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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.06

Annya Pesenko, Zertifikat Nr. 000358, Diagnose Hirntumor

Text: Antoinette de Jong

Mit vier Jahren war sie ein zartes, besonders braves Mädchen, das sich immer sehr mühte, gerade zu sitzen und ordentlich zu essen. Manchmal fiel die kleine Anna Pesenko dann urplötzlich in Ohnmacht und schlug hin, wo sie auch gerade war: auf den Tisch, der Länge nach auf den Küchenboden, beim Spielen.

„Annya“, wie alle sie nennen, war zu klein, um erklären zu können, was ihr fehlte. Die Mutter ging mit ihr zum Arzt. Der fand einen Tumor im Kopf des Mädchens. Der Gehirntumor konnte herausoperiert werden, doch Annya wurde nie mehr richtig gesund und war schon als kleines Kind bei so vielen Ärzten, dass sie sofort in Panik geriet, wenn sie einen weißen Kittel sah.

Es war auch ein Ärztekomitee, das entschied, der kleinen Anna stehe ein „Tschernobyl-Zertifikat“ zu. Schließlich stammte ihr Vater Watschlaw aus einem durch die Reaktorkatastrophe stark radioaktiv verseuchten Dorf. Zakopytye war deshalb zerstört und unter einer meterdicken Schicht Erde begraben worden.

Annya hat das Zertifikat Nr. 000358. Darauf steht: „Diese Person hat Zugang zu allen Leistungen, welche die Regierung der Republik Weißrussland den Opfern der Tschernobyl-Katastrophe zugesteht, wie sie in Artikel 18/ des Bezirks Gomel spezifiziert sind.“ Das begehrte Papier verschafft den Besitzern kostenlosen Zutritt zu speziellen Gesundheitseinrichtungen, eine Auswahl kostenloser Medikamente sowie 50 Prozent Ermäßigung auf Wasser-, Gas- und Stromrechnungen und bei den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Auch jetzt, im Alter von 15, strengt sich Annya sehr an, wann immer es geht: Wenn sie sich stark genug fühlte, lernte sie mit Lehrern, die zu ihr nach Hause kamen. „Unsere Republik ist reich an natürlichen Ressourcen wie Kalzium, Salz, Kreide und Öl“, schrieb Annya im letzten Frühling mit ihrer hübschen, sauberen Handschrift in ihr Schulheft. Und eine Woche später: „Der russische Forscher Medelejew erfand das Periodensystem der Elemente. – In der Stadt
Gomel gibt es eine chemische Fabrik.“

Seitdem gibt es keinen Eintrag mehr. Nicht viel später musste Annya vom Notarzt mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht werden. Auf der Intensivstation wurde sie 17 Tage lang künstlich beatmet. Seit der Gehirntumor im Jahr 2000 wieder ausbrach, ist so etwas fast zu einer Routineangelegenheit geworden.

Zu Hause liegt sie nun – wie verwelkt und zu schwach, sich zu bewegen – in weiche Kissen gebettet, umringt von vielen Kuscheltieren.

Zwei Jungen aus der Nachbarschaft, Andrej und Zenja, kommen sie als treue Freunde bis heute besuchen. Annyas Mutter zeigt ein Foto, aus dem ihre Tochter das Gesicht eines Mädchens herausgeschnitten hat – sich selbst. „Letzten Herbst sind Annya die Haare ausgefallen. Ich glaube, Jungs haben bei so etwas mehr Verständnis.“ Ihre Freundinnen kommen seitdem nicht mehr zu Besuch, ob mit Absicht oder aus grausamer Achtlosigkeit, weiß keiner. Vielleicht sind die Jungen, die Gesunden und Starken zu sehr mit ihrem Leben beschäftigt, mit dem Erwachsenwerden – oder es macht ihnen Angst, mit jemandem zu tun zu haben, der so offensichtlich schwach und krank ist.

Annya wimmert vor Schmerzen, wenn ein Masseur ihre Beine knetet, um die Blutzirkulation anzuregen. „Besonders die Stellen, wo wir die Medikamente injizieren, sind empfindlich. Manchmal müssen wir die Haut mit Gewalt zusammendrücken, damit wir überhaupt noch eine Spritze hineinbekommen“, erklärt die Mutter. In dieser Woche kommt der Masseur täglich, und jedes Mal muss er kräftiger pressen, um das Blut in Bewegung zu halten. „Weine nicht, meine kleine Annya, weine nicht“, flüstert Valentina ihrer Tochter dann tröstend ins Ohr, um sie zu beruhigen.

Als die Krankenschwester kommt und nach Annya schaut, kramt Valentina ein Fotoalbum hervor. Darin ist das ganze Leben ihrer Tochter dokumentiert. Es gibt Bilder von Annya, als sie zu einer Kur in Schottland war, damit sie einmal in unverseuchter Umgebung sein und unbelastete Nahrung essen konnte. „Sie kam von dort viel kräftiger zurück“, erinnert sich Valentina. Doch eine geplante zweite Kur im Jahr 2000 wurde ohne Grund verweigert. Später dann brach der Tumor wieder aus.

Auf einem anderen Foto hat sich Annya als ihr Lieblings-Rockstar Zemphira verkleidet. Und dann ist da noch eines von Annyas letztem Ausflug zu einer Datscha auf dem Land, auf dem das zerbrechliche Mädchen in einen dicken weichen Mantel gewickelt ist. Nachts schlafen die Eltern neben Annyas Bett auf dem Boden. Sie müssen sie alle fünfzehn Minuten umdrehen, damit sich keine entzündeten Druckstellen bilden. Das Mädchen braucht inzwischen bei allem Hilfe. Während Watschlaw ihre Laken von Hand wäscht, zieht die Mutter neue, frisch gebügelte auf, die sie von einem ordentlichen gefalteten Stapel in der Ecke holt.

Keiner in der Familie bekommt viel Schlaf. Alle drei sind völlig erschöpft. Watschlaw muss morgens in aller Frühe aus dem Haus. Er arbeitet als Fahrer für die chemische Fabrik. Arbeit ist rar in Weißrussland. Watschlaw achtet darauf, dass er trotz der Erschöpfung nie krank wird, damit man ihn nicht hinauswirft. Valentina bleibt zu Hause bei der Tochter. „Ich trinke Unmengen Kaffee am Tag, damit ich wach bleibe, und trotzdem bin ich immer müde“, sagt sie.

Der Winter war nervenaufreibend. Mal gibt es kleine Fortschritte, wenn Annya sich für einen Moment aufsetzen kann. Dann wieder ist sie so schwach, dass die Eltern das Schlimmste fürchten. „Wir geben nicht auf“, spricht Valentina sich Mut zu. „Und Annya auch nicht.“