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Am kunstseidenen Faden

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

Am kunstseidenen Faden

Text: Greta Taubert Foto: Fritz Beck

Nylonstrümpfe waren in den Fünfzigerjahren das Symbol für Stil, Freiheit und die Globalisierung von Schönheitsidealen. Heute sind sie billige Wegwerfartikel, belasten das Wasser und die Atmosphäre. Trotzdem kann unsere Autorin nicht von ihnen lassen. Jetzt möchte die Branche sauberer werden

Ich hänge fest. Dabei ist das wirklich der letzte Ort der Welt, von dem ich nicht mehr loskommen möchte. Es ist um die null Grad kalt, Winterlicht fällt durch eine geöffnete Rolltür, Mülldunst durchzieht die Lagerhalle im slowenischen Ajdovina. Mein Mund stößt samt einem fluchenden „Aaahh“ neblige Wolken aus: Die Knöpfe meines Hemdärmels haben sich in einem von Tausenden Fischernetzen verheddert, die sich bis unter das Dach der Lagerhalle stapeln. Als ich noch im sicheren Abstand vorbeigelaufen bin, fand ich die Netze eigentlich ganz schön. In Grün, Gelb, Blau, Pink, Weiß sahen sie aus wie verschnürte filzig weiche Quader, in die man sich reinwerfen möchte. Wenn man das aber tatsächlich macht, spürt man die scharfen Kanten des Garns, ihre unnachgiebige Festigkeit. Vorsichtig fahre ich mit den Fingern die dünnen Fäden entlang. Ein Arbeiter kommt mit einer Scannerpistole vorbei, die Materialien anhand charakteristischer Aussehensmerkmale erkennt. Er richtet sie auf die Netze, um sie zu kategorisieren, die Pistole blinkt kurz auf, und schon steht auf dem Display, warum ich hierhergekommen bin und wovon ich auch sonst nicht so einfach loskomme: Nylon.

Aber von vorn: Wenn ich morgens nach dem Duschen aus dem Bad komme, stehe ich in meinem Zimmer vor einer stattlichen Kollektion von Feinstrumpfhosen. Ich habe sie nach Farben und Mustern sortiert nebeneinander auf Kleiderbügel aufgereiht und diese an Nägeln an die Wand gehängt. Die Strümpfe sind, wenn man so will, meine Macke, mein Harry, mein Sündenfall. Ich mag es, über ein rasiertes Bein einen zarten Feinstrumpf zu ziehen, sodass sich das Bein mit der Kunststoffhaut selbst in ein Kunstobjekt verwandelt. Aber die Strumpfhosen haben eine dunkle Seite: Sie bekommen schon nach kurzer Zeit Löcher oder bilden kleine Abriebpillen. Und dann müssen sie weg. Seit Jahren ärgere ich mich über die miese Masche der Feinstrümpfe. Und ich frage mich, woher sie kommt, wo sie hingeht und was sich über die Jahre und Jahrzehnte alles in ihr verfängt.

Das erste Etappenziel meiner Reise ist mir bestens bekannt – und nicht nur mir: Laut Statista kaufte 2016 jeder Deutsche 3,24 Paar Feinstrümpfe. Wenn man das Gros der Männer und Kinder herausrechnet, dürften Frauen im Mittel etwa acht Feinstrumpfwaren pro Jahr kaufen. Geht man davon aus, dass die meisten immer zwei bis drei Paar auf einmal kaufen, stehen sie also alle paar Monate dort, wo es mich jetzt hinzieht: im nächsten Strumpfladen, beziehungsweise vor dem Strumpfregal im Drogerie- oder Supermarkt.

