Guten Abend,

Kreuzfahrten erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Das kann nicht allein am ZDF-„Traumschiff“ liegen, es buchen ja nicht nur Deutsche. Ist das nötige Kleingeld vorhanden, lassen sich erwachsene Menschen aus aller Welt willig in Massenhaltung und ohne Fluchtmöglichkeit auf „schwimmende Hochzeitskuchen mit einer Bettenzahl weit im vierstelligen Bereich und Schiffsschrauben von der Größe einer Bankfiliale“ pferchen, so der US-Schriftsteller David Foster Wallace. An Bord werden sie dann abwechselnd gefüttert und bespaßt.

Für mich erfüllt das eher den Tatbestand der Körperverletzung, von den Umweltauswirkungen dieser Art der Freizeitgestaltung ganz zu schweigen: Die Schiffe sind zwar in der Regel blendend weiß und kreuzen bevorzugt unter strahlend blauem südlichem Himmel, aber jedes Einzelne verbraucht so viel Energie wie eine Kleinstadt und stößt so viel Abgase aus wie Hunderttausende von Autos.

Wie Containerschiffe fahren auch die weißen Riesen mit Schweröl, also sozusagen mit Flüssigasphalt, einem Abfallprodukt der Raffinerien. Das erzeugt rauhe Mengen von Feinstaub, Ruß, Stick- und Schwefeloxiden. Die Reisenden schert das offenbar genauso wenig wie die beklagenswerten Arbeitsbedingungen der Servicekräfte auf vielen Kreuzfahrtschiffen: schlechte Entlohnung bei miserabler Verpflegung, enge Kabinen unter der Wasserlinie, 14 und mehr Arbeitsstunden täglich, und das etwa neun Monate am Stück ohne einen einzigen vollständig freien Tag.

In den Häfen spucken die Schiffe dann nicht nur Luftschadstoffe, sondern auch gigantische Touristenmassen aus. Das Nachsehen haben die Bewohner beliebter Küstenstädte wie Venedig oder das kleine Dubrovnik, das 2017 knapp eine Dreiviertelmillion von ihnen über sich ergehen musste – zusätzlich zu den sonstigen Urlaubern. Die Landgänger schieben sich durch die engen Gassen, geben nichts aus, weil sie Rundumversorgung an Bord bekommen, und pinkeln in die Ecken, weil es nicht genug Toiletten für solche Menschenmassen gibt. Ab 2020 sollen nur noch zwei Schiffe pro Tag den Hafen von Dubrovnik anlaufen dürfen, Venedig hat die schwimmenden Hochhäuser ab diesem Jahr aus seiner Altstadt verbannt, andere Städte ergreifen ähnliche Maßnahmen.

Nicht zu vergessen: Eine Seefahrt ist nicht nur lustig, sondern auch eine Art Risikosport. Da donnert schon mal eine Monsterwelle in so einen Dampfer, wie 2010 im Mittelmeer, als auf der „Louis Majesty“ zwei Passagiere zu Tode kamen. Oder ein Kapitän will angeben, indem er ein riskantes Manöver vollführt und das Schiff auf Grund setzt, wie es 2012 Francesco Schettino mit der „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio tat. Das Schiff sank, 32 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt.

Erst im Februar rammte die „Norwegian EPIC“ einen Pier im Hafen von San Juan auf Puerto Rico; wenig später krachte in Buenos Aires die „MSC Orchestra“ seitlich in die „MSC Poesia“. Beide Male ging es glimpflich aus, niemand kam zu Schaden. Schlagzeilen machte hingegen die „Viking Sky“, die letztes Wochenende vor der norwegischen Küste im Sturm wegen Maschinenproblemen in Seenot geriet. 500 Passagiere wurden per Hubschrauber an Land geflogen, bevor das Schiff aus eigener Kraft einen Hafen anlaufen konnte. Glück im Unglück für die Passagiere, dass das vor Norwegen geschah – einem dank seiner Offshore-Industrie für solche Fälle bestens gerüsteten Land mit einem professionellen Rettungssystem. Das ist beileibe nicht überall auf der Welt so.

Wenn allerdings der Kreuzfahrtboom in der Arktis weiter anhalten sollte, was zu befürchten ist (Motto: Besuchen Sie die Arktis, bevor sie ganz weggeschmolzen ist!), werden selbst die Norweger nichts mehr ausrichten können. Ein Schiff mit fünf-, sechs-, siebentausend Menschen an Bord, das in Seenot gerät oder auf dem ein Feuer ausbricht, evakuieren? Unmöglich. Und vergessen Sie die Rettungsboote. Es sei viel zu kompliziert, diese ins Wasser und die Passagiere hineinzubekommen, meint ein Freund, der früher als Schiffsinspektor gearbeitet hat. „Die dienen eher zur Dekoration.“

Da halte ich mich doch lieber an die Devise des oben erwähnten Schriftstellers David Foster Wallace. Der Titel seines Buches lautet: „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“.

Das Kreuz mit den Schiffen // Unsere Leseempfehlungen zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

PS: Auch die Meere befinden sich in einer Art Seenot. „Save Our Oceans“ lautet deshalb die Parole auf unserem Papierklebeband. Jetzt eine Woche 20 Prozent reduziert.

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