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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

Bio für Millionen

Götz Rehn, Chef von Alnatura, über Erfolge, 
kritische Kunden und jüngste Skandale

Herr Rehn, Palmöl steht derzeit in der Kritik, weil für den Plantagenanbau in großem Stil Urwälder abgeholzt werden. Selbst Biopalmöl, das auch in vielen Alnatura-
Produkten enthalten ist, gerät in Verruf: In Kolumbien sollen 500 Kleinbauern vertrieben worden sein. Stimmt das? Das prüfen derzeit unsere Experten vor Ort. Sollten sich diese Vorwürfe bestätigen, werden wir Konsequenzen ziehen. Das alles ist sehr schlimm, denn wir legen großen Wert auf die ökologische und sozialverträgliche Produktion unserer Waren. Allerdings dürfte es schwierig sein, Palmöl kurzfristig zu ersetzen, denn es ist das einzige pflanzliche Fett, das geschmacksneutral, fest und streichfähig ist. Aber da finden wir hoffentlich eine Lösung.

In vielen Alnatura-Produkten steckt auch jede Menge Soja. Auch dafür werden oft Urwälder zerstört. Dem wollen wir vorbeugen: Seit fünf Jahren lassen wir im sonnenverwöhnten Kaiserstuhl und im Elsass auf einer Fläche von 400 Hektar Soja anbauen. Wir wollen unsere Soja aus Deutschland haben.

Wird Ihr Unternehmen oft durch negative Nachrichten überrascht? Zum Glück nicht. Wir kennen unsere Partner. Mit den meisten arbeiten wir seit vielen Jahren, sogar Jahrzehnten eng und vertrauensvoll zusammen. Zum Beispiel mit Sekem in Ägypten oder den Darjeeling-Bauern in Indien. Unser Anliegen ist es, die Wertschöpfungskette transparent zu machen.

Warum steht dann auf den Etiketten Ihrer Produkte nicht, wo sie hergestellt werden? Enthält das Produkt nur eine Zutat, steht die Herkunft drauf. Bei mehreren Zutaten geht das aus Platzgründen nicht. Wir entwickeln unsere Produkte hier im Firmensitz Bickenbach, aber wir produzieren sie nicht selbst. Damit beauftragen wir mehr als 100 Biohersteller in Deutschland, aber auch in umliegenden EU-Ländern. Mit ihnen schließen wir strenge und langfristige Verträge ab.

Sollten Sie nicht eher auf regionale Produkte setzen? Die finden Sie in jedem Alnatura-Markt. Wir arbeiten mit inzwischen 80 Landwirten, Bäckern, Eierhöfen und Metzgern zusammen, die jeweils die Märkte in ihrem Umfeld beliefern. Diese Kooperationen werden wir noch weiter ausbauen. Denn die kurzen Wege sparen Kosten, Energie und Kohlendioxid. Und wir gehen sogar einen Schritt weiter: Alnatura unterstützt mit einem Fonds die Umstellung von Höfen auf Bioanbau. Und zusammen mit Anbauverbänden wie etwa Bioland wollen wir erreichen, dass Biobauern, die einen Hof in der Nähe unserer Lieferanten bewirtschaften, das anbauen, was dieser braucht. Das macht ökologisch und ökonomisch Sinn.

Im südhessischen Lorsch haben Sie allerdings kürzlich ein großes Logistikzentrum in Betrieb genommen. Wie passt das zusammen? Wir setzen auf Regionalität, wo immer es geht. Vor allem Frischeprodukte wie Milch, Eier, Gemüse, Obst oder Brot beziehen wir aus dem nahen Umfeld unserer Filialen. Und wir arbeiten mit regionalen Bio-Großhändlern wie Grell, Terra, Naturkost oder Rinklin zusammen. Zum Beispiel schicken wir jede Nacht einen Lkw von Lorsch aus zu Terra nach Berlin. Dieser hat bereits das benötigte Trockensortiment wie Nudeln, Reis oder Kaffee geladen, das wir zentral ausliefern. Vor Ort lädt der Händler dann seine Paletten mit Frischeprodukten zu und beliefert am anderen Morgen unsere zurzeit sechs Berliner Filialen.

