Auf großen Sohlen über Landesgrenzen
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Auf großen Sohlen über Landesgrenzen

Im Süden Afrikas liegt das größte grenzübergreifende Schutzgebiet der Welt. Neue Wanderkorridore sollen Elefanten dort das Überleben sichern.

Text: Michael Obert

Fotos: Matthias Ziegler

Ihre Körper sind mit Flussschlamm verkrustet, ihre Silhouetten verdunkeln die Savanne bis zum Horizont. Unruhig schwenken sie die Köpfe, stampfen mit den Vorderfüßen auf, geben grollende Laute von sich. Da hebt die Leitkuh, ein vier Tonnen schweres Tier mit symmetrisch geformten Stoßzähnen, den Rüssel und gibt ein durchdringendes Trompeten von sich: Aufbruch! Ein Ruck geht durch die Herde, die Elefanten laufen los. Staub wirbelt auf, der Boden bebt. Babys, noch wacklig auf den Beinen, halten sich mit dem Rüssel an den Schwänzen ihrer Mütter fest, um im Strom der Elefanten nicht verloren zu gehen.

Die Herde gehört zur größten Elefantenversammlung auf dem afrikanischen Kontinent. Zu Tausenden kommen die riesigen Säugetiere während der Trockenzeit zwischen Juni und August aus den Tiefen der Kalahari-Wüste an den Chobe-Fluss im Norden von Botswana. In weiten Teilen Afrikas sinkt ihre Zahl dramatisch, weil Lebensräume zerstört werden und die Wilderei zugenommen hat, in Botswana hingegen geht es ihnen dank strenger Schutzmaßnahmen gut. Zu gut, glauben viele.

Denn allein in Botswanas Chobe-Nationalpark drängen sich 150.000 Elefanten – und alle 15 Jahre verdoppelt sich ihr Bestand. Bis zu acht Zentner Grünzeug vertilgen ausgewachsene Tiere täglich. Ihr Appetit hat Savannen in Sandwüsten, ganze Wälder in Baumfriedhöfe verwandelt. Ökosysteme, von denen zahlreiche Wildtierarten abhängen, sind durch die enorme Zahl an Elefanten gefährdet. In Botswana gilt das Symboltier Afrikas als Problemtier. Rufe nach „Culling“-Aktionen werden laut, dem Abschuss ganzer Herden aus Hubschraubern. Tausende getöteter Elefanten in der Savanne – eine entsetzliche Vorstellung.

Aber wohin mit den Dickhäutern? Elefanten sind geborene Wanderer. Selbst aus dem Weltraum sind ihre jahrtausendealten Pfade zu erkennen, die entlegenste Wasserlöcher miteinander verbinden. Biologen sind überzeugt: Elefanten speichern ihre Wege auf „Erinnerungslandkarten“, während sie von erfahrenen alten Tieren geführt werden. So geben sie überlebenswichtige Informationen von Generation zu Generation weiter.

Elefanten lernen nicht nur besonders schnell, sondern pflegen auch enge familiäre Bande. Mehr über das Sozialverhalten der Tiere im Video-Porträt.

Doch im südlichen Afrika sind ihre Pfade zunehmend blockiert. Siedlungen, Straßen, Acker- und Weideland verhindern freie Elefantenwanderungen. Um überforderte Naturräume wie den Chobe-Nationalpark zu entlasten, haben die Staatsoberhäupter von Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe im August 2011 einen gigantischen Plan gefasst: Die alten Migrationsrouten sollen als geschützte „Korridore“ wiederbelebt werden und 36 Nationalparks und Naturreservate, die wie Inseln über die fünf benachbarten Länder verstreut sind, zum größten grenzübergreifenden Schutzgebiet der Erde vernetzen – zur Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area, kurz KaZa.

