Besseresser

Greenpeace Magazin

Ausgabe 2.13

Besseresser

Text: Svenja Beller, Katja Morgenthaler, Vito Avantario / Illustration: Craig&Karl

Sie haben es satt. Zweieinhalb Millionen Deutsche machen nicht mehr mit bei Wurst, Schnitzel und Hack. Rund 820.000 verzichten sogar auf Milch und Eier. Tiere, Umwelt, Gesundheit oder alles zusammen – Vegetarier und Veganer nennen gewichtige Gründe für ihre Lebensweise. Und sie werden immer mehr.

„Ein sonderlicher Tierfreund bin ich nicht“, sagt Stefan Wiegard. In seiner Vorstellung waren Vegetarier verbissene Tierrechtler, deshalb wollte er nie einer werden. Jetzt ist er es doch, der Umwelt zuliebe. Der 41-Jährige lebt im tiefsten Münsterland, wo eine Kuh „heute Tier, morgen Wurst ist“. Ein Freund aus der Fleischbranche nannte ihn mal Umsatzverhinderer, und Schwiegermutter kocht eisern Grünkohl mit Wursteinlage. Die einzigen Vegetarier, die er kennt, sind seine 14-jährige Nichte aus Berlin und die aus dem Internet. Da weiß er, dass er nicht allein ist. Als Exoten gelten Vegetarier aber nur noch auf dem flachen Land. Im Durchschnitt sind sie jung, weiblich, gebildet und leben in der Großstadt. Sie sind Trendsetter, könnte man hinzufügen, denn immer mehr Deutsche essen lieber ohne statt mit: in den knapp 250 vegetarischen und mehr als 40 veganen Restaurants, in der ersten vegetarischen Mensa „Veggie No 1“ in Berlin und in all den anderen Uni-Kantinen, die bereits zu 40 Prozent fleischfreie Gerichte verkaufen. Die neue Liebe zum Gemüse schlägt sich auch in der Mitgliederzahl des Deutschen Vegetarierbunds (Vebu) nieder, die sich seit 2010 auf 7000 verdoppelt hat. Und selbst erklärte Fleischliebhaber wie Fernsehkoch Tim Mälzer, der in einem alten Hamburger Schlachthof ein Restaurant namens „Bullerei“ betreibt, kreieren neuerdings vegetarische Kochbücher.

Die Fleischeslust stagniert schon lange, wenn auch auf hohem Niveau. Seit den 90er-Jahren essen die Deutschen jährlich pro Kopf rund 60 Kilogramm Fleisch – doppelt so viel, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) maximal empfiehlt. Dafür sterben in Deutschland jedes Jahr mehr als 700 Millionen Tiere, für den Fleischhunger der Weltbevölkerung sind es unglaubliche 56 Milliarden – Meeresbewohner nicht mitgerechnet. Aber waren Schnitzel und Wurst jahrzehntelang zentraler Bestandteil jeder deutschen Hauptmahlzeit, mischt sich neuerdings die eine oder andere Tofufrikadelle dazwischen. In den letzten fünf Jahren hat sich der Absatz vegetarischer Fertiggerichte verdoppelt. Kühn schätzt der Vebu, dass sich schon bis zu neun Prozent der Bevölkerung vegetarisch ernähren, während das Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel 2008 in seiner Nationalen Verzehrstudie auf nur 1,6 Prozent kam.

Laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Greenpeace Magazins sind drei Prozent der Deutschen Vegetarier – das wäre eine Verdopplung in den letzten fünf Jahren und entspricht ungefähr 2,5 Millionen Menschen, der Einwohnerzahl Brandenburgs. Zu denen, die gar kein Tier in den Mund nehmen, kommen immer mehr „Flexitarier“ hinzu. 58 Prozent der Deutschen essen höchstens viermal pro Woche Fleisch, Wurst oder Fisch.

„Artgerecht und gesundheitsfördernd“ ist eine überwiegend pflanzliche Ernährung für die Gattung Mensch allemal, schreiben die Ernährungswissenschaftler Carl Leitzmann und Markus Keller in ihrem Standardwerk „Vegetarische Ernährung“. Vor etwa zwei Millionen Jahren verzehrten die Ahnen des heutigen Homo sapiens vermutlich auch Hirn und Rückenmark und nahmen dadurch Fettsäuren auf. Das ist einer der Gründe, warum ihr Gehirn allmählich auf das Doppelte anwuchs. Doch zu 60 bis 80 Prozent kam die Nahrungsenergie der ersten modernen Menschen vor etwa 200.000 Jahren aus Nüssen, Früchten und Samen.

Galt Vegetarismus noch bis Mitte der 70er-Jahre als Mangelernährung, empfiehlt die DGE ihn heute als „Dauerkost“. Es ist zur offiziellen Lehrmeinung geworden, dass Vegetarier seltener übergewichtig sind – und damit weniger anfällig für Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kurz gesagt: Sie leben gesünder und länger.

Für Stefan Wiegart, wie auch für viele andere Vegetarier, war das nicht der Grund für den Fleischausstieg, sondern die Umwelt. Obwohl die Agrarindustrie alles daransetzt, das Leid der Tiere mit bilderbuchhafter Bauernhofwerbung zu verschleiern, hat wohl fast jeder schon einmal jene verwackelten Videos gesehen, die das Elend in den Massenställen offenbaren. Und es regt sich das Gefühl, dass der Fleischwahn auch für den Rest der Welt nicht gut sein kann.

Es trügt nicht. Die Nutztierhaltung verschlingt massenhaft Ressourcen: Sojafelder verdrängen den südamerikanischen Regenwald und rauben weltweit Kleinbauern ihre Anbauflächen – hauptsächlich für Tierfutter. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) dienen bereits drei Viertel des globalen Ackerlandes in irgendeiner Weise der Tierfütterung. Je mehr sie mit Feldern für Grundnahrungsmittel konkurriert, umso teurer werden Lebensmittel. „Der hohe Fleischkonsum trägt zum Hunger in ärmeren Ländern bei“, sagt Marita Wiggerthale von der Hilfsorganisation Oxfam. Die Viehhaltung schluckt zudem Unmengen Wasser. Die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch verbraucht 15.500 Liter, die eines Kilos Weizen weniger als ein Zehntel davon. Wegen seiner enormen Umweltbelastung fordert Greenpeace jetzt, Fleisch zu verteuern. „Es gibt ein Recht auf Nahrung“, sagt Agrarexperte Martin Hofstetter, „aber kein Grundrecht auf billiges Fleisch.“

Mit Urwaldzerstörung, Düngern auf Erdölbasis und den Ausscheidungen von Milliarden Rindern und Schweinen facht die Fleischindustrie außerdem den Klimawandel an – in welchem Ausmaß, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Die FAO kommt auf 11,8 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen, doch ihre Zahlen sind lückenhaft. Die wahre Klimabelastung liege bei mindestens 51 Prozent, sagen der ehemalige Weltbank-Umweltberater Robert Goodland und sein Kollege Jeff Anhang. Wer Fleisch von seinem Speiseplan streicht, reduziert den ökologischen Fußabdruck seiner Nahrung um die Hälfte, errechnete die Organisation Foodwatch. Umweltschutz ist für viele der Grund, auf tierische Produkte zu verzichten – neben dem Leid des Fleisches, wenn es noch schreien kann.

