Das
 geheime 
Leben 
der Atomnomaden

Greenpeace Magazin

Ausgabe 4.12

Das
 geheime 
Leben 
der Atomnomaden

Text: Suzanne Krause / Foto: Christoph Gödan

Sie ziehen von Reaktor zu Reaktor, wohnen 
in provisorischen Unterkünften und werden 
miserabel bezahlt. Tausende Leiharbeiter 
verrichten bei der Wartung von Frankreichs 
58 Reaktoren die nukleare Drecksarbeit. An vorderster Strahlenfront riskieren sie ihr Leben

Cruas, „das mittelalterliche Dorf“, bewirbt das örtliche Fremdenverkehrsamt die südfranzösische 2700-Seelen-Gemeinde, gelegen zwischen Lyon und Nîmes. Hoch über der mächtigen Rhône ragt ein zerfallenes Mönchsschloss aus dem 
12. Jahrhundert auf, hügelabwärts säumen Häuschen im gotischen Stil die verwinkelten Gassen, manches wirkt heruntergekommen und verlassen. Das Alltagsleben spielt sich in der Neustadt im Tal ab – und auf den Campingplätzen rund um Cruas, wo Anfang April schon reger Betrieb herrscht. Die einfachen Mobile Homes sind voll belegt, daneben reihen sich ramponierte Campingwagen.

Doch zu Gast sind hier nicht etwa Familien mit Kindern, sondern vor allem Männer zwischen Anfang zwanzig und Mitte fünfzig. Viele tragen einen Blaumann oder eine Arbeitskluft mit Firmenlogo. Zu Hunderten sind sie für mehrere Wochen aus ganz Frankreich angereist, um die jährlichen Wartungsarbeiten im Atomkraftwerk Cruas durchzuführen, zwei Autominuten vom Ort entfernt. Der staatliche Stromkonzern Electricité de France (EDF), Betreiber aller 58 Atomreaktoren in Frankreich, hat 80 Prozent der Wartungsarbeiten an Subunternehmen ausgelagert. „Atomnomaden“ nennen sich die Leiharbeiter selbst, rund 30.000 gibt es von ihnen in Frankreich. Es sind Elektriker und Mechaniker, Gerüstbauer und Schweißer, Anlagenjustierer und Materialkontrolleure. Sie nehmen den Zustand des Kühlsystems unter die Lupe, tauschen defekte oder gealterte Teile aus, überprüfen die gesamte Anlage.
Antreten können diese Atomarbeiter jedoch erst, nachdem die „nukleare Putzkolonne“ der Dekontaminierer ihren Job im Reaktorgebäude erledigt hat, die unterste Kaste der Atomnomaden. Anfang April ist in Cruas Reaktor 4 vom Netz gegangen. Die Brennstäbe wurden entladen, das Wasser aus den Reaktorbecken gelassen. Nun muss im Dampferzeuger der Durchlauf des primären Kühlkreislaufs verschlossen werden, damit während der Wartung kein radioaktives Wasser ins Reaktorbecken zurückläuft. Ein sogenannter Jumper schlängelt sich im „Mururoa-Anzug“, einer doppelwandigen Astronautenkluft mit Helm und künstlicher Luftzufuhr, von unten durch die enge Öffnung, um im Innern des Generators die Leitungsausgänge 
zu verpfropfen. Maximal eine Minute darf er wegen der starken radioaktiven Strahlung im Dampferzeuger bleiben. „Jumper“ wird er genannt, weil er anschließend hinaus auf den Boden springt, um der Strahlenhölle so schnell wie möglich zu entkommen.

Zur Arbeit der Dekontaminierer gehört es auch, das Reaktorbecken von radioaktiven Partikeln zu reinigen – mal mit Hochdruckreiniger und Chemie, mal buchstäblich auf allen Vieren mit Schwamm und Lappen. Ein Knochenjob in der strahlenbelasteten Zone, bei der sie sich selbst in Gefahr bringen, um die anderen Leiharbeiter zu schützen, die danach ihren Dienst im „Kontrollbereich“ verrichten. Dort, wo sonst niemand hinkommt. Niemand hin darf.

