Das lange Gedächtnis des Wassers

Greenpeace Magazin

Ausgabe 3.14

Das lange Gedächtnis des Wassers

Text: Katja Morgenthaler / Foto: Dan Winters

Viel zu viele Tiere auf viel zu wenig Land – wo industriell Fleisch produziert wird, ist Gülle Sondermüll, der entsorgt werden muss. Aus überdüngten Feldern sickert Nitrat in tiefe Erdschichten und vergiftet das Trinkwasser von morgen. Schon heute kämpfen Wasserwerke mit steigenden Belastungen.

Der Schlüssel zum Allerheiligsten sieht aus, als gehöre er zu einem Fahrrad oder einem Briefkasten: winzig. Johann Hans dreht ihn einmal im Schloss eines Fenstergriffs und öffnet beschlagene Scheiben. Sie geben den Blick frei auf einen riesigen Edelstahltank, fünf Meter tief, zwanzig Meter im Durchmesser. Unmerklich rotieren unter spiegelglatter Oberfläche 1,75 Millionen Liter Wasser – drei Schwimmbäder voll. Sechs Stunden verbleibt das zehn Grad kühle Nass durchschnittlich im „Reinwasserbehälter eins“, bis es hinausgepumpt wird zu den 50.000 Wasserkunden im niedersächsischen Landkreis Grafschaft Bentheim und im holländischen Enschede.

Als Johann Hans 1980 mit 29 Jahren als Geschäftsführer des Wasser- und Abwasserzweckverbands Niedergrafschaft (WAZ) anfing, war das Wasserwerk Getelo gerade im Bau. Heute ist es das Herzstück des Versorgungsgebiets und zugleich sein „Problemwasserwerk“. Hans geht nächstes Jahr in Rente. Ein drahtiger Mann, dessen Augen fröhlich funkeln – selbst wenn er über seine größte Sorge spricht: Nitrat.

An der Schalttafel des Wasserwerks blinkt eine grüne Ziffer wie auf einem übergroßen Radiowecker: 33,3. So viele Milligramm Nitrat pro Liter enthält das Wasser, das nebenan gerade durch die Filterstraße rauscht – das Zehn- bis Zwanzigfache der Werte in den meisten anderen Wasserwerken der Republik. Es ist eine Zahl, die einfach nicht sinken will und vielleicht sogar weiter steigen wird, egal, wie gut Johann Hans verhandelt: mit Politikern, Agrarverbänden, Bauern. Dabei gibt es keinen großen Verhandlungsspielraum. 50 Milligramm je Liter – das ist der Grenzwert in der EU. Die Schweiz erlaubt maximal 25.

„33 ist ja noch in Ordnung“, brummt Johann Hans. Aber er fürchtet, dass es nicht dabei bleiben wird. Längst mischt der WAZ Wasser von Brunnen mit bis zu 70 Milligramm und solchen, die unter dem Grenzwert liegen. „Verschneiden“ nennen die Wasserwerker das. Noch haben sie keinen Brunnen stilllegen müssen, aber kürzlich fünf neue gebohrt, um den Wert stabil zu halten. „Und da kommen wir zu der Frage, wie lange es dauern wird, bis das Nitrat auch in diesen Brunnen angekommen ist“, sagt Hans.

Denn fünf Meter unter der Erde, im „oberflächennahen Grundwasser“, messen seine Mitarbeiter bis zu 200 Milligramm. Einmal im Boden, sickert der Stoff unaufhaltsam in die 30 bis 60 Meter tiefen Brunnen des Wassergewinnungsgebiets Getelo. „Das ist alles unterwegs ins zweite Grundwasserstockwerk“, wie Hans es ausdrückt. Und es reißt nicht ab. Im Gegenteil. Aber jetzt könnte sich auf Druck aus Brüssel hin etwas bewegen, vielleicht.

