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Brüchiges Eis

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Brüchiges Eis

Text: Wolfgang Hassenstein Foto: Daniel Rosenthal

Jahrtausendelang fuhren die Menschen im Norden Grönlands mit dem Hundeschlitten zur Jagd. Doch nun friert das Meer kaum noch zu. Während Ölkonzerne auf neue Fördergebiete vor der Küste lauern, wird der Klimawandel für die Jäger und Fischer von Upernavik zum lebensbedrohlichen Risiko. Die Hunde verlieren ihren Nutzen – und die Inuit ihre Identität

Drei Punkte schieben sich durchs Eis, drei Boote, vielleicht noch eine Meile von der Küste entfernt. Sie kämpfen sich durch eine schmale Fahrrinne und kommen nur langsam näher. Von den Wohnzimmern im Ort kann man sie sehen, an den Fenstern stehen Ferngläser bereit. Upernavik liegt an einem Hang wie auf einer großen Tribüne.

Das Schauspiel inszeniert die Natur, ein arktisches Drama in gleißendem Weiß, schimmerndem Blau und leuchtendem Grau. Das Licht, die Wolkenbilder, die Risse in der Eisdecke, die Dunstschwaden über den offenen Wasserstellen, alles ist fortwährend im Wandel. Nur ein paar Eisberge stehen scheinbar unbewegt in der Kulisse. Der Mensch spielt hier eine Nebenrolle.

Drei Jäger kehren gemeinsam zurück, das könnte bedeuten, dass sie heute erfolgreich waren. Ein paar Neugierige laufen zum alten Hafen hinunter. Die Eisbrocken in der Fahrrinne sind seit dem Aufbruch am Morgen wieder zusammengefroren, sodass die Männer umständlich manövrieren, neue Schneisen brechen und mit Holzstangen Schollen beiseite schieben müssen, bis sie schließlich in der Hafenbucht auf die Eiskante springen und ihre Boote aus dem Wasser ziehen. Lars Petersen hat einen Weißwal geschossen, noch auf See hat er ihn zerlegt. Es war ein guter Tag.

Jetzt helfen ihm Freunde, den Fang auf einen Schlitten zu verladen und sorgfältig zu vertäuen. Den Kopf, die Flanken, die Gedärme, die Schwanzfluke. Die Haut des Tieres ist hellgrau, es muss noch jung gewesen sein. Sie schieben die Beute den Hang hinauf zu Petersens Haus, vor dem sieben Hunde angekettet sind. Eigentlich hätten sie den Jagdschlitten übers Meer ziehen sollen, doch das Eis trägt nicht mehr. Neugierig beobachten sie, wie die Männer den Fang auf die hölzerne Terrasse und ins Innere des Hauses tragen.

Lars Petersen schält sich aus seinem Thermo-Overall und tritt zufrieden lächelnd in die Stube, in der sich Familie und Freunde versammelt haben. Wenn ein Wal gefangen wird, ist das stets Anlass für ein kleines Fest. Töchter und Gäste schneiden Stücke der rohen Haut zurecht. Mattak heißt die zähe Delikatesse, die viele Vitamine enthält, auch der vierjährige Enkel bekommt seinen Teil. Petersens
Frau Karoline reicht Schokoladenkuchen und schwarzen Kaffee.

„Die Jagd ist schwierig zu dieser Jahreszeit“, sagt er. Zehn Stunden war der 48-Jährige draußen, sein Gesicht ist braungebrannt. „Das Packeis ändert sich ständig, wir müssen weite Umwege fahren und immer wieder neue Routen suchen.“ Manchmal bleibt den Männern nichts anderes übrig, als aufs Eis zu steigen und ihr Boot mit Muskelkraft zum nächsten offenen Wasser zu ziehen. Mit dem Tuk, einem Holzstab, an dem eine Art Meißel befestigt ist, prüfen sie Schritt für Schritt, ob das Eis sie tragen wird: Lässt es sich mit zwei Stößen durchschlagen, ist es zu dünn. Heute hatte Petersen Glück mit den Walen: „Ich konnte sie im offenen Wasser verfolgen, bis sie müde wurden und in Schussweite meines Gewehrs kamen.“ Erst vor wenigen Tagen hatten die Jäger vor der Küste Narwale gesichtet, die jedoch unterm Eis verschwanden, ehe sie sie erreichten.

