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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.13

Alarmsignale aus der Arktis

Text: Bill McKibben Übersetzung: Kerstin Eitner

Das grönländische Eis schmilzt schneller als erwartet. Ein neues geologisches Zeitalter bahnt sich an

Kein anderer Ort der Erde verändert sich schneller, nirgendwo ist die Veränderung von größerer Tragweite als in Grönland: Ende Juli 2012 berichtete die Nasa, die gesamte Oberfläche des Festlandeises der größten Insel der Welt schmelze – ein „außergewöhnliches Ereignis“, wie es seit mindestens 150 Jahren nicht aufgetreten ist. Die Entdeckung lenkte die Aufmerksamkeit der Medien auf eine Gegend, die selten Schlagzeilen macht. „Rasche Eisschmelze verblüfft Wissenschaftler“, schrieb das Wall Street Journal.

In Wirklichkeit waren die Wissenschaftler überhaupt nicht verblüfft. Ein erst wenige Wochen zuvor veröffentlichtes Papier hatte bereits prognostiziert, auf der Insel drohe eine abrupte flächendeckende Schmelze. Der rapide Eisverlust ist nur das letzte in einer ganzen Kette von Ereignissen, die das Verständnis vom Verhalten der „Kryosphäre“ – also der gefrorenen Regionen der Erde – auf den Kopf gestellt haben. Zusammengenommen lassen diese Ereignisse neue Schlüsse darüber zu, wie schnell die Ozeane infolge des globalen Klimawandels ansteigen und somit das Schicksal großer Küstenstädte wie New York, Miami oder Mumbai bestimmen werden.

Jason Box, 39, Wissenschaftler am Byrd Polar Research Center in Columbus im US-Bundesstaat Ohio, hat vermutlich mehr Zeit in Grönland verbracht als irgendein anderer Amerikaner seiner Generation. Schon als Student der Universität von Colorado half er seinem Professor, eine Reihe automatischer Wetterstationen aufzustellen. Im Juli 2012 schlief er auf einem Segelboot in der Nähe der Mündung eines riesigen Gletschers und flog mit einem Helikopter auf das Eis, um noch mehr Sensoren zu installieren. Der Wandel, den er und sein Team im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte gemessen haben, ist erschreckend.

„Als ich zum ersten Mal in einer Vorlesung über Gletscherkunde saß“, sagt Box, „veranschlagte die gängige Lehrmeinung die Reaktionszeit des Eispanzers im Fall einer Erwärmung auf 10.000 Jahre.“ Wissenschaftler glaubten, die Eisdecke sei ein überwiegend unbeweglicher, festgefrorener Block. Sollten die Gletscher infolge der Erderwärmung schmelzen, würde dieser Prozess in, nun ja, eiszeitlichen Dimensionen ablaufen.

Doch seit 2002 hatten Wissenschaftler eine Reihe von Aha-Erlebnissen, nachdem sie das Navigationssatellitensystem GPS eingesetzt und Folgendes herausgefunden hatten: Schmelzvorgänge an der Eisoberfläche können dazu führen, dass große Flächen der Eisdecke aus ihrer Verankerung brechen – und zwar in Stunden und nicht in Jahrtausenden. 2006 entdeckten sie, dass sich Eis plötzlich mit doppelt so hoher Geschwindigkeit ins Meer ergoss als bislang gemessen. Auslöser dafür waren höhere Temperaturen des Meerwassers, von dem die Gletscher unterspült wurden.

Box’ wichtigster Beitrag zur Wissenschaft vom Eis – und der beängstigendste Teil seiner Forschungsergebnisse – besteht jedoch in seinen Messungen des Reflexionsgrades in Grönland, der sogenannten Albedo. Schnee ist bekanntlich weiß. Wenn Sonnenlicht auf einen Gletscher trifft, wird der größte Teil davon in den Weltraum zurückgeworfen, anstatt wie von dunkelblauen Ozeanen oder grünen Wäldern absorbiert zu werden. Doch Eis leuchtet nicht immer mit derselben Helligkeit. Wenn sich Schneekristalle erwärmen, verlieren sie ihre gezackten Kanten, werden runder und reflektieren weniger Licht. „Man kann es mit bloßem Auge sehen“, sagt Box. „Es ist so ähnlich wie mit nassem Sand, der dunkler ist als trockener.“ Frischer Schnee wirft 84 Prozent des auftreffenden Lichts zurück; wärmere, abgerundete Kristalle können nur 70 Prozent reflektieren. Bei wassergetränktem Schneematsch, der grau oder sogar bläulich schimmert, sind es lediglich 60 Prozent. Kommt noch Staub oder Ruß hinzu, sinkt die Albedo unter 40 Prozent. Die von Box erhobenen Satellitendaten haben gezeigt, dass Grönlands Albedo immer schwächer geworden ist: Im Monatsdurchschnitt für Juli lag sie Anfang des Jahrhunderts bei 74, 2011 nur noch bei ungefähr 68 Prozent.