Wie es den Tieren ergeht, weiß Corinna Bas nur zu gut. Ihr Vater ist Metzger in einem Dorf bei Hameln, ihre Großeltern hielten Schweine, Hühner und Schafe. Als Kind half sie bei Hausschlachtungen mit, setzte das Bolzenschussgerät an und watete „knietief im Blut“. Sie fühlte sich in der Schlachtküche unwohl: „Die Tiere haben Angst. Hinterher zucken sie stundenlang.“ Alles ganz normal, trichterten die Eltern ihr ein. Mit Erfolg. Bis vor einem halben Jahr aß Corinna Bas gern Tiere.

Im Sommer wurde sie „von der Fleischesserin zur Veganerin, von hundert auf null“, lacht die zweifache Mutter. Sie verzichtete fortan auf alles Tierische. Als sie ihren Jüngsten stillte, kam es ihr auf einmal seltsam vor, dass Menschenkinder Kuhmilch trinken. „Kühe waren mir gerade recht nah“, sagt die 34-Jährige. Sie hatte die Schmerzen einer Brustentzündung kennengelernt, die bei Mensch wie Rind Mastitis heißt. Schwerer aber wog das seelische Leid der Tiere: „Man nimmt ihnen ihre Kälber weg, damit wir ihre Milch trinken können.“

Kühe müssen einmal im Jahr ein Kalb gebären, sonst versiegt ihre Milch. Das Junge wird der Mutter Tage nach der Geburt entrissen und mit Ersatznahrung aufgezogen. Für männliche Kälber haben Milchbauern keine Verwendung. In Deutschland landen jährlich mehr als 300.000 von ihnen im Schlachthof. Ihr Fleisch ist, so zynisch das klingt, ein „Nebenprodukt“ der Milch. Auch in der Eierindustrie gehört der Tod zum Geschäftsmodell. Etwa 40 Millionen „Eintagsküken“ werden nach dem Schlüpfen vergast oder lebend in den Schredder geworfen. Denn der männliche Nachwuchs von Legerassen taugt weder zur Mast noch zum Eierlegen. Biomilch und Bioeier machen da keine Ausnahme, so wie auch Biofleisch letztendlich totes Tier ist.

„Wir können es nicht rechtfertigen, Tiere als Ressourcen zu nutzen, unabhängig davon, ob wir sie ‚human’ behandeln“, sagt der amerikanische Philosoph und Jurist Gary L. Francione. Die Menschen fühlen sich besser, wenn sie „glückliches Fleisch“ essen – doch wie kann ein totes Tier glücklich sein? Zu behaupten, es sei moralisch vertretbar, Tiere als Nahrungsquellen zu halten, basiert auf der Annahme, dass ein früher Tod ihnen nichts ausmacht. „Doch alle fühlenden Wesen wollen am Leben bleiben“, meint Francione – ein zutiefst pazifistischer Gedanke, der die Tiere mit einschließt.

Corinna Bas wird nicht mehr von ihren Eltern zum Essen eingeladen. Ihr Vater, der Metzger, empfahl ihr kürzlich, zum Psychologen zu gehen. Veganer sind heute die „Freaks“, für die Vegetarier vor 20 Jahren gehalten wurden. Noch zählt sich laut Greenpeace-Magazin-Umfrage nur ein Prozent der Deutschen dazu, aber ihre Zahl wächst schneller als die der Vegetarier. Der Trend kommt aus den USA. Im Land der XXL-Burger und Chicken Wings in Kilo-Eimern brach der Fleischkonsum zuletzt um zwölf Prozent ein. Schon zwei Prozent der Amerikaner leben vegan. Auch in immer mehr deutschen Städten eröffnen tierfreie Supermärkte: Die Kette Veganz mit dem Slogan „Wir lieben Leben“ hat bereits Läden in Berlin und Frankfurt, bis 2014 will sie auch in der Schweiz und Österreich Filialen eröffnen. Selbst konventionelle Läden räumen Regale für ihre veganen Kunden frei. Und Schuhmarken wie Dr. Martens bieten tierfreie Stiefel an. „Wir wachsen aus einer Randszene in die Mitte der Gesellschaft hinein“, sagt Christian Vagedes, Gründer der Veganen Gesellschaft Deutschland. Seine zwei Jahre alte Organisation hat mehr als 14.500 Fans auf Facebook – vegan ist jung.

Und hip: In einem bis zum Lampenschirm durchgestylten Lokal in Berlin-Mitte reicht der Kellner den Gruß aus der Küche: ein pinkfarbenes Gewürzrotkohlsüppchen im Schnapsglas. Auch die darauf folgenden Gänge sind tierfrei, selbst die Roulade an Rosenkohl und Süßkartoffelpüree. Und trotzdem oder gerade deswegen serviert das „Kopps“ wahre Geschmacksexplosionen, gerne auch typisch deutsch. „Wir haben zwar deftige Gerichte, aber eben nicht das Fresskoma danach“, erklärt Chefkoch Björn Moschinski. Er macht vegan edel, exquisit, kostbar. Mehr als die Hälfte der Gäste isst sonst Fleisch. Essen im Kopps bedeutet Genuss statt Entsagung. Keine Spur vom blassen Veganer mit eingefallenen Wangen und trübem Blick.

„Diese Klischees sind Unsinn und haben mit der Realität nichts zu tun“, sagt Markus Keller, Leiter des Gießener Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung. „Veganer schneiden bei Nährstoffen wie Folsäure, Vitamin C, Betacarotin und Magnesium sogar besser ab als Mischköstler, ebenso bei Ballaststoffen.“ Auch um Eiweiß müssten sie sich keine Sorgen machen. „In den Industrieländern sind selbst Vegetarier und viele Veganer damit überversorgt.“ Ebenso wenig drohe ein Kalziummangel. Milchprodukte erleichterten zwar die Versorgung, aber dunkelgrünes Gemüse, kalziumreiches Mineralwasser, Nüsse und Samen lieferten den Nährstoff ebenfalls. B12 ist das einzige Vitamin, das nur in tierischer Nahrung ausreichend vorkommt. Veganer brauchen dafür andere Quellen. „Das können angereicherte Lebensmittel oder Vitaminpräparate sein“, sagt Keller. Sogar eine B12-Zahnpasta gibt es schon. Einmal im Jahr sollten Veganer ihre Versorgung mit B12 im Blut untersuchen lassen.