Einst galt Upernavik als besonders guter Platz für die Jagd, der Name bedeutet „Frühlingsstelle“. Und der April war ein guter Monat: Viel Licht selbst in der Nacht, dazu stabiles Eis. Meist war das Meer ein halbes Jahr lang gefroren, erzählen die Leute, und so steht es noch auf der Internetseite des grönländischen Tourismus amtes. „Bis zum Jahr 2000 konnten wir vom Dezember bis in den Mai mit
den Schlitten zur Jagd fahren“, sagt Petersen. „Doch jetzt ist das Eis nur noch im Januar, Februar, manchmal noch im März dick genug.

Upernavik liegt 800 Kilometer nördlich des Polarkreises an der Ostküste Grönlands auf einer winzigen Insel, die man in wenigen Stunden zu Fuß umrunden kann. Knapp 1200 Menschen leben in dem Städtchen, das zu den nördlichsten der Welt zählt. Es gibt kaum Autos, kein Restaurant, nicht einmal eine Kneipe, dafür aber
einen Flughafen, der zweimal wöchentlich von einer Propellermaschine angeflogen wird, sofern es nicht wieder zu neblig oder zu stürmisch ist. Ende der Neunzigerjahre musste die Insel ihren vormals 149 Meter hohen Gipfel opfern, als für den Bau der Landebahn die obersten 25 Meter weggesprengt wurden.

Noch immer ist Upernavik von Europa und dem Rest der Welt mehrere Tagesreisen entfernt. Doch gerade hier, wo die Weite der Natur unermesslich scheint, wird spürbar, wie klein der Planet in Wahrheit ist und wie eng das Los seiner Bewohner miteinander verwoben. In diesem März, als in Europa der eisige Winter nicht enden
wollte, herrschte in Grönland Tauwetter. Zur sonst kältesten Zeit des Jahres meldete die Messstation am Flughafen sechs Grad plus. Selbst in Qaanaaq, im äußersten Norden des Landes, regnete es. Das ist so, als fiele in Deutschland im Hochsommer Schnee.

Beide Extreme hatten dieselbe Ursache: ein stabiles Hochdruckgebiet zwischen Skandinavien und Island, das, im Uhrzeigersinn von den Luftmassen umströmt, arktische Kälte nach Europa und atlantische Wärme nach Westgrönland brachte. Klimatologen sagen, es sei kein Zufall, dass sich solche Wetterlagen in den letzten
Jahren häufen: Durch den Rückzug des Meereises verändern sich die Luftdruckmuster über dem Nordatlantik. Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Erde, weil offenes Wasser die Energie der Sonnenstrahlen absorbiert, anstatt sie wie schneebedeckte Eisflächen zurückzuwerfen. In Grönland zweifelt kaum jemand an der Macht der Erderwärmung, so schnell und tiefgreifend
ist der Wandel. Die Hunde, die nutzlos an der Kette liegen, sind dafür nur das offensichtlichste Symbol.

Die Klimaveränderung trifft eine Gesellschaft, die im Zeitraffer in die Moderne schlittert. Fernsehen und Internet zoomen die Welt heran, in den Gefriertruhen des Supermarktes liegen Tiefkühlpizzen neben Walsteaks, man trägt moderne Outdoor-Jacken. Dabei ist die traditionelle Lebensweise nur eine Generation entfernt. Die Robbenfellkleidung hängt noch in den Schränken, überall erinnern Fotos von Mädchen in bunten Trachten und Jungs in weißen Anoraks an Konfirmationen und Hochzeiten. Jeder Anlass – der erste Zahn eines Kindes, die erste selbst geschossene Robbe – wird genutzt, um zu feiern und Bräuche in die neue Zeit zu retten. Und nichts ist für die grönländische Identität von so tiefer Bedeutung wie die Jagd, die untrennbar mit den Hunden verbunden ist.

Wenn Lars Petersen seine Tiere füttert, holt er hinterm Haus einen Brocken gefrorenes Robbenfleisch hervor und zerhackt ihn mit dem Beil. Jaulend zerren sie an ihren Ketten, bis jedes seinen Teil bekommen hat. Grönlandhunde bellen nicht, sie winseln und heulen wie ihre wilden Ahnen und prägen damit den typischen
Klang des Landes. Von den Wölfen haben sie auch die Zähigkeit geerbt. Bei bitterer Kälte rollen sie sich zusammen und bedecken mit dem buschigen Schwanz ihre Schnauze.

