Ein Häuschen im Grünen, am Stadtrand, mit freiem Blick und viel Platz – die Mehrheit der Menschen in Deutschland träumt diesen Traum. 60 Prozent von ihnen wünschen sich einer Umfrage zufolge ein Leben im Einfamilienhaus. Und viele erfüllen sich diesen Traum auch: 15,9 Millionen Einfamilienhäuser stehen offiziellen Angaben zufolge im Land, seit 20 Jahren steigt die Zahl kontinuierlich.

Und das ist ein großes ökologisches Problem: Jede neu errichtete Siedlung bedeutet neue Straßen und steigenden Ressourcenverbrauch. Naherholungsgebiete im Umkreis von Städten und Ballungsräumen werden immer weiter zerschnitten, Tiere und Pflanzen verlieren dringend benötigten Raum, in dem sie ungestört leben können. Und weniger Fläche bedeutet oft auch intensivere Landwirtschaft – mit drastischen Folgen für die Umwelt. Fruchtbarer Boden ist knapp, zumal in einem dicht besiedelten Land wie in Deutschland. Es dauert 80 Generationen, bis eine Handbreit Boden nachwachsen kann – aber nur wenige Stunden, um ihn zu versiegeln. Neben den größten deutschen Flächenfressern Sachsen und Thüringen wird auch in Bayern besonders viel Land zugebaut. Der aktuelle Flächenverbrauch beträgt dort 10,8 Hektar pro Tag – 15 Fußballfelder in nur 24 Stunden.

Die Debatte darüber, wie wir mit unseren begrenzten Flächen besser haushalten können, nimmt in Deutschland gerade erst Fahrt auf. Anton Hofreiter, Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion, erklärte unlängst öffentlich, dass der Trend zu Einfamilienhäusern angesichts der Klimakrise und des Artensterbens eine fragwürdige Praxis sei. „Die Klimakrise ist mittlerweile so fortgeschritten, dass wir jeden Quadratmeter unbebaute Fläche in unserem Land schützen sollten“, bestätigt die Professorin für Architektur- und Wohnsoziologie an der Universität Stuttgart Christine Hannemann im Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“.

Im kleinen Örtchen Waldsassen im Nordosten Bayerns hat man daher den großen Schnitt gewagt: Seit 12 Jahren wies die Gemeinde keine neuen Bauflächen mehr aus. Ende der Neunzigerjahre stand die örtliche Porzellanindustrie, die das Stadtbild geprägt hatte, vor dem Aus. Die Einwohnerzahlen sanken, die wirtschaftlichen Probleme wurden immer größer. Teile der weitläufigen Klosteranlagen des Cistercienserinnen-Ordens im Stadtkern drohten einzustürzen – Symbol für den Zerfall, der der ganzen Gemeinde bevorzustehen schien. Die Stadt entschied sich für ein neues, ungewöhnliches Konzept: mit den vorhandenen Flächen haushalten und dort Entwicklung ermöglichen. Und was heißt das konkret? „Ich räume gerne auf“, sagt Bernd Sommer, Bürgermeister der Gemeinde und engagierter Flächensparer. Er setzt sich dafür ein, dass marode Gebäude abgerissen, brachliegende Flächen und Immobilien in der Stadt genutzt werden, bevor am Rand der Stadt neu gebaut wird.

Sommer ist seit 2008 im Amt und trieb seither den Umbau der Gemeinde voran. Gemeinsam mit dem Stadtrat entwarf der pfiffige CSU-Politiker einen „Masterplan“ dafür, wie die Gemeinde in Zukunft aussehen sollte: mit einem belebten Stadtkern, der dem Charakter der Stadt entspricht und für die Bürgerinnen und Bürger ansprechend ist. „Der vielleicht wichtigste Schritt war, die Menschen für die Neuerungen zu begeistern“, erklärt Bernd Sommer. Dafür wurden in Waldsassen etwa Stadtführungen angeboten, die direkt vor Ort über die Pläne informierten. Aber auch viele Gespräche mit Eigentümern und Bauwilligen, die für den „Masterplan“ begeistert werden sollten, waren Teil dieser Offensive. „Wir hatten hier einmal zwei junge Paare, die gerne ein neues Haus am Rand von Waldsassen bauen wollten. Ich habe ihnen stattdessen ein 300 Jahre altes barockes Haus in der Stadtmitte gezeigt – leerstehend und sanierungsbedürftig. Und sie haben sich darauf eingelassen“, erzählt Sommer.

Im Oktober 2019 wurde Waldsassen für seine Politik vom Freistaat Bayern als „Flächenbewusste Kommune“ ausgezeichnet. Das Beispiel zeigt: Flächenrecycling ist mehr als ein bürokratisches Verfahren. Es braucht Zeit, viel Kommunikation und persönlichen Einsatz. Und sehr viel Geld. Die Gemeinde Waldsassen nutzte staatliche Zuschüsse wie die Städtebauförderung, bei der Bund und Länder Finanzhilfen für die Kommunen bereitstellen. Die nachhaltig angelegte Entwicklung in Waldsassen, so sagt Bernd Sommer, sei mit einem hohen Millionenbetrag gefördert worden.

Zwischenzeitlich haben die Waldsassener Bernd Sommer den Titel „Abbruchbürgermeister“ verliehen – liebevoll sei das gemeint, erklärt der so Bezeichnete. „Am Anfang wurde unser Vorgehen belächelt und auch für verrückt gehalten. Das ist vorbei, seit wir die Ergebnisse unseres Planes sehen,“ erklärt Sommer. Tatsächlich hat die gewiefte Umplanung mittlerweile deutliche Spuren in Waldsassen hinterlassen. Das Stadtbild ist auffallend aufgeräumt, auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik ist ein Skatepark entstanden, der junge Menschen aus der ganzen Region anzieht. Das Kloster ist mittlerweile saniert und gilt als touristische Attraktion. Und dafür musste keine zusätzliche Fläche versiegelt werden.

Damit schaffte die kleine oberpfälzische Gemeinde eine Wende, wie sie bundesweit noch die große Ausnahme darstellt. 2002 hatte die Bundesregierung im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie zwar schon einmal das Ziel vorgegeben, den täglichen Zuwachs der Siedlungs- und Verkehrsfläche bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar zu reduzieren. Aber die Zahl wurde verfehlt. Nun soll der Zuwachs an Verkehrs- und Siedlungsflächen bis zum Jahr 2030 auf „weniger als 30 Hektar“ begrenzt werden.

Brauchen wir also dringend Waldsassener Verhältnisse in ganz Deutschland? „Was wir hier gemacht haben, ist keine Blaupause für andere Gemeinden und Orte“, sagt Bürgermeister Bernd Sommer. „Am Ende müssen die Maßnahmen zur Stadt passen und zu den Menschen vor Ort.“ Ihn freue, dass Flächenrecycling nun endlich die nötige Aufmerksamkeit bekomme. Aber eben noch mehr, dass man in Waldsassen auch in den kommenden zwanzig Jahren keine großen Neubaugebiete brauche. Das zeigt: Um zu wachsen, braucht es nicht immer neue Flächen und neue Häuser – manchmal reicht ein frischer Blick auf das Bestehende, um eine Gemeinde nachhaltig zukunftsfähig zu gestalten.

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