Während die Amerikanische Vereinigung der Diätassistenten (ADA) eine ausgewogene vegane Kost auch Kindern empfiehlt, warnt die DGE davor. Insbesondere Milch gehöre bis zum 20. Lebensjahr auf den Tisch, weil bis dahin die Knochen aufgebaut werden. „Milch wurde seit den 50er-Jahren unter dem Einfluss der Agrarlobby zum wichtigen Grundnahrungsmittel für Kinder stilisiert“, kontert Markus Keller. In den meisten Regionen der Welt spiele sie hingegen überhaupt keine Rolle.

„Meine Kinder merken, dass ich mir Sojamilch ins Müsli kippe“, sagt Stefanie Hunczek aus der Nähe von Dresden. Zu vegetarischer oder veganer Ernährung will sie die vierjährigen Zwillinge nicht zwingen. Sie ist aber gespannt, was passiert, wenn sie verstehen, was Wurst ist. Vegan zu leben sei „eine Herzensentscheidung“, sagt die 39-Jährige. „Die muss jeder selbst treffen.“

 

GLOSSAR

OVO-LACTO-VEGETARIER
Sie sind die klassischen Vegetarier, essen also keine Lebensmittel, die von getöteten Tieren stammen, aber Milch- und Eierprodukte. Etwas strikter sind die Ovo-Vegetarier, die auch Milchprodukte ablehnen, beziehungsweise die Lacto-Vegetarier, die neben Fleisch auch alle Lebensmittel mit Ei weglassen.

FRUTARIER
So konsequent die Veganer sind – den Frutariern geht das nicht weit genug. Sie wollen der Natur keinen Schaden zufügen, deswegen essen sie nur Pflanzen, die bei der Ernte nicht sterben müssen. Das beschränkt den Speiseplan weitgehend auf Fallobst, Nüsse und Samen.

PESCETARIER
Wie Vegetarier nehmen sie kein Tier in den Mund, allerdings machen sie bei Meeresbewohnern eine Ausnahme: Fische, Krebs- und Weichtiere sind erlaubt, ebenso wie Eier, Milch und Honig.

FLEXITARIER
Wie Gelegenheitsraucher nehmen es auch Teilzeitvegetarier mit der Konsequenz nicht so genau. Prinzipiell essen sie weniger Fleisch als der Durchschnitt, es darf aber zwischendurch auch mal eine Wurst oder ein Schnitzel sein.

VEGANER
Sie lehnen die Nutzung von Tieren komplett ab. So gut es geht, versuchen Veganer auf alle tierischen Produkte zu verzichten und blicken über den Tellerrand hinaus: Nicht nur Fleisch, Milch- und Eierprodukte, Gelatine und Honig sind tabu, sondern auch Kleidung aus Leder oder Schurwolle und generell alle Produkte, die tierische Stoffe enthalten – soweit sie erkennbar und zu umgehen sind.

ROHKÖSTLER
Herd und Backofen haben bei ihnen nicht viel zu tun, denn sie essen ihre Speisen roh oder maximal auf 40 Grad erhitzt. Sie glauben, dass Obst und Gemüse sonst wichtige Vitamine und Enzyme verlieren. Die meisten von ihnen ernähren sich vegan, manche erlauben sich aber auch rohen Fisch oder Fleisch.

PUDDINGVEGETARIER
Sie verzichten zwar auf Fleisch, legen aber keinen so gesteigerten Wert auf eine ausgewogene Ernährung, wie es der Durchschnittsvegetarier tut. Pommes, Pizza, Torte, Pudding – Völlerei auf vegetarisch. Gesund ist anders.

FREEGANER
Ihr Antrieb ist die Konsumkritik. Um auf Lebensmittelverschwendung und ungerechte Verteilung aufmerksam zu machen, versuchen die Freeganer, sich vom Überfluss der anderen zu ernähren. Sie essen das, was die Supermärkte in die Tonne werfen – abgelaufene Joghurts, Obst mit Druckstellen oder Brot vom Vortag

 

ZEITLEISTE

8. JAHRHUNDERT V. CHR.
Im Norden Indiens bildet sich ein Vorläufer des Hinduismus heraus. Viele seiner Anhänger leben vegetarisch.

6. JAHRHUNDERT V. CHR.
„Des Beseelten enthalte dich!“, fordert der griechische Philosoph Pythagoras. Er glaubt an die Seelenwanderung und lehnt daher Tieropfer sowie den Genuss von Fleisch und Eiern ab. Seinen Schülern verbietet er auch, Wolle zu tragen. Er gilt als Begründer des westlichen Vegetarismus.

ANTIKE
Viele Denker wie Platon und Dichter wie Ovid wenden sich gegen den Fleischverzehr. Der Schriftsteller Plutarch schreibt im 1. Jahrhundert nach Christus: „Für ein kleines Stückchen Fleisch nehmen wir den Tieren die Seele sowie Sonnenlicht und Lebenszeit.“ Im Mittelalter wird es still um das Thema Vegetarismus.

RENAISSANCE
Der Theologe Erasmus von Rotterdam sowie die Juristen Thomas Morus und Michel de Montaigne verfassen bewegende Schriften über die Leidensfähigkeit der Tiere. Das Universalgenie Leonardo da Vinci (1452-1519) lebt konsequent vegetarisch.

1762
Jean-Jacques Rousseau veröffentlicht das Buch „Emile oder über die Erziehung“, in dem er auf die Vorzüge von Pythagoras’ Lebensweise hinweist.

1821
In Großbritannien erscheint das weltweit erste vegetarische Kochbuch mit dem Titel: „Ein neues System der Gemüsekochkunst, mit einer Einführung, welche die Abstinenz von tierischer Nahrung und berauschenden Spirituosen empfiehlt“.

1833
Der badische Rechtsanwalt Gustav Struve verfasst mit dem Roman „Mandaras Wanderungen“ die erste deutsche Streitschrift für Pflanzenkost. Er wird zum Begründer der vegetarischen Bewegung in Deutschland.

1847
Nachdem britische Bibelchristen sich im Jahr 1809 zum ersten vegetarischen Verein der Welt zusammengefunden hatten, gründen sie die bis heute bestehende „Vegetarian Society“. Ihr Name verhilft dem Begriff „vegetarisch“ zum Durchbruch. In den Jahrhunderten zuvor wurde eine fleischlose Ernährung „Pythagoräismus“ genannt.

1860
Meyers Neues Konversationslexikon vermerkt erstmals das Stichwort „Vegetarianer“. Es handele sich um „eine Sekte aus England, welche in der Praxis wie in der Lehre den Genuß thierischer Nahrung verwirft, überhaupt das Tödten eines Thiers verbietet und den Menschen einzig und allein auf die Nahrung aus dem Pflanzenreich angewiesen wissen will.“ 1812 habe es schon 100 Vegetarianer gegeben.

1867
Der 1848er-Revolutionär Eduard Baltzer gründet in Nordhausen Deutschlands erste Vegetarierorganisation, den „Verein für natürliche Lebensweise“.