Nitrate sind nicht giftig, sie sind sogar ein Grundbaustein des Lebens. Pflanzen brauchen diese Verbindungen von Stickstoff und Sauerstoff zum Wachsen. Im menschlichen Körper können sich die farblosen wasserlöslichen Salze allerdings in Nitrit verwandeln. Gefährlich ist das für wenige Monate alte Säuglinge, weil Nitrit den Sauerstofftransport stören und im schlimmsten Fall zum Ersticken führen kann. „Blausucht“ heißt das im Volksmund. Auch bei Erwachsenen sieht das Bundesinstitut für Risikobewertung „eine langfristige Aufnahme von größeren Mengen an Nitrit beziehungsweise Nitrat als problematisch an“. Denn daraus können sich krebserregende Substanzen bilden, etwa Nitrosamine. „Die Nitrat- und Nitritzufuhr beim Menschen sollte folglich soweit wie möglich reduziert werden.“

Für die Umwelt ist Nitrat im Übermaß ebenfalls schädlich. Jüngst warnten das Umweltbundesamt (UBA) und der Bundesverband der Verbraucherzentralen wieder vor den vielfältigen Gefahren der Stickstoffüberschüsse: Sie bedrohten die Artenvielfalt, die Luftqualität und verschärften den Klimawandel. Ganz zu schweigen von der Überdüngung der Meere, die zu Sauerstoffmangel und Fischsterben führt. Ein Viertel der deutschen Grundwasservorkommen weist Nitratwerte über 50 Milligramm auf. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass der Grenzwert im Trinkwasser fast nie überschritten wird und dessen Qualität laut UBA nach wie vor „exzellent“ ist. Es ist wohl eher das Verdienst von Leuten wie Johann Hans.

Die Hauptursache des Problems kann man in Bentheim riechen, aber nicht sehen. Hinter rostroten Giebeln, in langgezogenen Klinkerbauten diskret verborgen, leben Millionen Tiere. Nur etwa 133.000 Menschen gibt es in der Grafschaft – aber fast 111.000 Kühe, 500.000 Schweine und an die zehn Millionen Hühner. Sie alle produzieren unzählige Tonnen Gülle und Mist, viel mehr als auf den Feldern der Umgebung Platz haben. Viel mehr als die Wurzeln der Pflanzen aufnehmen können. Der Überschuss ist eine Art Sondermüll, zu viel Nährstoff fürs System. Er wird in „Bedarfsregionen“ transportiert – oder sickert als Nitrat in den Boden.

Hinzu kommen 46 Biogasanlagen, „Betonkühe“, die das Problem weiter verschärfen. Denn sie werden nicht allein mit ohnehin anfallender Gülle gefüttert, sondern auch mit Mais, der extra dafür angebaut und gedüngt wird. Häufig steht der auf ehemaligem Grünland, das beim Umackern viel Stickstoff abgibt. Und die Gärreste, die schließlich auf dem Acker landen, enthalten genauso viele Nährstoffe, wie in die Anlage hineingewandert sind. So heizt Nitrat aus Energiepflanzen das Problem in Güllehochburgen zusätzlich an.

„Bis vor zehn Jahren waren die Landkreise Bentheim, Vechta und Cloppenburg die Intensivregionen schlechthin“, sagt Professor Friedhelm Taube von der Universität Kiel. „Doch diese Gebiete dehnen sich im norddeutschen Tiefland jetzt weiter aus.“ Und während die Nitratwerte bei etwa der Hälfte der deutschen Messstellen gesunken seien, würden sie vor allem dort seit einigen Jahren wieder deutlich ansteigen. Der Fachmann für Pflanzenbau und Grünland, der als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Agrarpolitik (WBA) den Bundeslandwirtschaftsminister berät, ist überzeugt: „Künftig werden weitere Wasserversorger Nitratprobleme bekommen.“