Das ambitionierte Ziel: Durch die Korridore sollen Tausende von Elefanten, von denen viele einst aufgrund von Konflikten wie dem angolanischen Bürgerkrieg nach Botswana geflohen sind, in ihre alten Lebensräume in Namibia, Sambia und den weiten Savannen Angolas zurückkehren, wo es seit Kriegsende nur noch relativ kleine Bestände gibt. Lokale Gemeinschaften sollen die Korridore pflegen, Touristen im Gegenzug Dollars in die leeren Dorfkassen bringen.

KaZa will beides: Die Natur grenzüberschreitend schützen und die Armut in einer der entlegensten Regionen Afrikas bekämpfen. Die deutsche Bundesregierung unterstützt das Projekt mit 35,5 Millionen Euro.

Im Norden Botswanas ziehen Elefanten in einer gewaltigen Prozession durch den Kwando-Korridor, einen der wichtigsten Korridore im KaZa-Gebiet. Er verbindet den Chobe-Nationalpark in Botswana mit dem Caprivi-Streifen im benachbarten Namibia und führt von dort weiter in die Savannen von Sambia und Angola – in leeres Elefantenland. Keine Wildhüter, keine Touristen; weit und breit ist kein Mensch zu sehen.

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Tonnenschwere Bullen flappen am Schilfufer des Kwando-Flusses mit den Ohren. Kühe mit leuchtenden Stoßzähnen defilieren in anmutigem Gleichschritt durchs Gras. Jungtiere rennen ausgelassen durch Wasserlöcher, während die Herde in einer langen Reihe über die Grenze aus Botswana hinauszieht, die Rüssel erhoben, feierlich trompetend.

Gegenüber in Namibia liegt die Wuparo Conservancy. Solche Gemeinde-Schutzgebiete sind zentrale Trittsteine für Elefanten auf ihrem Weg durch besiedeltes Gebiet. Der Kerngedanke: Lokale Gemeinschaften schließen sich zusammen, um durchziehende Tiere im Korridor zu schützen. Im Gegenzug verpachten sie ihr Land an Lodges, in denen Naturtouristen übernachten können.

„Früher war der Elefant für uns vor allem eins: Fleisch“, sagt Fidelis Lisumo, ein zierlicher Maisbauer vom Team der Wuparo Conservancy. Sein Dorf besteht aus weit verstreuten Lehmhäusern mit Strohdächern und kreisrunden Schilfzäunen. Ein glutheißer Wind wirbelt Staub über die Pfade in die wüstenhafte Savanne, der die Bauern kleine Mais- und Hirsefelder abringen. Bevor sie die Conservancy gründeten, gab es hier kaum andere Arbeit. „Heute bezahlt der Elefant mein Gehalt“, sagt Lisumo und strahlt. „Der Elefant bezahlt die Medizin für meine Mutter, der Elefant kommt für die Schulgebühren meiner Kinder auf.“

Auf ihrem Gebiet hat die Wuparo Conservancy einen Vertrag mit der traumhaft an einem Wasserlauf in der Savanne gelegenen Nkasa Lupala Lodge. Ein Teil der Einnahmen fließt jährlich an die Gemeinschaft. Mehr als zwei Millionen Namibische Dollar waren es 2014, umgerechnet fast 150.000 Euro. Viel Geld in einer der ärmsten Regionen Afrikas.

Davon bezahlt die Conservancy ihr Personal, ihr Büro, zwei Autos, eine Schule für Waisenkinder und schickt jedes Jahr junge Mitglieder zum Studieren nach Südafrika. „Touristikmanagement“, sagt Lisumo. „Unser Ziel ist eine eigene Lodge, die unsere Leute selbst managen.“ Wie die Grootberg Lodge, Namibias erste Unterkunft in der Wildnis, die sich vollständig im Besitz einer Conservancy befindet. Erste Erfolge sind auch im Naturschutz sichtbar: „Jedes Jahr wandern deutlich mehr Elefanten durch unseren Korridor.“

Die friedliche Koexistenz von Tier und Mensch ist in weiten Teilen des KaZa-Gebietes allerdings noch die Ausnahme. Die uralten Wanderrouten haben sich tief in die Erinnerung der Elefanten eingeschrieben. Ihre innere Landkarte, eine Art biologisches GPS, zeigt an: Hier entlang geht’s zu Wasserstellen und Futterregionen! Doch stattdessen stehen die Tiere immer öfter vor Dörfern, Feldern, Zäunen, die nicht da waren, als ihre Landkarten vor langer Zeit gezeichnet wurden.