Doch die Hunde werden zur Last, wenn ein Jäger mit ihnen nicht mehr aufs Eis kann. Sie brauchen täglich Nahrung, gerade im Winter. Petersen hat den Ehrgeiz, seine Tiere aus eigenen Fängen zu versorgen. Nur im Notfall, wenn Stürme ihn längere Zeit am Jagen hindern, kauft er widerstrebend teures Hundefutter im Supermarkt. Jäger zu sein ist in Grönland eine Sache der Ehre. „Obwohl ich ohne Vater groß geworden bin, war es für mich wie eine Bestimmung“, sagt er. „Mit der weisen Hilfe meiner Mutter habe ich es geschafft.“ Fast jeder Mann in Upernavik jagt nebenbei, aber nur noch wenige tun es professionell wie er. Petersen muss über seinen Jagderfolg Buch führen und jährlich seine Lizenz neu beantragen,
nur dann darf er auch Wale, Walrosse und sogar Eisbären töten, für die besonders strenge Quoten gelten.

Professionell heißt aber nicht kommerziell. Bis heute haben mit den Jägern althergebrachte Formen der grönländischen Subsis tenzwirtschaft überdauert. „Wenn ich den ersten Wal im Jahr gefangen habe, behalte ich das meiste Fleisch für meine Familie oder gebe es Freunden“, sagt Lars Petersen. „Nur einen kleinen Teil verkaufe ich im Ort.“ Das Mattak des Weißwals werde er für besondere Anlässe aufbewahren, etwa für die Feier zur Geburt seines nächsten Enkelkindes, das sich bereits angekündigt habe. Den Kopf schenke er einem Freund, dessen Sohn bald konfirmiert werde.

Die häufigste Jagdbeute sind Ringel- und Sattelrobben. „An manchen Tagen erlege ich gleich mehrere“, erzählt er. Das Fleisch ist für die Familie, für Nachbarn und die Hunde. Die Häute verkauft er ans Great Greenland Furhouse, das sie gerbt und veredelt. „Das Geld brauche ich für Jagdausrüstung und Bootsstreibstoff.“

Die Firma Great Greenland erhält Subventionen dafür, dass sie den Jägern ihre Ware zum Festpreis abnimmt. Gerade wurde er auf 325 Dänische Kronen angehoben, rund 44 Euro pro Fell. So hält Grönland den traditionellen Beruf künstlich am Leben. Denn der Markt liegt am Boden, seit Tierschützer und Umweltorganisationen wie Greenpeace in den Achtzigerjahren die Robbenjagd in
Kanada mit spektakulären Aktionen bekämpften. Die USA und die EU verhängten Importverbote. Zwar wurden grönländische Felle davon teilweise ausgenommen, die Preise brachen trotzdem ein und zahlreiche Jäger stürzten in Armut. Heute  können viele nur überleben, weil andere in der Familie etwas hinzuverdienen, wie
Karoline Petersen, die als Altenpflegerin arbeitet.

Mit den kanadischen Robbenjägern möchte Lars Petersen nichts zu tun haben: „Dort erschlagen sie Babyrobben nur wegen ihrer Felle mit Haken. Das machen wir nicht. Wir erschießen die Robben, und wir nutzen fast das ganze Tier.“ Greenpeace bestätigt, dass die grönländische Robbenjagd keine Bestände gefährdet, man habe mit ihr nie ein Problem gehabt. Trotzdem zucken viele Grönländer noch heute zusammen, wenn sie den Namen der Umweltorganisation hören. Bei Great Greenland haben sich mit den Jahren 200.000 unverkäufliche Felle angehäuft. Der wichtigste Wirtschaftszweig in Upernavik ist längst nicht mehr die Jagd, sondern die Fischerei.

Eisschollen poltern gegen die stählerne Bordwand, als sich die Nukariit IV ihren Weg nach Norden bahnt. Käpt’n Augustinus Petersen späht nach der günstigsten Route und dreht unentwegt am Steuerrad, doch auch ohne sein Zutun ändert der Kutter immer wieder ruckartig die Fahrtrichtung. Unbeeindruckt bestreichen sich seine vier Matrosen ihre Frühstücksbrötchen mit Schokocreme. Das Schiff schwenkt nach Osten, dampft in den Fjord hinter der Insel und steuert die Boje am ersten Fangplatz an, der von schneebedeckten Bergen und fast senkrecht ins Meer stürzenden Felswänden umgeben ist. Das alpine Profil setzt sich unter Wasser fort. In 200 Metern Tiefe haben die Fischer am Vortag ein Stellnetz ausgebracht, das
sie nun wieder einholen.

