Greenpeace Magazin Ausgabe 6.00

Auf der Flucht vor dem Krieg

Sie waren nur 14 und 15 Jahre alt, als sie Afghanistan verlassen mussten, um ihr Leben zu retten. Nun hoffen Rafi und Nazif Asyl in Deutschland. Die Geschichte einer dramatischen Flucht und des Kampfes um ein Leben in Würde:

NAZIF Wir kommen aus einem Viertel im Norden von Kabul und waren schon immer Freunde. Als 1996 die Taliban-Milizen einmarschierten, wurde unsere Schule geschlossen. Wir waren 14 und 15 Jahre alt, sehr gute Schüler – und hatten trotzdem keine Chance mehr auf Abitur, eine Ausbildung oder ein Studium. Stattdessen sollten wir wie viele andere Jugendliche in die Armee gezwungen werden, um gegen Gegner der Taliban zu kämpfen. Afghanistan ist eine Diktatur. Wer nicht lebt, wie es die Fundamentalisten vorschreiben, wird verprügelt, verhaftet oder verschwindet. Meinen älteren Bruder haben sie 1996 verschleppt, weil er keinen Bart trug. Dabei wuchs ihm einfach kein Bart mit 16. Wir wissen bis heute nicht, ob er noch lebt. Deshalb entschieden unsere Eltern: Rafi und ich, wir müssen fliehen, unser Leben retten – und die Zukunft unserer Familien.
 
RAFI Unsere Väter waren Offiziere unter Präsident Nadschibullah, der 1980 von der Sowjetunion eingesetzt worden war. Sie gelten als Feinde der Taliban, dürfen nicht arbeiten und können ihre Familien nicht ernähren. Um die Flucht zu finanzieren, haben sie alle Wertsachen verkauft, aber es kamen nur 850 Dollar dabei heraus. Wir sollten nach Europa, wo es Schulen gibt, wo wir studieren, einen Beruf lernen können und unseren Familien Geld schicken. Alle Hoffnungen ruhten auf uns.  
 
NAZIF Herbst 1996 ging es los. Wir fuhren nach Masar-e Sharif, das an der Grenze zu Usbekistan liegt. Die Taliban lassen einen durch, obwohl die Stadt von ihren Gegnern kontrolliert wird. Wir standen einen Monat lang jeden Tag vor den Konsulaten an, bis wir die Visa hatten – für Russland kostete es 150 Dollar pro Person, das Transitvisum für Turkmenistan je 30.
 
RAFI Von Masar-e Sharif fuhren wir per Sammeltaxi nach Chardzhou in Turkmenistan. Von dort gab es einen Zug nach Moskau, dachten wir. Als wir ankamen, stellte sich heraus, dass die Zugverbindung nicht mehr existierte. Damit war die Reise eigentlich beendet. Wir hatten fast die Hälfte unseres Geldes für die Visa und die Strecke von Kabul nach Chardzhou ausgegeben. Wir gerieten richtig in Panik.  
 
NAZIF Meine Lippen waren vor Nervosität aufgerissen, die hörten gar nicht auf zu bluten. Als der Ältere musste ich für uns beide entscheiden. Mir explodierte fast der Kopf, aber es fiel mir nichts ein. Für Flugtickets hatten wir kein Geld, für ein anderes Land kein Visum. Doch es geschah ein Wunder: Wir trafen zwei afghanische Geschäftsleute, die Mitleid mit uns hatten, als sie hörten, was passiert war. Sie sagten, sie nehmen uns mit nach Usbekistan.Und wir ergriffen die Chance.
 
RAFI Sie hatten selbst nicht viel Geld, bezahlten aber für uns 60 Dollar für die Fahrt und bestachen Beamten, als man uns nach dem Visum fragte. Die Zugtickets nach Moskau haben wir selbst bezahlt, 75 Dollar pro Person. Aber Essen und Trinken für die 80-stündige Fahrt kauften uns die beiden. Und zum Schluss ließen sie uns von einem befreundeten Polizisten zum Bahnhof begleiten, damit er dem Schaffner sagt, der solle uns vor der Mafia beschützen, die im Zug die Passagiere ausraubt.  
 
NAZIF Wir kamen im November 1996 in Moskau an. Wir sprachen kein Russisch, hatten nur noch 90 Dollar in der Tasche – und die Telefonnummer eines Afghanen. Der hat uns ein paar Nächte bei sich schlafen lassen. Wir haben dann mit zwei anderen Afghanen ein Zimmer gemietet – für 250 Dollar im Monat. Jetzt mussten wir Geld verdienen: fürs Überleben, die Weiterfahrt und unsere Familien zu Hause. Wir haben Zigaretten auf einem Markt verkauft. Mit einer Stange fingen wir an und haben die Päckchen einzeln weiterverkauft. Der Markt wurde von der Mafia kontrolliert. Wer von denen keinen teuren Stand gemietet hatte, durfte dort nicht handeln.
 
