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Bisse getz bekloppt geworden?

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

Bisse getz bekloppt geworden?

Text: Dirk Gieselmann Foto: Julia Sellmann

Den achtzigjährigen Vater, der für sein Leben gern Fleisch isst, eine Woche lang vegetarisch bekochen – ein ziemlich gewagtes Vorhaben. Aber versuchen kann man’s ja mal

Ohne Fleischsalat zum Frühstück, sagt mein Vater, sei der Sonnabend kein Sonnabend. Er sinke dann in seiner Bedeutung auf den Grad eines Mittwochs, er sei grauer, weniger feierlich und von Anfang an irgendwie misslungen. Ohne Fleischsalat könne das Wochenende nicht beginnen und solle besser gleich wieder aufhören, denn ohne Fleischsalat, sagt mein Vater, sei alles nichts.

Für jemanden, der sonnabends immer Fleischsalat gegessen hat, so lange ich denken kann, hat er eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie es wäre, sonnabends keinen Fleischsalat essen zu dürfen. Anfänger mögen das Pessimismus nennen. Er als Fortgeschrittener hingegen lotet die Möglichkeiten des Konjunktivs aus wie einst Jaques Cousteau die Weltmeere. Sein Trick ist es, sich in allen Farben auszumalen, wie schlecht es ihm schlimmstenfalls gehen könnte, um am Ende zu erkennen, wie gut es ihm doch eigentlich geht. Stell dir mal vor, sagte er einmal an einem Winterabend zu mir, wir hätten keine Heizung. Und es kam mir gleich umso behaglicher vor in der überheizten Stube.

Fleischsalat also isst er jeden Sonnabend, im Indikativ, dem Modus des Tatsächlichen. Bei anderen Männern seiner Generation mag der sechste Tag der Woche von Ritualen bestimmt sein wie dem Autowaschen oder dem Fußballgucken, mein Vater indes fragt meine Mutter schon am Freitagnachmittag, wenn sie von den Besorgungen aus der Stadt zurückkehrt: Hast du an den Fleischsalat gedacht? Natürlich hat sie, sie vergisst ihn nie. Wie könnte sie auch? Der Fleischsalat steht ja immer zuoberst auf dem Einkaufszettel, von meinem Vater mit dem Volksbank-Kugelschreiber auf zurechtgeschnittenen Pappen notiert, so sauber wie in der Abschrift einer mittelalterlichen Bulle, die ein beflissener Mönch angefertigt hat, mit einem kunstvoll geschwungenen F. Und zur Sicherheit mit drei dicken roten Ausrufezeichen versehen: Fleischsalat!!!

Fleisch in allen erdenklichen Zubereitungsarten ist das Fundament seiner Nahrungspyramide. Ohne Fleisch kommt ihm beinah jede Mahlzeit, von Milchreis, Mehlpfannkuchen oder Kartoffelpuffern einmal abgesehen, unsäglich karg vor, wie eine Ansammlung von Beilagen, bei denen der Koch, namentlich meine Schwester und ich, wenn wir ihn zu uns zum Essen eingeladen haben, die Hauptsache vergessen hat. Er stochert dann in der Pasta, im Risotto, im Gemüseauflauf herum, als müsste es noch irgendwo versteckt sein, das Schnitzel, die Roulade, das Würstchen. Findet er es nicht, isst er missmutig das Vorgesehene auf und macht sich hinterher noch ein Schinkenbrot. Nicht ohne so drollig um Erlaubnis zu fragen, dass wir es ihm ohnehin nicht abschlagen können.

Ich esse nicht viel Fleisch, aus gesundheitlichen Gründen und auch, weil ich oft, etwa in Restaurants, die Herkunft nicht so genau kenne, dass ich vertrauensvoll hineinbeißen möchte. Doch wer kein Fleisch isst, den versucht mein Vater zu bekehren: Du musst doch Fleisch essen, Junge, sagt er dann, Fleisch ist gut für dich. Wer kein Fleisch isst, glaubt mein Vater, wird schwach, wer kein Fleisch isst, der muss verrückt sein. Oder arm. So wie er auch nicht begreifen kann, dass jemand freiwillig keinen Fernseher besitzt, und ihm sofort einen schenken möchte, damit er all die herrlichen Sendungen nicht verpasst. Fleischkonsum ist für ihn nicht in erster Linie Genuss, sondern ein Anzeichen von Wohlstand. Solange die Tupperbox im Kühlschrank noch einen Vorrat an Aufschnitt birgt, ist das Land in Ordnung, zumindest nicht in völliger Unordnung, da mag Jens Riewa in der Tagesschau vermelden, was er will.