Orte wie Divundu und Kongola im Caprivi-Streifen oder Kasane auf botswanischer Seite erinnern an Kampfzonen: eingerissene Zäune und Mauern, verwüstete Felder, entwurzelte Obstbäume. Elefanten haben Eisenstangen verbogen, Wasserleitungen aufgebrochen, Tanks umgestoßen; in einer Autotür klaffen Löcher von Stoßzähnen. Hohe Elektrozäune sichern mit bis zu 6000 Volt Spannung Wohnhäuser, Gemüsegärten und Blumenbeete, aber auch Fischteiche, Sportplätze, Krankenhäuser, Friedhöfe und Tankstellen.
Wildhüter vom Volk der Khwe bei ihrem jährlichen Treffen im Bwabwata Nationalpark, Caprivi-Streifen, Namibia. Ihre größte Sorge: Die zunehmende Wilderei von Elefanten  Foto: Matthias Ziegler

„Elefanten sind die reinste Pest“, klagt Bauer Malilo Euster, während er mit der Gießkanne seine Kohlköpfe wässert. Seine Pflanzung hat er mit Akazienstämmen umfriedet. Kein Hindernis für Elefanten. Sie stemmen sich mit dem Hinterteil dagegen, bis die Stämme brechen. In der Erntezeit herrscht Ausnahmezustand bei den Bauern im Caprivi. Besonders nachts. Seit Monaten schläft Euster auf einer Matte neben seinem Kohl.

Wenn die Elefanten kommen, schlägt er zwei Eisenstangen zusammen. Gelingt es ihm mit dem Lärm nicht, die Tiere zu verjagen, bleibt kein Kohlkopf übrig. „Die Elefanten fressen sich satt“, sagt Euster, „aber meine Kinder hungern.“

Die KaZa-Korridore, die sich an den Wanderrouten der Elefanten orientieren, sollen das ändern. „Der Grundgedanke ist einfach“, erklärt Morris Zororai Mtsambiwa, Leiter des KaZa-Sekretariats in Kasane, Botswana. „Wir schaffen sichere Passagen für Elefanten durch besiedeltes Gebiet und reduzieren so die Konflikte zwischen Mensch und Tier.“ Aus Sicht der Elefanten bedeutet das: Wo ihr inneres GPS auf den Migrationsrouten freie Bahn anzeigt, soll auch freie Bahn sein.

Mtsambiwas Büro mit seinen sechs Mitarbeitern ist das Verwaltungszentrum des weltweit größten freien Wandergebietes für Elefanten. Mit mehr als 500.000 Quadratkilometern ist KaZa größer als Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen. Der kleine Mann mit den leuchtenden Augen und dem vorgeschobenen Kinn tritt vor die Landkarte an der Wand und fährt mit dem Zeigefinger von Süd nach Nord, über schwarzweiß gestrichelte Landesgrenzen, gelb markierte Ortschaften und ockerfarben ausgemaltes Acker- und Weideland. „Da ziehen wir die Korridore rein“, sagt der KaZa-Chef mit euphorischer Stimme. „Da laufen dann die Elefanten durch – kein Problem.“

Jahrelang wurden Herden aus der Luft beobachtet, gezählt und einzelne Tiere mit Sendern ausgestattet, um zuverlässige Daten über die Bestände und ihre Wanderungen zu beschaffen. Die Forschungsorganisation Elephants Without Borders fand heraus: Viele der Herden im Norden Botswanas gehören zu einer weitaus größeren Population, die sich über das gesamte KaZa-Gebiet erstreckt. Mit Sendern markierte Tiere durchquerten vier Länder in einem Jahr.

