Wenn man sich fragt, wie die Energieversorgung von morgen aussehen kann, dann wäre Wildpoldsried wohl nicht der erste Ort, an dem man nach der Antwort suchen würde. Mit gerade einmal 2500 Einwohnerinnen und Einwohnern ist das Dorf ganz im Süden Deutschlands eine der kleinsten selbständigen Gemeinden im Landkreis Oberallgäu, will heißen: Viel kleiner geht‘s nicht. Auf der Startseite des Internetauftritts grüßen fünf Kühe der Rasse Allgäuer Braunvieh von einem Foto, aber im Untertitel steht da auch: das Energiedorf.

Den Namen trägt es, weil Wildpoldsried Energie zu seinem Thema gemacht hat, genauer: erneuerbare Energie. Schon seit Jahren produziert das kleine Dorf weitaus mehr sauberen Strom, als es verbraucht. Im Januar war das etwa achtmal so viel wie der eigene Bedarf – jetzt im Winter hauptsächlich mit der Kraft des Windes, im Sommer kommt mehr Sonnenenergie dazu. Für ihre Fortschrittlichkeit erhielt die Gemeinde schon zweimal den European Energy Award. Für das Projekt „pebbles“ – „Peer-to-Peer Energiehandel auf der Basis von Blockchains“ – waren das ideale Voraussetzungen. Denn das Projekt testet einen dezentralen Stromhandel, und dafür braucht es viele dezentrale Stromproduzierende.

Warum man die gerade in Wildpoldsried findet, erklärt Joachim Klaus, Ingenieur beim Allgäuer Überlandwerk und Projektleiter von pebbles: „Die Bürgerinnen und Bürger von Wildpoldsried sind sehr ökologisch eingestellt. Und sie haben vor einigen Jahren erkannt, dass man mit erneuerbaren Energien auch ganz gut Geld verdienen kann.“ Statt mit Milch würden die Bäuerinnen und Bauern inzwischen mit Photovoltaik-, Wind- und Biogasanlagen ihr Geld verdienen, ihre Kühe behielten sie eher als Hobby. Der 28-jährige Joachim Klaus betreut pebbles seit dessen Startschuss im Jahr 2018. Wir sind zum Videoanruf verabredet, als seinen Hintergrund hat er ein Foto aus der Vogelperspektive von Wildpoldrieds Umland gewählt. Darauf verbinden leuchtend weiße Linien über grüne Wiesen und Wälder hinweg Bauernhöfe und Einfamilienhäuser miteinander, sie symbolisieren den Strom, der nun zwischen ihnen fließt.

Strom wird in Deutschland eigentlich direkt zwischen Stromversorgern und -händlern gehandelt. Beachtet wird dabei aber ausschließlich Angebot und Nachfrage, und nicht etwa, wie stark eine Leitung bereits aus- oder sogar schon überlastet ist. Je mehr die Energiewende voranschreitet, desto mehr werden Leitungen überansprucht werden, denn mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien verschieben sich die Schwer­punkte der Stromerzeugung, zum Beispiel zu den Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee. Um dem entgegenzuwirken, testet pebbles einen radikal lokalen Ansatz: Die Bewohnerinnen und Bewohner und Gewerbetreibenden einer Ortschaft sollen selbst produzierten Strom untereinander handeln können – die Auslastung des lokalen Netzes dabei immer im Blick. Mit dem Projekt wollen sie zeigen, dass sich Engpässe im Stromnetz durch lokale Lösungen vermeiden lassen und damit die Kosten für die Energiewende gesenkt werden können.

Zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer probieren das in der aktuell laufenden Testphase aus. Bei der Auswahl sei ihnen eine diverse Gruppe wichtig gewesen, erzählt Joachim Klaus: „Bei solchen Vorhaben bekommt man leider oft die Antwort: Da müssen sie mit meinem Mann sprechen.“ Sie wollten aber auch Frauen dabei haben, auch ein älteres Rentner-Ehepaar konnten sie für das Projekt begeistern. Alle wurden mit Messinstrumenten ausgestattet und den für den Handel nötigen Programmen und Apps vertraut gemacht. Eigentlich sei ein Stammtisch für die Teilnehmenden alle zwei Wochen in der Dorfkneipe geplant gewesen, um gemeinsam technische Schwierigkeiten besprechen zu können. Der fällt wegen der Pandemie nun natürlich weg, stattdessen müsse eins zu eins betreut werden.

