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Update 1.10.20, 13:30 Uhr

Gemeinsam mit Fridays for Future (FFF) und JugendaktivistInnen "Antikohle-Kidz" haben zehn DemonstrantInnen vom Aktionsbündnis "Ende Gelände" am Vormittag einen Balkon der Hessischen Landesvertretung in Berlin erklommen und Banner aufgehängt. Vor der Einfahrt versammelten sich rund hundert Menschen, die den sofortigen Baustopp der A49 forderten. "Mitten in der Klimakrise einen Wald für eine neue Autobahn zu roden ist klimapolitischer Wahnsinn", teilte Riva Morel von FFF Friedrichshain-Kreuzberg mit. Derweil laufen die schon am Donnerstag begonnenen ersten Rodungsarbeiten im am Dannenröder Wald angrenzenden Herrenwald. Die Polizei hatte zuvor mehrere Baumhäuser geräumt und abgerissen sowie eine Sitzblockade aufgelöst.

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Update 16.09.20, 11:45 Uhr

Die Polizei hat heute morgen ab 10 Uhr mit der Räumung von Barrikaden im Dannenröder Wald begonnen. Auf Twitter wurden Bilder von handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Einsatzkräften und AktivistInnen veröffentlicht. Die KlimaschützerInnen berichteten zudem von Festnahmen. Gegenüber hessischen Medien erklärte das für den Autobahn-Bau zuständige Unternehmen DEGES, dass nur Barrikaden auf den Waldwegen geräumt werden sollen, damit notwendige Zufahrts- und Rettungswege frei blieben. AktivistInnen sehen die heutige Räumung als Wegbereiter für die Auflösung der gesamten Besetzung.

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Im Wald bei Dannenrod herrscht seit Wochen Aufregung. Denn in den kommenden Wochen beginnt die Rodungssaison und es könnten die letzten Tage des 250 Jahre alten Buchenmischwaldes sein.

Schon jetzt dröhnen Polizeihubschrauber über dem Wald, rüsten sich die UmweltschützerInnen für die anstehende Räumung. Für Oktober hat die zuständige Baugesellschaft Deges den Beginn der Fällarbeiten im Dannenröder Wald angekündigt – die AktivistInnen gehen davon aus, dass die Räumung der Besetzung jeden Tag beginnen kann. Denn im Forst am Rand der Kleinstadt Homburg (Ohm), 35 Kilometer nordwestlich von Gießen entfernt, eskaliert derzeit ein seit vier Jahrzehnten schwelender Streit: Es geht dabei um den geplanten Streckenausbau zwischen Kassel und Gießen, 87 Kilometer Autobahn. Der letzte Teilabschnitt führt auch durch den 250 Jahre alten Dannenröder Wald, ein Wasserschutzgebiet, das rund eine halbe Million Menschen mit Trinkwasser versorgt. Wie schon im Hambacher Wald, der dem Braunkohletagebau weichen soll, wogegen schon seit 2012 protestiert wird, wollen einige Naturschutz- und KlimaaktivistInnen auch den Dannenröder Wald mit allen Mitteln vor der Abholzung bewahren.

Der Autobahnausbau spaltet die Region: Viele AnwohnerInnen hoffen, dass die neue Autobahn die Verkehrslage in den umliegenden Dörfern entspannt. Und auch die ansässige Industrie, darunter Ferrero, der größte Arbeitgeber der Gegend, wünscht sich eine bessere Anbindung. Doch Umwelt- und KlimaschützerInnen halten die Rodung intakter Wälder zugunsten von Autobahnen für unzeitgemäß: „Es kann nicht angehen, dass in Zeiten der Klimakrise, wo ein Dürrejahr auf das nächste folgt und die ganze Welt brennt, hier ein gesunder Wald und ein intaktes Wasserschutzgebiet zerstört werden soll“, sagt die Aktivistin Joschik dem Greenpeace Magazin. Die junge Frau, die wie fast alle AktivistInnen nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, ist seit einem Jahr Teil der Besetzung. Wie viele ihrer MitstreiterInnen verbindet auch sie den Erhalt des Waldes mit der Forderung nach Klimaschutz und einer Mobilitätswende.

Unter dem Motto „Wald statt Asphalt“ protestiert mittlerweile ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis gegen die geplante Rodung: Naturschutzverbände wie der BUND, Nabu, Greenpeace und Robin Wood unterstützen den Widerstand. Seit November 2019 sind in den Baumkronen der Buchen in 25 bis 20 Metern Höhe Baumhäuser gebaut worden, aus Bauholz, Paletten und Planen. Vom Boden aus sind sie im dichten Blätterdach zunächst gar nicht zu entdecken, laut Angaben der AktivistInnen sollen es mittlerweile rund 50 Häuser sein. Bis zu 100 Menschen halten sich derzeit im Wald auf, um ihn vor den Baggern und Sägen zu bewahren. Mit Solarzellen versorgen die BesetzerInnen sich mit Strom, sie waschen sich im Fluss und „containern“ ihr Essen in den Supermärkten der umliegenden Dörfer. Was noch bis Juli ein beschauliches Lager im Wald war, könnte aber bald schon zum Schauplatz handfester Auseinandersetzungen mit der Polizei werden.