RAFI Wir hatten ständig Angst, dass man uns erwischt. Die Mafia ist absolut brutal. Ob Kind oder Oma, die schlagen alle. Wir wurden einige Male verprügelt. Einmal haben sie uns gegriffen und den ganzen Tag in einen Keller gesperrt. Als sie uns rausließen, mussten wir sagen, wie alt wir sind. Für jedes Jahr haben sie uns mit einem Ledergürtel eins über den Hintern gezogen. Das tat höllisch weh.  
 
NAZIF Nach acht Monaten hatten wir genug Geld für einen Stand. Der kostete zwar 100 Dollar pro Tag, aber es lohnte sich, denn die Russen hatten keine Ahnung vom Handeln. Wir haben Käufern aus der Provinz im großen Stil chinesische Textilien angedreht, Plastikspielzeug, kleine Uhren, allen möglichen Ramsch. Wir wussten nur nicht, wohin mit dem Geld. Banken konnte man nicht trauen. Ich habe es in den Schuhen versteckt, falls die Mafia uns überfiel, was vorkam. Zu Hause war es auch nicht sicher, weil die Miliz bei Illegalen wie uns Razzien machte und einem alles wegnahm. Zum Glück lernten wir einen Afghanen kennen, der eine Firma hatte. Der ist so reich, dachten wir, dass er uns um die zwei-, dreitausend Dollar, die wir gespart hatten, schon nicht betrügen wird.
 
RAFI Wir haben in Moskau nur gearbeitet. Jeden Tag. Morgens um fünf Uhr aufstehen, abends um zehn zu Hause. Kino oder Disko gab’s nicht. Nach einem Jahr hatten wir genug gespart für die Weiterreise, 3500 Dollar kostete das pro Person. Wir kannten einen Schlepper, mit dem wir aushandelten, dass er sein Geld erst kriegt, wenn wir in Deutschland oder Dänemark sind.  
 
NAZIF Im Februar 1998 ging es los – nach Weißrussland und über die grüne Grenze in die Ukraine, nach Kiew, wo 15 andere Afghanen auf die Fahrt nach Ungarn warteten. Mitten in einer Nacht wurden wir geweckt. Die Schlepper sagten: „Du, du und du“, und dann ging’s los. Die fragen nicht, wer zu wem gehört. Die trennen sogar Eltern und Kinder. Wir haben gebettelt. Aber mit der Mafia kannst du nicht diskutieren. Rafi musste los und ich blieb in Kiew.
 
RAFI Ich hatte Angst, dass wir uns nicht wiedersehen. Ich war ja immer mit Nazif zusammen, und jetzt musste ich alleine klarkommen. Es ging in eine kleine Stadt, wo die Ukraine an fünf Ländern grenzt: Rumänien, Ungarn, Polen, Moldawien und die Slowakei. Da kommen fast alle Flüchtlinge durch. Nach einer Woche fuhren wir per Auto in einen Wald an der Grenze zu Ungarn. Wir waren 30 Leute mit Kindern, die vor Angst und Kälte weinten. Es war Mitte März, es lag hoher Schnee. Wir froren wie verrückt. Dann tauchten sechs oder sieben Mercedes aus Ungarn auf, die Holzkisten statt der Sitze eingebaut hatten. Die haben die Zöllner bestochen und zugleich beschissen: Sie sagten, sie schmuggeln Zigaretten, weil sie für Menschenschmuggel mehr Bestechungsgeld zahlen müssen. Sie packten je zwei Leute in den Kofferraum, in die Kisten drei Erwachsene und drei Kinder. Die Kisten deckten sie mit Zigarettenkartons ab. Auf meiner Brust lag ein kleines Kind, ich konnte nicht mal den Kopf anheben, so eng war es. Die Fahrt dauerte vier oder fünf Stunden. Es war so heiß, dass ich Angst hatte, ich ersticke. Die Kinder schliefen vor Erschöpfung. Wenn wir anhielten, wachten sie auf und weinten. Wir haben ihnen den Mund zugehalten, damit sie uns nicht verraten. Ich musste da selbst weinen, weil mir die Kinder so Leid taten. In Ungarn wurden wir mitten im Wald abgesetzt. In den Särgen hatten wir geschwitzt und jetzt war es eiskalt. Nach Stunden kamen große Lkws mit Containern hinten drauf. Ich wunderte mich, dass da nur je acht Leute reinsollten, aber dann wurde mir klar, warum: Hinter einer Tarnwand mussten wir auf zwei kleinen Brettern sitzen. Es war so eng, dass wir die Knie bis ans Kinn ziehen mussten. Die sechs Stunden Fahrt waren schlimmer als im Sarg. Wir hatten solche Schmerzen, dass wir fast bewusstlos wurden. Als wir ausstiegen, musste man uns schleppen.
Bis Teplice an der deutsch-tschechischen Grenze ging alles glatt. Als ich hörte, wie viele erfolglose Versuche Flüchtlinge gemacht hatten, über die deutsche Grenze zu kommen, hatte ich Sorge, dass ich am letzten Stück scheitere. Irgendwann Ende März ging es um Mitternacht zur Grenze. Um sechs Uhr morgens waren wir da und liefen zwei Stunden zu Fuß durch den Wald über die Grenze. Es war irrer Stress, wir hatten Angst, dass wir erwischt werden. Doch wir hatten Glück. Ein Lieferwagen hat uns auf der anderen Seite abgeholt und uns in die Nähe von Frankfurt am Main gefahren. Ich wollte nach Hamburg. Ich kannte den Namen aus dem Geografieunterricht.
Als ich per Zug ankam, hatte ich zehn Mark in der Tasche. Aber ich hatte keine Angst. Wenn man es in Moskau schafft, dann auch in Hamburg, dachte ich. Es war April 1998. Ich konnte endlich wieder zur Schule gehen. Jetzt fehlte nur noch Nazif.  
 
