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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Darf man wissen, ohne zu handeln?

Text: Kurt Stukenberg Fotos: Cédric Widmer

Auf einer Anhöhe mit Blick auf Genf, dieser wichtigen Drehscheibe des Rohstoffhandels und Finanzmarkts, sitzt das schlechte Gewissen der Schweiz. Jean Ziegler kämpft seit Jahrzehnten für eine gerechtere Welt ohne Hunger und geizt dabei auch nicht mit Kritik an seinen Landsleuten. Der 81-Jährige war befreundet mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die ihn drängte, seinen Namen Hans des besseren Klangs wegen in Jean zu ändern. Ziegler war von 2000 bis 2008 Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung bei den Vereinten Nationen sowie Mitglied der Task-Force für humanitäre Hilfe im Irak. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher, darunter sein aktueller Bestseller „Ändere die Welt – warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen“. Bis heute ist er Mitglied im Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats der UNO. Bei einem Glas Rosé Crépuscule aus den Weinbergen an der Rhone, die sich unweit seines Hauses in Richtung Lyon schlängelt, sprechen wir über Hoffnung

Herr Ziegler, Willy Brandt sagte einmal zu Ihnen, Sie sollten, wenn Sie öffentlich sprechen, stets darauf achten, dass alles, was Sie sagen, analytisch korrekt ist, aber am Schluss eines Vortrages müsse immer Hoffnung aufblitzen. Ohne Hoffnung sei alles verloren. Ich stelle mir vor, dass es schwer für Sie sein muss, das durchzuhalten. Gut, sprechen wir über Hoffnung, aber zuerst kommt die korrekte Analyse: Das tägliche Massaker des Hungers ist der größte Skandal unserer Zeit. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Jedes Kind, das aus diesem Grund stirbt, während wir gerade sprechen, wird ermordet. Das ist komplett absurd, denn das erste Mal in der Geschichte gibt es keinen objektiven Mangel an Nahrungsmitteln mehr. Laut der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO reichen die heute hergestellten Lebensmittel aus, um zwölf Milliarden Menschen zu ernähren – also fast das Doppelte der Einwohner der Erde. Der Hunger tötet also, obwohl er nicht töten müsste. Meine Hoffnung ruht auf dem öffentlichen Bewusstsein. Auf der Erkenntnis, dass Hunger menschengemacht ist und also auch vom Menschen beendet werden kann, durch politische Reformen und ein gerechteres Weltwirtschaftssystem. Diese Erkenntnis, die sich derzeit durchsetzt, ist ein ganz entscheidender Fortschritt.

Sie waren der erste Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das „Recht auf Nahrung“. Für mich klingt das abstrakt. Warum klagen die Hungernden es nicht ein, wenn es doch ein Recht ist? Können Sie das erklären? Die Deklaration der Menschenrechte mit ihren sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Rechten macht dies möglich. Aber die Rahmenbedingungen reichten bisher oft nicht aus. Im Menschenrechtsrat der UNO hat sich vor drei Jahren eine zwischenstaatliche Arbeitsgruppe für die Rechte der Bauern gegründet. So etwas hat es noch nie gegeben. Was dort verabredet wird, ist geradezu revolutionär: Es geht um die freie Wahl des Saatguts, ganz ohne den Druck von Konzernen wie Monsanto, um das Recht auf Agrarkredite und vor allem um den Schutz vor der Vertreibung durch Hedgefonds oder Landgrabbing. In der internationalen Rechtsordnung tut sich was. Das macht die Hoffnung fassbar und konkret.

Ernst Bloch schreibt, gesellschaftliche Kämpfe werden durch Hoffnung vorangetragen. Kann man also sagen, dass Sie gar nicht anders können, als hoffnungsvoll zu sein? Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. In seinen Bänden „Das Prinzip Hoffnung“ und „Geist der Utopie“ schildert Bloch die Revolutionsgeschichte. Er beschreibt dort das, was er als das negative Bewusstein bezeichnet. Die Geschichte habe gezeigt, dass der Mensch immer vor allem weiß, was er nicht will – wir wollen keine Unterdrückung, keine Ungerechtigkeit, keine vor Hunger sterbenden Kinder. Dieses negative Bewusstsein ist aber eine Kraft, die zu positiver Veränderung führt und damit Hoffnung birgt. Denn jeder Mensch trägt auch eine konkrete Utopie einer gerechten Welt in sich. Wie wir aber beides verbinden und aus dem Wissen über das Schlechte tatsächlich den Weg zum Guten finden können, das ist unbekannt. Aber Antonio Machado hat richtig geschrieben: „Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht im Gehen.“

Ist Hunger in der Welt zu etwas Normalem geworden? Das war er sehr lange. Noch bis in die 1940er-Jahre galt die Theorie des britischen Ökonomen und Pastors Thomas Robert Malthus als die reine Lehre. Er hatte im ausgehenden 18. Jahrhundert beschrieben, dass Hunger und Elend zwar bedauerlich, aber notwendig seien. Würden durch Hungerkatastrophen nicht regelmäßig beträchtliche Teile der Menschheit ausgerottet, würde der Planet unter einer gigantischen Überbevölkerung zusammenbrechen. Eine sozialdarwinistische Theorie. Sogar die Kirchen hatten sich diesem Glaubenssatz angeschlossen. Diese Zeit ist überwunden, kein Mensch würde heute mehr wagen, die Malthus-Theorie öffentlich zu vertreten, nicht einmal die schlimmsten Neokonservativen. Insofern ist Hunger zum Glück nichts Normales mehr.

