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Auf der Suche nach neuem Leben

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

Auf der Suche nach neuem Leben

Text: Christopher Piltz Foto: Jens Schwarz

Artenjäger, das Wort hören Taxonomen gar nicht gern. Sie betrachten die Inventur der Natur als wichtige Grundlage für den Schutz der biologischen Vielfalt – und reisen dafür von Myanmar bis in den Main-Kinzig-Kreis. Ein Arbeitsplatzbesuch

Da treibt er, die Beine von sich gespreizt, blassgrüne Haut schimmert durchs Glas. Ein Ruderfrosch, Gattung Polypedates, kürzer als ein Zeigefinger. Leblos liegt sein Körper in einem Glas, gestorben für die Wissenschaft, konserviert mit Formalin. In einem Laborraum in Frankfurt findet er seine letzte Ruhe. Es ist sein Ende, und zugleich ist es ein Anfang.

Es war an einem Sommertag vergangenen Jahres, als Gunther Köhler über den Campus der Universität Rangun in Myanmar lief. Am Wegesrand sah er den Frosch sitzen, noch tiefgrün und mit dunklen Augen. Köhler packte der Forscherinstinkt. Er spritzte dem Frosch ein Narkosemittel, legte den toten Körper in ein Gefäß und nahm ihn mit nach Deutschland.

Zurück in seinem Labor in Frankfurt betrachtete Köhler das Tier genauer. Er untersuchte die Schwimmhäute, die Gaumenzähne. Ließ seine DNA analysieren. Da wusste er: Die Art, die vor ihm lag, war neu für die Wissenschaft.

Es sollte eine von acht neuen Arten für Köhler im Jahr 2017 sein. Etwa 200 Spezies hat er in seiner 25-jährigen Karriere schon entdeckt. Genauer kann er es nicht sagen, er hat irgendwann den Überblick verloren. Da waren Geckos in Paraguay. Schwarzleguane in Honduras. Eine Schneckennatter in Panama. Eine Subspezies des Feuersalamanders im Nordwesten Spaniens. Expeditionen führten ihn durch Kaffeeplantagen, Salzwüsten, Überschwemmungsregenwälder. Ganz Mittelamerika hat er bereist, zudem Ecuador, Kolumbien, Paraguay, Peru. Zuletzt flog er nach Myanmar.

Um die hundert Tage ist Gunther Köhler im Jahr unterwegs. Ein Forschungsreisender, getrieben von einem Ziel: Lebewesen zu finden, die vor ihm noch nie jemand beschrieben hat. Die in keiner Naturkundesammlung der Welt vertreten sind und die noch keinen Namen tragen.

Manche Leute nennen ihn einen Artenjäger. Köhler mag das nicht hören. Das Wort klinge nach Gier, irgendwie brutal. Er sagt, er wolle die Vielfalt transparenter machen. Wenn er über seinen Beruf spricht, redet er von sorgfältigem Dokumentieren, Analysieren, Inventarisieren. Der Forscher klingt dann wie ein Verwaltungsbeamter, der Ordnung in die Natur bringt.

Köhler arbeitet am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt als Herpetologe, also als Amphibien- und Reptilienspezialist. Er gilt als eine Instanz auf seinem Gebiet, nur wenige Biologen weltweit haben ein vergleichbares Wissen. Seit 23 Jahren verantwortet er die Sammlung des Instituts, die inzwischen mehr als 140.000 Tiere zählt. Die ältesten Funde stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Die Aufgabe des Biologen ist es, den Überblick zu behalten. In seinem Büro reihen sich vergilbte Bestimmungsbücher in den Regalen, „Die Verteilung der Schildkröten über den Erdball“, „Kriechtiere und Lurche Deutschlands“, „Die Schlangen des Russischen Reiches“.

Das Senckenberg-Institut gehört in der Biodiversitätsforschung zu den führenden der Welt; das angeschlossene Naturkundemuseum ist mit mehr als vierzig Millionen präparierten Tieren eines der größten Europas. Ein Teil davon ist in einem Tiefspeicher untergebracht, zwei Etagen unter der Erde. Ein Archiv des Lebens, mitten in Frankfurt.