Selbst an Ostern wird in Cruas durchgearbeitet, in drei Schichten rund um die Uhr. Das Gros des Personals trudelt abends auf dem Campingplatz ein. In der Kneipe auf dem Gelände erzählen sich die Atomnomaden von den Ereignissen des Tages. Man kennt sich, teils seit langen Jahren. Untereinander klagen die Männer oft über die immer härter werdenden Einsatzbedingungen. Kommt jemand von außen hinzu, verstummen die Gespräche. Im Rahmen der Medienberichte zum Jahrestag der Fukushima-Katastrophe schilderte ein Atomnomade einem Fernsehteam seinen schwierigen Alltag. Sein Unternehmen setzte ihn daraufhin so unter Druck, dass er nun den Mund hält – und seine Kollegen gewarnt sind. Die Atomindustrie, die das Land erhellt, bleibt selbst am liebsten im Dunkeln.

Einer der wenigen, die Licht in die Sache bringen wollen, ist Claude Dubout. Der kleine, kräftige Mittvierziger arbeitete bis vor wenigen Jahren in Tricastin, der größten Atomanlage Europas, wie er stolz erzählt, 30 Kilometer südlich von Cruas. Dubout kennt die Atomindustrie von klein auf. „Mein Vater und mein Bruder waren beim Bau der Atomkraftwerke als Elektriker dabei“, erzählt er, „das hat mich fasziniert.“ Schon als Junge träumte er davon, Dekontaminierer zu werden. Sie waren für ihn „Helden der Neuzeit, deren Job es ist, andere zu beschützen und die Umwelt zu entseuchen.“ Zwei Jahrzehnte lang entfernte Dubout für ein Subunternehmen in Atomanlagen radioaktive Strahlung.

Doch eines Tages erfuhr er, dass er in seinen Dienstjahren eine 
Strahlenbelastung von 500 Millisievert angehäuft hat. Heute gilt euro-paweit eine zulässige Jahreshöchstdosis von 20 Millisievert. EDF hat den Grenzwert für seine Mitarbeiter gar auf 16 Millisievert pro Jahr gesenkt, was allerdings immer noch dem Achtfachen der natürlichen Hintergrundstrahlung entspricht. Von den sogenannten Liquidatoren, die in Tschernobyl aufräumten, ist bekannt, dass eine direkte und kurzfristige Strahlung von 7000 Millisievert zum sicheren Tod führt. Viele Forscher fürchten aber, dass auch radioaktive Niedrigstrahlung über lange Zeiträume erhöhte Krebsraten zur Folge hat. Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsbehörde WHO, erklärte im Mai letzten Jahres: „Es gibt keine ungefährlichen Niedrigwerte radioaktiver Strahlung.“

Dem Dekontaminierer Claude Dubout dämmerte, dass der Heldennimbus eher seiner Fantasie entsprungen war. Für seine Auftraggeber war er nicht viel mehr als ein – qualifizierter – Putzmann. Er beschloss, umzusatteln und sprach in anderen Branchen vor. „Dort wusste keiner, was ein Dekontaminierer ist“, erzählt er. „Ich habe es wieder und wieder erklärt, und man war jedes Mal sehr beeindruckt, aber einen Job habe ich nicht bekommen.“ Für Dubout war das sehr bitter. „Da habe ich 20 Jahre lang mein Leben riskiert, und dann werde ich behandelt, als sei meine Arbeit unsichtbar.“ Daraufhin griff er zum Stift und schilderte akribisch den Berufsalltag der Atomnomaden. Sein Insider-Bericht erschien 2009 unter dem schlichten Titel: „Ich bin Dekontaminierer im Atombereich“.

Heute schreibt sich Claude Dubout, der nun für seine alte Firma als Logistiker im Büro arbeitet, die Wut in einem Blog von der Seele. „Es gibt keinen Studiengang, keinen Lehrberuf und nicht einmal spezielle Weiterbildungsangebote, um Dekontaminierer zu werden“, berichtet er dort. Eingestellt würden Elektriker, Mechaniker und Schweißer, die in zwei- bis dreiwöchigen Kursen auf die Arbeit in der Strahlenzone vorbereitet werden. „Der Inhalt der Kurse ist seit 30 Jahren unverändert.“ In dem Job gebe es kaum Aufstiegsmöglichkeiten, beklagt Dubout. Die Leiharbeiter würden an die vorderste Strahlenfront geschickt, kritisiert er, sie seien gezwungen, im eigenen Auto quer durchs Land zu reisen, der Zeitdruck steige. Waren früher bis zu vier Monate für Wartungsarbeiten veranschlagt, wurden die Einsätze mittlerweile auf durchschnittlich 28 Tage verkürzt. Für all das werde ihnen gerade mal der gesetzliche Mindestlohn ausgezahlt, berichtet Dubout: Knapp 1400 Euro, plus Spesen von täglich bis zu 67 Euro für Fahrtkosten, Unterbringung und Verpflegung. Dafür riskieren die Leiharbeiter Leib und Leben.

