Greenpeace Magazin Ausgabe 6.00

Brandenburg Flucht

In ihrem Heimatort Spremberg, dicht an der polnischen Grenze, sind diePirateneine Minderheit. Weil sie sich mit viel Mut und Fantasie, aber einfachsten Mitteln für Ausländer engagieren — und so in der Kleinstadt in Brandenburg Zeichen gegen den weitverbreiteten Rassismus und die starke rechtsradikale Szene setzen.

Stephan Neiderts gebrochene Nase ist längst wieder verheilt, der von etlichen harten Stiefeltritten blau-violett angelaufene Unterleib von Angela Kähms abgeschwollen, doch seit dem Angriff von Rechtsradikalen auf dem Heimatfest im Sommer vergangenen Jahres bewegen sich die beiden in manchen Teilen von Spremberg so vorsichtig, als tasteten sie sich durch Feindesland. Wie an diesem Augustnachmittag in der Einkaufsstraße der brandenburgischen Kleinstadt. An einem Tisch vor dem italienischen Eiscafé fläzen sich drei junge Kerle mit millimeterkurz geschorenen Schädeln. Am Hals prangen Runen-Tatoos. Über die Brust spannen sich martialisch „Odin“- und „Germania“-Logos in altdeutscher Frakturschrift. An den Füßen Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln, was unter Skinheads als Signal für Gewaltbereitschaft gilt.

„Nazi-Skins“, murmelt Angela, und man merkt ihr an, dass sie sich zusammenreißt, nicht die Straßenseite zu wechseln, während sie von bösen Blicken verfolgt wird. Kein Wort fällt. Doch eine Drohung liegt in der Luft, als hätte man es ihr schriftlich gegeben, dass sie hier nichts verloren hat. Selbst hier, im Herzen von Spremberg. Selbst jetzt, am hellichten Tag. Weil sie links ist, weil sie sich eine Zeit lang die Haare bunt gefärbt hatte, vor allem wohl, weil sie sich für die – wenigen – Ausländer im 27.000-Einwohner-Städtchen südlich von Cottbus engagiert, steht die 19-Jährige auf der Hass-Liste der örtlichen Neonazis weit oben. Dass sie als „Zecken-Schlampe“ beschimpft und ihr mit der „deutschen Faust“ gedroht wird, daran hat sie sich fast schon gewöhnt.

„Für uns ist es ja schon schlimm genug“, sagt die sonst so fröhliche junge Frau, „aber ich denke immer an die Asylbewerber. Wie müssen die sich erst fühlen – so unerwünscht, wie sie sind in diesem Land.“ Vielleicht sind sie in dieser Region an der polnischen Grenze sogar besonders unerwünscht; die ist über die Jahre eine Art neonazistisches Kernland geworden, in dem Skinheads von „national befreiten Zonen“ tönen. Markiert durch Ortsnamen wie Guben, wo der unter dem Namen Omar Ben Noui tragisch bekannt gewordene Algerier Farid Guendoul von rechten Jugendlichen zu Tode gehetzt wurde. Oder Hoyerswerda, wo 1992 das Asylbewerberheim in Brand gesteckt wurde. „Hier in Spremberg haben sie das Heim noch vor dem in Hoyerswerda abzufackeln versucht“, sagt Stephan Neidert, „das ist nur weniger bekannt, weil das Feuer zum Glück unter Kontrolle gebracht wurde.“

Und ausgerechnet hier wollen die beiden ein Zeichen gegen Rechts setzen. Mehr noch: ein Zeichen für Ausländer – dass sie wenigstens ihnen willkommen sind. Angela, Stephan und ihr rundes Dutzend Mitstreiter haben sich über Punk- und Heavy-Metal-Konzerte gefunden, kennen sich zum Teil seit Jahren von der Schule, wo die rechte Vorherrschaft sie als linke Gruppe zusammenschweißte. „Nach dem Überfall auf dem Heimatfest haben wir uns gesagt: ,Jetzt erst recht, wir lassen uns nicht einschüchtern‘ und gründen einen Verein.“ Der heißt etwas konfus „Piraten e.V. – gegen Rassismus für Toleranz durch Integration“, aber die Ziele sind konkreter: Mit Info-Veranstaltungen, Betreuung von Asylbewerbern, gemeinsamem Kochen, Kinder- und Sportfesten wollen sie Verständnis für Kultur und Probleme von Ausländern wecken. Und über Konzerte, Skate-Turniere und andere Events „eine Gegenkultur gegen die Neonazis etablieren, damit nicht nur die rechte Szene für Jugendliche cool ist“, sagt der 19-jährige Stephan Neidert. „Mit den Jüngeren kann man noch reden. Das tut in den Schulen aber keiner. Wenn die Rechten erst mal über 20 sind, kommt man nicht mehr an die ran.“

