Den Schluss ihrer viel beachteten knapp einstündigen Rede zur Haushaltsdebatte im Bundestag widmete Angela Merkel einem an dieser Stelle eher ungewöhnlichen Thema: den Bienen. „Bienen stehen Pars pro Toto für das, was wir unter Artenvielfalt verstehen“, sagte sie und hob die Bedeutung des Weltbienentags der Vereinten Nationen hervor, der am Sonntag auf Initiative von Slowenien, einem Land mit langer Imkertradition, zum ersten Mal begangen wird. Immerhin, könnte man sagen, hat die Bundeskanzlerin mal die Aufmerksamkeit auf die für das Leben so wichtigen Tiere gelenkt. Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter der Grünen, nutze allerdings die Gelegenheit, um auf die verfehlte Politik der letzten Jahre hinzuweisen, die wenig bis gar nichts dafür tut, dass es den Wildbienen – und mit ihnen vielen wild lebenden Insekten – wieder besser geht. „Wenn Angela Merkel den Bienenschutz glaubhaft zur Chefsache machen will, muss ihre Regierung viel mehr tun als einmal im Jahr an die Artenvielfalt denken“, sagte der Sprecher für Gentechnik und Bioökonomiepolitik seiner Fraktion. „Ohne echten Kurswechsel in der Agrarpolitik werden wir den dramatischen Verlust von Vielfalt, Bienen und anderen Insekten nicht stoppen können.“

Die Biene ist zum Symbol des allgemeinen Insektensterbens geworden, nicht nur für die Bundeskanzlerin. Wie dramatisch die Situation wild lebender Insekten ist, hat die bekannte Langzeitstudie der Krefelder Entomologen aus dem vergangenen Jahr gezeigt: Seit Ende der achtziger Jahre gab in manchen Regionen Deutschlands einen Verlust von achtzig Prozent der Biomasse von Insekten. Indessen sind sich die meisten Imker und Wissenschaftler einig: Ein Aussterben der Honigbiene ist eher unwahrscheinlich, solange es Imker gibt. Lenkt sie also nur vom eigentlichen Problem ab oder hilft es vielleicht doch, die Biene als Sympathieträger zu nutzen, um auf die Bedrohung aller Insekten Aufmerksam zu machen: die intensive Landwirtschaft mit giftigen Pflanzenschutzmitteln? 

Aha-Effekt und bunte Wiesen

Selbst Discounter, deren Lebensmittel nicht gerade dafür bekannt sind, besonders umweltverträglich zu sein, schenken den Bienen Aufmerksamkeit. Letztlich handelt es sich zwar auch um PR-Aktionen, doch der Aha-Effekt für die Besucher der Penny-Filiale in Hannover-Langenhagen dürfte groß gewesen sein. Penny hatte in der vergangenen Woche gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) alle Produkte aus den Regalen geräumt, die direkt oder indirekt abhängig sind von der Bestäubung durch Bienen. In der Filiale gab es also fast kein Obst mehr (Bananen und Ananas zum Beispiel werden nicht von Bienen bestäubt), keinen Kakao und kaum mehr Kosmetikprodukte. Insgesamt räumten die Mitarbeiter über die Hälfte der 2.500 Artikel des Sortiments aus.

© Penny/REWE GroupBiene weg, Regal leer. Verschwinden alle „Bienen-Produkte" aus dem Supermarkt, bleibt nicht mehr viel übrig
© Penny/REWE Group

Biene weg, Regal leer. Verschwinden alle „Bienen-Produkte" aus dem Supermarkt, bleibt nicht mehr viel übrig

Und Aldi Süd hat sich einem Projekt angeschlossen, dem das Greenpeace Magazin schon seit Jahren verbunden ist: dem Netzwerk Blühende Landschaft, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Honig- und Wildbienen sowie allen anderen nektar- und pollensammelnden Insekten wieder mehr Nahrung zu verschaffen und eine Umwelt zu gestalten, in der Tiere sich wohlfühlen. Aldi Süd kündigte im April an, gemeinsam mit dem Netzwerk immerhin 500 mal 500 Meter Blühflächen anzulegen und Filialdächer zu bepflanzen.