Christian Verronneau ist einer derjenigen, die ihre Arbeit mit der Gesundheit bezahlen mussten. Er fühle sich wie „ein Bauer auf dem Schachbrett der Atombranche“, sagt er heute, wie eine geopferte Spielfigur. Der 57-Jährige war mehr als 25 Jahre lang als Dekontaminierer bei der nuklearen Tour de France dabei. Bis er sich im Frühjahr 2009 wegen stechender Seitenschmerzen untersuchen ließ: Lungenkrebs, diagnostizierten die Ärzte. Der gilt als strahleninduzierte Erkrankung. Man entfernte ihm Teile seiner Lunge, ein halbes Jahr später wurde sein Krebs offiziell als Berufskrankheit anerkannt – eine 
Premiere in der Dekontaminierer-Branche. Nun sitzt Verronneau in seiner Sozialwohnung in Evry bei Paris, und am Boden stapeln sich Kartons mit Plastiksäckchen für intravenöse Ernährung. An der Wand hängt sein Hochzeitsfoto: Der Bräutigam wirkt wie einer, der kräftig zupacken kann. Fünf Jahre ist das her, eine Ewigkeit. Im letzten Monat hat der Atomarbeiter zehn Kilo abgenommen, ein Rückfall. Er verlässt die Wohnung fast nur noch, um zum Arzt zu gehen. „Seit Juni 2009 bin ich durchgehend krankgeschrieben, aber mein Arbeitgeber hat nicht einmal angerufen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen“, sagt Verronneau mit kaum verhohlener Abscheu in der Stimme. Nun verklagt er die Firma Endel, eine Konzerntochter von EDF Suez, auf Entschädigung. Sie habe ihn fahrlässig Gefahren ausgesetzt, da ist er sich sicher. „Über das erhöhte Krebsrisiko durch die mir zugeteilten Arbeiten hat mich meine Firma nie informiert“, sagt Verronneau.

Seine Klage wird in Frankreich mit Spannung verfolgt. Unterstützt wird er vom Anwalt Cedric de Romanet, dessen Pariser Kanzlei bereits Entschädigungen für Asbestgeschädigte und Opfer der französischen Atomtests erkämpft hat. „EDF hat beschlossen, seine Angestellten nicht mehr in den Bereichen mit der höchsten radioaktiven Strahlung einzusetzen“, erklärt de Romanet. „Deshalb hat sie diese Tätigkeiten auf Subunternehmen übertragen.“ Das staat-liche Institut für Gesundheitsforschung INSERM hat errechnet, dass 
80 Prozent der kollektiven Strahlenbelastung auf Leiharbeiter entfallen – so bleibt das EDF-Personal problemlos unter der Jahreshöchstdosis. Das Dosimetrie-Kontrollsystem ist ausgetüftelt: In jeder Atom-anlage im Land lässt sich jederzeit die aktuelle Strahlenbelastung der Angestellten und auch der Atomnomaden abrufen. Kommt ein Leiharbeiter der zulässigen Jahresdosis nahe, darf er bis Jahresende nur noch außerhalb des Überwachungsbereichs im Reaktorgebäude tätig sein. Oder er wird beurlaubt – und damit der Möglichkeit beraubt, mit Tageseinsätzen sein mageres Gehalt aufzubessern. Doch EDF möchte sich dazu trotz mehrerer schriftlicher Interview-Anfragen des Greenpeace Magazins nicht äußern.