NAZIF Ich hatte eine ganz schlimme Zeit, über die ich nicht sprechen will. Nur so viel: Ich war unschuldig im Gefängnis. August 1998 habe ich Rafi endlich wiedergesehen. Ich habe jetzt den Realschulabschluss. Von 24 Schülern, darunter Deutsche, haben das nur acht geschafft, ich mit der besten Note. Ich gehe nun aufs Wirtschaftsgymnasium, um Abitur zu machen. Rafi ist ein noch besserer Schüler. Der hat nur Einser im Zeugnis, sogar in Deutsch, obwohl wir kein Wort sprachen, als wir ankamen.
 
RAFI Wir haben nur eine Aufenthaltsgenehmigung, kein Asyl, weil die Taliban keine Regierung sein sollen. Jetzt läuft ein Widerspruch. Wir wollten nach Hamburg, weil wir dachten, es ist die beste Stadt in Deutschland. Jetzt ist es eine Falle. Hier darf man weder arbeiten, noch studieren oder eine Ausbildung machen, wie in anderen Bundesländern. Wir wollen beide studieren, einen guten Beruf haben, Geld verdienen und unseren Familien helfen. Wir haben doch die Verantwortung für sie.  
 
NAZIF Wir haben jeder nur 410 Mark im Monat. Für Essen, Schulsachen, Fahrkarten und Telefon. Trotzdem schicken wir beide alle drei Monate 300 oder 400 Mark nach Kabul. Ich würde gerne nach dem Unterricht arbeiten. Aber ich darf nicht. Wir wollen nicht nach Kabul zurück, aber hier erlaubt man uns kein eigenes Leben. Unsere Eltern glauben, weil wir ihnen Geld schicken, haben wir hier ein gutes Leben. Dabei habe ich vor lauter Sorgen manchmal richtige Herzschmerzen.
 
RAFI Wenn wir hier sind, dachten wir, wird alles besser. Aber es ist sehr schwer. Man ist ziemlich isoliert hier, wir haben keine deutschen Freunde. Manchmal sagen Leute zu uns, ihr bleibt ja immer unter euch. Dabei ist es genau umgekehrt: Die Deutschen bleiben unter sich.

Von MICHAEL FRIEDRICH

Flüchtlingskinder im Paragraphendschungel
Weltweit sind 25 Millionen Kinder auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung oder Unterernährung, schätzt die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR. In Deutschland leben rund 220.000 Flüchtlingskinder, darunter etwa 5000 bis 10.000 Kinder, die sich ohne Eltern oder Angehörige hierher durchschlugen. Mehr als zwei Drittel sind männliche Kinder und Jugendliche, die meisten leben in Hamburg und Berlin. Da ihre Fluchtgründe oft nicht anerkannt werden und sie nur einen „Duldungsstatus“ erhalten, sitzen sie häufig mangels Schul- oder Berufsabschluss ohne Zukunftschance in der Asylfalle.