1889 
Deutsche Einwanderer eröffnen in Zürich ein „Vegetarierheim und Abstinenzcafé“. Unter dem Namen „Hiltl“ ist es heute das älteste vegetarische Restaurant der westlichen Welt.

1892
Die beiden größten deutschen Vegetariervereine verschmelzen in Leipzig zum „Deutschen Vegetarier-Bund“. Mit einer Unterbrechung während der Nazizeit ist er der Vorläufer des heutigen Vegetarierbunds Deutschland.

1904
Der Arzt und Vollwertkost-Pionier Maximilian Bircher-Benner eröffnet am Zürichberg das Sanatorium „Lebendige Kraft“, wo er bis in die 30er-Jahre über 10.000 Kranke mit pflanzlicher Rohkost behandelt – darunter Thomas Mann und Hermann Hesse. Er entwickelt das berühmte Birchermüsli.

1908
Eine Handvoll Abgesandter aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Norwegen trifft sich in Dresden zum ersten Weltvegetarierkongress, um sich „über die trennenden Berge und Meere hinweg die Hände zum Bunde zu reichen“.

1933-1945 
Die Nazis propagieren Tierliebe und machen zugleich Jagd auf Menschen. Adolf Hitler wird zum Vegetarier stilisiert, obwohl er hin und wieder Fleisch isst. Der Vegetarismus bleibt vielen Deutschen bis weit nach Kriegsende suspekt.

1944
Der britische Kriegsdienstverweigerer Donald Watson und sechs weitere „milchfreie Vegetarier“ heben die weltweit erste „Vegan Society“ aus der Taufe. Watson erfindet den Begriff vegan als Verkürzung von vegetarian.

2013
McDonald‘s will in Indien zwei vegetarische Filialen eröffnen – in dem Land, in dem hunderte Millionen Vegetarier leben, Hindus heilige Kühe verschmähen und Moslems Schwein meiden, ist die Tofubulette kleinster gemeinsamer Nenner.

 

TIPPS

ONLINE
Mit der vegetarisch-veganen Ernährungspyramide macht man nichts falsch:  vebu.de/pyramide

Die Hamburger Studentin Sarah Kaufmann bloggt über ihren veganen Alltag und ist längst berühmt für Rezepte wie „Bohnenburger“ und „Zitroniger Avocadokuchen“.  veganguerilla.de

Im Supermarkt wieder kein Tofuschnitzel erwischt? Von „No Muh“-Rollbraten bis Badeschokolade gibt’s hier alles ohne Tier:  vegan-wonderland.de

 

APPS
Der „Peta Vegan Guide“ listet von falschem Fleisch bis Putzmittel hunderte vegane Artikel und die Supermarktketten, die sie führen. Mit „Wer macht’s“ greift man im Regal nicht versehentlich zu Produkten, die an Tieren getestet wurden. Und die „Öko- Test-E-Nummern“-App gibt schnell Auskunft darüber, in welchem Zusatzstoff Tier steckt. „Vegout“ und „Happy Cow“ verraten, wo die nächstgelegenen vegetarischen und veganen Restaurants, Imbisse und Bäckereien sind.

BÜCHER
Reuben Proctor und Lars Thomsen: Veganissimo. Tierliche Inhaltsstoffe und ihre Alternativen. Sicht Verlag 2012, 348 Seiten, 14,90 Euro. Das Lexikon mit 2500 Stichwörtern informiert über Zusatzstoffe und Logos von Arznei bis Waschmittel.

 

„MAN NEHME DREI PFUND HUND“

Die amerikanische Wissenschaftlerin Melanie Joy reist mit ihrem Vortrag über die Psychologie des Fleischessens durch die USA, Kanada und Europa. Wir trafen sie in Berlin

Könnten wir mal einen Blick in Ihre Handtasche werfen? Ist das Ihre erste Frage? Wonach suchen Sie denn?

Nach der Kastrationszange. Oh, die ist noch im Hotelzimmer, weil ich diesmal dran gedacht habe, sie aus dem Handgepäck zu nehmen. Am Flughafen bekomme ich sonst Probleme mit der Sicherheitskontrolle.

Diese Metallzange sieht aus wie ein Folterinstrument. Sie ist bei jedem Vortrag dabei. Warum? Weil es wichtig ist, etwas zum Anfassen zu haben. Die Zange macht das Leid der Tiere spürbar, die ohne Betäubung kastriert werden. Es ist wissenswert für die Menschen, was den Tieren widerfährt.

Dieses Nicht-Wissen um das Schicksal der Tiere bezeichnen Sie als „Bewusstseinslücke“, richtig? Ja, damit meine ich die psycho-emotionale Verbindung, welche den meisten von uns fehlt, wenn das Fleisch auf dem Teller liegt. Wir sehen nicht das lebendige Wesen, das dieses Fleisch einmal war.

Sie haben den Begriff Karnismus geprägt. Was bedeutet er? Stellen Sie sich vor, Sie essen bei Freunden zu Abend. Die Gastgeberin serviert Ihnen ein hervorragendes Geschnetzeltes. Sie fragen sie nach ihrem Rezept und sie antwortet, dass das Geheimnis im Fleisch liege: „Man nehme drei Pfund extra mageren Golden Retriever.“ Ihre Reaktion ist höchstwahrscheinlich Abscheu und zeigt, was Karnismus ist: Es ist das unsichtbare Glaubenssystem, das uns konditioniert, das Fleisch bestimmter Tiere zu essen. Im Wesentlichen ist es das Gegenteil von Veganismus.

Ihr Vortrag beginnt mit Bildern von Kindern und Tieren. Was ist so besonders an der Beziehung von Kindern zu Katzen, Hühnern oder Kühen? Wenn wir in ein herrschendes System wie den Karnismus hineingeboren werden, werden wir dazu erzogen, zu denken, zu fühlen und uns so zu verhalten, wie die Lehren des Systems es vorsehen. Der Karnismus lehrt uns, unser Mitgefühl auszuschalten, wenn es um Tiere geht, von denen wir gelernt haben, dass sie essbar sind. Auch Kinder sind schon sozialisiert, Tiere zu essen. Aber sie haben noch eine natürliche Verbindung zu ihrem Mitgefühl.

Gibt es einen Schlüsselmoment für Kinder, in dem sie begreifen, dass das Fleisch auf ihrem Teller mal ein Hühnchen war? Wir haben keine Daten, die das stützen. Aber ich höre das immer und immer wieder. Neulich erzählte mir eine Frau von ihrer sieben Jahre alten Tochter, die eines Tages fragte: Mama, was ist eigentlich in Hühnchen drin? Und die Frau sagte: Hühnchen. Die Tochter antwortete: Nein, ich meine die Zutaten. Und die Mutter sagte: Hühnchen ist die Zutat. An diesem Tag wurde die Tochter Vegetarierin. Nicht alle Kinder werden Vegetarier, aber viele stellen die Verbindung her und müssen dann „resozialisiert“ werden.