„Anstatt alles dafür zu tun, die Arbeiter so wenig radioaktiver Strahlung wie möglich auszusetzen, gehen die Unternehmen davon aus, dass die Leute jährlich eine bestimmte Strahlendosis aushalten können“, resümiert Cedric de Romanet. „Dosis-Kredit“ heißt das in der 
Branche. Unterhalb dieses Wertes besteht angeblich keine Gefahr. „Leider belegt der Fall von Christian Verronneau das Gegenteil.“

Wissenschaftliche Schützenhilfe im Prozess gegen Endel kommt von der Arbeitssoziologin Annie Thébaud-Mony. Seit Ende der 80er-Jahre untersucht die INSERM-Mitarbeiterin die Arbeitsbedingungen der Atomnomaden. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie einen Bericht über die Atomindustrie, deren Auftragsvergabepraxis und die „Servitude“. Der Begriff lässt sich mit „Dienstbarkeit“ übersetzen oder auch mit „Knechtschaft“. „Er stammt nicht von mir“, erklärt die Wissenschaftlerin, „sondern von der Atomindustrie selbst.“

Gemeint sind Dekontaminierungsarbeiten oder das Verlegen 
von Bleidecken zum Strahlenschutz. In dem Wort stecke also bereits, „dass bestimmte Arbeiter Aufgaben erledigten, bei denen sie radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren, um andere davor zu schützen“. Zwar hat die Atomindustrie das Wort „Servitude“ inzwischen gestrichen und spricht von „Logistik“. Doch das ändert nichts an Thébaud-Monys Urteil, das den Verdacht des Anwalts de Romanet bestätigt. Ziel der Auslagerung der Strahlenbelastung sei vor allem, „dass das Image der Atomindustrie nicht befleckt wird“.

Hunderte Atomarbeiter hat die Forscherin interviewt. „Wenn ich frage, welche Tätigkeiten sie ausüben, erklären sie zuerst, wie sie dafür sorgen, möglichst wenig Strahlung abzubekommen.“ In 
ihrer zehnjährigen Studie hat Thébaud-Mony 35 Veteranen der Atomindustrie regelmäßig zu Arbeitsalltag und Gesundheitszustand befragt. Zwei der Arbeiter, die zu Beginn der Untersuchung im Schnitt 31 Jahre alt waren, erkrankten bislang an Krebs, bei einem von ihnen, Verronneau, wurde dies als Berufskrankheit anerkannt. Hinzu kommen mehrere tödliche Verkehrsunfälle bei nächtlichen Fahrten zwischen den hunderte Kilometer auseinander liegenden Einsatzorten. Die medizinische Betreuung der Atomnomaden ist laut Thébaud-Mony „sehr schlecht“. Zwar müssen sie regelmäßig zum Betriebsarzt oder zum staatlichen Arbeitsarzt. Dort treffen sie aber oft auf Mediziner, die mit Strahlenfolgen nicht vertraut sind.

Annie Thébaud-Mony fürchtet, dass die schlechten Arbeitsbedingungen auch negative Folgen für die Reaktorsicherheit haben. In einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2009 hatte ein Leiharbeiter berichtet, wie er einen Riss an einer strategisch wichtigen Einrichtung entdeckte – und dass die Reparatur aus Zeitmangel einfach unter-lassen wurde. Die Zahl der Störfälle in Frankreichs Atomanla-gen steigt. Kurz vor Ostern kam es zu einem Brand im nordfranzösischen AKW Penly, bei dem radioaktives Wasser aus dem Primärkühl-system austrat. Im vergangenen September explodierte ein Ofen in einer Atomabfallanlage in Marcoule, ein Arbeiter kam ums Leben, vier weitere wurden verletzt. Bis heute versucht die Soziologin, die Überlebenden ausfindig zu machen und zu befragen. „Angesichts der Häufung fürchte ich, dass eines Tages aus einem solchen Störfall ein GAU wird“, sagt Thébaud-Mony.

Dass die Auslagerung von Wartungsarbeiten an Subunternehmen 
Risiken birgt, ist inzwischen von offizieller Stelle bestätigt worden. Thomas Houdré sichtet die neuesten Inspektionsunterlagen. Er leitet 
die Abteilung Atomkraftwerke im Pariser Hauptsitz der Behörde für nukleare Sicherheit (ASN). Bei Wartungsarbeiten überprüft sie regelmäßig die Einsatzbedingungen der Subunternehmen und meldet anschließend der EDF detailliert, welche Regelwidrigkeiten ab-zustellen seien. Jeder Bericht der ASN ist im Internet nachzu-lesen. Im Februar forderte die Behörde den Energieversorger auf, ausgelagerte Arbeiten, die die Anlagensicherheit betreffen, strenger zu überwachen. Das aber wird nicht einfach sein, denn das System 
der Auftragsvergabe hat groteske Ausmaße angenommen. Von einer 
„Sous-traitance en cascade“ ist die Rede, der kaskadenartigen Beschäftigung von Subunternehmen. Die EDF hat so massiv ausgelagert, dass Subunternehmer selbst Unterfirmen beschäftigen – bis zu sieben Niveaustufen abwärts.

