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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.08

Bombenparadies

Text: Kerstin Eitner

Ein kleines Volk musste vor fast 40 Jahren der US-Militärbasis Diego Garcia weichen. Jetzt entscheidet ein Gericht über seine Rückkehr. 

Eine Insel mitten im Indischen Ozean. Rings um die Korallenriffe hat sich heller Sandstrand angelagert, der Golfplatz ist von Palmen beschattet. Wer genug hat vom kristallklaren Wasser der Lagune, kann sich im Bowling-Club oder im Fitness-Center austoben. Die Internet-Seite des Eilands wirbt mit „unglaublichen Freizeitanlagen und exquisiter Naturschönheit“.

Schade nur, dass die Website, die dieses tropische Paradies anpreist, von der US Navy betrieben wird. Auf der Insel mit dem Namen Diego Garcia befindet sich eine der größten amerikanischen Militärbasen außerhalb der Vereinigten Staaten. Rund 1500 Soldaten und 2000 Zivilisten sind hier stationiert.

Die ursprünglichen Bewohner hingegen sind zwischen die Mühlsteine der Weltpolitik geraten: Obwohl juristisch gesehen britische Staatsangehörige, wurden sie 1971 vertrieben und kämpfen seit vielen Jahren vor Gericht um ihr Recht auf Rückkehr. Ab 30. Juni werden die Lordrichter des Oberhauses im fernen London darüber verhandeln.

Diego Garcia liegt 500 Kilometer südlich der Malediven, etwa auf halbem Weg zwischen Afrika und Indonesien. Die Insel gehört zum Chagos-Archipel, der aus 65 Korallenatollen besteht. Im 16. Jahrhundert wurden sie von portugiesischen Seefahrern entdeckt und benannt, ab 1776 gehörten sie zu den französischen Kolonien. Die Franzosen legten Kokosplantagen an, auf denen Sklaven aus Ostafrika schufteten. Nach Napoleons Niederlage 1814 übernahmen die Briten den Archipel.

Als 1835 die Sklaverei abgeschafft wurde, verpflichteten die Kolonialherren Arbeiter aus Indien, Mauritius oder von den Seychellen, die teilweise in Naturalien entlohnt wurden. Die verschiedenen Einwanderergruppen verschmolzen allmählich zu Chagossianern. Sie entwickelten ihre eigene Sprache, die dem Kreolischen ähnelt. Reich wurden sie nicht, hatten aber ihr Auskommen: Sie bauten Gemüse an und züchteten Geflügel, fingen Fisch und Schalentiere, vor allem Hummer. Mitten im Ozean hatten sie medizinische Versorgung, es gab eine Schule und sogar eine kleine Bahnlinie.

Die ersten amerikanischen Offiziere kamen 1961. Mitten im Kalten Krieg war Konteradmiral Grantham mit der Suche nach einer geeigneten Insel für eine neue Militärbasis im Indischen Ozean betraut worden. Die unbewohnte Seychellen-Insel Aldabra war ihm zunächst am besten geeignet erschienen. Doch sofort schlug die Royal Society, die britische Akademie der Wissenschaften, Alarm: Auf Aldabra leben die Riesenlandschildkröte Dipsochelys dussumieri sowie einige seltene Vogelarten. Die Insel wurde verschont, der Lebensraum der Tiere war gerettet.

Diego Garcia, die mit 44 Quadratkilometern größte Insel des Chagos-Archipels, war zweite Wahl. Hier gab es keine seltenen Tiere, nur menschliche Bewohner. Diese aber gehörten zur damaligen britischen Kolonie Mauritius und hatten somit nach der 1960 beschlossenen UN-Deklaration 1514 wie jede Kolonie das unveräußerliche und bedingungslose Recht auf Unabhängigkeit.