Die Bewusstseinslücke ist also anerzogen? Ja, wir haben als Kleinkinder noch nicht diese räuberische Natur. Die Bewusstseinslücke wird erlernt. In jeder Fleischesser-Kultur gibt es nur eine Handvoll Tiere, welche die Menschen essen, ohne sich zu ekeln. Der Rest liegt außerhalb ihrer Vorstellungskraft.

Sehen Hackbällchen, Fischstäbchen und Wurst deshalb nicht nach Tier aus, damit auch Kinder sie essen? Nicht nur Kinder, auch Erwachsene. Als ich für meine Doktorarbeit über die Psychologie des Fleischessens Interviews führte, sagten mir viele Leute: „Ich könnte nie ein Stück Fleisch essen, an dem der Kopf noch dran ist, insbesondere wenn die Augen mich ansehen.“ Und wenn ich fragte, warum, sagten die Leute: „Weil es dann zu sehr nach Tier aussieht.“ Es gab eine Zeitspanne in der Menschheitsgeschichte, da war das Fleischessen eine Frage des Überlebens. Heute ist es das nicht mehr. Und wenn ein Verhalten zur Wahl wird, bekommt es eine ethische Dimension. Fleischessen ist eine Frage der Moral. Wir essen nicht deshalb Tiere, weil wir müssen, sondern weil wir den Geschmack ihrer Körper mögen. Für die meisten ist das keine ausreichende Rechtfertigung. Also brauchen wir Distanz zu dem, was wir da tun.

Ist Biofleisch eine Lösung? Biofleisch ist eine PR-Antwort der Agrarindustrie auf das Unbehagen der Verbraucher. Die Botschaft dahinter lautet: Wir wollen, dass ihr unser Produkt weiter kauft. Also verpacken wir es so, dass ihr euch besser damit fühlt. Wir führen diese wichtige Diskussion über Leben und Tod einseitig durch die Brille des Karnismus. Die meisten Menschen würden sich unwohl damit fühlen, wenn ein sechs Monate alter, gesunder Golden Retriever getötet würde, nur weil sie den Geschmack seiner Filets mögen. Aber wenn sie Biofleisch kaufen, haben sie kein Problem damit, dass einer anderen Art dasselbe angetan wird. Außerdem: Wenn jemand gefoltert wird und du tötest ihn, nimmst du ihm wenigstens den Schmerz. Wenn jemand „glücklich“ ist, beendest du ein Leben, das er gerne weiter leben würde. Nein, Biofleisch ist keine Lösung.

Ist es konsequent genug, Vegetarier zu sein, um sich ethisch korrekt zu ernähren? Das hängt davon ab, welche Beziehung man zu seinem Gewissen hat. Auch Vegetarismus beinhaltet Karnismus. Man könnte sagen, dass die Eier- und Milchindustrie in Bezug auf die Todesopfer sogar am brutalsten sind. Da müssen wir nur an die getöteten männlichen Küken denken. Auch Vegetarier nutzen karnistische Abwehrmethoden, um den Konsum zu rechtfertigen. Zum Beispiel würden die meisten keine Schweine- oder Rattenmilch trinken. Bei Kuhmilch sehen sie aber kein Problem. Als erster Schritt macht Vegetarismus Sinn. Wenn wir aber das Leid, das wir Tieren antun, so gut wie möglich mindern wollen, dann ist Veganismus der einzige Weg.

Während man im Westen über Vegetarismus diskutiert, fangen viele Menschen in Schwellenländern wie China und Indien gerade erst richtig an, Fleisch zu essen. Gibt es so etwas wie ein urmenschliches Verlangen danach? Ich weiß nicht, ob es ein Verlangen gibt. Auf jeden Fall gibt es ein sehr strategisches Marketing für Fleisch. Den Menschen werden nicht einfach Produkte, sondern auch Ideen und Glaubensgrundsätze verkauft. Tiere essen ist etwas sehr Symbolisches. Der einzige Grund, warum jemand einen Hamburger anstelle eines identisch schmeckenden Veggieburgers wählt, der sogar noch gesünder wäre, ist das Image des Hamburgers, das, wofür er steht.

Ist es nicht doch eine Frage des Geschmacks, den Hamburger zu wählen? Es gibt längst vegetarische Burger, bei denen man den Unterschied nicht schmeckt. Trotzdem würden viele Leute sagen: Ich will das echte Zeug.

Was symbolisiert ein Hamburger? Eine ganze Menge. Die Ökofeministinnen beschäftigen sich mit Fleisch als Symbol für männliche Macht. Es ist die Macht über Leben und Tod. Wir assoziieren rotes Fleisch mit Stärke und Potenz. Werbung für Fleisch richtet sich typischerweise an Männer. Wenn wir Fleisch essen, stecken wir buchstäblich die Leiche eines anderen in unseren Mund. Wir üben Macht über die Tiere aus. Einfach weil wir es können.

Aber es gibt doch auch Naturvölker, die jagen. Sie können doch nicht leugnen, dass es zum Menschen gehört, Tiere auch als Essen zu betrachten. In Stammeskulturen passieren noch jede Menge andere Dinge, die wir niemals nachahmen würden. Das Argument, dass etwas natürlich sei, ist in der gesamten Menschheitsgeschichte immer wieder angewandt worden, um gewalttätige Praktiken zu rechtfertigen. Aristoteles hat gesagt, die Sklaverei sei natürlich. Und dass es Menschen gebe, die dazu geschaffen seien, Sklaven zu sein. Heute sagen wir: Weil wir schon so lange Fleisch essen, ist es auch natürlich. Aber wir haben nicht immer Fleisch gegessen. Und niemals haben wir annähernd so gewaltige Portionen vertilgt wie heute.

Interview: Svenja Beller, Katja Morgenthaler

MELANIE JOY, 46, ist Professorin für Psychologie und Soziologie an der Universität von Massachusetts in Boston. Seit einer Fleischvergiftung vor 23 Jahren lebt sie vegan. Mit dem Begriff Karnismus verdeutlicht sie, dass das Essen von Tieren ebenso auf einer Weltanschauung beruht wie der Vegetarismus. Nur ist der Karnismus so tief in der Gesellschaft verankert, dass die meisten Menschen ihren Fleischkonsum für normal, natürlich und notwendig halten. Weit gefehlt, sagt Joy. Ihr Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ erscheint Mitte Mai bei Compassion Media auf Deutsch.
carnism.com

 

FREI VON MILCH UND EI

Susanne Haag und Stefan Dietz waren lange Vegetarier. Jetzt verzichten sie auf alles vom Tier. Vegan zu leben ist kein Problem, sagen sie, wenn man sein Essen liebt.