Mitschuld trägt ein laxes deutsches Düngerecht, das die Bedürfnisse der Landwirtschaft über den Wasserschutz stellt. Deswegen und wegen anhaltend hoher Nitratwerte hat die EU im Oktober ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet. Der Sprecher von Umweltkommissar Janez Potocnik erklärt, auch gegen andere Länder laufe ein Verfahren. „Und ähnlich wie im Fall von Deutschland wird die Kommission bei Verstößen nicht zögern, die Einhaltung der Nitratrichtlinie sicherzustellen.“ Berlin will seit Monaten „so schnell wie möglich“ nachbessern. Grundlegend reformieren wird Agrarminister Christian Schmidt (CSU) die Düngeverordnung aber nicht – obwohl es nach Meinung seiner Berater nötig wäre.

„Die jetzigen Bilanzierungsansätze sind nicht seriös“, sagt Friedhelm Taube. Im Sommer hat er eine gemeinsame Stellungnahme von WBA, Sachverständigenrat für Umweltfragen und Wissenschaftlichem Beirat für Düngungsfragen koordiniert. Zentrale, mit der Düngegesetzgebung verfolgte Umweltziele würden nach wie vor verfehlt, schreiben die Wissenschaftler. Sie warnen vor einem „Erreichen der Kapazitätsgrenze der Nährstoffspeicherung in vielen Regionen Deutschlands“ und fordern eine „Hoftorbilanz“.

„Alles, was das Hoftor passiert – zum Beispiel auch Sojafutter aus Brasilien – sollte mit einberechnet werden“, sagt Taube. „Wir Deutschen haben 17 Millionen Hektar Landwirtschaftsflächen, importieren virtuell aber jedes Jahr noch etwa 3,6 Millionen Hektar zusätzliches Land über Futtermittel.“ Diese enthalten Stickstoff, der den Böden am anderen Ende der Welt fehlt und hier als Gülle zurückbleibt, während der deutsche Fleisch- und Milchexport brummt. „Außer bei Eiern liegt unsere Selbstversorgungsquote bei deutlich über hundert Prozent, Tendenz steigend.“ Der Nährstoffkreislauf ist vollkommen aus den Fugen.

Mit dem Auto rollt Johann Hans durch die Grafschaft, fährt schnurgerade Alleen mit sauber markierten Radwegen entlang. Er zeigt aus dem Fenster. „Dieser Landwirt verzichtet auf den Anbau von Mais und Kartoffeln, diesen Wald haben wir aufgeforstet, dort ist jetzt Dauergrünland.“ Wenn das Gras im Februar welk ist und nicht vor Dünger dunkelgrün strotzt, hat der Bauer alles richtig gemacht. Neben dem Wasserwerk grasen Pferde. Doch anderswo stehen Maisstoppeln im Schlamm. Keine Wurzel hält den Stickstoff fest, den der Regen ungebremst in Boden und Grundwasser spült. „Wir können leider nicht jeden erreichen“, sagt Hans. Die Zusammenarbeit ist ja freiwillig.

Insgesamt 500 Hektar hat der kleine WAZ in den letzten Jahrzehnten gekauft, gepachtet oder unter Vertrag genommen, um sie vor Überdüngung zu schützen. Das heißt: Landwirte verpflichten sich zum schonenden Wirtschaften oder legen Flächen still und bekommen dafür bis zu 460 Euro pro Hektar. Finanziert wird das aus dem „Wassercent“, einer Wassersteuer des Landes, und aus Eigenmitteln. „Am Geld darf es nicht scheitern.“ Doch mit dem Biogasboom haben sich auch die Pachtpreise mehr als verdoppelt, denn „Energiewirte“ verdienen mehr als Landwirte. So wird es immer teurer, die Ressource Wasser zu schützen. „Wir tun, was wir können“, sagt Johann Hans. „Wenn wir das nicht schaffen, dann schafft es keiner in Niedersachsen.“

Entschädigungen für Landwirte, damit sie das Allgemeingut Wasser nicht länger verseuchen – wird da nicht das Verursacherprinzip verdreht? Johann Hans lächelt. Er ist nicht auf Konfrontation aus. Das Zauberwort der Wasserwirtschaft heißt Kooperation. Es ist eine – seit 30 Jahren andauernde – Sisyphusarbeit.