Ihr Handwerk ist, wie überall auf der Welt, grob. Knackend bersten die Glieder langbeiniger Schneekrabben, als das Netz durch die Winde an der Bordwand läuft. Jeden Krebs, jeden Fisch müssen die Männer per Hand aus dem Nylongeflecht pulen. Oberschenkeldicke Seewölfe sind darunter, denen die Matrosen auf die mächtigen Köpfe treten, damit sie in ihrem Todeskampf nicht plötzlich zu - beißen. Abgesehen hat es die Crew aber auf Schwarze Heilbutte, von denen anfangs zu wenige im Netz sind. Es sind Tiefseekreaturen mit spitzen Zähnen und einem Auge mitten auf der Stirn.

Der Tag bringt das typische Auf und Ab des Fischerglücks. Das zweite Netz ist besser gefüllt, bald liegt eine halbe Tonne Heilbutt in einer großen Kunststoffkiste. Doch am dritten Fangplatz hat Treibeis die Bojen verdriftet und das Netz hängt fest. Über die Bordwand gebeugt arbeiten die Männer angestrengt, um wenigs tens Teile des Fanggeschirrs zu retten.

Als es endlich wieder frei ist, hat der Käpt’n noch etwas zu erledigen. Er legt den Gashebel um, steuert auf die nächste Eiskante zu und rammt sie krachend. Dann setzt er zurück, hält erneut darauf zu, die Maschine stöhnt, der Kutter bäumt sich auf – bis sich ein Spalt auftut und zwei Eisschollen wie Kontinentalplatten auseinanderdriften. Eine ganze Stunde kreuzt die Nukariit IV durchs Eis. Die Matrosen halten sich an der Reling fest, sie kennen das schon: Der Käpt’n bereitet das Gebiet für die nächste Fangfahrt vor, denn zerborstene Schollen treiben schneller fort. In der Ferne läuft ein Polarfuchs über das Eis und späht in Richtung Kutter. Vielleicht lassen die Möwen noch etwas von den Eingeweiden übrig, die die Fischer beim Ausnehmen ihrer Beute über Bord geworfen haben.

Dass sie zu dieser Jahreszeit überhaupt rausfahren, ist neu. „Die vier großen Kutter können jetzt rund ums Jahr fischen“, sagt Flemming Andersen, Chef von Upernavik Seafood. „Für sie ist es gut, dass weniger Eis da ist, sie fangen jetzt mehr.“ Dem Dänen, der seit 20 Jahren in Grönland lebt, gehören die kleine Fischfabrik im Ort und ein paar Verarbeitungsbetriebe weiter nördlich. Den Heilbutt liefert er nach Europa und Asien, Andersen ist zufrieden.

Und er sagt Dinge, die man von einem Fischereiunternehmer nicht erwartet. „Wir haben für den Distrikt eine Quote von 6800 Tonnen im Jahr", erklärt er, in Dänemark fange oft ein einzelner Trawler mehr Fisch. „Aber uns reicht das.“ Es scheint, als habe er die grönländische Gelassenheit übernommen: Warum der Natur mehr wegnehmen als nötig? Überfischung sei hier kein Thema, sagt Andersen, das Gebiet sei riesig und die Kutter immer in den drei gleichen Fjorden unterwegs. „Da gibt es genug Fisch, und sie sind frei von Grönlandhaien.“ Sind die verhassten Riesen, die mit ihren messerscharfen Zähnen die Netze zerreißen, in einem Gebiet erst mal weggefangen, kehren sie so schnell nicht zurück.

Andersens Zurückhaltung hat aber auch pragmatische Gründe: Er findet schon jetzt nicht genügend Leute für die Verarbeitung. Längst nicht alle Grönländer können einem geregelten Job etwas abgewinnen. Die meisten, die seit dem Beginn der kommerziellen Fischerei in den Achtzigerjahren in den Heilbuttfang eingestiegen sind, arbeiten lieber auf eigene Faust: Sie fahren raus, wenn sie Geld
brauchen, und verkaufen ihre Beute an die Fischfabrik. Gier ist hier ebenso wenig verbreitet wie der Vorsorgegedanke.