„Topinambur!“ Der Händler schaufelt braune Knollen auf die Waage und schwärmt: Die könne man in den Salat raspeln, zu Bratlingen verarbeiten oder als Chips frittieren. „Lecker und gesund!“ Offenbar hat der Mann die kleine „Veganblume“ an der Jacke seines Kunden erspäht. Sie bedeutet, dass Stefan Dietz sein Geld auf dem Wiesbadener Wochenmarkt weder zum Metzger noch zum Käse-, Eier-, Fisch- oder Honigstand trägt. Er und seine Freundin Susanne Haag essen nur noch Pflanzenkost. Bessere Gemüse-Kunden gibt es nicht.

In der Küche der Designerin und des Journalisten stapeln sich die Kochbücher. „Veganer sind verfressene Leute“, sagt Stefan und fischt Einkäufe aus dem Jutebeutel. „Wir haben nie so geschlemmt wie jetzt.“ Schließlich will die Küche neu erobert werden. Zum Mittagessen gibt es Süßkartoffel-Rosenkohl-Curry und russischen Zupfkuchen – mit Puddingpulver statt Quark und Ei.

Susanne und Stefan waren ihr halbes Leben lang „sorglos Vegetarier“. Bis Stefan sich eines Tages die banale Frage stellte: „Warum geben Kühe eigentlich immer Milch?“ Die Antwort war: Weil sie immer Kälber bekommen. Aber deren Milch trinkt der Mensch. Die Kälber werden geschlachtet. Ganz einfach, wenn man es wissen will: „Milch gehört zur Tötungsmaschine.“

Der 37-Jährige wollte sich „nicht länger einlullen lassen“. Er probierte Soja-, Reis- und Mandelmilch. Seit Sommer 2011 lässt er Milch und Eier ganz weg. „Da war zwei Wochen Kick-Boxen im Magen-Darm-Trakt“, lacht er. Der Körper stellte sich um. Als er aber wenig später noch einmal Milchkaffee trank, fühlte es sich an wie ein Schlag in den Magen. „Milch ist gar nicht so leicht zu verdauen.“ Er dachte an die Millionen Asiaten und Afrikaner mit Laktoseintoleranz.

Ein Jahr lang streute Susanne sich noch Parmesan auf die Nudeln und kaufte Milch. „Aber die wurde mir permanent schlecht.“ Dann kam „die Faszination, was vegan alles geht“. Die passionierte Köchin experimentierte mit Hirse und Kichererbsen. Sie entdeckte Sahne auf Haferbasis für sich, cremige Mandelmus-Soßen und dass „Eier“ aus Sojamehl und Wasser den Kuchen auch zusammenhalten. Susannes Küche wurde bunt wie die vielen Gemüsesorten. Askese ist etwas anderes.

„Das ist ja keine Weltraumnahrung“, sagt Susanne heute. „Das sind Pflanzen!“ Jeder Italiener habe veganes Essen: Spaghetti mit Tomatensoße. Beim Inder und beim Thai sei sowieso die Hälfte der Gerichte vegan.

Im Kühlschrank stehen heute Leckereien wie Hokkaidokürbis-Aufstrich und Zwiebel-„Schmalz“ aus Bio- Palmöl. Statt Nutella mit Magermilchpulver gibt es dunkle Schokocreme. Im Regal stapeln sich Nusstüten und Exotisches wie Baobab-Fruchtpulver. Ein Plakat informiert über alles Wichtige von Vitamin B12 bis Zink.

„Man braucht eine Bereitschaft, die Dinge anders zu machen“, sagt die 35-Jährige. „In der Schule lernt man: Milch sichert die Kalziumzufuhr. Punkt. Von dunkelgrünem Gemüse, das auch jede Menge Kalzium enthält, erzählen die da nichts.“ Als Veganer müsse man sich mit seinem Essen beschäftigen. „Aber auch mit Fleisch kann man sich einseitig ernähren.“ Im Supermarkt gilt es, Zutatenlisten zu lesen. Längst gibt es Apps, die vor Absurditäten wie Molkepulver als „Gewürzträger“ auf Kartoffelchips warnen oder vor Apfelsaft, der mit Gelatine geklärt wurde.

Etwas außerirdisch fühlen sich Susanne und Stefan im Alltag jedoch schon hin und wieder. Wenn sie kein Café finden, das auch Sojamilch in den Kaffee schäumt. Oder wenn die Sandwiches beim Bäcker wieder vor Majo triefen. Da helfen selbstbelegte Brote und – Gelassenheit. Frei nach der Veganer-Regel, den Konsum tierischer Produkte „wo immer möglich“ zu meiden. „Die Bequemlichkeit lässt nach“, sagt Susanne. „Was man dafür kriegt, ist eine enorme Zufriedenheit.“

In bunten Schalen tragen die beiden das Essen auf. Zum dampfenden Kokosmilch-Curry gibt es frischen Koriander und Granatapfelkerne. Der Kuchen ist saftig, die Schokostreusel sind knusprig und noch warm.

„Deins sieht wieder am besten aus!“, sagte ein Kollege neulich, als Stefan in der Kantine zwischen Schnitzeln und Fischstäbchen seine Tupperdose öffnete: Wirsingauflauf mit Senfsoße. Und dann schob er eilig nach: „Aber ich könnte das ja nicht!“

Text: Katja Morgenthaler

 

TIERISCHE FALLEN

Versteckt im Kleingedruckten, hinter E-Nummern oder ohne jeglichen Hinweis verbergen sich in vielen Produkten tierische Inhaltsstoffe. Läuse in der Marmelade, Wild in Chips, Schweineborsten im Brot – Vegetarier und Veganer müssen auf vieles achten

FRUCHTGUMMI  
In vielen Bären steckt ein Schwein: Gummibärchen und die meisten anderen Fruchtgummis enthalten Schweineschwartengelatine. Haribo bewirbt sie mit einer „weicheren Konsistenz und einem angenehmeren Kau- und Geschmackserlebnis“. Alternativ enthalten Biobärchen oft statt Gelatine Stärke oder das aus Algen hergestellte Agar-Agar.

KÄSE
Für Käse müssen keine Tiere sterben? Falsch. Das Geheimnis nennt sich Lab. Es wird aus der Magenschleimhaut junger Kälber entnommen, da sich in diesem Alter genug Enzyme darin befinden, um das Milcheiweiß Kasein zu spalten. In der Käseherstellung sorgt Lab dafür, dass die Milch eindickt, ohne sauer zu werden. Laut dem Vegetarierbund ist es in 35 Prozent aller Käseprodukte enthalten (siehe vebu.de/labliste). Deklariert werden muss das aber nicht, da es nicht als Zusatz-, sondern als Produktionshilfsstoff gilt. Für viele Frischkäsesorten wird Gelatine als Verdickungsmittel verwendet. Das wiederum ist in der Zutatenliste zu finden.