Wir sitzen hier bei Ihnen in Genf und genießen den Wein. Der Hunger in den Ländern des Südens ist sehr weit weg. Für mich ist die alltägliche Katastrophe überhaupt nicht präsent. Dann stimmt aber etwas nicht mit Ihrer Wahrnehmung.

Woran liegt das? Sehen Sie, die Globalisierung hat zu einer Informationsrevolution geführt. Heute kann keiner mehr sagen, er wisse nichts von den Hungerkatastrophen im Niger und anderswo. Dass Ihnen diese große Kollektivschuld der Menschheit nicht präsent ist, liegt an der Entfremdung. Immanuel Kant hat gesagt: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen zugefügt wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“ Der größte Sieg der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals ist die Verschüttung des Solidaritätsbewusstseins des Menschen. Ich kenne eine ganze Reihe von Bankern. Wenn wir unter uns sind, sagen diese Herren, sie bedauerten das Leid in der Welt, sie würden mitfühlen mit den Menschen, aber das seien nun einmal die Marktgesetze. Ich nenne diese quasi naturgesetzliche Argumentation die neoliberale Wahnidee. Diese Idee hat das Bewusstsein zubetoniert – jetzt müssen wir es gemeinsam wieder freischaufeln.

Sie haben von Kollektivschuld gesprochen. Bin ich also schuldig? Natürlich. Sie gehören zu einer privilegierten Minderheit auf der Welt, Sie haben Zugang zu Bildung und es fehlt Ihnen an nichts. Also haben Sie alle Möglichkeiten, um aufzubegehren. Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Deutschland ist eine der größten Wirtschaftsmächte der Welt und die wohl lebendigste Demokratie in Europa. Das Grundgesetz ist ein Waffenlager, es gibt jedem Bürger die Möglichkeiten an die Hand, sich gegen die kannibalische Weltordnung zu wehren. Wir müssen uns nur bücken und die Waffen aufnehmen.

Was bedeutet das konkret? Organisieren Sie sich! Fordern Sie vom Bundestag, die Börsenspekulation auf Nahrungsmittel zu verbieten! Fordern Sie Ihre Kanzlerin und Ihren Außenminister auf, sich in der UNO für die Rechte der Kleinbauern und Hungernden einzusetzen, indem die erdrückende Auslandsschuld der ärmsten Staaten gestrichen wird! Jeder, der in Europa sagt, er könne nichts tun, liegt objektiv falsch. Sie haben drei Möglichkeiten der praktischen Intervention. Als Bürger: Indem Sie wählen gehen, den Staat zum Handeln zwingen, politisch aktiv werden und so weiter. Zweitens als Konsument: Durch die Entscheidung, was Sie kaufen, wem Sie ihr Geld überlassen, können Sie ebenfalls Signale setzen, beispielsweise indem Sie sich weigern, gentechnisch veränderte Nahrungsmittel zu kaufen – was Sie übrigens dringend tun sollten. Drittens: Teilen Sie, was Sie zu viel haben oder was Sie entbehren können.

Ich spende einem Kind ein Glas Milch, sodass es überleben kann. Ist das für Sie ein Zeichen der Hoffnung oder Egoismus, weil ich mich dadurch besser fühle? Als ich noch für die Sozialdemokraten im schweizerischen Parlament saß, habe ich unter anderem für mehr Entwicklungskredite an ärmere Staaten gekämpft. Ich habe damals oft die Kritik gehört, ich würde mit meinen Aktionen das System nicht überwinden helfen, sondern es stützen – indem ich das Leid der Hungernden ein wenig lindere. Das kann man jetzt politisch diskutieren, aber darum geht es im Grunde gar nicht. Wenn Sie etwas spenden und damit erreichen, dass ein Kind zwei Wochen länger leben kann, dann braucht man das nicht wirtschaftlich, politisch oder irgendwie logisch zu diskutieren, sondern das ist ein Wert an sich. Punkt, fertig.