Dabei ist zu viel Fleisch nicht gut für ihn, er weiß das auch. Es verschlimmert sein Rheuma und verschlechtert seine Blutwerte. Aber Fleisch, sagt er, das könnten ihm die Ärzte nicht auch noch verbieten, er verzichtet ja schon auf Schokolade. Dass Fleischkonsum für die Gesundheit der Tiere noch wesentlich dramatischere Folgen hat, auch das ist ihm bekannt, und er bringt mitunter den Spagat fertig, die Machenschaften der fleischverarbeitenden Industrie zu kritisieren, während er ein Kotelett verzehrt.

Er hat in der Tat ein großes Herz für Tiere. Die fünfzehn Hühner, die er auf einer abgezäunten Wiese hält, haben alle einen Namen, sie dürfen ohne Leistungsdruck ihre Eier legen und irgendwann eines natürlichen Todes sterben. Schlachten würde er sie nie im Leben, er kennt sie ja persönlich. Bei ihm unbekanntem Vieh ist er weit weniger empathisch.

Ich habe schon des Öfteren vermutet, wenn ich ihn dabei beobachtete, wie er in liebevoller Zuneigung seine Hühner versorgt, dass er im Grunde seines Herzens Vegetarier ist. Dass er nur deshalb Fleisch isst, weil er glaubt, dass er es einfach essen müsse. Dass ihm ohne Fleisch etwas fehlen würde, nicht nur auf seinem Teller, sondern in seiner existentiellen Grundordnung. So wie bei einem Tabakkonsumenten, der zwar aufhören möchte, aber nicht weiß, was er stattdessen tun soll in den Raucherpausen, die seinen Tag in einigermaßen erträgliche Abschnitte unterteilen, der nicht mehr glauben kann, dass der Kaffee auch ohne Zigarette schmeckt, und der meint, er brauche diese Zigarette, um sich an ihr festzuhalten, andernfalls würde er fortgerissen vom Sturm des Lebens.

Ich nehme also an, dass mein Vater eigentlich nichts dagegen hätte, weniger Fleisch zu essen. Den Ärzten aber, die ihm dazu raten, tritt er mit Trotz entgegen, wie er allen Autoritäten nun mal mit Trotz entgegenzutreten pflegt, denn nur weil die studiert haben, müssen sie es ja nicht besser wissen. Und im Alter von nun achtzig Jahren wird der Impuls zur Veränderung von ihm selbst wohl kaum mehr ausgehen.

Aber vielleicht schaffe ich es ja, ihn von den Vorzügen weitgehend vegetarischer Ernährung zu überzeugen. In einer Woche im April, die ich zu Hause bei meinen Eltern verbringe, in ihrem Haus in der Gegend zwischen Weser und Ems, werde ich ihn fleischlos bekochen. Ich möchte es nicht Fleischverbot nennen, ich bin schließlich sein Sohn und er ist mein Vater, an diesem Hierarchiegefüge will ich nicht rütteln. Ich werde ihm stattdessen verbindliche Vorschläge machen. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, das sagt er selbst ja auch immer.

Ich beginne an einem Montag, dem Restetag, da fällt es nicht so ins Gewicht, denn montags gibt es ohnehin oft nur Gemüse und Kartoffeln von gestern, den Braten hat er da immer schon aufgegessen. Und enden wird die fleischlose Woche schließlich am Samstagabend, nach dem Fleischsalattag. Wenn wir so weit gekommen sind, so denke ich, werden wir auch das noch gemeinsam überstehen.