Alnatura wächst in einem erstaunlichen Tempo. Jeden Monat eröffnen Sie einen neuen Markt. Verglichen mit den Giganten des Lebensmittelmarktes sind wir klein. Der Biomarkt macht in Deutschland gerade fünf Prozent des gesamten Nahrungsmittelumsatzes aus. Mein Ziel ist es, vielen Menschen zu ermöglichen, Bio in einer Topqualität zu kaufen. Deshalb bin ich glücklich über Partner wie dm, tegut oder Budni. Wenn wir unsere Wirtschaft nachhaltig gestalten wollen, werden wir mit den bisher erreichten fünf Prozent Marktanteil nicht auskommen.

1987 haben Sie in Mannheim den ersten Biosupermarkt Deutschlands eröffnet. Wie viele kleine Bioläden mussten seither aufgeben? Diese Vorwürfe höre ich immer wieder. Es ist ein interessantes Phänomen, dass Neues immer erst mal kritisch beäugt wird. Ich verweise dann gern auf die Natur und sage: Es gibt Dinge, die neu entstehen, andere verändern sich oder vergehen. Bioläden können in allen Größen erfolgreich betrieben werden – aber sie müssen sich weiterentwickeln. Wenn wir heute dieselben Produkte wie vor fünf Jahren anbieten würden, könnten wir einpacken.

Im konventionellen Lebensmittelhandel führt der harte Wettbewerb zu Preisdumping. Passiert das auch im Öko-Handel? 55 bis 60 Prozent der Bioware läuft über konventionelle Absatzkanäle, also Rewe, Edeka oder Aldi. 25 Prozent werden im Naturkostfachhandel verkauft, und der Rest direkt über die Höfe – es wird also auch in der Biobranche einen großen Verdrängungswettbewerb geben, den nicht alle überleben werden.

Wie war das damals, als Sie als Pionier gestartet sind? Ich habe allein und mit viel Idealismus angefangen, alles investiert, was ich hatte, und noch dazu das Zehnfache geliehen. Es musste einfach funktionieren. Von Anfang an war klar: Alles muss 100 Prozent bio sein. Nur war bio zu jener Zeit gesetzlich noch nicht geregelt. Die Wettbewerbshüter und ein großer Lebensmittelhändler versuchten, mir Labels wie „bio“, „natürlich“ oder 
„Vitalqualität“ zu verbieten und überzogen mich mit endlosen Prozessen. Das habe ich nie verstanden.

Inzwischen ist Alnatura der größte deutsche Naturkosthändler. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Die Kunden. Ihre Wertschätzung ist unser Kapital. Deshalb befragen wir unsere Kunden und richten uns nach ihren Wünschen. Ich sage immer, wir müssen unsere Produkte so machen, als wären sie für den besten Freund oder die beste Freundin. Deshalb erreichen wir eine unglaublich niedrige Floprate: Von 100 neuen Alnatura-Produkten, die wir im Laufe eines Jahres einführen, funktionieren vielleicht acht nicht. Außerdem laden wir regelmäßig zu Kundenabenden ein, bei denen ich Fragen beantworte und Anregungen mitnehme. Verbraucher sind heutzutage frei, offen und eigenverantwortlich, die lassen sich nicht manipulieren.

Was kritisieren die Kunden? Manche beschweren sich über Warteschlangen an den Kassen, die Frische von Obst und Gemüse, die Anordnung der Waren oder – das in Deutschland beliebte Dauerthema bei Nahrungsmitteln – den Preis.