Mehr als 300 Forscher pflegen die Sammlung. Die sogenannten Taxonomen haben ein Fachwissen, das so wertvoll ist wie die Sammlung selbst. Sie können Arten bestimmen und systematisch einordnen. Teils auf den ersten Blick, teils nach langer Suche am Mikroskop. Manchmal erst nach einer Genanalyse.

Die Artensuche ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Jedes Jahr, schätzen Kollegen von der Stanford University, sterben zwischen 11.000 und 58.000 Arten aus. Wie viele genau, weiß kein Mensch, denn wie soll man etwas beziffern, dass man nicht kennt? Köhler will Arten entdecken, bevor sie verschwinden. Oder nein: Er möchte etwas dazu beitragen, dass sie nicht verschwinden.

An einem Sommerabend steht Köhler neben einem Tümpel unweit von Frankfurt und zweifelt. Die Dämmerung hat eingesetzt, Mücken umschwärmen seinen Kopf. Er fingert in einem Kescher, schiebt Schlamm und Blätter beiseite. Mit seiner Kopflampe leuchtet er in das Netz. Da, ein Zucken im Schlamm. „Das könnten Kaulquappen vom Laubfrosch sein“, sagt er. Noch ein Blick. „Ja, die sind super, davon brauchen wir einen Schwung.“

Neben ihm zieht Eric Martiné einen Kescher durch den Tümpel. Martiné schreibt seine Bachelorarbeit bei Köhler, sein Thema sind die Amphibien des Main-Kinzig-Kreises. Dafür beprobt er alle Naturschutzgebiete des Landkreises bei Frankfurt. Eine doppelte Premiere: Das erste Mal untersuchen Biologen so umfangreich die Lurchpopulationen in diesem Gebiet und testen dabei alle Gewässer auf den Chytridpilz, der weltweit Amphibien infiziert und ganze Populationen bedroht.

Für Köhler, den weltweit tätigen Spezialisten, ist es überraschenderweise die erste Expedition in Deutschland.

Am Tümpel des Naturschutzgebiets Schifflache fangen die beiden Biologen an diesem Abend fünf Laubfrosch-Kaulquappen. Martiné wird sie später im Labor seitlich fotografieren und anschließend mit einigen Tropfen eines Betäubungsmittels töten. Danach konserviert er sie mit Formalin und fotografiert ihr offenes Maul. Am Ende versieht er sie mit einer Nummer und sortiert sie in die Sammlung des Museums ein. Martiné sagt, die Tiere zu töten falle ihm schwer. Doch sie seien ein Beweis für die Zukunft – die Proben können noch in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten als Vergleichsmaterial für Forscher dienen. „Anhand dieser Präparate können sie ergründen, ob die Tiere sich äußerlich verändert haben“, sagt er.

Besonders wichtig sind die sorgfältig präparierten Körper der Erstfunde. Sobald eine neue Art anerkannt ist, gilt dieser „Holotypus“ als weltweite Referenz, ähnlich dem Urkilogramm in Paris.

Sensationsfunde nicht ausgeschlossen Während der Expedition durch die Auen der Schifflache geht Köhler nicht davon aus, bislang unbekannte Arten zu entdecken. Nur selten melden Forscher noch neue Funde aus Deutschland, auch wenn Sensationen nicht ausgeschlossen sind. 2015 fand ein Hobbytaucher in einer Höhle nördlich des Bodensees einen blassen Fisch – Zoologen bestätigten später, dass es sich um eine unbekannte Höhlenfischart handelt, die erste überhaupt in Europa. 2012 entdeckten Forscher der Zoologischen Staatssammlung München eine neue Wespenart im Südwesten Deutschlands.

In Deutschland gehe es nur noch um die Feinjustierung, sagt Köhler. Das Land sei zu 99,9 Prozent erforscht. Trotzdem sei es wichtig, zu beobachten, wie Lebensgemeinschaften sich verändern. Ob Arten neue Lebensräume erobern. Wie ihre Populationen zu- oder abnehmen.