Noch vor wenigen Jahren waren auch beim Heilbuttfang dieHunde schlitten unentbehrlich: Man schlug Löcher ins Eis, um Leinen mit beköderten Haken ins Wasser zu lassen. Inzwischen fahren viele der kleinen Fischer wie die Jäger fast das ganze Jahr über mit ihren Kunststoff-Motorbooten raus. „Für sie wird es immer schwieriger“, sagt Flemming Andersen. „Sie brauchen entweder offenes Wasser
oder stabiles Eis. Der ständig wechselnde Eisgang gefährdet ihre Ausrüs tung und sogar ihr Leben.“ Die traditionellen Fischerei- und Jagdmethoden werden zur nostalgischen Erinnerung.

Unten am alten Hafen gibt es ein kleines Freilichtmuseum. Fünf Häuser aus der Kolonialzeit stehen dort, eine alte Kirche und der Nachbau einer traditionellen Inuit-Winterhütte aus Steinen und Torf. Im Hauptraum steht ein schöner Schlitten mit der lebensgroßen Puppe eines Jägers, gekleidet in Robben- und Eisbärenfell. Schau tafeln erläutern Jagdtechniken und stellen die wichtigsten Beutetiere vor,
für die es, je nach Alter, bis zu sechs verschiedene Namen gibt.

Im Museum arbeitet Miki Geisler, ein verschmitzter 21-Jähriger mit Pferdeschwanz. Er spricht fließend Englisch mit einem gepflegten US-Einschlag, den er damit erklärt, dass er sich die Sprache übers Internet selbst beigebracht hat. Der Job sei natürlich nicht sehr aufregend, sagt er, aber man könne nun mal nicht wählerisch
sein in Upernavik. „An manchen Tagen kommt gar kein Besucher, dafür ist an anderen Tagen richtig was los.“ Immer häufiger legten im Sommer Kreuzfahrtschiffe an, dann liefen für ein paar Stunden so viele Leute durch den Ort, wie er Einwohner hat, und alle trügen die gleichen Jacken. „Wir finden das ziemlich lustig.“

Mikis Mutter arbeitet oben am Flughafen, sein Vater ist Mechaniker und Teilzeitjäger. Er nehme ihn ab und zu im Boot mit raus, er zählt Miki, trotzdem habe er selbst noch nie eine Robbe geschossen. „Ich bin kein guter Schütze“, erklärt er grinsend und im Wissen, dass diese Worte sonst kaum einem Grönländer über die Lippen kommen. Dennoch verbringt er seine Freizeit mit Ballern. Mit seinen Freunden spielt er Onlinespiele im Netz, jeder vom Sofa zu Hause,
abends trifft man sich noch im Internetcafé am Kiosk.

Miki hat einen großen Teil seines Lebens in die virtuelle Welt ver lagert. Er möchte IT-Experte werden und sucht gerade einen Praktikumsplatz, im Süden oder vielleicht sogar im Ausland. In Upernavik sei es einfach nur langweilig, alles sei hier begrenzt. "Die Jobs, die Klamotten, selbst das Internet ist langsam und teuer." Wie
fast alle in seinem Alter will er nur eins: weg.

Während die Jungen das Weite suchen, wird der Ort für eine neue Art von Gästen interessant: Im Sommer 2011 gaben sich Mitarbeiter von Ölfirmen die Klinke in die Hand, um von Upernavik mit dem Hubschrauber zu einem riesigen Bohrschiff zu fliegen, das weit draußen vor der Küste kreuzte. In Gina’s Guesthouse, der einzigen Übernachtungsmöglichkeit der Stadt, haben sie eine großformatige Landkarte an der Wand zurückgelassen, die die Lage von Upernavik auf beunruhigende Weise abbildet.


Ganz filigran ist da der Inselstreifen eingezeichnet, auf dem die Siedlungen liegen. Ein schmales Band, eingekeilt zwischen zwei übermächtigen Gewalten: im Osten der gigantische Eisschild, der seit Urzeiten wie eine riesige Leere über der Welt der Inuit schwebt.