Und dann kam der Sommer 2012: Ohne Vorwarnung fiel die Kurve auf dem Albedo-Diagramm in bis dahin unbekannte Tiefen. In manchen Höhenlagen war der Reflexionsgrad der grönländischen Eisdecke plötzlich um vier Prozent geringer geworden, in einer einzigen Saison. „Ich muss gestehen, mein Herz hat kurz ausgesetzt, als ich sah, wie steil es nach unten ging“, sagt Box. „Ich dachte, es läge vielleicht daran, dass der Sensor des Satelliten ausgefallen war.“ Stattdessen lieferten wochenlange Überprüfungen vor Ort – durch Einsammeln von Daten der im Eis eingebetteten Sensoren und die routinemäßige Kontrolle der dortigen Bedingungen – die Bestätigung, dass die Eisdecke dunkler wurde. Die nicht reflektierte Wärme, die nach einem sonnigen Jahr in der Eisdecke gespeichert war, führte plötzlich dazu, dass die Oberfläche viel leichter schmolz. Zu allem Überfluss könnte Ruß von den in Colorado und Sibirien wütenden, ihrerseits vom Klimawandel angefachten Bränden zum Nachdunkeln der Eisoberfläche beigetragen haben – eine teuflische Rückkopplungsschleife. Laut einer im Januar erschienenen Studie, an der ein internationales Team aus 31 Forschern jahrelang gearbeitet hat, wirkt sich Ruß doppelt so stark aufs Klima aus wie bisher angenommen. Die schwarzen Partikel, die von Dieselfahrzeugen, Schiffsmotoren, Fabrikschloten und Großbränden freigesetzt werden, haben demnach den zweitstärksten Klimaeffekt nach Kohlendioxid. Sie saugen die einfallende Sonnenstrahlung auf, während Treibhausgase die nächtliche Wärmerückstrahlung der Erde blockieren. Der Effekt ist derselbe.

Box hatte die konservative Prognose getroffen, dass es bis zu einem Jahrzehnt dauern könnte, bevor die gesamte Oberfläche des grönländischen Festlandeises schmelzen würde. Dass dies tatsächlich in wenigen Wochen geschah, unterstreicht, welche Vorsicht die Eisforscher bei ihren Voraussagen zur Bedrohung durch die Erderwärmung stets haben walten lassen. Jetzt aber weicht diese Vorsicht einer wohlbegründeten Sorge. „Grönland ist ein schlafender Riese, der gerade erwacht“, sagt Box. „Bei diesen neuen Klimabedingungen wird die Eisdecke weiter schrumpfen. Die Frage ist nur, wie schnell.“

Die neuen Daten aus Grönland haben deshalb Bedeutung für jeden Winkel des Planeten. Durch das Wasser, das sich in den Nordatlantik ergießt, wird nicht nur der Meeresspiegel steigen. Wahrscheinlich werden sich auch Großwetterlagen verändern. „Wenn die Welt es zulässt, dass ein beträchtlicher Teil des grönländischen Eisschilds zerfällt, bricht im Osten Nordamerikas und in Europa die Hölle los“, sagt Nasa-Wissenschaftler James Hansen, der weltweit führende Klimatologe.

Allein durch die Veränderung der Albedo des grönländischen Eises, hat Box errechnet, absorbiert die Insel jeden Sommer so viel zusätzliche Energie, wie die USA in einem Jahr konsumieren. Mit anderen Worten: Form und Farbe der dortigen Eiskristalle fangen mehr Energie durch die auftreffenden Sonnenstrahlen ein als alle Autos, Fabriken und Heizungen der größten Volkswirtschaft der Welt verbrauchen. Der Fotograf James Balog, einer von Box’ Mitarbeitern, sagt: „Die Arbeit der letzten Jahre in Grönland hat in mir das Gefühl hinterlassen, Zeuge eines historischen Moments geworden zu sein, eines geologischen Wendepunktes in der Geschichte.“ Mitten im Drama des letzten Sommers um Dürre, Feuer und Rekordhitze könnte sich das Schicksal des Planeten während einer einzigen Jahreszeit offenbart haben: in der lautlosen Metamorphose eines stillen, leeren Eisschildes.