, die fluchend im Keller auf ihre kaputte Waschmaschine einhämmern, sondern technisch Interessierte, die sich zum gemeinsamen Tüfteln und Reparieren treffen und ganz nebenbei Teil der weltweiten Repair-Bewegung werden.

Bundesweit 800 öffentliche Reparatur-Werkstätten
„Laien und Profis mit Reparatur-Knowhow tun sich zusammen und reparieren die Dinge des alltäglichen Lebens – das ist in Deutschland schon seit Jahrzehnten gelebte Praxis“, sagt Tom Hansing, der für die Stiftung „Anstiftung“ die Vernetzung der Repair-Initiativen in Deutschland koordiniert. „Das Besondere an dem aktuellen Boom der Repair-Cafés ist ein Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein. Die Erkenntnis, dass das Reparieren ein Baustein ist für eine zukunftsfähige Gesellschaft.“ Seit einigen Jahren wird deutschlandweit in einem wachsenden Zirkel von Reparatur-Treffs, Repair-Cafés und anderen Reparatur-Initiativen versucht, dem technischen Verschleiß konstruktiv zu begegnen. Auf der Seite www.reparatur-initiativen.de, die es seit 2015 gibt, finden sich heute rund 800 Anlaufstellen für Interessierte, die ihre alten Gebrauchsgegenstände reparieren wollen, statt sie zu ersetzen. Von Flensburg bis Lörrach, von Aachen bis Görlitz finden sich Orte, an denen Bürgerinnen und Bürger ohne Vorwissen mit ihren kaputten Dingen Hilfe finden und langfristig lernen können, wie sie ihre Alltagsgegenstände wieder zum Laufen bringen können.

Natürlich ist das bei einem Fahrrad einfacher als bei einem Computer – auch, weil sich in der Eletronikbranche viele Geräte einfach nicht – oder nur sehr schwer – reparieren lassen. Das neue Macbook Pro zum Beispiel, ein schlichter, schlanker Laptop der Firma Apple, kam im November 2019 auf den Markt. Ab rund 2400 Euro ist der Computer zu haben und viele Menschen weltweit werden diesen Preis zahlen. Weil sie die Rechenleistung schätzen, weil sie das Design mögen, weil sie auf die Qualität der Marke vertrauen. Dabei ist eines bei diesem stolzen Preis nicht vorgesehen: Dass man den Computer einfach reparieren kann. Sämtliche Komponenten des Rechners sind auf dem Motherboard verlötet und nicht austauschbar. Geht etwas kaputt, muss die gesamte Platine ausgetauscht werden. Apple könnte sein Produkt reparaturfreundlicher herstellen – doch der Konzern tut es nicht. Denn Apple will nicht nur am Verkauf, sondern auch an der Reparatur gut verdienen. Das Unternehmen unterhält ein hochpreisiges Monopol, das neben den eigenen Läden nur autorisierte Dienstleister für die Reparatur zulässt. Deshalb verkauft Apple auch keine offiziellen Ersatzteile und veröffentlicht keine Reparaturanleitungen für die Käufer. Wer seinen Computer selbst repariert oder eine unautorisierte Werkstatt beauftragt, verliert den Garantieanspruch. Wer selbst Hand anlegt, zum Beispiel mit der Unterstützung von Plattformen wie "iFixit", auf der Reparaturanleitungen, Werkzeuge und Ersatzteile für die Computerreparatur angeboten werden, tut das auf eigene Gefahr. Denn das Recht auf Reparatur ist in den rund 2400 Euro pro Laptop nicht enthalten.

Eine neue Reparatur-Kultur
In diesen Fällen sind auch den offenen Werkstätten und Reparatur-Cafés die Hände gebunden – das Problem ist ein politisches. Für das Recht auf Reparatur sämtlicher Geräte wurde im Oktober 2017 in Berlin der „Runde Tisch Reparatur“ gegründet. Hier sitzen Vertreterinnen und Vertreter von Umweltverbänden, aus der reparierenden Wirtschaft, Verbraucherschutzorganisationen, Wissenschaft und Reparatur-Initiativen zusammen, um sich für langlebigere Produkte, Zugang zu Ersatzteilen und Gleichstellung von freien Werkstätten zu engagieren. Johanna Sydow, Sprecherin des Runden Tischs, erklärt das Ziel der Initiative so: „Der Rohstoffabbau schädigt die Umwelt irreversibel, Trinkwasser wird verseucht, Böden werden verschmutzt, Menschen verlieren ihr Land oder müssen umgesiedelt werden. Deshalb brauchen wir ein Umdenken in Politik und Gesellschaft: Wie kommen wir wieder dahin, mehr zu reparieren und nicht beispielsweise immer sofort ein neues Handy anzuschaffen?“ Der „Runde Tisch Reparatur“ drängt deshalb auf eine politische Rahmensetzung, die eine neue Reparatur-Kultur ermöglicht.

