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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.12

Chemie-Quittung

Text: Svenja Beller

Unser Kassenbon-Test vor einem Jahr schlug hohe Wellen. Seitdem hat sich viel geändert: Sechs von acht Unternehmen haben die giftigen Bisphenole A und S aus ihren Quittungen verbannt. Über die Alternativstoffe ist bislang aber noch wenig bekannt

Kassenbons gefährden unsere Gesundheit. Das war das Ergebnis eines vor einem Jahr vom Greenpeace Magazin in Auftrag gegebenen Tests. Seitdem hat sich viel getan, wie jetzt unsere Folgeuntersuchung zeigt. Setzten vor einem Jahr noch drei der acht untersuchten Unternehmen auf die umstrittene Substanz Bisphenol A (BPA), so ist davon nur noch eines übrig geblieben. 2011 waren bereits vier Unternehmen auf den kaum weniger kritischen Ersatzstoff Bisphenol S (BPS) umgestiegen, nur eines ist dabei geblieben. In drei Proben fanden wir nun stattdessen das Harnstoffderivat Pergafast 201, in den restlichen drei Quittungen ist höchstwahrscheinlich ein Phenolether mit der Kurzbezeichnung „D-8“ enthalten.

Die Abkehr von BPA scheint damit besiegelt, einzig Edeka hält noch an der gefährlichen Chemikalie fest. Sie wirkt ähnlich wie das weibliche Sexualhormon Östrogen und beeinflusst Fortpflanzung und Gehirnentwicklung. Studien deuten zudem darauf hin, dass sie Männer unfruchtbar machen und die Reifung des Gehirns von Kleinkindern schädigen kann. Weitere Folgen könnten Herzerkrankungen, Brust- und Prostatakrebs, verfrühte Pubertät, Insulin-Resistenz, Diabetes, Fettleibigkeit sowie Ejakulations- und Erektionsprobleme sein.

Dass BPA gefährlich für den Menschen ist, wird inzwischen auch von offizieller Seite eingeräumt. Nachdem die EU die Chemikalie im Sommer letzten Jahres bereits in Babyflaschen verboten hatte, kündigte die europäische Lebensmittelbehörde EFSA nun eine neue Risikobewertung des Stoffes an. Auch das deutsche Umweltbundesamt will prüfen, „ob das Risiko für Mensch und Umwelt möglicherweise unterschätzt wird.“

Die Chemikalie wie auch ihre Ersatzstoffe liegen an der Oberfläche des sogenannten Thermopapiers, aus dem die Quittungen bestehen. Im Druckprozess reagieren die Stoffe unter Hitze mit anderen Substanzen zu einem Farbstoff. Überall, wo der Zettel weiß bleibt, haften die Chemikalien unverändert an. Beim Anfassen der Zettel gelangen sie über die Haut in unser Blut. Im Körper richtet offenbar nicht nur BPA Schäden an. BPS unterscheidet sich chemisch nur geringfügig, seine Auswirkungen sind bislang kaum erforscht. Untersuchungen deuten aber darauf hin, dass BPS ähnlich stark hormonell wirksam ist wie BPA. Den Stoff verwendet von den acht getesteten Unternehmen nur noch die Supermarktkette Kaiser’s.

Aldi Nord, die Deutsche Bahn, Galeria Kaufhof, Rewe, die Deutsche Post und Lidl sind auf Pergafast 201 oder D-8 umgestiegen. Lidl hatte das als einziges getestetes Unternehmen schon letztes Jahr getan. Die beiden Ausweichstoffe wurden jetzt neben 15 anderen möglichen BPA-Alternativen von der US-Umweltbehörde EPA untersucht. Beide sind demnach für den Menschen weniger bedenklich als BPA, allerdings auch nicht risikofrei. Für den Umweltschutz bringen sie laut EPA keinen Fortschritt. Gelangen sie in Gewässer, kann vor allem Pergafast Wassertiere schädigen. Laut EU-Verordnung zur Kennzeichnung gefährlicher Stoffe sind sowohl Pergafast 201 als auch D-8 „giftig für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung“. Über Recycling-Toilettenpapier können sie in den Wasserkreislauf gelangen und dort Fische und andere Wasserlebewesen gefährden. D-8 ist BPS strukturell ähnlich, laut kalifornischer Umweltbehörde hat der Stoff eine „eindeutig hormonell aktive Wirkung“. Auf Pergafast 201 trifft das nach jetzigem Forschungsstand nicht zu.

So erfreulich es ist, dass viele Unternehmen auf bisphenolfreie Thermopapiere umgestiegen sind – keiner der Stoffe bietet eine risikofreie, das heißt gesundheitlich und ökologisch empfehlenswerte Lösung. Also gilt schon wie vor einem Jahr: Kassenbons sollte man nur kurze Zeit anfassen, nicht in Kinderhände geben und im Restmüll entsorgen, damit die Chemikalien nicht in den Recycling-Kreislauf gelangen.