Obwohl die Nachfrage in Deutschland von 337,5 Millionen Paaren im Jahr 2010 auf 268 Millionen Paare im Jahr 2016 gesunken ist, steigen die Gewinne im Strumpfsegment vor allem bei globalen Großkonzernen, die auf schnelllebige Wegwerfprodukte setzen. Allen voran die italienische Wäschemarke Calzedonia, die in den letzten Jahren ein weltweites Franchise-Imperium von mittlerweile über 4000 Shops aufgebaut hat. Heute gibt es in fast jeder deutschen Fußgängerzone eine Filiale. „Der Preis ist entscheidend“, sagte Geschäftsführer Sandro Veronesi dem Magazin „Schick“. „Er darf für den Kunden nie eine Rolle spielen. Sobald er darüber nachdenkt, haben wir verloren. Denn eigentlich haben die meisten genug Socken im Kasten.“ Als ich mir auf dem Weg zum Laden dieses Zitat in Erinnerung rufe, fühle ich mich ertappt: Denn Mangel herrscht an meinen Kleiderbügeln selbst dann nicht, wenn eine Strumpfhose kaputtgeht.

Im Geschäft empfängt mich eine heile Warenwelt aus rumpflosen Plastikbeinen und knallbunten Drehständern und signalisiert mir klar: Du kannst so viele Strumpfhosen haben, wie du willst, aber die richtige fehlt dir noch. Es gibt wärmende Winterstrumpfhosen, Bauch-weg- oder Po-hoch-Hosen, Strumpfhosen mit Glitzer, Schleifen, Bommeln, Rauten, Pünktchen, Streifen, Blumen, Strass. Eine Strumpfhose zu kaufen, wirft elementare Fragen auf: Wie fühle ich mich? Wo ist mein Po? Hat mein Leben genug Glitzer? „Brauchen Sie Hilfe?“, fragt die Verkäuferin. „Ja“, antworte ich, und denke: Da war ja noch was. „Meine Strumpfhosen gehen immer so schnell kaputt! Was mache ich denn da?“ Sie lächelt wissend, führt mich zum Strumpfkarussell und sagt einfach: „Drei zum Preis von zweien!“

Wenn man für eine kaputte Strumpfhose drei neue angeboten bekommt, drängt sich unweigerlich der Gedanke auf, dass das Loch vom Hersteller gewollt ist. Feinstrumpfhosen gelten als „Paradebeispiel, wie man vorsätzlich die Lebensdauer eines an sich strapazierfähigen Produktes verkürzt, um den Absatz zu erhöhen“, sagt Kirsten Brodde, die sich bei Greenpeace mit Fast Fashion beschäftigt. Man nennt das geplante Obsoleszenz. Der Begriff ist umstritten: Aktivisten behaupten, die Wirtschaft sei daran interessiert, Produkte so schnell wie möglich obsolet werden zu lassen, also hinfällig. Die Wirtschaft sagt, das sei meinen Vorlieben geschuldet. Die Frage lautet: Ist das Loch in meiner Strumpfhose dort, weil sie mir zuliebe hauchdünn sein und passgenau sitzen sollte? Oder damit ich mir schnell eine neue kaufe? Darauf werde ich im Laden keine ehrliche Antwort bekommen.

Also weiter in die Bibliothek! Hier lerne ich zunächst, wie eng die Geschichte der Strumpfhose mit der von Geld, Macht und dem nicht immer friedlichen Wettbewerb der Systeme verzahnt ist. In den Dreißigerjahren entwickelte der Chemiker Wallace Hume Carothers für DuPont, seinerzeit das größte Chemieunternehmen in den USA, die erste vollständig synthetisierte Faser aus Kohlenstoff, Wasser und Luft. Indem die heiße Kunststoffschmelze durch eine Düse gepresst wird, entsteht ein Faden, der abgekühlt und dann „kalt verstreckt“ wird. Je mehr man ihn dehnt, desto dünner und trotzdem fester wird er. Er sei „stark wie Stahl, fein wie ein Spinnennetz, aber geschmeidiger als jede gebräuchliche Naturfaser“, verkündete der damalige DuPont-Manager Charles Stine am 27. Oktober 1938 der Weltöffentlichkeit. Zuvor hatte DuPont bereits einiges versucht, ihre „erste von Menschenhand hergestellte Textilfaser“ zunächst in Form von Lizenzen an Konzerne weltweit zu verkaufen. (...)

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