Bevor Sie bei der UNO arbeiteten, waren Sie 1964 einmal für zehn Tage der Chauffeur von Ernesto Che Guevara. Jetzt rufen Sie in Ihrem neuen Buch zu einem globalen Umsturz auf. Hat der Comandante Sie zum Revolutionär gemacht? Nein, der Begriff des Revolutionärs steht mir nicht zu, ich bin ein in Genf lebender Kleinbürger. Aber von Che habe ich das Prinzip der subversiven Integration gelernt. Das heißt, als Kommunist in einer kapitalistischen Gesellschaft zu leben und dort die Waffen der Veränderung zu nutzen, die einem gegeben sind. Vor etlichen Jahren hatten mich Genossen aus Kuba gebeten, Che während einer zehntätigen UNO-Konferenz in Genf als Fahrer zur Seite zu stehen. Am letzten Abend, bevor er abfuhr, waren wir im Hotel in Grand Saconnex, und ich sagte zu ihm, er solle mich mitnehmen nach Kuba, ich wolle mit ihm kämpfen und Teil der Revolution werden. Er reagierte damals sehr kühl, bat mich zu sich ans Fenster, wies auf die Leuchtreklamen der Banken, die man von dort aus sehen kann und sagte: „Schau auf die Stadt, hier lebst du, hier musst du kämpfen.“ Er hatte natürlich Recht. Che schaut seitdem von einem Bild in meinem Arbeitszimmer auf mich herunter. Auch in meinem Büro bei der UNO hängt eins. Wenn ich Besuch von US-Diplomaten bekomme, bleiben die immer irritiert auf der Türschwelle stehen. Ich habe seither enge Beziehungen zu Kuba, mein letzter Besuch ist wenige Wochen her. Che hat sein Leben für seine Überzeugungen geopfert, dafür bewundere ich ihn.

Ein Revolutionär muss in der Lage sein, das Gras wachsen zu hören, heißt es bei Marx. Wächst da gerade tatsächlich etwas? Ja. Das Gras wachsen zu hören ist ja als Überbegriff gemeint. Ich würde sagen, es geht hier um das individuelle und kollektive Erwachen des Bewusstseins der Menschen. Und das ist in vollem Gange. Ich habe während des G7-Treffens in Elmau am „Gipfel der Alternativen“ in München teilgenommen, habe dort eine Rede gehalten. Abends war ich dann ziemlich müde und habe mich in eines der zahlreichen Terrassencafés nach draußen gesetzt. Immer wieder sind Menschen auf mich zugekommen aus jeder Altersgruppe und jeder sozialen Schicht, Bauern, Lehrer, Schüler, und haben mich gefragt, wie sie etwas in der Welt verändern können. Das hat mich wirklich beeindruckt und mich bestätigt in dem Gefühl, dass die Menschen handeln wollen.

Haben Sie denn auch noch Hoffnung, dass es die Politik sein wird, die die Welt ändert? Nicht nur. Aber Sie müssen sehen, wie wichtig die Politik ist. Zum einen gibt es die internationale Ebene mit der UNO. Auch wenn die im 70. Jahr nach ihrer Gründung ein ziemlich jämmerliches Bild abgibt, weil sie blockiert ist durch die Vetomächte im Sicherheitsrat. Aber in der Ebene darunter gibt es ja auch noch die Nationalstaaten, deren Macht zwar schwindet, aber die noch immer einen ungeheuren Gestaltungsspielraum haben. Die Zivilgesellschaft muss diese Macht nutzen. Auf den organisierten Menschen ruht meine größte Hoffnung. Sie müssen die Politik zum Vehikel ihrer Interessen machen und sie vor sich hertreiben. Die Welthungerhilfe hat bei der Bewusstseinsbildung der UNO-Gremien für das Thema Welthunger Großartiges geleistet. Ebenso übrigens wie Greenpeace ein entscheidender Akteur war, als es darum ging, den Schutz der Umwelt und des Klimas in den Köpfen der Menschen und in der Politik zu verankern.

Insbesondere in Europa wachse die Zivilgesellschaft und begehre immer mehr auf, schreiben Sie. Mein Eindruck ist, dass vor allem die Kraft von Rechts stärker wird, von Menschen, die sich immer mehr abschotten wollen. Nehmen Sie die Ukip in Großbritannien, die AfD und Pegida-Bewegung in Deutschland oder den Front National in Frankreich. Es wäre ziemlich idealistisch, zu sagen, natürlich sind wir auf dem richtigen Weg und die Mehrheit wird immer in eine progressive Richtung marschieren. Ich bin überzeugt, dass Jean Jaurès Recht hat, wenn er meint: „Der Weg ist gesäumt von Leichen, aber er führt zur Gerechtigkeit.“ Ich glaube also an die Menschwerdung des Menschen und daran, dass die Geschichte einen Sinn hat. Aber die Geschichte zeigt eben auch, dass fürchterliche Rückfälle in die Barbarei geschehen können, auf einmal ist der Faschismus da, wir haben das erlebt. Aber der entscheidende Punkt ist, wie George Bernanos sagt: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“ Der Verlauf der Geschichte hängt also von uns ab. Machen wir was daraus.