Wenige Tage später läuft er zusammen mit dem Studenten Eric Martiné und Gerd Marx, einem Schutzgebietsbeauftragten des Nabu, an einer Eisenbahntrasse entlang. Die drei Männer streifen durch schulterhohes Gras. Vor einer ausgetrockneten Pfütze bleiben sie stehen. Der Wind streicht durch die Halme. Vögel zwitschern. „Keine Unken. Das ist das erste Jahr, in dem ich keine Unken höre“, sagt der Nabu-Vertreter. „Und ich betreue das Gebiet seit Jahrzehnten.“

Köhler bleibt wenige Meter entfernt vor einer anderen Lache stehen. „Hier könnte etwas sein“, sagt er. Martiné stochert mit dem Kescher über den Grund. Ein Teichmolch verfängt sich darin. Von den seltenen Gelbbauchunken keine Spur.

Die Natur verändert sich. Und das könne man nur bemerken, wenn man erkenne, was da rufe oder vor einem sitze, sagt Köhler. Deshalb sei Taxonomie keine Aufgabe, die irgendwann ende, wenn alle Arten entdeckt und klassifiziert sind. „Man würde ja einen Atomphysiker auch nicht fragen, wann er mit seiner Forschung fertig ist“, sagt er.

Doch ein Ende der Artenbestimmung ist ohnehin nicht in Sicht. Taxonomen würden nach Schätzungen etwa 1600 bis 3000 Jahre brauchen, um alle Lebewesen des Planeten zu beschreiben. Im Schnitt vergehen zurzeit 21 Jahre vom Fund eines Tieres bis zur wissenschaftlichen Beschreibung, ergab eine Studie von Forschern des Naturhistorischen Museums Paris.

Hunderttausende bislang unbeschriebene Lebensformen verstauben in den Sammlungen der Museen und Universitäten. Auch Köhler muss noch ungefähr dreißig Arten beschreiben, die er von seinen letzten Forschungsreisen mitgebracht hat. Bislang fehlt ihm dafür die Zeit.

Einer, der sich diese Zeit nimmt, sitzt im Berliner Naturkundemuseum, Nebenbau, 2. Stock, Büro N7203. Auf dem Namensschild neben der Tür hängt ein Plüschkrebs. Im Büro stapeln sich Bücher und Aktenordner, an den Wänden hängen vergilbte Fotos. Auf dem Schreibtisch steht ein Mikroskop, daneben ein Computer. Vor ihm: Oliver Coleman, fluchend.

„Nie wieder würde ich die Tiere wählen, das sind richtige Mistviecher“, sagt er. Coleman, 58, ist auch Taxonom, sein Spezialgebiet: Flohkrebse. Die kleinsten messen nur wenige Millimeter. Vor 33 Jahren untersuchte Coleman seinen ersten Flohkrebs. Seitdem ließ ihn diese Tierordnung nicht mehr los. Etwa hundert der weltweit 9500 bekannten Arten hat er entdeckt.

Doch vor zehn Jahren entschied er sich, nicht mehr zu neuen Erkundungen aufzubrechen. Oliver Coleman beschloss, in Berlin zu bleiben, im Museum, und das zu bestimmen, was sich in den Regalen angesammelt hat. Und das ist einiges.

Unbearbeitete Präparate der Expedition des Ex-Kriegsschiffs „Gazelle“ lagern dort, das ab 1874 von Kiel in die Südsee fuhr. Von der ersten deutschen Tiefsee-Expedition 1898. Von der Polarexpedition im Jahr 1903, der es nicht gelang, den Nordpol zu erreichen. Und mittendrin füllen Colemans eigene unbearbeitete Präparate die Sammlung, sieben Regalbretter voller kleiner Gläser. Manche stehen hier seit 25 Jahren. „In meiner Karriere schaffe ich es nicht mehr, sie alle zu bestimmen“, sagt er. In vier Jahren will er in Rente gehen.

Bis zu zwei Wochen braucht Coleman, um eine Art ordentlich zu klassifizieren. Dafür zeichnet er den Körper, den Kopf. Er schaut sich die Antennen und die Mundwerkzeuge unter einem Mikroskop an. Er zupft die einzelnen Beinchen eines Flohkrebses ab. Auch sie legt er unters Mikroskop, 400- bis 1000-fach vergrößert. Er zeichnet jede Schuppe, jede Borste. Um Stück für Stück Gewissheit zu bekommen, welche Art vor ihm liegt. Wenn er unsicher ist, schaut er in sein „Bestimmungsbuch“. Es besteht aus neunzig Aktenordnern.