Seit der Katastrophe von Fukushima im März 2011, die auch im atomverliebten Frankreich Entsetzen auslöste, bläst der Wind der Branche schärfer ins Gesicht. Im Spätsommer erklärte ASN-Chef André-Claude Lacoste öffentlich: „Ein GAU wie in Fukushima ist auch im französischen Atompark nicht auszuschließen.“ Im Herbst, als der Präsidentschaftswahlkampf in die heiße Phase ging, zerbrach der traditionelle politische Konsens zum Thema Atomstrom. Während der damalige Präsident Nicolas Sarkozy dafür trommelte, die Nuklearindustrie auf Kurs zu halten und die Laufzeit der Anlagen drastisch zu verlängern, kündigte sein Herausforderer 
François Hollande an, den Atomanteil an der Stromproduktion von derzeit 80 Prozent bis 2025 auf 50 Prozent zu drosseln und das umstrittene Uralt-AKW Fessenheim im Elsass stillzulegen.

Dass der sozialistische Kandidat mit solchen Forderungen Erfolg haben könnte, wäre vor Fukushima undenkbar gewesen. Doch Umfragen bestätigten ihn in seinem Kurs. Zwei Drittel der Franzosen glauben, dass ein GAU wie in Fukushima auch in Frankreich möglich ist, ergab im März 2012 eine Umfrage im Auftrag von Greenpeace Frankreich. Drei Viertel meinten, das Unfallrisiko wachse mit zunehmendem Alter der Atomanlagen, und sogar 80 Prozent waren der Ansicht, Frankreich sei zu abhängig vom Atomstrom. 
Nicolas Sarkozy, der französische Nukleartechnik in alle Welt exportieren wollte, stand nach dem GAU in Fukushima unter Zugzwang. Kurz darauf hatte er postuliert, sein LaNd solle beim Streben nach mehr Sicherheit Weltspitze sein. Tatsächlich waren die auf europäischer Ebene beschlossenen „Stresstests“ für alle Reaktoren in Frankreich in mancher Hinsicht besonders streng. So wurde auch der Betriebsalltag des Anlagenpersonals untersucht – und, weltweit einzigartig, der Leiharbeiter.

Im Abschlussbericht bescheinigte die ASN den französischen Atomanlagen allgemein, sie seien „sicher“. Aber: Nachdem nun „das bisher Undenkbare“ als möglicher Ernstfall berücksichtigt werden müsse, verlangte die Atomsicherheitsbehörde massive und teure Nachbesserungen. Zur Auslagerung der Wartungsarbeiten stellt Thomas Houdré fest: „EDF hat gewisse Fragen nicht ausreichend beantwortet. Es hapert am Garantienachweis, dass EDF auch bei den ausgelagerten Arbeiten jederzeit die volle Verantwortung für die Sicherheit seiner Atomanlage tragen kann.“

So steht Frankreichs Atomindustrie, die jahrzehntelang unbehelligt ihre fragwürdigen Strukturen aufbauen konnte, vor ungeahnten Herausforderungen. Dem ASN-Aufseher Thomas Houdré liegt noch ein weiteres Thema am Herzen. Die meisten Angestellten in den Atomanlagen sind seit den Anfangszeiten der Meiler dabei – und erreichen nun das Rentenalter. In den nächsten drei, vier Jahren werden 60 Prozent des Personals in den Ruhestand gehen. „Wir müssen dafür sorgen, dass genügend Nachwuchs da ist, um den Wissenstransfer von einer Generation zur nächsten zu garantieren“, fordert Houdré. Zugleich steigt in den alternden Atomanlagen der Wartungsaufwand, und die von der ASN verlangten Nachrüstungen werden das Arbeitsaufkommen weiter steigern. Auch für die Atomnomaden.