Entlang der Wanderrouten, die sich aus den Studien ergaben, wurden Dutzende regionaler Korridore eingerichtet. Manche sind nur wenige Meter, andere fast einen Kilometer breit, die wenigsten eingezäunt oder sonst in irgendeiner Form begrenzt. Wo sie Straßen kreuzen, fordern Warnschilder Autofahrer auf, vom Gas zu gehen. Viehzäune wurden abgebaut oder mit Toren ausgestattet, die man nachts für durchziehende Tiere öffnet. „Elefanten sind extrem intelligent“, sagt KaZa-Chef Mtsambiwa. „Sie finden schnell heraus, wo wir Lücken schaffen, und nehmen sie gut an.“

Die kleineren Korridore verbinden sich mit drei grenzüberschreitenden Hauptkorridoren. Einer davon ist der Kwando-Korridor, der quer durch die Caprivi-Region verläuft. Mit diesem 500 Kilometer langen Landstreifen sicherten sich die deutschen Kolonialherren 1890, als Namibia noch Deutsch-Südwestafrika hieß, einen Zugang zum Sambesi-Fluss. Bis heute drängt sich der nach Reichskanzler Leo von Caprivi benannte Streifen zwischen Botswana im Süden und Angola und Sambia im Norden; als Transitland für Elefanten ist er das Herzstück von KaZa.

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In den 1990er-Jahren gab es in dieser Gegend kaum noch Elefanten. Nach dem Ersten Weltkrieg war aus der deutschen Kolonie ein Mandatsgebiet Südafrikas geworden. 1966 begann der Befreiungskrieg Namibias gegen die südafrikanischen Besatzer, die vom Caprivi-Streifen aus gegen namibische Freiheitskämpfer vorgingen. Die Region war mit Waffen überschwemmt. Wilderer wüteten. Als Namibia 1990 die Unabhängigkeit erlangte, waren die meisten Elefanten aus dem Caprivi-Streifen verschwunden.

Auch im benachbarten Angola mit seinen ursprünglich riesigen Elefantenbeständen wurde gekämpft. Über eine Million Menschen starben in dem fast dreißig Jahre währenden Bürgerkrieg. Hungernde versorgten sich mit Wildfleisch. Elfenbein finanzierte den Konflikt. Die Bilanz nach Kriegsende im Jahr 2002: 100.000 getötete Elefanten.

Im Kwando-Korridor zieht die Herde inzwischen zügig weiter nach Norden. Mit den Rüsseln werfen die Tiere Staub auf ihre Rücken, rötliche Wolken, durch die das Licht der tief stehenden Sonne scheint. Die Hitze des Tages hat bereits nachgelassen. Zwischen Sandinseln und Schilf mäandert der Kwando in zahlreichen Wasserläufen. Flusspferde prusten, in den Ästen der Bäume hängen die kugelförmigen Nester von Webervögeln.
Hier beobachten Touristen in offenen Geländewagen die Tiere durch ihre Ferngläser. Eins der Kälber will die steile Uferböschung erklimmen, rutscht ab, fällt auf den Hintern, versucht es wieder und wieder – vergeblich. Da kommt ihm eine ältere Kuh zur Hilfe. Breitbeinig stellt sie sich hinter das Kalb und schiebt es mit dem Kopf hinauf.

Elefanten sind ausgesprochen klug. Ihr Gehirn wiegt bis zu sechseinhalb Kilogramm. Wie das des Menschen ist es vielfach gefaltet, was seine Oberfläche noch erhöht. Die Tiere benutzen Werkzeuge, gebrauchen etwa Äste als Fliegenwedel oder kürzen Zweige auf die richtige Länge, um sich am Rücken zu kratzen oder Zecken zu entfernen. Im KaZa-Gebiet werfen erfahrene Bullen Baumstämme auf elektrische Zäune und führen so Kurzschlüsse herbei, um die Hindernisse danach gefahrlos zu überwinden.