© Foto: Sonja Och/GreenpeaceBei einem von Greenpeace organisierten Reparier-Event in Hamburg werden Smartphones repariert – denn ein gesplittertes Display oder eine schlappe Batterie sind keine Gründe zum Wegschmeißen.

Bei einem von Greenpeace organisierten Reparier-Event in Hamburg werden Smartphones repariert – denn ein gesplittertes Display oder eine schlappe Batterie sind keine Gründe zum Wegschmeißen.

Ein wichtiger erster Schritt dazu gelang im Oktober 2019: die Verabschiedung der EU-Ökodesign-Richtlinie durch alle EU-Regierungen. Damit Fernseher und andere Displays, Kühlschränke, Elektromotoren, Waschmaschinen, Geschirrspüler und weitere Geräte nicht ständig auf dem Müll landen, hat die EU-Kommission Vorschriften für die Reparierbarkeit und andere Anforderungen für Lichtquellen, externe Netzteile, Leistungstransformatoren und Schweißgeräte erlassen, die ab 2021 in der EU auf den Markt kommen. Ersatzteile sollen noch lange nach dem Kauf erhältlich (für Kühlschränke sieben, für Waschmaschinen zehn Jahre), in maximal 15 Tagen lieferbar sein und mit einfachem Werkzeug ausgetauscht werden können. Die EU-Kommission will mit diesen Vorschriften den CO2-Fußabdruck Europas verringern. „Durch diese Maßnahmen können die europäischen Haushalte jährlich durchschnittlich 150 Euro sparen. Bis 2030 ließe sich mit den neuen Vorschriften Energie in Höhe des jährlichen Energieverbrauchs Dänemarks einsparen", erklärte Jyrki Katainen, einer der Vizepräsidenten der EU-Kommission in Brüssel.

Computer und Smartphones oft schwer zu reparieren
Der „Right to Repair"-Bewegung gehen diese Maßnahmen nicht weit genug. Die Initiative „Runder Tisch Reparatur“ bemängelt, dass die zulässige Lieferungsfrist für Ersatzteile zu lang bemessen sei und unabhängige Repaircafés und Reparaturbetriebe weiterhin benachteiligt würden. Außerdem sind Computer von der Neuregelung der EU ab 2021 ausgeschlossen, obwohl es gerade in diesem Bereich großen Verbessungsbedarf gibt. Neben der schlechten Reparaturfähigkeit vieler Computer und Smartphones (siehe oben) müsste vor allem das Softwareangebot der Unternehmen stärker in den Blick genommen werden – denn wenn es keine Software-Updates mehr für ein Produkt gibt, werden sie vorzeitig entsorgt. Zwar sind die Geräte noch funktionsfähig, sie werden aber von den Herstellern bei Software-Aktualisierungen nicht mehr berücksichtigt.

Europaweit haben sich im Ende darum Oktober verschiedene Akteure der Reparatur-Bewegung zusammengeschlossen, um ein umfassendes Recht auf Reparatur voranzutreiben. Auf der Kampagnenseite „Right to Repair Europe“ heißt es: „Wir können nicht erwarten, dass der Markt dieses Problem löst. Wenn es für Hersteller rentabler ist, neue Produkte zu verkaufen, als die Reparatur zu erleichtern, kann nur die Gesetzgebung sicherstellen, dass die Hersteller es uns ermöglichen, unsere Produkte reparieren zu lassen.“ Neben ihrer politischen Lobbyarbeit versuchen die Aktivisten auch auf prominente Fälle von Klagen gegen Reparateure aufmerksam zu machen: In Norwegen streitet sich derzeit ein unabhängiger Bastler vor Gericht mit Apple darum, ob es Unrecht sein kann, wenn man Iphones zu einer längeren Nutzungsdauer verhilft. Ein Fall wie David gegen Goliath, der zeigt: Das Ringen um eine nachhaltige Reparatur-Kultur hat in Europa gerade erst begonnen – aber jede kleine Reparatur kann zum Wandel beitragen

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