JOGHURT 
Auch der Nachtisch ist für Vegetarier ein Hindernislauf. Viele Joghurts und Puddings bekommen ihre Festigkeit durch Gelatine, sie wird im Kleingedruckten aufgeführt. Joghurts mit Erdbeer- oder Himbeergeschmack verdanken ihre rosa Farbe oft ausgekochten Schildläusen, die E-Nummer 120 weist darauf hin. Auch andere rote Lebensmittel wie Marmelade oder alkoholische Getränke können die Läuse enthalten.

BROT
Damit der Teig schön elastisch und leicht zu kneten ist, wird ihm oft die Aminosäure Cystein beigemischt, gekennzeichnet mit der E-Nummer 920. Teils wird sie aus Schweineborsten oder Federn gewonnen, inzwischen aber auch mithilfe tierfreier gentechnischer Verfahren. Brezeln können zudem Schweinefett enthalten, viele Bäckereien sind allerdings auf Margarine umgestiegen.

MARGARINE
Die pflanzliche Alternative zur Butter birgt gleich eine ganze Schar von tierischen Bestandteilen. Für Veganer scheiden schon die vielen Varianten mit Molke aus. Aber auch Vegetarier müssen die Zutatenliste genau studieren. Denn einigen Margarinesorten wird wegen seines hohen Omega-3-Fettsäuregehalts Fischöl zugesetzt, das durch Auskochen von Fischen und Fischabfällen gewonnen wird. Fettreduzierte Margarinen enthalten häufig Gelatine – vor allem zur Verbesserung des Geschmacks.

WEIN
Um Wein von Schwebstoffen zu befreien, filtern ihn die Winzer. Dazu nutzen sie je nach Jahrgang und Sorte unterschiedliche Hilfsmittel, darunter Gelatine und Hausenblase (die getrocknete Schwimmblase von Stören). Auch Molken- und Milcheiweißpräparate können bei der Klärung zum Einsatz kommen. Zwar werden die tierischen Stoffe anschließend wieder entfernt, Spuren können aber in der Flasche landen – ohne Kennzeichnungspflicht. Übrigens: Früher wurde sogar Stierblut zum Klären benutzt, das ist aber in keinem Mitgliedsstaat der etablierten Internationalen Organisation für Rebe und Wein mehr zulässig.

SAFT
Einige Safthersteller filtern wie Winzer Trübstoffe mithilfe von Gelatine oder Hausenblase (siehe Wein) aus ihren Getränken, ohne dies auf der Verpackung zu vermerken. Um den Saft mit Vitaminen anzureichern, verwenden sie auch Gelatine als Trägerstoff. Die Hersteller der Multivitaminsäfte Valensina und Hohes C bestätigten das der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Auch einige Softdrinks können Gelatine als Trägerstoff enthalten.

CHIPS
Damit Chips und Flips schmecken, wie sie schmecken, bekommen sie eine ganze Reihe Aromen aufgeladen. Als Trägerstoffe dienen Wild, Fisch, Geflügel, Rind, Schwein, Lab oder Molkenpulver. Auf Anfrage von Foodwatch listete Chipshersteller Funny-Frisch satte 31 Produkte auf, die tierische Bestandteile enthalten. Vegetarische Snacks kenn- zeichnet der Hersteller, vegane allerdings nicht.

OBST
Vom möglichen Wurmbefall einmal abgesehen, ist Obst für Vegetarier und Veganer ein sicheres Feld – fast. Denn trägt es die Kennzeichnung „gewachst“, wurde es oft mit einem Gemisch aus Bienenwachs und Schellack überzogen. Letzterer wird aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus gewonnen und verbirgt sich hinter der E-Nummer 904, Bienenwachs wird mit E901 gekennzeichnet. Auch Süß- und Backwaren, Nüsse und Kaffeebohnen können damit behandelt sein.

 

DER SOUND ZUM GEMÜSE

Machen fleischlose Menschen auch kraftlose Musik? Im Gegenteil. Die härtesten Verfechter des Vegetarismus trifft man in Musikszenen, in denen man sie am wenigsten vermutet.

Als der Tierfreund Ian Thomas Garner MacKaye Mitte der 80er-Jahre in Washington DC seine Band Fugazi gründete, war er bereits einige Jahre im toxischen Sumpf der Punkkultur herumgewatet: 1979 spielte er als Bassist bei den Teen Idles. Dann wurde er Leadsänger von Minor Threat und Embrace, zweier Bands, die der Ursuppe des Hardcorepunks aus der US-Hauptstadt entstammen. 

Je länger er darin schmorte, desto mehr verabscheute er seinen eigenen Drogenkonsum und die selbstzerstörerische Haltung vieler Punks: Sie soffen, rauchten, kifften, fixten und bumsten mit wechselnden Partnern herum. Wenn dies die einzigen Resultate einer mit großmäuliger Pose angetretenen Jugendkultur waren, die Staat und Gesellschaft ablehnte, dann war diese Haltung maßlos, haltlos, fruchtlos und zu nichts nütze, fand MacKaye. Aus Protest dagegen malte er sich ein schwarzes X auf den Handrücken: Türsteher markierten amerikanische Minderjährige damals mit einem X auf der Hand, um sie vom Alkoholausschank auszuschließen. MacKaye deutete das Symbol für sich um und konfrontierte sein aus der Bahn geratenes Publikum auf Konzerten mit wütenden Texten wie diesen:

„Don’t drink, don’t smoke, don’t fuck! At least you can fucking think!“
(Trink nicht, rauch nicht, fick nicht, wenigstens kannst du verdammt noch mal nachdenken!)

Die Zeilen stammen aus dem Song „Straight Edge“ von Minor Threat, in dem MacKaye über sein drogenfreies Leben singt. Der Titel gab der Bewegung, die sich nun in Gang setzte, ihren Namen: Tatsächlich begannen Punks umzudenken. Es schien kein Nachteil zu sein, einen klaren Kopf zu wahren und die Desillusion über die mangelnde Zukunftsfähigkeit von Staat und Gesellschaft in eine persönliche Revolution zu transformieren. Sie wurden „Straight Edge“ – fuhren sozusagen „gerade Kante“ – und hörten auf, sich mit Alkohol, Drogen und Sex zu betäuben. Sogenannte Vegan-Straight-Edge-Bands wie Vegan Reich aus Memphis drehten das Rad weiter und setzten Tierrechte auf ihre musikalische Agenda. Ihre 1990 erschienene EP „Hardline“ wurde in der militanten Punkbewegung zu einem Manifest, das auch Gewalt zum Schutz von Tieren legitimierte.

Zu diesem Zeitpunkt war Steven Patrick Morrissey schon einige Jahre Vegetarier. Er war Kopf von The Smiths, einer Indieband aus Manchester, die das britische Musikmagazin New Musical Express 2004 noch vor den Beatles zur einflussreichsten Band aller Zeiten kürte. Mit ihrem 1985 erschienenen Studioalbum „Meat Is Murder“ (Fleisch ist Mord) lancierten The Smiths als eine der ersten Bands überhaupt ein pro-vegetarisches Statement in der Popmusik. Auch nachdem sich die Band 1987 aufgelöst hatte, war Morrissey als Solokünstler weiter für Überraschungen gut: 1999 weigerte er sich, in Dresden im „Alten Schlachthof“ zu spielen. Dieser Ort habe eine blutige Vergangenheit, ließ er wissen und sagte das Konzert ab.