Bisweilen wirkt das Verhalten der Tiere verblüffend menschenähnlich. Stirbt ein Elefant, fließen oft Tränen. Herdenmitglieder halten Wache beim Leichnam oder bedecken Verstorbene mit Ästen, fast wie bei einer Beerdigung. Kaum ein anderes Wesen – außer dem Menschen – zeigt eine so ausgeprägte Trauer.
Biologen sind sich sicher, dass sich Elefanten, die vor Jahrzehnten vor Krieg und Wilderei ins sichere Botswana flohen, an die Wasser- und Futterstellen im Caprivi-Streifen, in Sambia und Angola erinnern. Doch die Korridore dorthin führen durch ein Gebiet mit rund zweieinhalb Millionen Einwohnern, vor allem Bauern und Viehzüchter. Und anders als in der Wuparo Conservancy, wo man die Rückflüsse aus der Lodge in die Zukunft der Gemeinschaft investiert, ist die KaZa-Vision zur Halbzeit des deutschen Förderprogramms bei den meisten noch nicht angekommen.

„Die Elefanten vermehren sich wie Ratten“, klagt Daniel Muzimbwa, ein 74-jähriger Maisbauer mit Glatze, ärmellosem Shirt und dem Bizeps eines Ringers. Sein Farmhaus im Korridor östlich des Kwando-Flusses ist mit schweren Baumstämmen gesichert. Viele Tiere seien durch Touristen in den Nationalparks an Menschen gewöhnt und kämen deshalb immer näher. „Auf dein Feld, in dein Dorf, sogar in dein Haus“, sagt Muzimbwa mit heiserer Stimme. Ein Elefant schlug kürzlich seinen Nachbarn mit dem Rüssel nieder und trampelte ihn tot.

Einkommen? Jobs? Durch Tourismus oder Trophäenjagd? „Nichts dergleichen!“, sagt Muzimbwa und winkt ab. Für ein Jahr Knochenarbeit auf dem Feld bleiben ihm kaum 400 Euro, um seine achtköpfige Familie durchzubringen. Seine Tochter ist schwer krank und muss oft zum Arzt. „Wenn dann noch der Elefant kommt...“ Kompensation für Ernteschäden erhält er nicht. „Der Elefant ist ein Teufel“, sagt Daniel Muzimbwa und lädt in seinem Gehöft ein imaginäres Gewehr. „Der Elefant muss weg!“

Nur wenige Kilometer weiter nördlich überquert der Kwando-Korridor die Grenze in den äußersten Südwesten von Sambia, wo der Sioma Ngwezi Nationalpark ebenfalls zum KaZa-Gebiet gehört. Dort geht Cosmas Kakwenga einen anderen Weg. Traditionell roden Kleinbauern in der Region riesige Waldgebiete, um Mais und Hirse anzubauen. Wenn der Boden nach wenigen Jahren ausgelaugt ist, ziehen sie weiter, roden erneut.

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Um die Lebensräume von Elefanten und anderen Wildtieren zu schonen, hat Maisbauer Kakwenga in einem Workshop des WWF gelernt, wie er im nachhaltigen Ackerbau auf kleineren und permanenten Feldern eine deutlich bessere Ernte erzielen kann. „Knöcheltiefe Kuhlen graben und ein paar Wochen vor der Aussaat mit Kuhdung füllen“, erklärt der Mann mit den hornigen Handflächen und Ackerboden unter den Fingernägeln. „In jede Kuhle drei Maissamen ausbringen, Pflänzchen regelmäßig wässern – fertig.“

So bleibt der Boden länger feucht, Leguminosen reichern ihn mit Stickstoff an, Kuhdung macht ihn fruchtbar. Dreißig Zentner Mais erntet Kakwenga auf seinem fünfzig mal fünfzig Meter kleinen Feld. „Für die gleiche Menge müsste ich zehnmal so viel Wald roden.“ Seine Ernte schützt er nicht mit dem Gewehr oder mit vergifteten Früchten wie viele andere Bauern, sondern mit Chili-Bomben. Die Mischung aus getrocknetem Elefantendung und Chilischoten zündet er nachts am Feldrand an; ihr beißender Rauch hält Elefanten auf Abstand.