Wer keine Betreuung braucht, sind die virtuellen Teilnehmenden, mit denen die Projektbetreibenden die reale Gruppe ergänzen. Die haben zum Vorteil, dass sich ihr Verhalten entsprechend verschiedener Szenarien programmieren lässt. Auf dem Energiecampus, einer Art wissenschaftlichem Containerdorf, simulieren sie zudem einen größeren industriellen Teilnehmer. Das machen sie mithilfe einer Lastbank, die die gewünschte Strommenge verbraucht, indem sie Wärme erzeugt. „Im Prinzip funktioniert die wie eine große Heizung“, sagt der pebbles-Projektleiter. Jetzt können er und seine Kollegen beobachten, wie Privathaushalte ihren überschüssigen Strom tagsüber etwa an den Supermarkt verkaufen, und nachts Strom aus einem Batteriespeicher beziehen. „Es ist sehr sinnvoll, die Energie auch gleich dort zu verbrauchen, wo sie produziert wird, ähnlich wie wenn man Eier vom Bauernhof nebenan holt“, so Klaus.

Dabei gibt es auch einen finanziellen Anreiz: Für viele Wind- und Solaranlagen fällt nun nach zwanzig Jahren Laufzeit erstmals die Förderung durch die EEG-Umlage weg. Die wird bekanntlich von allen Stromkundinnen und Stromkunden über die Stromrechnung gezahlt. In einem lokalen Handel, in dem man weiß, von welcher Anlage man Strom kauft, müsste man die EEG-Umlage nicht zahlen, wenn die Anlage die Förderung nicht mehr erhält.

Gesichert wird der Handel untereinander von der Blockchain-Technologie – die vor allem für die Verschlüsselung von Kryptowährungen bekannt ist. Die Idee: Statt an einem zentralen Ort wird die Datenbank bei allen Marktteilnehmenden gespeichert und mit jeder Transaktion aktualisiert, das macht sie vor Manipulation sicher. „Die Blockchain-Architektur ist dezentral, wie auch der lokale Stromhandel“, sagt Joachim Klaus, das habe perfekt zusammengepasst.

Zur Zeit seien die bürokratischen Hürden für die Teilnahme am Strommarkt allerdings noch viel zu hoch. Denn erstens muss jede Person, die Strom verkaufen will, ein Energieversorgungsunternehmen gründen. Zweitens muss sie dann für jede verkaufte Stromeinheit eine Rechnung stellen. „In unserem Konzept könnte man seinen Strom jede Viertelstunde an jemand anderes verkaufen“, sagt Klaus. „Das wären 96 Rechnungen für nur einen Tag.“ Wenn der lokale Handel über das Versuchsprojekt hinaus funktionieren soll, muss das Ganze einfacher werden.

An pebbles sind neben dem Allgäuer Überlandwerk auch Siemens, die Hochschule Kempten und das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik beteiligt. Gefördert wird das rund zehn Millionen Euro teure Projekt knapp zur Hälfte vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Im Oktober letzten Jahres wurde die Praxisphase eingeläutet. Auf der digitalen Eröffnungsfeier lobte Andreas Feicht, Staatssekretär des BMWi, pebbles als „sehr wichtiges Projekt“ für das „Gelingen der Energiewende“. Mit Visionen, wie breit solche lokalen Netze mal in ganz Deutschland eingesetzt werden könnten, hielt er sich aber zurück. Joachim Klaus hat eine Vermutung warum: „Der lokale Ansatz ist vielen ein Dorn im Auge, gerade den ganz großen Energiebetreibern“, und die könne das Ministerium nicht ignorieren. „Außerdem sagen wir: Wenn man nur ein lokales Netz benutzt, dann sollte man auch weniger Netzentgelt bezahlen müssen“, fährt er fort. „Da sträuben sich bei den Leuten im BMWi die Nackenhaare.“

Im November diesen Jahres läuft das Projekt aus, die Bewerbungen für Folgeprojekte laufen bereits. Denn die Beteiligten wollen, dass Wildpoldsried weiterhin die Ideenschmiede für ein Gelingen der Energiewende bleibt.

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