Guten Abend,

bald ist es so weit: Der E-Scooter kommt, und zwar mit bis zu 20 Sachen. Das Bundeskabinett hat einer Zulassung bereits den Weg geebnet, und Verkehrsminister Andreas Scheuer (auf dem Foto der Herr mit dem Laserschwert, die Dame in luftigem Latex ist Digital-Staatsministerin Dorothee Bär, beide CSU) sieht in ihnen eine „echte zusätzliche Alternative zum Auto“. Das tun anscheinend auch BMW und VW, denn neben diversen Start-ups gedenken auch sie in das Geschäft einzusteigen.Sharing-Modelle sind ebenfalls schon in Planung.

Nun werden sich ja die Pendler, die bislang in ihrem SUV-Wohnzimmer noch jeden Stau heil und trocken überstanden haben, kaum auf so ein „Elektrokleinstfahrzeug“ stellen und damit die 50 Kilometer bis zur Arbeitsstelle zurücklegen. So ist das auch nicht gemeint. Es geht um Kurzstrecken – die „letzte Meile“, wie es oft heißt, von der U-, S-Bahn- oder Bushaltestelle nach Hause oder an den Arbeitsplatz. Will sagen: eher in den Städten als auf dem Land.

Merken Sie was? Es wird eng. Noch enger. Denn: Die schnellere Scooter-Version für alle ab fünfzehn soll auf den Radweg und, wenn es keinen gibt, auf die Fahrbahn. Jugendliche ab zwölf Jahren dürfen E-Scooter mit einer Höchstgeschwindigkeit von immerhin zwölf Stundenkilometern fahren – auf dem Gehweg. Fahrprüfung oder Helmpflicht gibt es nicht. So werden die Gefährte lautlos, aber schnell um alles herumsausen, was sich zu Fuß oder in Schrittgeschwindigkeit bewegt, nicht nur flott geradeaus marschierende Erwachsene, sondern auch Senioren mit Rollator, Kinder, somnambule, in ihr Smartphone vertiefte Teenager, Rollstuhlfahrer, Eltern mit Kinderwagen und Leute mit Hund an der Leine. Um all jene also, deren Revier schon allerlei andere Dinge bedrängen: im Sommer das Mobiliar von Cafés und Restaurants, Müllbehälter aller Art, falsch parkende Autos, Leih- und sonstige irgendwo angekettete Räder, Werbetafeln, Parkautomaten, Verkehrsschilder, Poller…

Folglich herrscht nicht nur eitel Euphorie ob des neuen Verkehrsmittels, weder beim Fußgänger-Lobbyverband „FUSS“ noch beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub ADFC, bei Städtetag oder Deutschem Verkehrssicherheitsrat. Sie verweisen auf die Unfallgefahr, sogar Todesopfer gab es in anderen Ländern. Die Polizei erklärt sich außerstande, das Geschehen wirksam zu kontrollieren. Befürworter verweisen indes gern darauf, dass es mancherorts auch funktioniere, so in Kopenhagen. Schön, aber wir wollen doch nicht den Mount Everest mit dem Bungsberg vergleichen, oder?

Für Deutschland nämlich hat der ADFC gerade seinen neuesten Fahrradklima-Test vorgelegt. Ergebnis: Viel mehr Menschen würden gern mit dem Rad fahren, können sich wegen schlechter Radinfrastruktur und mangelnder Sicherheit aber nicht dazu durchringen und finden es vor allem für Kinder zu gefährlich. Keine Großstadt über 200.000 Einwohner kommt über die Schulnote „befriedigend“ hinaus. Noch mehr Gedrängel auf dem ohnehin knappen Raum wird da nicht helfen.

Weil das ja nichts Neues ist, hat die „Arbeitsgruppe Rad“ der Bundesländer einen 15-Punkte-Katalog vorgelegt, wie der Fahrradverkehr attraktiver und die Straßenverkehrsordnung fahrradfreundlicher werden könnten. Zustimmendes Murmeln allenthalben, sogar in der Koalition, doch dann meldet sich der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion Ulrich Lange zu Wort: Er sehe schon die „Radrowdys“ in den Startlöchern und halte die Vorschläge für geeignet, „auf lange Sicht dem Fahrrad eine einzigartige Privilegierung gegenüber den anderen Verkehrsmitteln zu verschaffen“.

Korrigieren Sie mich bitte, wenn ich da falsch liege, aber bisher hatte ich immer gedacht, das einzige Verkehrsmittel mit einer solch einzigartigen Privilegierung sei das Auto. Mich beschleicht der Verdacht, der Herr Lange möchte, dass das so bleibt und der Herr Scheuer eigentlich auch. Aber was willst Du machen, am Horizont dräut das Klimagesetz, und just befand die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina nach Überprüfung der Grenzwerte für Luftschadstoffe (im Auftrag der Bundesregierung): Eher verschärfen als aufweichen, und wenn Fahrverbote, dann aber richtig mit Umweltzonen und allem Trara und nicht nur in einzelnen Straßenzügen. Da kommen Ablenkmanöver aller Art, ob mit E-Scooter oder Laserschwert, ganz gelegen.

Unsereins hält sich wohl am besten an das Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ von Christian Morgenstern, in dem ein Herr namens Palmström eine unschöne Begegnung mit einem „Kraftfahrzeuge“ hat, die er glücklicherweise überlebt. Worauf er sich einige Gedanken macht, deren Schlussfolgerung uns vielleicht später mal bei einer etwaigen Kollision mit einem E-Scooter weiterhelfen kann:

„Und er kommt zu dem Ergebnis:
‚Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil‘, so schließt er messerscharf,
‚nicht sein kann, was nicht sein darf.‘“

Da rollt was auf uns zu // Unsere Leseempfehlungen zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

PS: Weder weitschweifige Ausführungen noch Fußnoten sind nötig, um klarzustellen: Wandeln muss sich die Politik, nicht das Klima! Plakat „Change“, jetzt eine Woche lang 20 Prozent reduziert.

image description
Greenpeace Warenhaus Button
Topfuntersetzer-Set Topfuntersetzer-Set
39,90 €
Topfuntersetzer-Set

Einfach, praktisch und raffiniert: Topfbein – magnetischer Topfuntersetzer aus FSC-zertifiziertem Nussbaumholz, made in Germany. 

Vier fürs Klima
18,00 €
Vier fürs Klima

„Wie reduzieren wir unseren ökologischen Fußabdruck?“ Die Familie Pinzler-Wessel hat es ein Jahr lang ausprobiert. Anregende und mutmachende Erlebnisse in einem alltagsprallen Erfahrungsbericht.

48,50 € 38,80 €

Kochbücher

Zum Nachkochen, Staunen und Schwelgen in alten Handschriften.