Coleman könnte es sich einfacher machen. Seit einigen Jahren nutzen Taxonomen eine neue Methode, um Arten zu klassifizieren: Sie analysieren eine kurzen Genabschnitt, der in der Erbsubstanz aller Tiere enthalten ist, sich aber mit der Zeit verändert. Durch dieses „DNA-Barcoding“ lassen sich innerhalb weniger Stunden Tiere exakt identifizieren und Verwandtschaftsverhältnisse klären.

Einige Taxonomen wie der kanadische Forscher Paul Herbert setzen sich für eine radikale Beschleunigung ihrer Arbeit ein. Etwa durch das Prinzip „Insektensuppe“: Dabei nehmen Forscher die Gesamtheit aller Lebewesen, die zum Beispiel auf einem Quadratmeter brasilianischem Amazonasregenwald zu finden sind, zerhäckseln sie und lassen die Masse der enthaltenden DNA mit einer Maschine auslesen. Innerhalb kurzer Zeit weiß der Forscher, wie viele Rüsselkäferarten dort leben, wie viele Ameisen- oder Milbenspezies.

„Das würde zwar die Arbeit von Jahren ersparen“, sagt Oliver Coleman. „Aber das Wichtigste geht dabei verloren: Wir verstehen dadurch nicht, wie diese Tiere zusammenleben, welche Funktionen sie haben. Wir bekommen nur eine einfache Zahl ausgespuckt.“

Seit Jahren wird an Naturkundemuseen und Universitäten weltweit über die Zukunft der Taxonomie gestritten. Schon 2002 forderte der Zoologe Charles Godfray aus Oxford: „Die Disziplin muss sich neu erfinden, um überleben zu können.“ Jüngst schlugen australische Wissenschaftler vor, ein unabhängiges Gremium zu gründen, das über die Anerkennung einer neuen Art entscheiden sollte. Doch nicht Biologen sollten in ihm vertreten sein, sondern Soziologen, Juristen, Anthropologen. So solle die Inventur unseres Planeten beschleunigt und zugleich verhindert werden, dass Taxonomen jahrelang über den Namen einer Art streiten. Sofort wehrten sich 180 Taxonomen aus 37 Ländern. Sie sehen die Qualität ihre Arbeit in Gefahr.

Coleman glaubt, es sei gut, die Taxonomie moderner zu machen. Er selbst hat eine digitale Datenbank mit allen Publikationen über Flohkrebse angelegt. Aber trotzdem sieht er seine Zunft bedroht. „Manche Jungforscher ruhen sich aus, weil sie moderne Technik nutzen können. Ihnen fehlt deshalb Wissen über die Tiere.“ Neulich sah er die Arbeit eines Doktoranden in Neuseeland. 200 Flohkrebse waren in einem Glas, alle als eine Art eingeordnet. Coleman sah genauer hin und musste feststellen, dass etliche Arten im Alkohol trieben, einige sogar aus anderen Familien.

 Ende Juni 2018 steigt der Frankfurter Herpetologe Gunther Köhler wieder in einen Flieger, das Ziel: erneut Myanmar. Sein neuer Hotspot. Da das Land jahrzehntelang von der Außenwelt abgeschottet war und die Wissenschaft nicht förderte, konnten nur selten Biologen die Regenwälder erkunden. „Das ist eine Schatzkiste“, sagt Köhler. Neulich hörte er einen Kollegen aus den USA berichten, wie er mit zwölf neuen Gecko-Arten von einer Expedition aus Myanmar zurückkehrte.

Köhler ist vorbereitet. Im Gepäck: Fotoapparat, Richtmikrofon, Schutzhandschuhe gegen Schlangenbisse. Drei Wochen reist er durch das Land. Bei seiner Rückreise, meldet er später, hat er 120 Tiere im Gepäck. Darunter erneut ein neuer Frosch sowie zwei Schlangen und zwei weitere Frösche, bei denen noch nicht klar ist, ob es sich um neue Arten handelt. Es wären die Funde zwei bis fünf für Gunther Köhler in diesem Jahr. Die Suche geht weiter.