Zurück in die Stadt

Die „ausgeräumten Landschaften“ auf dem Land gleichen grünen Wüsten, wo nach dem Raps nichts mehr blüht. Längst ist die Stadt mit ihren Parks und Kleingärten zum El Dorado der Imkerei geworden. Dabei warnen Experten bereits vor zu vielen Honigbienen in der Stadt. Denn während die Wildbienen immer weniger werden und es insgesamt viel zu wenig Imker und damit auch zu wenig Honig aus Deutschland gibt, nimmt die Anzahl der Imker in Großstädten immer weiter zu. Ob Berlin, Hamburg, Frankfurt oder München, auf Dächern, Brachflächen oder im heimischen Garten – überall liegt es im Trend, Bienenvölker zu halten. In Köln und in der Hauptstadt soll die sich die Zahl der Imker in den letzten zehn Jahren jeweils verdreifacht haben. Das führt jedoch nicht dazu, dass es deutschlandweit mehr Bienenvölker gibt, teilte der Deutsche Imkerbund mit. Die neuen Imker in der Stadt halten tendenziell weniger Völker.

© Enver HirschDiese Wiese haben Sie gepflanzt! Für jedes neu abgeschlossene Abo lassen wir 20 Quadratmeter Vielfalt pflanzen. Unsere Partner bei diesem Projekt sind das „Netzwerk Blühende Land­schaft“ und der Landwirt Hauke Hintz aus dem Dorf Kleve bei Itzehoe
© Enver Hirsch

Diese Wiese haben Sie gepflanzt! Für jedes neu abgeschlossene Abo lassen wir 20 Quadratmeter Vielfalt pflanzen. Unsere Partner bei diesem Projekt sind das „Netzwerk Blühende Land­schaft“ und der Landwirt Hauke Hintz aus dem Dorf Kleve bei Itzehoe

Trotzdem kann das innerstädtische Imkern zum Problem werden. Melanie von Orlow, Wildbienenexpertin beim Nabu Berlin und Vorsitzende des Imkervereins Reinickendorf, weist darauf hin, dass zu viele Bienenvölker pro Quadratmeter nicht gesund für die Stadtnatur sind. „Die Grenzen sind überschritten“, sagte sie im Deutschlandradio. Eine hohe Bienendichte kann dazu führen, dass sich Krankheiten der Bienen auf andere Insekten ausbreiten. In Berlin leben mittlerweile über sechs Völker auf einem Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern sind es beispielsweise nur 0,6 Völker pro Quadratkilometer.

Was können wir also tun, was ist richtig, was vielleicht nicht so gut? Anruf bei Timm Koch. Koch ist Imker, baut sein eigenes Gemüse an, und er hat ein sehr persönliches, literarisches Buch über die Biene geschrieben („Herr Bien und seine Feinde“), das im März erschienen ist. Darin erzählt er die Geschichte der Imkerei, die Faszination des Menschen für die Biene und kommt am Ende auch auf die Feinde zu sprechen: die Pestizidhersteller.

Herr Koch, Sie sind selbst Imker. Sterben ihnen die Bienen unter den Handschuhen weg?

Nein, natürlich nicht. Ich habe vor 15 Jahren angefangen zu imkern und ich habe immer mal wieder Völker verloren. Das ist normal. Was mir aber aufgefallen ist: Ich habe zwei Standorte, einen im Rheintal, wo Landwirtschaft kaum stattfindet, und einen im Siebengebirge, wo durchaus Landwirtschaft betrieben und auch mit Pflanzenschutzmitteln gearbeitet wird. Wenn ich aus ungeklärten Gründen Völker verloren habe, dann dort oben. Es ist vorgekommen, dass ich noch 200 tote Bienen vorfand, es hätten aber eher 7000 sein müssen. Dieses unerklärliche Verschwinden der Bienen habe ich dort oben tatsächlich erlebt. Das ist aber nicht mehr oder weniger geworden in den letzten Jahren.