Für den Tierschutz setzte sich auch die 1998 verstorbene Linda McCartney ein. Ihre Freundin Chrissie Hynde, Sängerin der Pretenders, soll sie ermutigt haben, für die vegetarische Sache zu werben. McCartney bekehrte erst ihren Mann Paul. Dann brachte sie mehrere Kochbücher für Vegetarier heraus und gründete das Unternehmen „Linda McCartney Foods“, dessen vegetarische Fertiggerichte bis heute in den Tiefkühlregalen britischer Supermärkte zu finden sind. Inzwischen ist Vegetarismus im Musikuniversum allerorten en vogue: Madonna, Moby, Lady Gaga, Erykah Badu – angeblich alles Vegetarier. Selbst in der Metallerszene findet man Musiker, die den Tieren zuliebe dem Fleisch abgeschworen haben: die Radaubrüder Zack de la Rocha (Rage Against The Machine), Phil Collen (Def Leppard), Kirk Hammett (Metallica) und Geezer Butler (Black Sabbath) gehören dazu. Gemeinsam mit dem Punkrocker Ian Thomas Garner MacKaye von Fugazi sind sie die härtesten Musiker mit den weichsten Herzen.

Text: Vito Avantario

 

SPECK IST KEIN GEWÜRZ

Ich habe mich selbst in eine Minderheitenschublade einsortiert, indem ich mich eines Tages Vegetarierin nannte. Klare Definitionen machen das Leben leichter, heißt es, für diese stimmt das nur bedingt

Die häufigsten Fragen, mit denen ich als Vegetarierin konfrontiert werde, beschäftigen sich mit dem Ausschlussverfahren: Auch kein Fisch? Kein Schinken? Und kein Speck? Auf meine Verneinung folgen bisweilen überraschende Eigendefinitionen, so zum Beispiel von einem konsternierten Spanier, der mir erklärte, dass Schinken kein Fleisch sei. Zumeist ländliche Restaurantbedienungen betrachten Speck als Gewürz – und brauchen ihn folglich auf meine Nachfrage, ob ein Gericht vegetarisch ist, nicht zu erwähnen, sondern unterbreiten mir ihre Gewürzdefinition erst dann, wenn das speckdurch- wirkte Gericht vor mir steht. Viele Nationen der Erde zählen auch Geflügel offenbar nicht zu Fleisch, wie ich auf einer Reise durch Nepal feststellte. Die Gespräche verliefen immer ähnlich: Ich bin Vegetarierin. – (Leeres Gesicht) – Ich esse kein Fleisch. – Ah ok. Hühnchen! (Strahlendes Gesicht mit heftigem Nicken) – Nein, ähm, keine Tiere. – (Noch leereres Gesicht) Warum?

 Liegt der Grund ganz küchenpsychologisch in meiner Kindheit? Ich hatte Tierposter an den Wänden, besaß ein fettleibiges Meerschweinchen und ein hyperaktives Kaninchen und liebte generell alle Tiere (allerdings durften sie nicht mehr als vier Beine haben, sonst kehrte sich die Zuneigung in ihr ungerechtes aber dennoch vehementes Gegenteil). Bei einem Schulpraktikum im Zoo musste ich zusehen, wie die Futtertiere (Meerschweinchen und Kaninchen, die ich tags zuvor noch liebevoll umsorgt hatte) mit einem kräftigen Genickschlag für die Schakale getötet wurden. Das hatte sicher eine traumatisierende Wirkung auf mich, aber meine einzige Konsequenz war, dass ich fortan den mordenden Tierpfleger hasste. Doch ich aß Fleisch.

Einsicht erlangte ich erst durch Jonathan Safran Foer, besser gesagt durch die Lektüre seines Buches „Tiere essen“. Danach bastelte ich keinen Anstecker mit der Aufschrift „Pflanzenfresserin“ und ich kaufte auch keine T-Shirts mit lustigen Sprüchen wie „Ich bin Vegetarier, weil Obstwurst nie erfunden wurde“. Ich aß einfach nur keine Tiere mehr. Da ich aber grundsätzlich kein großer Freund von Dogmen bin, beschloss ich, meinen sporadischen Gelüsten nach toten Krabben oder Muscheln hin und wieder nachzugeben, warum sollte ich mich zur absoluten Konsequenz zwingen?

Darum.

Die Ansprüche meiner Umwelt an mein Vegetarier- Dasein sind offenbar um einiges strenger als meine eigenen, um nicht zu sagen: rigoros kompromisslos. Mit spitz erhobenem Zeigefinger und einem selbstzufriedenen Grinsen wird zum entlarvenden Urteil angehoben: „Aha!“ – Kunstpause – „Also isst du manchmal Tiere, dann bist du ja gar keine Vegetarierin. Übrigens, Gummibärchen dürftest du eigentlich auch nicht mehr essen, und Soja wird auf riesigen Plantagen in Brasilien angebaut, deinetwegen stirbt der Regenwald.“ (Dass dieses Soja vor allem von den später zu Steaks portionierten Rindern gefressen wird und nicht von mir, scheint nicht weiter von Belang.) Da mein Gegenüber nun festgestellt hat, dass wir beide nicht konsequent und damit gleich schlechte Menschen sind, ist die Erde für ihn oder sie wieder im Gleichgewicht. Dabei hatte ich einfach nur Lust auf Muscheln und nicht auf ein politisches Streitgespräch.

Offenbar provoziere ich andere mit meiner Ernährungsweise auch ohne Anstecker und T-Shirt, dabei gebe ich mir größte Mühe, sehr liberal mit der Fleischeslust meiner Mitmenschen umzugehen. Meinem Freund halte ich im Supermarkt tapfer das Biofleisch hin und schwärme von knusprig angebratenem Tofu als ebenbürtigem Ersatz. Meinem Bruder erkläre ich ausdauernd, dass es mir nicht um den Geschmack, sondern um die Tiere geht, und meiner Mutter versichere ich vor Heimatbesuchen immer wieder aufs Neue, dass sie beim Kochen keine Rücksicht auf mich zu nehmen brauche, sondern ich mich einfach an den Beilagen bedienen werde. (Was sie natürlich kein einziges Mal befolgt, weshalb meine Eltern nun mehr vegetarische Kochbücher besitzen als ich selbst.) So viel und meist ungewollt über sein Essen zu diskutieren macht müde. Ich bin oft müde. Aber welchen medizinischen Rat ich dazu einfach nicht mehr hören kann, ist: „Meine Liebe, du brauchst mal ein schönes Stück Fleisch.“

Text: Svenja Beller