Und im Westen, nicht minder riesig, aber neu, ein bunter Flickenteppich im Ozean: die Explorationsgebiete der Ölkonzerne. Shell und Exxon, Chevron und Statoil haben vor der Küste ihre Claims abgesteckt, dazu die schottische Firma Cairn Energy und die eigens gegründete grönländische Nunaoil. Sie alle spekulieren auf reichhaltige Funde in der Tiefsee, die durch die Eisschmelze zugänglich werden. Die Menschen in Upernavik schwanken zwischen Hoffen und Bangen. Grönland sei auf neue Einkommens quellen

dringend angewiesen, finden die meis ten, da müsse man ausländische Investoren willkommen heißen. Doch seit im Golf von Mexiko die Deepwater Horizon explodiert ist, wachsen die Zweifel, ob es eine gute Idee ist, ausgerechnet hier nach Öl zu suchen. Keiner weiß besser als die Grönländer, wie heftig die Winterstürme in
diesem Winkel der Welt sind, wie lang die Polarnächte und wie unberechenbar das Eis. Die Baffin Bay, der Meeresarm zwischen Grönland und Kanada, wird auch „Eisbergallee“ genannt.

Wenn Lars Petersen sein Boot für die nächste Fangfahrt vorbereitet, füllt er aus einem Plastikkanister Benzin in den Außenborder, kontrolliert die Schraube, legt sein Gewehr bereit und die selbst gebaute Harpune, mit deren Hilfe er die geschossene Beute sichert und zum Boot zieht. Er sei nicht gegen die Ölförderung, sagt er vorsichtig, die Welt brauche nun mal Öl und sein Land Geld. Doch auch
die Proteste der Umweltschützer findet er gut, schließlich würde ein Unfall für Jäger und Fischer schlimme Folgen haben. Ganz oben müsse auf jeden Fall die Sicherheit stehen.

2011 hatten Greenpeace-Aktivisten eine Bohrplattform von Cairn Energy in der Baffin Bay besetzt und erklärt, dass der bei den Erkundungsarbeiten federführende Konzern für Havarien keine angemessenen Notfallpläne habe. Die Grönländer reagierten erst skeptisch bis feindselig, als sie sahen, das ausgerechnet Greenpeace sich wieder in ihre Angelegenheiten einmischt. Doch im März kündigte Aleqa Hammond, die frisch gewählte erste Premierministerin des Landes, gleich nach ihrem Amtsantritt an, vorerst keine neuen Förder- und Explorationslizenzen zu vergeben. Die Ölfirmen verdonnerte sie zu absoluter Transparenz bei allen Bohr- und Notfallplänen.

Lars Petersen sorgt aber nicht nur die Gefahr einer Ölpest. „Als das Bohrschiff oben in der Melville Bay war, kamen die Narwale und Weißwale drei Wochen später als sonst“, erzählt er. Womöglich wirke sich der Lärm der seismischen Tests auf das Verhalten der Tiere aus. „Wir Jäger fürchten, dass sie ihre Routen ändern.“
Mit der Sensibilität eines Menschen, dessen Existenz ganz von ihr abhängt, registriert er jede Veränderung der Natur. „Die Weißwale bleiben jetzt auch im Winter in unserem Gebiet, und die Grönlandwale kommen näher an die Küste“, sagt er. „Und 2007 sind erstmals Grindwale bei uns aufgetaucht.“ Jäger trieben sie an der Küste zusammen und töteten Dutzende. Nicht nur die Luft, auch die Meeresströmungen aus dem Süden werden wärmer, und so gelangen neue Vogel- und Fischarten weit in den Norden. „Die Wechsel zwischen warm und kalt sind viel extremer geworden.“

Klimatische Veränderungen haben von Anbeginn die Geschichte Grönlands geprägt. Sie ermöglichten die Besiedlung der Insel durch Polar völker und Wikinger, dann wieder führten sie zu Hungersnöten und zum Niedergang von Zivilisationen. Doch die derzeitige Erwärmung, die in einer bereits warmen Periode einsetzte, sei
beispiellos, sagen Wissenschaftler. „Der Klimawandel ist die mit Abstand größte Bedrohung für die Biodiversität der Arktis“, warnt der Arktische Rat, dem Anrainer und indigene Völker angehören. Abrupte und irreversible Veränderungen bahnten sich an, der Verlust des Polareises werde die Erwärmung noch beschleunigen,
mit globalen ökologischen und sozialen Folgen. Die Eiskappe am Nordpol, seit Jahrmillio nen ein Merkmal des Planeten, droht bald im Sommer ganz zu verschwinden. Eisbären und Walrosse, die Symboltiere der Arktis, verlieren ihren Lebensraum.