Montag
Papa, sage ich, nachdem er sich das Pfannengericht aus übriggebliebenen Beilagen reingeschaufelt hat und sich nun anschickt, noch ein Schinkenbrot nachzuschieben, Papa, wir essen diese Woche mal kein Fleisch. Die Verschiebung der Hierarchie, die ich eigentlich vermeiden wollte, dringt dann doch durch, indem ich ihn in der ersten Person Plural anspreche, mit dem herablassend-leutseligen Krankenschwestern-Wir.

Warum dat denn, sagt er, er verfällt, wenn er verblüfft ist, oft ins Ostwestfälische, den Dialekt seiner Kindheit. Na, wegen unserer Gesundheit. Und für die Umwelt, sage ich. Er macht jetzt ein Gesicht, als hätte ich ihm offenbart, dass ich meinen Beruf hinwerfen will, um als Zirkusjongleur noch mal ganz von vorn anzufangen, amüsiert und fassungslos zugleich. Wat is los, Junge? Bisse getz bekloppt geworden?

Nein, bin ich nicht. Du weißt ja, sage ich, dann doch auf das persönlichere Du umschwenkend, du solltest weniger Fleisch essen, dir selbst und auch den Tieren zuliebe. Er hat die Tupperdose schon in der Hand, er wiegt sie nun wie Hamlet den Schädel: Fleisch oder nicht Fleisch? Das ist hier die Frage.

Meinze dat ernz, sagt er und grient, als wäre er auf die Auflösung eines schlechten Scherzes ebenso gefasst wie auf die Notwendigkeit, mich zu enterben. Ja, meine ich. Der Gesichtsausdruck, den ich aufsetze, soll Zuneigung zeigen, aber auch Strenge und die neue, unverbrauchte Autorität des erwachsenen Sohnes. Ich sehe vermutlich aus wie ein Funktionär der Jungen Union bei seiner ersten großen Rede in einem Bierzelt.

Die Augen meines Vaters schimmern matt, wie sie auch schimmern, wenn man ihm ein Geschenk macht, mit dem er nichts anzufangen weiß. Er ist gerührt, aber zugleich wälzt er den Gedanken, welche Folgen das haben mag, was andere sich für ihn ausgedacht haben, die glauben, es gut mit ihm zu meinen. Ich lege die Hand auf seine Schulter. Glaub mir, es ist gut für dich, sage ich.

Ja, wirklich?, fragt er. Ja, wirklich, sage ich. Er stellt die Tupperdose zurück in den Kühlschrank, so zögerlich, als würde er einen Brief in den Postkasten werfen, den abgeschickt zu haben er später bereuen könnte. Du kommst auf Ideen, sagt er. Dann zieht er sich seinen Blaumann an und geht die Hühner füttern.

Am Nachmittag sehe ich ihn aus dem Küchenfenster auf einem Gartenstuhl sitzen. Er wirkt ein wenig beleidigt, ganz so, als hätte man ihm etwas weggenommen.

Dienstag
Meine Mutter hat bereits im Vorfeld klargestellt, dass sie zwar bereit sei, ebenfalls eine Woche lang auf Fleisch zu verzichten, sie werde das Kochen jedoch mir überlassen, sie wolle schließlich nicht mitschuldig sein an der Unausgeglichenheit meines Vaters. Das kann ich verstehen, es stellt mich jedoch vor eine kolossale Herausforderung. Was ich üblicherweise anbiete, ist meinem Vater oft zu abwegig. Süßkartoffelpizza etwa kommt ihm vor wie ein verunglückter Kuchen, Nudelsoße ohne Hackfleisch wie Schonkost im Pflegeheim und auch der raffinierteste Salat wie eine Vorspeise, die das Warten auf das Hauptgericht unnötig in die Länge zieht. Ich habe mich für eine Gemüsesuppe entschieden, der ich durch Eierstich die Anmutung fleischartiger Nahrhaftigkeit verleihen will. Dazu Baguette.

Die Zubereitung mit der ganzen Schnippelei dauert fast zwei Stunden und steht in keinem Verhältnis zur Zufriedenheit meines Vaters. Schmeckt’s?, frage ich. Der Hunger treibt’s rein, sagt er. Man muss wissen, dass er kein Mann der großen Komplimente ist, schon gar nicht beim Essen. Das Essen dient bei ihm der Vernichtung des Hungers, nicht der Kunst. Aber es geht mir ja auch gar nicht darum, Lob einzuheimsen. Hauptsache, er geht hinterher nicht wieder zum Kühlschrank.