Zum Schnäppchenpreis von drei Millionen Pfund handelte Großbritannien im April 1965 Mauritius das Recht ab, Chagos so lange wie gewünscht zu behalten. Im November 1966 schlossen die USA und das Vereinigte Königreich einen Pachtvertrag auf 50 Jahre, mit der Option auf Verlängerung. Amerika zahlt jährlich einen symbolischen Dollar, darüber hinaus sollen die Engländer auf Atom-U-Boote der Polaris-Klasse einen Nachlass von 14 Millionen Dollar erhalten haben.

Die Amerikaner wünschten ausdrücklich, den Archipel „vollkommen gesäubert“ zu übernehmen, sprich: menschenleer. So erklärten die Briten die rund 2000 Bewohner der Inseln, von Rechts wegen Untertanen Ihrer Majestät, kurzerhand zu „Wanderarbeitern“ und benannten den Archipel um in British Indian Ocean Territory (BIOT).

Zwischen 1968 und 1973 wurde nach und nach der Betrieb der Kokosplantagen eingestellt. Der Betreiber war finanziell entschädigt worden. Das Versorgungsschiff aus Mauritius lief Chagos nicht mehr an. Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit siedelte man den größten Teil der Bevölkerung von Diego Garcia 1971 zunächst zwangsweise auf die äußeren Inseln Salomon und Peros Banhos um. Doch auf Drängen der Amerikaner wurden zwei Jahre später auch diese geräumt. Jeweils rund 300 Menschen pferchte man wie Vieh auf ein Schiff, das lediglich Platz für 50 Passagiere bot. Jeder durfte nur ein Gepäckstück mitnehmen, Besitz und Haustiere mussten zurückbleiben. Auf diese Weise verfrachteten die Briten alle Bewohner des Archipels nach Mauritius oder auf die Seychellen. Wer gerade im Ausland war, erhielt Rückkehrverbot.

Die Kolonialherren leisteten ganze Arbeit: Sie zerstörten die Häuser, schlachteten das Vieh und trieben rund 1000 Hunde in Schuppen zusammen, in denen man zuvor durch das Erhitzen von Kokosnussschalen das Kopra-Öl gewonnen hatte. Als die Türen verriegelt waren, entfachten die Soldaten ein Feuer. Erst nach Stunden waren die gefangenen Tiere qualvoll erstickt oder verbrannt.
Für die Chagossianer, die all dies teilweise hatten mit ansehen müssen, begann das Martyrium erst. Am Kai von Port St. Louis, der Hauptstadt von Mauritius, ließ man sie nach der strapaziösen Überfahrt stehen. Ohne Geld, ohne Obdach, ohne Hoffnung. Die meisten endeten in Slums, verfielen dem Alkohol oder Drogen, Frauen wurden Prostituierte. Es gab zahlreiche Selbstmorde. Andere starben an sagren – Traurigkeit. Fast jede Familie kann solche Geschichten erzählen.

1973 zahlte Großbritannien an Mauritius 650.000 Pfund für die Chagossianer. Die Summe war für den Kauf von Land bestimmt, doch die Exilanten mussten fünf Jahre auf die Auszahlung warten, und so ging das Geld größtenteils für die Tilgung der inzwischen aufgelaufenen Schulden drauf. 1982 wies London weitere vier Millionen Pfund an – als „volle und endgültige Abfindung“. Die Empfänger sollten mit ihrer Unterschrift oder, sofern sie nicht lesen konnten, mit ihrem Daumenabdruck unter ein in hochkompliziertem Juristenenglisch abgefasstes Schriftstück ein für allemal auf das Recht verzichten, je wieder nach Haus zurückzukehren. Den meisten war nicht klar, was sie da unterzeichneten.

Trotz widriger Lebensumstände, Armut und sagren gaben die Exilanten nicht auf und protestierten immer wieder gegen das Unrecht, das man ihnen angetan hatte. 1983 gründeten sie die Chagos Refugee Group (CRG) und zogen schließlich vor ein britisches Gericht. 2000 erstritten sie ihren ersten Sieg: Der Oberste Gerichtshof befand die Vertreibung für unrechtmäßig und billigte allen auf Chagos Geborenen und deren Nachkommen ein Rückkehrrecht zu. „Nach dem ersten Urteil waren wir ganz aus dem Häuschen“, beschrieb Charlesia Alexis, eine der Vertriebenen, die Stimmung.

