Greenpeace Magazin

Ausgabe 1.10

Das Eichhörnchen

Text: Andrea Hösch

Sie stoppt Atommülltransporte, klettert Banken und Konzernen aufs Dach, besetzt Bäume und befreit Felder von Gen-Mais – Cécile Lecomte hängt sich ins Seil für eine bessere Welt

Zu gehen fällt ihr schwer. Rennen geht gar nicht. Aber sobald sie senkrecht nach oben strebt, bewegt sich Cécile Lecomte fast so gewandt wie ein Eichhörnchen – und so wird sie von ihren Freunden auch genannt. Von ihrem Bett aus kann die 27-Jährige direkt ins Seil. Oben in den Bäumen, die sich rund um ihren Bauwagen auf dem Lüneburger Campus gruppieren, hockt sie am liebsten, denn beim Klettern vergisst die gebürtige Französin ihr chronisches Rheuma. 

„Noch dazu ist Klettern subversiv“, meint sie. Cécile setzt sich ein für Dinge und Werte, die sie für richtig hält: Kreativität statt Konsum, Engagement statt Berieselung, Miteinander statt Egoismus. Sie sagt: „Die natürlichen Ressourcen sind begrenzt. Deshalb haben wir genau zwei Möglichkeiten: Kriege um Wasser und Rohstoffe zu führen – oder unser Leben radikal zu verändern.“ Für die zweite Option hat sich Lecomte während ihres Studiums in Süddeutschland entschieden. Damals besuchte sie das Wendland, als sich dort wieder einmal der Atom-Widerstand formierte. Zwar hatte sie bereits vom Castor gehört. „Ich verstand aber nicht, warum dieser so gefährlich sein sollte. Im Französischen bedeutet Castor nämlich Biber“, erzählt sie und lacht. 

Dass Alte und Junge aus allen Schichten dort auf die Straße gingen, ihr solidarisches Miteinander, aber auch die bürgerkriegsähnlichen Szenen, die sich dort abspielten, haben Cécile tief berührt. Von dem Moment an wollte sie ihr Klettertalent einsetzen, um vor politischen Fehlentwicklungen zu warnen. Deshalb nahm sie mit Initiativen und Umweltschutzgruppen Kontakt auf, und bald hing sie aus Protest in den Bäumen: Mehrfach stoppte sie – zweimal sogar alleine – Atommülltransporte. Sie besetzte Bäume gegen den Flughafenausbau in Frankfurt, kletterte aufs Dach von Vattenfall und der Deutschen Bank, befreite Felder von Gen-Mais – und ist bis heute zur Stelle, wenn der Castor rollt, es sei denn, die Polizei sperrt sie präventiv ein wie im vergangenen Jahr. „Die Gefahr ist doch der Castor und nicht der Mensch!“, hält Cécile dagegen. „Solche Willkürmethoden beweisen, dass unsere Aktionen effektiv sind.“ Wie viele Prozesse gegen sie anhängig sind, kann sie nicht sagen. Immer wieder nervt sie ihre Richter mit einer Flut von Befangenheits- oder Beweisanträgen und mit Rezitationen von Erich-Fried-Gedichten. Bislang gingen alle Verfahren glimpflich aus. „Ich bin noch nicht vorbestraft“, sagt die Vollzeit-Aktivistin.

Zum Leben brauche sie nicht viel: gutes Equipment, verlässliche Mitstreiter, den Bauwagen – und ein bisschen Geld. Das bekommt sie als sogenannte Bewegungsarbeiterin von der Bewegungsstiftung. Die 27-Jährige trägt einen roten Nicki und eine bunte Patchwork-Latzhose. Mode ist ihr gleichgültig. Einkaufen geht sie schon lange nicht mehr. Was sie zum Essen braucht, fischt sie aus den Supermarktcontainern. Auf ihrem Tisch stapeln sich Kekse, Bananen und Fruchtsäfte. „Es ist unglaublich, was weggeworfen wird. Zum Teil sind die Sachen noch nicht abgelaufen“, sagt sie.

Während der jüngst gefundene Tee den gemütlichen, doppelstöckigen Bauwagen mit Vanilleduft erfüllt, berichtet Cécile davon, dass sie auch schreibt und Vorträge hält. „Ich will zeigen, dass Utopien machbar sind, und ich will die Leute aufrütteln, zum Selberdenken motivieren und überzeugen.“ Denn eines ist für die ausgebildete Pädagogin klar: Radikaler Wandel kann nur von unten kommen. „Politiker denken nur kurzfristig, denn Macht ist giftig. Allein damit, dass wir wählen gehen, können wir nichts ändern. Wir müssen uns wehren und auf die Straße gehen!“ Gerade auch deshalb, weil der Atomausstieg auf der Kippe steht. Dass Politik und Wirtschaft ernsthaft aussteigen wollten, daran habe sie ohnehin nie geglaubt. Vielmehr sei der Konsens mit der Atomlobby abgekartet und als Beruhigungspille für die Anti-AKW-Bewegung gedacht. „Aber wir lassen uns nicht ruhigstellen“, sagt Cécile.