Zum Distrikt Upernavik zählen neben dem Hauptort zehn kleinere Siedlungen, die an der Küste über 450 Kilometer verteilt liegen. Im Norden leben noch fast alle Familien von der Jagd, das Meer ist den größten Teil des Jahres gefroren. Doch auch dort klagen die Menschen über dünneres Eis und verkürzte Jagdperio den. Upernavik selbst und die beiden südlichsten Orte sind nun im Winter weitgehend isoliert, denn Schlittenspuren zwischen den Siedlungen, über die sich in der Weihnachtszeit Familien und Freunde besuchten, entstehen nur noch selten. Zum Glück gibt es Telefon und Facebook. Vor zehn Jahren lebten noch vierhundert Hunde in Upernavik. Heute sind es noch etwa hundert.

Die Grönländer wissen, dass die Erwärmung etwas mit den Fabriken, Kraftwerken und Autos in Europa und Amerika zu tun haben soll. Sie kennen das Wort Kohlendioxid, viele werfen den Klimawandel mit dem Ozonloch durcheinander. Aber sie empfinden keine Wut. „Wir passen uns an“, sagt lachend Miki Geisler, der nicht viel zu verlieren hat. „Wir müssen nun eben häufiger zwi schen Schlitten und Booten wechseln“, sagt ganz nüchtern Lars Petersen, und es klingt ein bisschen wie eine Selbstbeschwörung, wenn er hinzufügt: „Es ist eine Frage des Willens. Wenn du dich entschieden hast, als Jäger zu leben, dann musst du mit dem Wetter
leben, so wie es ist. Dann musst du da durch.“  

Im Ort erzählt man sich von einem Unglück, das sich erst vor wenigen Wochen ereignet hat. Ausgerechnet Lars Petersen, dem erfahrenen Jäger, ist passiert, wovor sich hier jeder fürchtet. Er war mit dem Schlitten auf dem Weg nach Hause, als seine Hunde nicht weit vom Hafen plötzlich ausscherten und auf eine Stelle zurasten, an der das Eis besonders dünn ist. Vielleicht hatten sie etwas gewittert. Ehe der Jäger sie bremsen konnte, waren vier der Tiere eingebrochen. Petersen musste sie erschießen. Sie waren vom Kälteschock so geschwächt, dass sie nicht überlebt hätten.

In seinen Zügen mischen sich Trauer und Scham, wenn er an den Vorfall erinnert wird. „Ich möchte nicht beurteilen, wen die Schuld trifft“, sagt er nur, „die Hunde oder ihren Führer.“ Jetzt wolle er darüber nicht mehr sprechen. Dann richtet er sich auf. Natürlich werde er sich wieder neue Hunde dazuholen. „Ich habe mich entschieden, als professioneller Jäger zu leben“, sagt er noch einmal. „Ich werde meine Hunde behalten, selbst dann, wenn ich nur noch einen Monat im Jahr mit
ihnen aufs Eis kann.“

KALAALLIT NUNAAT
Um 2500 v. Chr. besiedelten, aus Amerika kommend, erste Inuit die größte Insel der Welt. In ihrer Sprache heißt sie Kalaallit Nunaat, „Land der Grönländer“. Erst der Wikinger-Seefahrer Erik der Rote, der 982 n. Chr. die erste skandinavische Siedlung gründete, nannte sie „Grönland“ (Grünland), vermutlich um sie für isländische Siedler attraktiver zu machen. Heute leben 56.000 Menschen auf der Insel, zu 89 Prozent Inuit. 2008 votierte eine große Mehrheit für eine erweiterte Autonomie von Dänemark. Offiziell wird das Land nun nur noch außenpolitisch

von der einstigen Kolonialmacht vertreten, finanziell ist es aber noch stark von ihr abhängig. Wichtigstes Exportgut ist Fisch. Die Regierung hofft, durch die Förderung von Rohstoffen wie Öl und Seltenen Erden, die sich infolge der Eisschmelze leichter
erschließen lassen, ökonomisch unabhängiger zu werden. Der Klimawandel, dessen Folgen in Grönland besonders offensichtlich sind, lockt auch Touristen an. Sie sind aber weniger am Verlust des Meereises interessiert – der keine Auswirkungen auf den Meeresspiegel hat – als am beschleunigten Schmelzen des Inlandeises und schneller fließen den Gletschern, die spektakuläre Bilder kalbender Eisberge liefern. Würde der bis zu 3700 Meter dicke Eispanzer, der vier Fünftel der Insel bedeckt, ganz abtauen, stiege der Pegel weltweit um rund sieben Meter.