Für kurze Zeit schien es Hoffnung zu geben. Der damalige britische Außenminister Robin Cook und seine amerikanische Kollegin Madeleine Albright standen einer erneuten Besiedlung der Inseln – Diego Garcia ausgenommen – positiv gegenüber. Doch dann änderte sich die politische Großwetterlage: George Bush wurde US-Präsident, Jack Straw trat 2001 die Nachfolge von Robin Cook an. Die Anschläge vom 11. September und der daraufhin ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ machten den Menschen von Chagos einen dicken Strich durch die Rechnung.

Mittlerweile stehen auf Diego Garcia B2-Tarnkappenbomber in klimatisierten Hangars. Ein Tiefwasserhafen in der Lagune bietet Platz für rund 30 Kriegsschiffe. Die Insel ist gespickt mit Waffenlagern und Kasernen. Von hier starteten Bomber nach Afghanistan und in den Irak. 2002 hatte das Atoll als Zwischenstopp für zwei geheime CIA-Flüge mit Terrorverdächtigen gedient, wie der britische Außenminister David Miliband Ende Februar 2008 einräumen musste. Großbritannien gibt an, darüber von seinem transatlantischen Verbündeten nicht informiert worden zu sein. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass Amerika die Insel gelegentlich als Internierungslager für vermeintliche Terroristen nutzt.

Das britische Außenministerium legte 2002 eine Studie vor, um sich aus der Affäre zu ziehen. Eine Wiederansiedlung der Chagossianer, hieß es darin, sei schwierig, gefährlich und teuer. Außerdem drohten Überflutungen, Erdbeben und Klimawandel. Dagegen urteilen Experten wie der Harvard-Professor Jonathan Jenness, dass viele Generationen unbehelligt auf dem Archipel gelebt hätten und auch die US-Truppen Naturkatastrophen nicht zu fürchten schienen.
 
Nun versuchte die britische Regierung, mit so genannten „Orders in Council“ einen Schlussstrich zu ziehen. Diesen königlichen Erlassen zufolge, die keine parlamentarische Beratung erfordern, sollte kein Zivilist je wieder einen Fuß auf den Chagos-Archipel setzen dürfen. Ganz zufällig traten sie am 10. Juni 2004 in Kraft – genau am Wahltag, sodass sich die Öffentlichkeit nicht dafür interessierte.
Am 11. Mai 2006 kassierte jedoch der Oberste Gerichtshof in London die „Orders in Council“ und bestätigte sein Urteil von 2000. Die britische Regierung legte umgehend Berufung ein. Im selben Jahr durften erstmals ehemalige Bewohner nach Chagos reisen. Rund 100 von ihnen besuchten die Gräber ihrer Vorfahren und hielten Gedenkgottesdienste ab. Ende Februar dieses Jahres bekamen einige Rückkehrer, die mit Erlaubnis des Militärs die verwitternden Grabstätten auf Salomon und Peros Banhos in Ordnung brachten, Gesellschaft von zwei britischen Aktivisten: Pete Bouquet, 59, und Jon Castle, 56 (siehe Interview).

Die beiden Kapitäne, die an Bord ihres Zwölf-Meter-Seglers „Musichana“ 2000 Seemeilen zurückgelegt und die Fahrt aus eigener Tasche finanziert haben, sind Mitbegründer einer internationalen Unterstützergruppe, die sich „The People’s Navy“ (Die Volksmarine) nennt. An zivilen Ungehorsam gewöhnt, ließen die beiden alten Seebären es nicht beim Solidaritätsbesuch bewenden, sondern segelten am 8. März in die Lagune von Diego Garcia, um dem Kommandanten der Basis einen Protestbrief zu überreichen – und prompt verhaftet zu werden.