Beschweren sich die Kunden auch über die Plastikverpackungen, aus denen hormonell wirkende Weichmacher austreten? Unsere Tüten für das frische Obst und Gemüse sowie die Folien, mit denen wir Wurst und Käse verpacken, sind aus Polyethylen und enthalten keine phtalathaltigen Weichmacher. Natürlich wären Papiertüten besser, aber feuchte Ware könnte rausrutschen. Wir prüfen auch, ob kompostierbare Kunststoffe aus Maisstärke in Frage kommen. Solange aber die Gentechnikfreiheit nicht garantiert werden kann, sind diese Tüten für uns tabu. Übrigens hatten wir bis vor sechs, sieben Jahren ausschließlich Frischetheken für Wurst und Käse. Aber das haben wir geändert – die Kunden wollen Selbstbedienungstheken mit vorgeschnittener und vorverpackter Wurst und Käse. Damit sie schnell zugreifen können. Ich mache das auch so, wenn ich kurz vor Ladenschluss noch was brauche.

Die Verbraucherzentrale Hamburg rügte kürzlich die unzureichende Kennzeichnung der Nährwertangaben. Auch wir machen Fehler. Aber mit dem nächsten neuen Verpackungsdesign werden wir die Nährwerttabelle erweitern...

...und das CO2-Label und die Ampel einführen? Über das CO2-Label denken wir nach. Aber von der Ampel halten wir nichts, denn Cola light würde beim Zuckergehalt mit grün gekennzeichnet, Fruchtsäfte dagegen mit rot – das macht keinen Sinn. Anstatt unsere Lebensmittel in einzelne Bestandteile zu zerlegen, sollten wir besser wieder ein Gespür für unseren gesamten Ernährungsplan entwickeln. Nur so merken wir, was uns gut tut und was nicht.

Kümmern Sie sich auch jenseits des Essens um Umweltschutz? Selbstverständlich. Nehmen wir das Logistikzentrum in Lorsch: Das Holz stammt aus dem nahen Odenwald, auf dem Dach steht eine Fotovoltaik-Anlage mit einer Leistung von 1100 Kilowatt, darüber hinaus nutzen wir Erdwärme. Wir wollen nicht nur Bioprodukte verkaufen, sondern zeigen, dass wir nachhaltig wirtschaften können – und müssen. Deshalb unterstützen wir auch viele soziale Projekte, zum Beispiel wollen wir Kindern in Darjeeling den Schulbesuch ermöglichen.

Gegenüber Ihren Mitarbeitern sind Sie nicht so großzügig. Sie sollen unter Tarif gezahlt haben. Da wurde viel Unwahres berichtet. Alnatura hat seine Mitarbeiter immer fair und gut bezahlt. Eines unser Prinzipien war, für gleiche Arbeit gleiches Einkommen zu bezahlen – überall in Deutschland. Da die Tarife in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich sind, gab es einen Einzelfall, der zum Ärger aller Mitarbeiter in den Zeitungen breitgetreten wurde. Deshalb werden wir in Zukunft die Tarife der jeweiligen Länder erfüllen.

Macht Ihnen Gentechnik Angst? Wer Angst hat, ist nicht frei. Aber die Gentechnik ist ernst zu nehmen. Wir überlegen, wie wir dabei helfen können, die Bundesregierung umzustimmen. Wenn es uns nicht gelingt, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, wäre das für die Welt eine Katastrophe: Wir Menschen schränken die Natur ein, anstatt sie zu unterstützen. Angesichts der Stürme, Erdbeben und Vulkanausbrüche beschleicht einen das Gefühl, dass der sich selbst regulierende Erdorganismus destabilisiert ist. Es ist Zeit gegenzusteuern. Wenn man will, findet man Wege, wenn man nicht will, findet man Gründe. Im Finden von Gründen sind wir Weltmeister.

Interview: Andrea Hösch

Alnatura in Zahlen
1984 gründete der ehemalige Nestlé-Manager und Anthroposoph Götz Rehn die Alnatura Produktions- und Handels GmbH. Das hessische Unternehmen ist der größte deutsche Naturkosthändler mit bundesweit 55 Biosupermarkt-Filialen und mehr als 1300 Mitarbeitern – allerdings gibt es keinen Betriebsrat. 
Die fast 1000 Bioprodukte, allesamt ohne künstliche Zusatz- oder Farbstoffe, werden auch von Handelspartnern wie dm oder tegut vertrieben.