Doch das friedliche Miteinander von Mensch und Tier ist zerbrechlich. Drüben im Chobe-Nationalpark kommen jedes Jahr Tausende von Elefanten zur Welt. Die KaZa-Korridore führen sie auch in die Nähe von Kakwengas Feldern. Würde der Bauer ihnen zur Not weichen, um woanders neu anzufangen? Er schaut auf die Mangobäume, die er gepflanzt hat. In drei, vier Jahren werden sie Früchte tragen. „Ihr Weißen liebt die Elefanten, ich liebe meine Kinder“, sagt Cosmas Kakwenga, und seine Stimme klingt plötzlich hart. „Wir gehen hier nicht weg!“

Um den Teufelskreis von Armut und Naturzerstörung zu durchbrechen, wollen die Initiatoren von KaZa die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung verbessern. Kritiker bezweifeln aber, dass dieses Ziel realistisch ist. Sie halten die Mittel des Schutzgebiets für unzureichend. Selbst viele der Nationalparks seien sträflich unterfinanziert.

Hunderte von Einzelprojekten, durchgeführt von verschiedensten Ministerien und einem Heer internationaler Organisationen, lassen sich in den entlegenen Gebieten nur schwer koordinieren und überwachen. Und die Erwartungen der Dorfgemeinschaften sind gewaltig. Im Caprivi-Streifen muss beinahe jeder Zweite mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Im KaZa-Gebiet von Sambia gibt es kaum asphaltierte Straßen, es fehlt an Kliniken und Schulen. Angolas entlegener Südosten ist vom vergangenen Krieg ausgezehrt und mit Landminen gepflastert.

„Millionen von Menschen in KaZa und den angrenzenden Gebieten kämpfen ums Überleben“, sagt Errol Pietersen, seit vier Jahrzehnten professioneller Naturschützer im südlichen Afrika. „Und wir sagen ihnen: Tötet keine Tiere! Die Tiere bezahlen euer Essen.“ Das müsse in ihren Ohren wie Hohn klingen. Mit grenzüberschreitenden Nationalparks hat Pietersen Erfahrung. Unter anderem war der Mann mit dem klaren Blick Chefranger im südafrikanischen Krüger-Nationalpark. Derzeit berät er im KaZa-Gebiet die Naturschutzbehörde von Sambia.

Hinter seinem einfachen Holzhaus rauschen die Ngonye-Wasserfälle, die im Westen von Sambia in einem märchenhaften Halbkreis über Basaltfelsen schießen. Errol Pietersen wohnt mitten in der Natur, die er liebt und deren Schutz er sein Leben widmet. Doch wenn es darum geht, lokale Gemeinschaften im großen Stil durch Tourismus zu entwickeln, ist er skeptisch: „Touristen, die wirklich Dollars bringen, wollen in Lodges von hoher Qualität übernachten.“

Im südlichen Afrika bedeute das: drei gut ausgebildete Mitarbeiter pro Gast. Den meisten KaZa-Gemeinschaften fehlt es an solchen Kräften, ihre Ausbildung dauert und ist teuer. Und nicht in allen KaZa-Gebieten gibt es Elefanten oder andere attraktive Tierbestände. „Selbst wenn wir diese Hürden nehmen, kann der Tourismus nur wenigen Arbeit geben“, sagt Pietersen. „Was geschieht mit dem Rest der Menschen?“

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Realistischer erscheint die Idee, dass Regionen, die im Schutzgebiet dank Elefanten und anderer Wildtiere stärker vom Tourismus profitieren, solche mit ungünstigeren Voraussetzungen finanziell unterstützen. Ein Modell ähnlich dem Länderfinanzausgleich in Deutschland. Die KaZa-Staaten müssten die Gelder via Steuern umverteilen. Nur gemeinsam hat die Vision von Naturschutz und Entwicklung in diesem entlegenen Teil Afrikas eine Chance. Die größte Herausforderung im Schutzgebiet ist jedoch die Wilderei.