Jon Castle als offizieller Skipper der „Musichana“ sollte wegen Verstoßes gegen die Einwanderungsgesetze umgerechnet über 4100 Euro Strafe und Gebühren berappen, verweigerte jedoch die Zahlung. Am 22. März wurden er und Bouquet über Singapur nach Großbritannien abgeschoben und mussten ihr Schiff als Pfand zurücklassen.

Den Chagossianern läuft unterdessen die Zeit davon: Von den 2000 Vertriebenen sind nur noch etwa 700 am Leben. Deshalb wird die anstehende Entscheidung des britischen Oberhauses über das verkaufte Paradies und seine verratenen Bewohner mit Spannung erwartet, denn wie immer sie auch ausfällt, sie wird unanfechtbar sein.
 

OPERATION CHAGOS
Interview mit Kapitän Jon Castle

Wie kam es zu Ihrer Protestfahrt nach Diego Garcia? Wir wollten zuerst ein größeres Schiff kaufen und eine Gruppe von Insulanern zurück nach Chagos bringen. Das hat aber finanziell nicht geklappt, und die Chagossianer hatten ein bisschen Angst, vielleicht auch wegen des Gerichtsverfahrens. Es sind sanfte und freundliche Menschen, die nicht gern lautstark auftreten. Deshalb konnte man ihnen auch so übel mitspielen. So sind wir eben auf eigene Faust losgefahren. Mich hat die Philosophie der Quäker inspiriert, dass man von einem Unrecht Zeugnis ablegen soll, auch wenn man sonst nichts tun kann.

Wie wurden Sie auf Diego Garcia behandelt? Wir hatten ausschließlich Kontakt mit Briten. Mit Amerikanern haben wir gar nicht gesprochen. Die britischen Militärs waren ausgesucht höflich. Nach einer Weile durften wir unsere Zellen verlassen und draußen rumspazieren, aber nur in einem streng begrenzten Bereich. Die ganze Basis sah unwirklich aus, wie eine Filmkulisse. Bei der Gerichtsverhandlung fungierten die britischen Offiziere dann als Richter und trugen Zivilkleidung – auch das wirkte wie die Kostümierung für ein Theaterstück. Wir hatten das Gefühl, dass sie ein gewisses Verständnis für unser Anliegen aufbrachten. Ein junger Soldat hat sogar offen zugegeben, dass die Vertreibung falsch war.

Was wird nun aus der beschlagnahmten „Musichana“? Wir haben an den Gouverneur des British Indian Ocean Territory geschrieben und vorgeschlagen, das Schiff den Chagossianern zur Verfügung zu stellen. Die Behörden könnten es auch versteigern, um das Strafgeld hereinzubekommen. Schlimmstenfalls könnten sie es versenken.

John Howell, der frühere Leiter des renommierten Overseas Development Institute, schreibt in seiner Studie „Returning Home“, dass die Wiederansiedlung von 150 Familien auf Peros Banhos und Salomon weder ökologisch noch ökonomisch ein Problem wäre. Die Insulaner könnten von Ökotourismus und Fischerei leben. Ich bin ganz sicher, dass auch das Oberhaus in ihrem Sinne entscheiden wird. Leider wird es danach vermutlich ein großes Hickhack um die 25 Millionen Pfund (32 Millionen Euro) geben, die eine Wiederansiedlung den britischen Staat kosten würde.

Werden Sie die Insulaner weiterhin unterstützen? Wenn sie das möchten, werden wir unser Bestes tun. Das britische Klima liegt mir allerdings mehr als die Tropen.

Zur Person: Jon Castle, 56, von der Kanalinsel Guernsey fuhr wie sein Kollege Pete Bouquet schon Einsätze auf Greenpeace-Schiffen, als die Umweltorganisation noch gar kein Büro in Europa hatte. Auch an der Kampagne gegen die Versenkung der früheren Shell-Ölplattform Brent Spar war er beteiligt. Seine Schulden aus dem selbst finanzierten Chagos-Unternehmen arbeitet er derzeit als Kapitän eines Baggerschiffs ab. Interview: Kerstin Eitner