Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Ausverkauf im Osten

In den fünf neuen Bundesländern verschleudert Bonn Naturschutzflächen an Privatpersonen. Michael Succow, der ostdeutsche Nationalpark-Pionier, protestiert.

Für Professor Michael Succow, Vizepräsident des Deutschen Naturschutzbundes (NABU) und Träger des Alternativen Nobelpreises, ist der Verkauf von ostdeutschen Naturschutzflächen eine nationale Schande. Noch im April versicherte Helmut Kohl, daß im Osten Deutschlands keine Naturschutzflächen an Privatpersonen veräußert würden. Doch an das Kanzlerwort fühlt sich die Nachfolgeorganisation der Treuhand, die Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG), nicht gebunden. Der Ausverkauf geht weiter.

GPM: Die großen Naturschutzgebiete in Ostdeutschland wurden zur Wendezeit als das Tafelsilber der deutschen Einheit bezeichnet. Wird das Tafelsilber jetzt verscherbelt?

SUCCOW: Ja und zwar in einer Weise, die ich nie für möglich gehalten hätte. Wir hatten damals an vieles gedacht, aber daß man im Jahr neun der Einheit Großschutzgebiete, also Flächen, die die Bundesrepublik mit der Wende geschenkt bekommen hat, verkauft, das ist einmalig auf dieser Erde. Der umgekehrte Weg ist der sonst übliche. Länder kaufen Schutzgebiete. So sind viele Nationalparks in den USA, England oder Kenia entstanden. Es gibt genug Flächen zu verkaufen. Ich begreife diese Gier nach Schutzgebieten nicht, die ja dem Gemeinwohl dienen sollte.

Wie kam es zu den Verkäufen?

1997 mußten wir erfahren, daß sich an das Versprechen des damaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer, keine Schutzgebiete zu verkaufen, niemand mehr erinnert. Wir haben die Medien mobilisiert und der Druck führte dazu, daß Helmut Kohl uns zusicherte, daß die Verkäufe ein halbes Jahr ausgesetzt werden. Aber die Tinte des Protokolls war noch nicht trocken, da wurde schon wieder Wald in Großschutzgebieten verkauft. Vom Leiter der BVVG, Graf von Stauffenberg, erhielten wir die Antwort, daß er sich nicht an dieses Kanzlerwort gebunden fühle. Kohls Versprechen hat lediglich dazu geführt, und das ist wieder der faule Kompromiß, daß diese Flächen als erstes Naturschutzverbänden und öffentlichen Trägern zum Kauf angeboten wurden. Wir, die Verbände, die kaum Geld haben, nichts vom Staat bekommen, uns mit Mitglieds- und Spendenbeiträgen über Wasser halten, wir sollen für das Gemeinwohl Bestimmtes, etwas von nationalem Interesse – eben Nationalparks – kaufen dürfen. Das ist für mich eine nationale Schande.

Was sind das für Käufer?

Zum einen sind es die Alteigentümer, die ihre Wälder zu Vorkaufsrechten zurückerhalten können. Das sind aber wenige. Ein Großteil der Käufer hat jagdliche Interessen. Mit der Wende, in der wir die Staatsjagdgebiete liquidieren und in Schutzgebiete überführen konnten, hoffte ich eigentlich, daß es vorbei sei, den Wald auf Trophäenträger auszurichten.
Die dritte Gruppe sind westdeutsche Privatforstbetriebe. Sie bekommen billige Kredite und können damit zu Spottpreisen große Waldgebiete erwerben. Ist der Kauf getätigt, geht der Einschlag in den wertvollen Altholzbestand los. Die Kredite können so nach ein, zwei Jahren zurückgezahlt werden. Besonders ärgert mich, daß Waldbesitzer ihr Recht auf Nutzung in den Schutzgebieten einzuklagen beginnen. Für Nutzungseinschränkungen verlangen sie Ausgleichszahlungen aus der öffentlichen Hand. Auf diesem Wege sind Konflikte vorprogrammiert. Zu Lasten der Natur, zu Lasten von uns allen als Steuerzahler.