Am Nachmittag sitzt er wieder auf dem Gartenstuhl und wirkt, als hätte er Kummer. Nur mit Mühe unterdrücke ich den inneren Drang, ihm ein Schinkenbrot zu bringen.

Mittwoch
Ich habe keine Fachbücher über fleischlose Diät gelesen und kann die psychischen Folgen nicht ermessen, aber etwas sagt mir, dass heute der kritische Tag sein könnte. Das Honigbrot zum Frühstück isst mein Vater, als wäre es bittere Medizin. Das Prospekt mit den Sonderangeboten des Supermarkts, das er aus dem Briefkasten geholt hat, betrachtet er auffällig lange, die abgebildeten Fleischwaren erfüllen ihn offenbar mit Sehnsucht, wie Postkarten von fernen Gestaden. Er seufzt.

Alles in Ordnung?, frage ich. Ach, sagt er, heute wäre Bratwurst mit Sauerkraut genau das Richtige. Es gibt Nudeln mit Pilzsoße, rufe ich etwas zu euphorisch und klinge dabei wie ein windiger Vertreter, der ihm etwas verkaufen will, das er nicht haben möchte. Er seufzt erneut.

Das Mittagessen aber schmeckt ihm dann offenbar doch recht gut, er initiiert ein launiges Tischgespräch über die Bausünden in der neuen Reihenhaussiedlung am Rande des Dorfes und nimmt sich sogar noch mal nach, was mir immerhin die Gewissheit gibt, dass er nicht zu verstummen oder gar zu verhungern droht.

Heute geht es doch ganz gut ohne Fleisch, sage ich beim Nachtisch. Bisher schon, sagt er, aber jetzt hast du mich wieder daran erinnert, verdammt.

Am Nachmittag, vor sich einen Kaffee in der Werder-Bremen-Tasse aus der Saison 1994/95, ausgeblichen von tausend Spülmaschinengängen, sagt mein Vater zu mir: Ich will dir mal was erzählen. Das mit dem Fleischessen ist so. Ich esse gern Fleisch, weil ich als Kind doch keines hatte. Wir hatten ja kaum was zu fressen, ab und zu ein paar Kartoffeln, die wir vom Feld klauen mussten, zehn, zwölf Knollen, ausgebuddelt mit bloßen Händen, aber Fleisch, Fleisch, das habe ich am meisten vermisst. Du kannst das sagen, als junger Mensch, der diese Not nicht erlebt hat, ich verzichte jetzt auf Fleisch, weil es ja da ist, du kannst es immer und überall kaufen. Aber ich habe immer noch Angst, dass es morgen keins mehr gibt, verstehst du?

Ich verstehe. Es ist nicht das erste Mal, dass er mir von dieser Hungererfahrung erzählt. Die Lebensmittelversorgung war nach dem Ende des Krieges gänzlich zusammengebrochen, mein Vater war damals acht Jahre alt, ein blonder Junge in Knickerbockern, aus denen die Beine auf den wenigen, längst vergilbten Fotos jener Zeit immer dünner herauslugen. Wenn nicht einmal Kartoffeln aufzutreiben waren, kochte seine Mutter die Ledergürtel aus, um etwas Geschmack ins heiße Wasser zu bekommen. Wenn du hungerst, sagt er, ist an Schlaf nicht zu denken, nicht einmal an Leben, du denkst die ganze Zeit nur ans Essen. Er und sein kleiner Bruder schauten sich in den Kochbüchern Bilder von Eintöpfen an und erzählten einander, was sie als Erstes essen würden, wenn die Vorratskammer wieder voll wäre.

So, und jetzt muss ich zu meinen Hühnern, sagt er und steht auf. Mit einem Mal kommt mir der Versuch, ihn zum Fleischverzicht zu bewegen, wie die flausenhafte Idee eines verwöhnten Bengels vor. Wer bin ich, dass ich ihm meinen Weltverbesserungswunsch aufnötige, ihm, der als Kind auf alles verzichten musste?