Es ist ein mühsames Geschäft, mit einfachsten Mitteln. Und die Erfahrungen, die die Piraten dabei machen, sind wohl exemplarisch für Leute, die im Osten der Republik etwas für Ausländer tun: Erstens sind sie eine Minderheit. Zweitens bekommen sie kaum Unterstützung. Und drittens ist Ausländerfeindlichkeit nicht nur in den Köpfen der rund 150 Aktiven und Mitläufer der Spremberger „Glatzen“ verankert. Zu Stephans großem Ärger klopfen selbst Verwandte rechte Sprüche, zeigen stolz Suppenteller mit Hakenkreuz vor. Und seine Mutter findet, es sei „kein Wunder“, wenn er bei seinem Engagement „Probleme kriegt“.

Muss er sich denn auch um Leute wie die Nepalis kümmern? Tika Bahadur Nepali lebt mit seiner Familie seit neun Jahren in Deutschland. Bis auf Widerruf geduldet, seit der Asylantrag abgelehnt wurde. Speziell im Osten hat der Nepalese außer von den Piraten, die er von Besuchen im Flüchtlingsheim kennt, wenig Unterstützung erfahren. Als ihm Rechtsradikale die Brieftasche raubten, schauten alle weg. „Vielleicht hatten sie ja Angst“, entschuldigt der Vater von drei Kindern die Passanten, die nicht einmal Hilfe herbeiriefen. Er ist ein kleiner, freundlicher Mann, der über seine schlechten Erfahrungen nicht bitter geworden ist. Der lächelt, wenn er erzählt, wie man sie anstarrt, wenn sie im Supermarkt mit dem Wertgutschein vom Sozialamt bezahlen – bezahlen müssen, weil sie ja kein Bares erhalten. „Manchmal sagen die Leute, schau mal, was die von unserem Geld kaufen“, erzählt er im peinlich sauberen Wohnzimmer der Plattenbauwohnung, die ihnen vor zwei Wochen zugewiesen wurde.

Nun leben sie zwar nicht mehr am äußersten Rande der Stadt. Doch auch im Zentrum geht Nepali nicht mehr nach acht Uhr abends allein auf die Straße. „Da habe ich Angst. Mir würde ja keiner helfen, wenn was passiert.“ Die Kinder Krisna, 7, Som, 11, und Rajana, 13, dürfen nur im Hof unter dem Küchenfenster spielen, damit die Eltern sie jederzeit im Auge haben. „Gestern haben die anderen Kinder ,Bimbo‘ zu mir gesagt und ,Du badest in Scheiße‘, weil meine Haut braun ist“, erzählt Som. Er hat sich gewehrt und eine gleichaltrige Nachwuchsglatze in den Bauch geboxt. Jetzt darf er nicht mehr vor die Tür, damit ihn die anderen nicht verprügeln.

Die Piraten haben die drei Nepali-Kinder zum Spielefest im Flüchtlingsheim mitgenommen. Die kleine Krisna hat besonders Angela Kähms ins Herz geschlossen und hängt wie eine Klette an ihrem Arm, während die jungen Leute eine wackelige Torwand, den improvisierten Büchsenwurfstand und die aufblasbare Hüpfburg aufbauen. Alles zusammengeliehen, die Leihgebühr aus eigener Tasche bezahlt, wofür zum Beispiel Stephan Nachtschichten auf einer Tankstelle schiebt, für sieben Mark die Stunde.