Umso mehr haben sie Fürsprecher nötig. Wie den Gewerkschafter Philippe Billard, der sich vorgenommen hat, mehr Rechte für die Leiharbeiter zu erkämpfen. Billard lebt in Fécamp am Ärmelkanal, nahe den Atomkraftwerken Penly und Paluel. Er und zwei Kollegen treffen sich im winzigen Büro ihrer 2008 gegründeten Selbsthilfeorganisation für Atomnomaden. Sie wissen, wovon sie sprechen: Jahrzehntelang waren die drei für eine EDF-Subfirma bei Wartungsarbeiten im Einsatz. „Die Atomindustrie muss einen großen Teil ihrer Gewinne in bessere Sicherheitsbedingungen am Arbeitsplatz investieren“, fordert Billard. „Die gefährlichsten Jobs sollten von Robotern erledigt werden.“ Große Hoffnungenn setzt er in die Klage des krebskranken Christian Verronneau: „Wenn er den Prozess gewinnt, wären die Arbeitgeber zu schärferen Sicherheitsnormen gezwungen und die Politiker würden vielleicht endlich begreifen, welche Risiken in den Atomanlagen stecken.“

Unterstützt wird der Kampf für die Sache der Atomnomaden auch von der großen kommunistischen Gewerkschaft CGT. Im April organisierte sie vor einem EDF-Bürogebäude in Paris eine Kundgebung. „Leiharbeiter – kein Sklave!“, stand auf den neongelben Sicherheitswesten der knapp 50 Demonstranten. Sie verlangten die einheitliche Behandlung aller Atomarbeiter, bessere medizinische Betreuung und die Anerkennung der Tätigkeit als Risikoberuf – so könnten sie früher in Rente gehen. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, bestreikte die Gewerkschaft mehrere Atomanlagen.

Philippe Billard allerdings verdient sein Geld inzwischen nicht mehr in der Atomindustrie. Fünf Jahre hat er erfolgreich gegen die Kündigung gekämpft, mit der ihn sein Betrieb mundtot machen wollte. Inzwischen ist er froh, einen Job in der Petrochemie gefunden zu haben – und spricht sich für einen Atomausstieg aus. Womit er in seiner früheren Branche ziemlich allein dasteht.

Claude Dubout, Christian Verronneau und tausende namenlose Atomnomaden verlangen nur eins: bessere Arbeitsbedingungen. Zum Schutz ihrer eigenen Gesundheit – und der Bevölkerung.

NUKLEARE LEIHARBEIT IN DEUTSCHLAND UND WELTWEIT

Leiharbeiter werden nicht nur in französischen Atomkraftwerken für gefährliche Arbeiten eingesetzt, in Deutschland herrschen ähnliche Bedingungen. „Mehr als 24.000 Personen sind über Verleihfirmen oder einen anderen Arbeitgeber in deutschen Atomkraftwerken beschäftigt – und schlechter bezahlt als die Festangestellten“, antwortete im Juni 2011 die Bundesregierung auf eine entsprechende Anfrage der Linken. Die Branche gibt sich allerdings extrem verschwiegen, an Betroffene ist kein Rankommen. Nachvollziehbar wurden die Zahlen dank der Strahlenpässe, ohne die kein Zugang zu verstrahlten Bereichen im AKW möglich ist und deren Ausgabe in Deutschland, anders als in Frankreich, behördlich überwacht wird. Auffallend war die unterschiedliche Strahlenbelastung von Festangestellten und Leiharbeitern. Nach Berechnungen der Linken war die Strahlenbelastung des Fremdpersonals pro Person „im Durchschnitt fast doppelt so hoch wie die des Eigenpersonals“. Allerdings lag der durchschnittliche Wert weit unterhalb des Grenzwertes von 20 Millisievert pro Jahr. Weltweit nimmt der Einsatz von Leiharbeitern in Atomanlagen zu. 2003 führte die Atomenergie-Einrichtung AEN der OECD eine Erhebung unter ihren Mitgliedsstaaten durch. Ob Belgien, Finnland, Großbritannien, Ungarn, Japan, Kanada, Niederlande, Spanien, Schweiz oder auch die Vereinigten Staaten: Die Praxis ist überall gängig, Tendenz steigend. Die AEN fordert deshalb international einheitliche Regelungen. Denn zunehmend sind Atomnomaden rund um den Globus im Einsatz. Im Ausland sind sie mit anderen Sprachen konfrontiert, mit anderen AKW-Typen und anderen Sicherheitsbestimmungen. Ihre Strahlenbelastung lässt sich kaum kontrollieren, wenn sie in mehreren Ländern im Einsatz sind.