Noch nie in seiner langen Karriere, sagt Parkmanager Errol Pietersen, habe er so viele Elefantenwaisen gesehen. In Namibia wurde Ende 2013 aus der Luft die höchste Zahl von Elefantenkadavern seit zwölf Jahren festgestellt. In Angola ist das Schicksal der wandernden Dickhäuter mangels ausreichender Kontrollen ungewiss. Offizielle Zahlen zu gewilderten Elefanten im KaZa-Gebiet gibt es nicht. Experten schätzen, es könnten Tausende sein. Jährlich.

An der Tankstelle von Kongola im Caprivi-Streifen, dem „goldenen Viereck der Wilderei“, wo Botswana, Namibia, Sambia und Angola zusammentreffen, drückt sich ein kräftiger Mann in kurzen Khaki-Hosen an die Wand, um von der Straße aus nicht gesehen zu werden. Seit Jahren arbeitet er als V-Mann in den Camps der Wilderer, getarnt als Fährtenleser, Fleisch- oder Elfenbeinträger. „Die Wilderei in KaZa nimmt rapide zu“, sagt er und wirft einen wachsamen Blick über die Schulter. „In den Korridoren müssen die Wilderer nichts weiter tun, als sich mit ihren Schnellfeuergewehren auf die Lauer zu legen und zu warten.“

Der V-Mann kennt die Szene wie kaum ein anderer. Seine Berichte sendet er ans namibische Umweltministerium in Windhuk. Auf seinem iPhone zeigt er grausame Fotos, aufgenommen bei seinen verdeckten Recherchen: abgeschlachtete Elefanten, gestapelte Stoßzähne in der Savanne, Autos mit Kofferräumen voll Elfenbein. „Die Korridore sind lebenswichtig für die Elefanten“, sagt er. „Doch im Moment führen sie die Tiere ins Verderben – die Korridore sind Todesfallen.“

Die deutsche Regierung unterstützt KaZa in Millionenhöhe, um diese Korridore aufzubauen und zu sichern. Über die KfW Entwicklungsbank fließen die Gelder ins Schutzgebiet. „Ich kann bestätigen,
dass die Wilderei von Elefanten und anderen Wildtieren in der KaZa-Region über die letzten Jahre zugenommen hat“, sagt Nils Meyer, KfW-Projektmanager für KaZa. „Das ist leider in Schutzgebieten, Korridoren und auch außerhalb dieser Gebiete der Fall.“

Die deutschen Mittel würden unter anderem dazu verwendet, eine Wildschutzpolizei zu trainieren und diese mit Computern, Radiofunk und Fahrzeugen auszustatten. Ein kürzlich erschienener Halbzeitbericht, der darüber aufklären könnte, wie erfolgreich diese Maßnahmen sind, hält die KfW geheim. Auf schriftliche Anfrage gewährt sie keinen Einblick.

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Im Korridor am Kwando-Fluss fand der V-Mann kürzlich die Überreste eines großen Elefantenbullen. Er verfolgte die Spur der Wilderer, stöberte sie auf und informierte das Umweltministerium. „Aber die schickten kein Team“, sagt er an der Tankstelle. „Die Wilderer entkamen mit den Stoßzähnen.“ Warum wurde das Ministerium nicht aktiv? „Es ist selbst am Geschäft mit dem Elfenbein beteiligt“, sagt der V-Mann; im Sand neben der Zapfsäule zerläuft öliges Wasser zu einem schmierigen Geflecht. „Sie ziehen die Strippen, bis in die obersten Etagen.“

Ranghöchster Mitarbeiter des namibischen Umweltministeriums im Caprivi-Streifen ist Morgan Saisai. „Unseren Anti-Wilderer-Patrouillen fehlt es an Personal“, räumt der massive Mann mit metallgerahmter Brille und gestreiftem Hemd in seinem Büro in der Regionalhauptstadt Katima Mulilo ein. „Die Gegenden sind schwer zugänglich, unsere Fahrzeuge oft kaputt, Ersatzteile nicht vorhanden.“ Mehr als Routinepatrouillen an Brennpunkten könnten seine Leute nicht leisten.