Was hat es mit diesem „unerklärlichen Verschwinden“ auf sich?

Ich hatte für die Recherchen zu meinem Buch Kontakt zu Professor Randolf Menzel, einem Neurowissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Dessen langjährige Forschung hat dazu beigetragen, dass kürzlich die drei Neonicotinoide verboten wurden. Er dressiert Bienen und setzt dann eine Vergleichsgruppe den Pflanzenschutzmitteln aus. Dabei hat er festgestellt, dass die Bienen danach wie auf Koks sind. Die schlafen nicht mehr und haben am nächsten Morgen vergessen, was sie am Abend zuvor gelernt haben. Deswegen finden sie nicht zurück in den Stock. Daran geht der Schwarm letztlich zugrunde: Die Tiere sind verwirrt und finden nicht zurück. Für mich ist diese Erklärung plausibel.

Bringt das Verbot der drei Neonicotinoide etwas?

Ich begrüße das natürlich, es ist aber kein Verbot, sondern nur eine Einschränkung, da die Mittel in Gewächshäusern weiterhin erlaubt sind. Genauso wie drei andere Neonics weiterhin erlaubt sind. Ich muss bei diesem Thema immer an den Satz eines Professors von Bayer denken, den ich in meinem Buch nicht drucken durfte. Der sagte: „Wenn die Neonics verboten werden, nehmen wir eben die synthetischen Pyrethroide.“ Fünfzig Gramm davon reichen aus, um auf einem Hektar Land alle Insekten zu töten. Und diese Mittel sind in Deutschland zugelassen. Eigentlich müsste man alle synthetischen Pflanzenschutzmittel in der Gesamtheit ächten, so wie Landminen geächtet werden.

Die Krefeld-Studie im vergangenen Jahr hat viel Aufmerksamkeit erregt. Ändert sich jetzt was?

Es würde sich nur etwas ändern, wenn man den Ökozid juristisch verfolgen und die für mich kriminellen Kartelle der Pestizidhersteller und Saatgutverwalter zerschlagen würde.

© Enver HirschBienen neuen Lebensraum zu verschaffen, das hilft auch anderen Insekten
© Enver Hirsch

Bienen neuen Lebensraum zu verschaffen, das hilft auch anderen Insekten

Viele Menschen sorgen sich um die Biene – und tun etwas, um sie zu schützen. Hilft das nicht?

Jeder kann es Bienen und anderen Insekten in seiner nächsten Umgebung so angenehm wie möglich machen. Urbane Zentren sind mittlerweile zu Rückzugszentren der Natur geworden. Man muss halt mal weg vom englischen Rasen und stattdessen Wiesen wachsen und blühen lassen. Man kann Wildbienenhotels aufstellen. Jeder kann seinen kleinen Beitrag leisten. Das ist wichtig, denn wir dürfen nicht auf diejenigen reinfallen, die sagen: die Honigbiene wird es immer geben, solange es Imker gibt. Da ist zwar etwas dran, es verkürzt aber das Problem. Wir können durch Imkerei die Verluste ausgleichen, aber es suggeriert den Menschen: ah, die Biene wird gerettet, dann ist ja alles gut. Dass wir aber seit Ende der achtziger Jahre fast 80 Prozent an Biomasse der Insekten verloren haben, wird dann oft unterschlagen.

Mehr zum Thema

MEHR BEITRÄGE

Jahresabo inkl. Prämie ab

35,50 €

Deutschlands größtes Umweltmagazin

Fundiert. Konstruktiv. Unabhängig.

Jetzt Abonnieren