Dann kehrt er in seinem Blaumann noch einmal in die Küche zurück. Aber wenn wir jetzt schon angefangen haben, sagt er, dann ziehen wir es auch durch, Junge.

Donnerstag
Von der ersten Wurst nach dem Krieg, die ihm ein amerikanischer Soldat schenkte, im Sommer 1947, kann mein Vater erzählen wie vom ersten Kuss. Seither muss Fleisch für ihn jenes sichere Indiz gewesen sein, dass die Not vorbei ist. Ein Indiz nicht nur für Wohlstand, sondern auch für Frieden.

Er lässt nie was verkommen. Wenn wir Kinder unseren Teller nicht leer gegessen hatten, sah er uns mit einer Mischung aus Unverständnis und Mitleid an, Mitleid für die, die nicht zu schätzen wissen, was sie haben. Dann nahm er sich die Reste und vertilgte sie.

Er isst auch das etwas pappig gewordene Reisgericht auf, das ich uns gekocht habe, samt Auberginen, obwohl er nicht weiß, worum es sich dabei handelt, sie quietschen ein bisschen beim Kauen. Hat gut geschmeckt, sagt er, war richtig lecker, und ich erinnere mich daran, wie er mich früher nach Fußballspielen lobte, obwohl ich selbst wusste, dass ich schlecht gewesen war.

Eine Woche kein Fleisch essen, macht er das, frage ich mich beim Abwasch, für sich oder für mich?

Freitag
Abgesehen von Tagen der Unpässlichkeit, in denen er nur Zwieback aß, dürfte mein Vater seit sechzig Jahren schon nicht mehr so lange ohne Fleisch ausgekommen sein. Das muss belohnt werden. Es gibt Kartoffelpuffer, sein liebstes fleischloses Gericht, oder Pickert, wie sie im Ostwestfälischen heißen. Er langt ordentlich zu und wirkt geradezu fröhlich.

So fröhlich, dass er, als er dann doch wieder Fleischsalat mit drei roten Ausrufezeichen auf den Einkaufszettel geschrieben hat, aus alter Gewohnheit, das Fleisch streicht. Salat, steht jetzt da. Guck mal, sagt er zu mir, ich habe schon aufgeschrieben, was ich brauche. Salat, sagt er zu meiner Mutter, nicht vergessen. Salat. Ganz wichtig. Er lacht.

Samstag
Das ist er also, der erste fleischsalatlose Sonnabend in der Geschichte unserer Familie. Eine historische Stunde, dazu läuft Michael Holm im Radio, Tränen lügen nicht. Früher hätte mich beim Anblick eines Frühstückstischs, auf dem das obligatorische Plastikschälchen fehlt, Unruhe befallen. Es muss etwas passiert sein, hätte ich gedacht, mit meinem Vater, mit dem Land. Jetzt aber kann ich es auf meinen eigenen tollkühnen Einfall zurückführen, ihm sein Grundnahrungsmittel wegzunehmen.

Guten Morgen, sagt er geradezu schwungvoll, er trägt seine gelbe Wochenendstrickjacke, in der er aus dem Augenwinkel aussieht wie Hans-Dietrich Genscher. Ich habe mich gerade gewogen, ruft er, zwei Kilo weniger, mein altes Kampfgewicht. Er greift beherzt zum Frischkäse. Und wisst ihr was, sagt er, ich esse heute auch kein Brötchen. Weißmehl ist nicht gut für mich. Ich esse Vollkornbrot.

Bisse getz bekloppt geworden?, frage ich meinen Vater. Manchmal, wenn ich verblüfft bin, verfalle auch ich ins Ostwestfälische.

* * *

Am Sonntag gibt es Rollbraten. Mein Vater zelebriert jeden Bissen und lobt meine Mutter über die Maßen für ihre Kochkünste, es ist beinah peinlich, aber eben nur beinah. Er ist, wie gesagt, sehr begabt darin zu erkennen, wie gut es ihm doch eigentlich geht.

Ich habe mir was überlegt, sagt er schließlich. Ab jetzt esse ich montags und mittwochs kein Fleisch. Vielleicht auch freitags. Das ist doch schon mal was, sagt er. Das ist schon viel, sage ich. Ziemlich viel sogar, Papa.