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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.17

Bärin No. 32366

Text: Wolfgang Hassenstein

Eisbär (Ursus maritimus)

Als Kind hat wohl jeder einmal versucht, eine Rolltreppe in verkehrter Richtung zu benutzen. Das macht Spaß, aber man gerät schnell aus der Puste. Erwachsene bevorzugen deshalb die feste Treppe daneben. Eisbären haben in vergleichbaren Situationen keine Wahl.

Denn ihr Lebensraum ist das Meereis. Es schwimmt auf dem Arktischen Ozean und ist, durch Winde und Strömungen angetrieben, stets in Bewegung. Mal kommt die Richtung ihnen zugute, mal geht es dagegen an, und driftet das Eis seitlich weg, müssen sie beharrlich die Laufrichtung anpassen. Das kostet netto viel Energie.

Zum Symboltier des Klimawandels sind Eisbären geworden, weil ihre Jagdgründe schrumpfen. In der Beaufortsee nördlich von Alaska, der Heimat von Eisbärin 32366, hält die Schmelzsaison inzwischen gut 22 Tage länger an als im Jahr 1979. Insgesamt bedeckt das arktische Meereis im Sommer nur noch halb so viel Fläche wie damals und ist zudem nur noch halb so dick.

In der Folge treibt es auch schneller umher. George Durner, Zoologe am Alaska Science Center des U.S. Geological Survey in Anchorage, hat nun mit einem Forscherteam kalkuliert, was dieser bisher wenig beachtete Umstand für die Eisbären bedeutet. Seine Studie, erschienen im Fachblatt „Global Change Biology“, zeigt eindrucksvoll die Möglichkeiten der satellitengestützten Umweltforschung – und den hohen Wert von Langzeitbeobachtungen.

Die Wissenschaftler konnten nämlich Eisdaten aus den Jahren 1987 bis 1998, als die Fläche noch recht konstant war, mit dem Zeitraum 1999 bis 2013 vergleichen, in dem die große Schmelze einsetzte. Die Driftraten nahmen im Untersuchungsgebiet um rund ein Drittel zu. Diese verrechnete Durner mit den Koordinaten besenderter Eisbären und kalkulierte anschließend, wie viel zusätzliche Energie diese „Tretmühle“ die Tiere kostete.

Die Karte zeigt beispielhaft die Route einer Bärin, die im April 2011 gefangen wurde, damals neun Jahre alt und 161 Kilogramm schwer. In den zwölf dargestellten Tagen profitierte sie teils von der Driftrichtung des Eises, teils musste sie ihren Kurs korrigieren. „Der Orientierungssinn der Bären hat mich immer beeindruckt“, sagt Durner. „Ein Bär aus der südlichen Beaufortsee, der auf seinen Beutezügen Hunderte Kilometer zurücklegt und im Sommer mit dem Eis weit nach Norden zieht, wird im Winter immer in seine Heimatregion zurückkehren.“ Woran sich die Bären dabei in der Eiswüste, die sich ja stets verändert, orientieren, wissen Durner und seine Kollegen bis heute nicht.

Die Ergebnisse der Studie aber waren klar: Die Eisbären der Beaufortsee haben ihren Schritt um fast neun Prozent beschleunigt und sind auch deutlich länger auf den Beinen als noch in den Neunzigerjahren. Dafür müssen sie 1,8 bis 3,5 Prozent mehr Energie aufwenden – und rechnerisch pro Jahr ein bis drei Robben mehr fangen. Das klingt vielleicht nicht nach viel, erbeuten Eisbären doch jährlich Dutzende Robben. Doch ihre Chance, in der Arktis zu überleben, ergibt sich stets aus einer Balance zwischen extrem hohem Energieverbrauch und ebenso hoher Energiezufuhr. „Die stärkere Eisdrift“, resümiert Durner, „ist ein zusätzlicher Stressfaktor für die Bären, deren Jagdsaison aufgrund des schmelzenden Eises ohnehin immer kürzer wird.“

Bärin 32366 wurde übrigens seit ihrer Besenderung siebenmal gesichtet, zweimal mit je zwei Jährlingen im Schlepptau. Und Mütter, die Nachwuchs säugen oder mit Fleisch versorgen müssen, haben noch einmal einen beinahe verdoppelten Robbenbedarf.

George Durner kam vor 26 Jahren aus New Jersey nach Alaska – und blieb.Im hohen Norden verspricht die biologische Feldforschung noch echte Abenteuer, und Eisbären faszinieren ihn bis heute. Die Teams vom Alaska Science Center betäuben die Tiere vom Helikopter aus, messen und wiegen sie dann, nehmen Blutproben und legen ihnen Sender-Halsbänder um. So hat Durner neben der Computerarbeit regelmäßig Kontakt zu seinen Forschungsobjekten – aber nur, wenn sie schlafen.