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Chemicals help you to live longer

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.17

Chemicals help you to live longer

Text: Svenja Beller Foto: Mathieu Asselin

„Chemikalien helfen Ihnen, länger zu leben“ – mit diesem Slogan warb Monsanto 1977. Dass einige Produkte des Konzerns das Leben der Menschen, die mit ihnen in Kontakt kamen, vor allem beschwert und verkürzt haben, zeigt der Fotograf Mathieu Asselin mit seinem Langzeitprojekt „Monsanto®: A Photographic Investigation“. Darin bildet er ab, was Monsanto vertuschen möchte: verseuchte Gebiete, chronisch Kranke, missgebildete Kinder und interne Dokumente, die Mitarbeitern Verschwiegenheit verordnen. Nun will der deutsche Bayer-Konzern seinen US-Konkurrenten schlucken – und übernimmt damit auch dessen Altlasten

Als John Francis Queeny, ein Zigarre rauchender Ire, seine Firma 1901 in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri gründete, konnte er noch nicht ahnen, welches Ungetüm er erschuf. Sonst hätte ihm seine Frau Olga dafür vermutlich auch nicht ihren Mädchennamen überlassen. Olga hieß Monsanto.

„Monsanto Chemical Works“ stellte zunächst den Süßstoff Saccharin her. Mathieu Asselins Buch „Monsanto®: A Photographic Investigation“ beginnt deswegen auch mit einer Werbung für den perfekten Kuchen. Titel der Anzeige: Sweet Story. Eine süße Geschichte ist es wahrlich nicht, die Asselin auf den folgenden Seiten mit seinen Fotografien ausbreitet, aber genau deswegen will er sie erzählen. Es war sein Vater, ein kapitalismus- und globalisierungskritischer Franzose, der ihn darauf brachte. „Ich war entrüstet“, sagt Asselin. „Und das hier ist mein Weg damit umzugehen.“

„Das hier“ ist ein fünfjähriges Fotoprojekt, komprimiert zu einem 156-seitigen Buch. Er gewann damit den „Dummy Award“ beim Fotobookfestival in Kassel, nun erscheint es im Verlag Kettler. Zeitgleich stellt er seine Arbeit bei dem renommierten Fotofestival „Les Rencontres de la Photographie“ im südfranzösischen Arles aus. Mathieu Asselin ist natürlich nicht der erste Fotograf, der sich kritisch mit dem Geschäftsgebaren Monsantos auseinandersetzt. Aber er ist der Erste, der die ganze Geschichte erzählt.

Der provenzalische Frühsommer ist ungewöhnlich heiß dieses Jahr. Keine Wolke am Himmel hält die Sonne davon ab, die engen Gassen der malerischen Kleinstadt Arles auf weit über dreißig Grad aufzuheizen, mit der abkühlenden Dämmerung kommen die Mücken. Die Fête de la Musique lärmt durch die engen Straßen, und Mathieu Asselin muss zwischen Abendessen und Zigarette nun noch schnell entscheiden, wo der Monitor für die Videos in seiner Ausstellung hängen soll, in anderthalb Wochen ist Eröffnung. Seit Februar erst wohnt der 44-Jährige zur Hälfte hier, seine Wohnung in New York behält er. Geboren ist er im eine Stunde entfernten Aix-en-Provence, aufgewachsen in Venezuela, von dort stammt seine Mutter. Am leichtesten fällt es ihm, Spanisch zu sprechen, Notizen macht er sich trotzdem auf Englisch. Französisch spricht er zwar auch fließend, schreibt es aber nie. Er hat sich an die Mehrsprachigkeit in seinem Kopf gewöhnt.

„Ich hätte auch einen anderen Großkonzern wie Nestlé für mein Projekt wählen können“, sagt Asselin nun auf Englisch, „aber Monsanto ist einfach das perfekte Beispiel dafür, wie falsch die Dinge laufen können.“ So falsch wie in Anniston, Alabama. 1935 übernahm Monsanto dort eine Fabrik für PCB – giftige und krebserregende Polychlorierte Biphenyle, genutzt als Hydraulikflüssigkeit und Weichmacher. 2001 wurden sie durch die Stockholmer Konvention weltweit verboten. In Anniston gelangten tonnenweise PCB in die Umgebung, in Gewässer und auf Mülldeponien unter freiem Himmel nahe dem Stadtzentrum. Mehr als 20.000 Anwohner waren von der Verseuchung betroffen.

Es ist der erste Ort, den Mathieu Asselin 2012 für sein Projekt besucht. Er fotografiert verwahrloste Häuser, verlassene Tankstellen, leere Plätze. Das erste Porträt macht er von David Baker, dessen Bruder Terry mit 16 Jahren an einem Gehirntumor und Lungenkrebs starb, ausgelöst durch PCB. Er fotografiert ihn an Terrys Grab, die Augen vom Schatten seiner Hutkrempe verdeckt. Monsanto hat aus Anniston einen Ort der Vergangenheit gemacht, ohne den Konzern gäbe es hier weniger Gräber. Eine Zukunft wird es aufgrund der immer noch hohen chemischen Belastung für lange Zeit nicht geben. (...)

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