<p>Forsthaus: Die WaldbesetzerInnen haben sich Hütten auf Stelzen und in den Baumkronen gebaut.</p>

Forsthaus: Die WaldbesetzerInnen haben sich Hütten auf Stelzen und in den Baumkronen gebaut.

Seit Monaten werden Barrikaden im Wald gebaut, AktivistInnen von Fridays for Future und Extinction Rebellion sind zur Besetzung dazu gestoßen, auch das Aktionsbündnis Ende Gelände hat zur Unterstützung für den „Danni“ aufgerufen. Manchen gilt der Dannenröder Wald gar als „der neue Hambi“. Und tatsächlich haben viele der hiesigen WaldbewohnerInnen auch schon den Hambacher Wald gegen die Rodung verteidigt, einige pendeln zwischen den Besetzungen hin und her, man hört hier und da Menschen im rheinischen Singsang sprechen. Es gebe viel Wissensaustausch zwischen der größten und der jüngsten Waldbesetzung in Deutschland, bestätigen die AktivistInnen. Besonders sei hier, im Dannenröder Wald, die enge und freundschaftliche Zusammenarbeit mit den lokalen Initiativen – bei Besetzungen im Rheinland oder in der Lausitz ist diese Solidarität keine Selbstverständlichkeit. Den BesetzerInnen im Dannenröder Wald wird Essen gebracht, sie bekommen Baumaterial und werden im Winter mit Kleiderspenden unterstützt. So bestätigen es die AktivistInnen aus der Besetzung und aus dem bürgerlichen Bündnis „Keine A49“.

Eine ihrer Fürsprecherinnen ist Barbara Schlemmer. „Die Autobahn würde die Region mit weiterem Verkehr belasten und durch jetzt schon geplante Logistikzentren die Natur noch weiter zerstören“, sagt die pensionierte Lehrerin. Alternative Lösungen für die Verkehrsbelastung wie Umgehungsstraßen oder ein Ausbau des Schienenverkehrs seien jahrzehntelang von der Politik ausgebremst worden. „Wir werden nicht aufhören, uns gegen dieses Projekt zu stellen“, sagt Schlemmer, „wenn hier eine Räumung kommt, dann sitzen ich und der halbe Landkreis im Wald.“

Schlemmer ist selbst Mitglied der Grünen und über die Haltung der Partei in der hessischen Koalition entrüstet. Im Dannenröder Wald könnte nun jederzeit durch die Hand der schwarz-grünen Landesregierung die Räumung beginnen. Der grüne Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir und seine Partei fühlen sich dem Planfeststellungsbeschluss der Vorgängerregierung verpflichtet – auch, wenn das Vorhaben viele der Grundprinzipien der Partei in Frage stellt. „Al-Wazir verbaut unsere Zukunft“, sagen die jungen KlimaaktivistInnen im Wald – der Minister äußerte kürzlich in einem Interview mit dem „Gießener Anzeiger“ die Sorge, dass die Proteste eskalieren könnten. „Wir hatten ja schon teilweise Versuche, Baumaschinen anzuzünden, was potenziell auch Menschen hätte gefährden können", sagte Al-Wazir. „Dementsprechend ist mein großer Appell an alle, dass dieser Protest bitte, bitte friedlich bleiben muss.“ Mindestens 1000 Einsatzkräfte aus ganz Deutschland sollen für die anstehende Räumung vor Ort sein, erklärte der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft (GdP) im Vorfeld.

Dass nicht schon im letzten Herbst gerodet wurde, ist dem Aktionsbündnis „Keine A49“ zu verdanken: Weil sie im vergangenen Jahr Mängel bei naturschutzfachlichen Ausgleichsmaßnahmen nachweisen konnten, musste die Rodung verschoben werden. Doch Ende Juni 2020 zerschlug sich die Hoffnung der Naturschützer, das Projekt auf juristischem Weg langfristig stoppen zu können: Ihre Klage für die Einhaltung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie vom Bundesverwaltungsgericht wurde abgewiesen. Jetzt bleiben ihnen nur noch die Besetzung und der Protest als letzte Mittel.

„Wir mobilisieren auf allen Ebenen. Wir organisieren Demos, gehen in die Öffentlichkeit, machen den Wald in den sozialen Medien bekannt. Wir wollen, dass so viele Menschen wie möglich kommen und uns bei der Verteidigung des Waldes unterstützen“, sagt Momo, einer der Aktivisten vor Ort.

Nach einigem Streit im Vorfeld hat das Regierungspräsidium Gießen in den letzten Tagen zwei Protestcamps außerhalb des Waldes zugelassen: eines auf dem ehemaligen Sportplatz in Dannenrod und eines im 8 km entfernten Schweinsberg (Stadtallendorf). Unter Auflagen können sich dort bis zu 500 Menschen jeweils bis 23 Uhr versammeln, Übernachtungen sind jedoch verboten.

Um noch mehr Menschen für den Protest zu gewinnen, veranstalten die AktivistInnen zwischen dem 18. September und dem 4. Oktober im Dannenröder Wald ein „Skillshare-Camp“. Dort soll vermittelt werden, wie man klettert, wie man eine Plattform baut und wie man sich verhält, wenn geräumt wird. „Wir wollen allen Interessierten die Möglichkeit geben, sich hier einzubringen“, erklärt Momo, „wir können jede Hand gebrauchen und die Zeit drängt. Wer den Wald beschützen will, sollte jetzt in den Danni kommen.“

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