Nun behauptet die BVVG, daß alle Verkäufe mit den Behörden abgestimmt werden.

Mit den Forstbehörden ja. Aber nicht mit den Naturschutzbehörden. Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen. Der Forst Redenswalde im Herzen des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin wurde im Mai von der BVVG zum Verkauf ausgeschrieben. Darin werden die wichtigsten jagdbaren Wildarten aufgezählt. Aber kein Wort wird darüber verloren, daß es sich in Teilen um ein Naturschutzgebiet handelt. Man tut so, als wisse man das nicht. Dabei ist das auf jeder Wanderkarte ausgewiesen. Das ist grobe Ignoranz für ein Naturreservat mit den letzten Klarwasserseen, einzigartigen Kesselmooren, Brutplätzen von See-, Fisch- und Schreiadler. Für einen Naturraum, den es in Westdeutschland nicht mehr gibt.

Müssen sich Naturschutz und Privatbesitz widersprechen?

Nein, ich bin nicht gegen Privatisierung. In den alten Bundesländern habe ich sehr gute Beispiele gesehen, wie Privatwald vorbildlich bewirtschaftet wird. Dies sind aber Ausnahmen. Statistisch hat der Privatwald den geringsten Altwaldbestand, den geringsten Anteil an jungen Laubbäumen, den geringsten Anteil an Totholz. Dort wird eben nicht auf Naturnähe Wert gelegt.

Glauben Sie, daß sich unter einer neuen Regierung diese Praxis ändern wird?

Bündnis 90/Die Grünen sind die einzige Partei, die klar erklärt hat, daß sie für ein Aussetzen der Waldverkäufe in den ostdeutschen Schutzgebieten ist. Bei einer anderer Regierungskoalition bin ich mir nicht sicher, ob sich etwas ändern wird.
Im russischen Jakutien will die Regierung bis zum Jahr 2005 Landschaften unter Schutz stellen, in denen die meisten Diamanten sind, das meiste Gold liegt und die stärksten Bäume wachsen. Diese Regierung hat noch eine Ethik. Wenn ich dann nach Deutschland zurückkomme und erlebe, wie wir kämpfen müssen, damit nicht die letzten Reste unserer Landschaft ausgebeutet werden, damit sie nicht der Gier nach Besitz des Schönsten, des Besten, des Seltensten zum Opfer fallen, dann frage ich mich, wie lange wird diese Demokratie noch bestehen, bei dieser Polarisierung nach links und rechts, zu arm und reich, die zwangsläufig auch ein Ergebnis des Umgangs mit unserer Natur ist.

Von FRANK H. GRIESEL

Streiter für die Umwelt
Prof. Dr. Michael Succow sorgte als stellvertretender Umweltminister der letzten DDR-Regierung dafür, daß fünf Nationalparks, sechs Biosphärenreservate und drei Naturparks eingerichtet worden sind. Heute ist er Direktor des Botanischen Instituts der Uni Greifswald, Vizepräsident des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) und Initiator von vielen Naturschutzprojekten. 1997 erhielt er den Alternativen Nobelpreis.

Das Tafelsilber der deutschen Einheit
In diesen Schutzgebieten läßt die Bundesregierung Naturschätze zu Geld machen — entweder durch Teilverkauf oder durch wirtschaftliche Nutzung. Wieviel Schutzgebiete tatsächlich betroffen sind, ist unklar. Die Karte zeigt nur einige Beispiele. Verantwortlich für die Verkäufe ist die Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG). Ihre Aufgabe ist es, die ehemals verstaatlichten Wald- und Agrarflächen zu privatisieren. Insgesamt galt es, 600.000 Hektar Wald zu veräußern, eine Fläche mehr als doppelt so groß wie das Saarland. Zur Zeit sind noch 450.000 Hektar zu haben. Durch den Verkauf wird ein Gewinn von 5,3 Milliarden Mark erwartet. In den Schutzgebieten Brandenburgs befindet sich 28 Prozent der Flächen in BVVG-Besitz, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 27 Prozent.