„Obwohl hier kaum einer was für die Integration der Asylbewerber tut, damit die Vorurteile abgebaut werden, lässt die Stadt uns praktisch im Stich“, sagt Angela. In den zehn Monaten seit der Vereinsgründung wurden ihnen einmal 700 Mark bewilligt, für einen Infotag zur Asylpolitik. Alles andere zahlen sie aus ihrer Tasche oder dem Vereinsbeitrag von fünf Mark pro Kopf und Monat. „Manchmal finde ich das ganz schön viel“, stöhnt Angela.

Trotz einer Anfrage und vieler Leerstände sieht sich Spremberg außerstande, den Piraten bezahlbaren Vereinsraum zur Verfügung zu stellen. Sie treffen sich in einem kahlen Raum im ehemaligen Stasi-Hauptquartier der Stadt. Doch auch damit ist es bald vorbei, das Haus wird abgerissen, und Ersatz ist nicht in Sicht.

CDU-Bürgermeister Egon Wochatz mag sich dazu nicht äußern. Sein Verhältnis zur Presse ist ein wenig gespannt. Das Stadtoberhaupt sorgte im vorigen Jahr für Empörung, als er die tödliche Hetzjagd auf Farid Guendoul in Guben laut Berliner Zeitung mit den Worten kommentierte: „Was hatte der denn nachts um diese Zeit auf der Straße zu suchen?“ Zudem müsse ein Ausländer, der mit einer Deutschen „anbandelt“, damit rechnen, „Ärger zu bekommen“. Das nahm Wochatz nach heftigen Protesten zwar zurück, doch für die Piraten passt es ins Bild. Er sprach nach ihrer Erfahrung nur aus, was viele Spremberger denken.

Als Grund für den grassierenden Rassismus muss immer die hohe Arbeitslosigkeit herhalten, die in der Region über 24 Prozent beträgt, weiß die Ausländerbeauftragte des Spree-Neiße-Kreises, Monika Wagschal. „Das kann für mich kein Argument sein“, hält sie dagegen. „Im ganzen Landkreis mit 153.000 Einwohnern liegt der Ausländeranteil – inklusive der rund 500 Asylbewerber, der Kinder und Alten – bei gut zwei Prozent.“ Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind da praktisch nicht messbar. Doch Fakten werden schlicht ignoriert. „Fremdenfeindlichkeit“, sagt Monika Wagschal, „ist hier kein Problem der Jugend, sondern kommt aus der Mitte der Gesellschaft.“

„In dieser Atmosphäre was aufzubauen, ist manchmal ziemlich frustrierend“, seufzt Angela Kähms. Zum Kinderfest ist aus der Stadt keiner gekommen. Wie fast immer, bleiben die Bewohner des Asylbewerberheims auf dem tristen Hof unter sich. Es ist ein warmer Spätsommernachmittag, und die blau-rote Hüpfburg leuchtet in der Sonne. Die 14 Kinder aus dem Heim und die drei kleinen Nepalis werfen sich begeistert gegen die Gummiwülste und auf die Piraten, die mit ihnen herumtoben.

Stephan Neidert ist das Ganze fast ein wenig peinlich. Nicht etwa, dass sie nur über solch bescheidene Mittel verfügen. Sondern, weil selbst dieses kleine Fest für die Kinder und all die anderen im Heim schon ein Ereignis ist. „Die bekommen hier eher Besuch von besoffenen Rechtsradikalen, die nachts randalieren und Steine schmeißen, als von normalen Leuten“, schämt er sich für seine Mitbürger. Heute abend will er sich mit den anderen so richtig einen hinter die Binde kippen. „Und dann machen wir einfach weiter. Aufgeben gilt nicht. Wir können Spremberg ja nicht den Rechten überlassen.“

Piraten per E-Mail: EckerhartS@aol.com / Anti-Rassimus-Initiative: Amadeu-Antonio-Stiftung, Berlin (fördert besonders Projekte in Ostdeutschland); Tel. 030/28390543, Internet: www.amadeu-antonio-stiftung.de

Von MICHAEL FRIEDRICH
Fotos: DANIELA SCHMID