Stimmt es, dass Mitarbeiter seines Ministeriums am blutigen Geschäft mit den Stoßzähnen beteiligt sind? Saisai verschränkt die Arme. „Die Korruption ist überall“, sagt der Regierungsvertreter. „Ich kann nicht ausschließen, dass Mitglieder des Wilderersyndikats auch im Umweltministerium sitzen.“

Die Hälfte der geplanten Laufzeit für die deutschen Gelder ist verstrichen, in den Korridoren wird gewildert, und Ministerien sind offenbar korrupt. Was tun die Naturschützer von KaZa, damit die Vision freier und sicherer Elefantenwanderungen im südlichen Afrika nicht scheitert?
Es gebe zu wenig Wildhüter, klagt Morgan Saisai vom Umweltministerium   Foto: Matthias Ziegler

„Wir haben keine eigenen Soldaten, keine Polizisten, keine Spezialkommandos“, sagt KaZa-Chef Morris Zororai Mtsambiwa im Hauptbüro im botswanischen Kasane. „Unsere Aufgabe ist es, zwischen den fünf Regierungen zu vermitteln.“ Man sammle Informationen, ermögliche Forschungsprojekte, verteile das Geld von Gebern wie der deutschen KfW. „Die Probleme am Boden müssen die Regierungen der fünf Länder selbst lösen.“

Es gibt noch viel zu tun im Elefantenland. Doch es gibt auch Lichtblicke. Noch vor zehn Jahren war es wegen politischer Spannungen zwischen den fünf Nachbarstaaten schwierig, die Regierungen an einen Tisch zu bringen. Heute führen sie gemeinsam Tierzählungen durch und kooperieren im Kampf gegen die Wilderei.

In Angola werden Savannen und Feuchtgebiete von Landminen befreit und Elefanten wandern wieder in Regionen ein, in denen seit Jahrzehnten keine ihrer Artgenossen mehr gesehen wurden. Touristen sollen bald mit einem speziellen Visum das gesamte Schutzgebiet bereisen können. „KaZa ist eine brillante Idee“, sagt Naturschützer Errol Pietersen. „Es lohnt sich, dafür zu kämpfen.“

Am Ende des Korridors taucht am sambischen Ufer eine Elefantenherde in den Kwando-Fluss. Nur ihre dunklen Rücken und die erhobenen Rüssel ragen aus der Strömung, während sie in einer langen Reihe hinüberschwimmen. Nach Angola. Drüben angekommen, befreit eine Mutter ihr Baby mit dem Rüssel zärtlich von Flussalgen. Das Kalb trompetet, schüttelt ausgelassen die Ohren und rennt wie entfesselt durch den Sand.

Ein spontaner Ausbruch von Lebensfreude. Und ein Idyll, das hoffen lässt. Dass Elefanten bald wieder auf sicheren Pfaden quer durch das südliche Afrika wandern können.

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Michael Obert

Nah fahre er das Boot nicht an die Elefanten heran, hatte der namibische Guide dem Autor Michael Obert (Foto) und dem Fotografen Matthias Ziegler im Chobe-Nationalpark gleich gesagt. Als dann aber der Motor versagte, trieben sie bis auf zwei Meter an die Herde
heran. Während der Guide panisch versuchte, ihn wieder zum Laufen zu bringen, mussten sich die Reporter flach auf den Boden legen, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen.

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