„Und ewig stinken die Felder“ hieß 1984 ein NDR-Film. Er löste den ersten deutschen Nitratalarm aus. Damals hatte die Konzentration im Wasserwerk Holdorf, Landkreis Vechta, den Grenzwert fast erreicht. Zwei Jahre später schloss der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) dort sieben von 14 Brunnen, weil sie zu stark belastet waren. „Es wurden neue Brunnen gesetzt, mit 120 Metern dreimal so tief wie die alten“, erzählt Christina Aue, Leiterin der Abteilung Landwirtschaft und Boden. Genauso wie der WAZ und etliche andere Versorger startete der OOWV ein Schutzprogramm auf freiwilliger Basis. Aber er tut noch mehr. In der Nähe seines Wasserwerks Großenkneten betreibt er einen eigenen Biohof, eine Insel zwischen Mais und Massenställen im Zentrum der Intensivhaltung. 

Dort steht Christina Aue jetzt im Nieselregen an einer Weide und friert. Doch die 52-jährige Agrarwissenschaftlerin ist guter Dinge. Schließlich ist es das Grundwasser von Überüberübermorgen, das hier zu Boden fällt. „Regen in der kalten Jahreszeit ist gut für die Grundwasserneubildung.“ Wenn wenig verdunstet, gelangt mehr in die tiefen Erdschichten. Etwa 30 Jahre werden die Tropfen unterwegs sein, in bis zu 88 Meter tiefe Förderbrunnen gleich hinten im Wald. Und sie nehmen mit, was sie in Luft und Boden heute vorfinden. „Grundwasser hat ein langes Gedächtnis“, sagt Aue. Es ist das geflügelte Wort einer Branche, die langfristig denkt, während es auf dem Acker vor allem um die nächste Ernte geht. Es sei denn, man hat den Vorzeigebetrieb des OOWV gepachtet.

„Habt ihr da hinten ein Rind vergessen?“ Christina Aue kneift die Augen zusammen. „Nee“, sagt Gustav Wolters, „ist wahrscheinlich eine Tränke.“ Aber um ganz sicher zu sein, bräuchte der Landwirt jetzt wohl ein Fernglas. Etwa einen Kilometer liegt die Baumreihe entfernt, an der die Weide endet. Der 52-Jährige bewirtschaftet den Biohof Bakenhus, auf dem wenige Tiere viel Platz haben, seit 15 Jahren – und er will bis zur Rente weitermachen. Statt, wie in Vechta, mehr als vier hält er rechnerisch nur 0,8 „Großvieheinheiten“, also ausgewachsene Rinder, pro Hektar Futterfläche. „Maximal 50 Mutterkühe – mehr kann ich von meinem Grünland nicht ernähren.“

Knapp 200 Hektar Land bewirtschaftet der Natur- und Bioland-Bauer, allein 115 davon sind Weiden oder dienen zum Heumachen. Auf 65 Hektar betreibt er Ackerbau. Da wachsen zum Beispiel Kartoffeln und Mais für Wintersilage. Zwischensaaten wie Ölrettich, Senf, Sommerwicke und Klee fangen ein, was die „Hauptfrucht“ an Stickstoff nicht gebraucht hat. Manche, wie die Süßlupine, sind gute Eiweißlieferanten, sozusagen heimisches Soja. Der Hof tickt nach dem „Prinzip der immergrünen Felder“. Wolters versorgt seine Schweine und Rinder mit selbstangebautem Futter.

Im offenen Stall drückt ein wolliges Aberdeen Angus Rind seine breite Stirn gegen das Gatter und schnuppert. Stroh klebt ihm im Fell. Von April bis Oktober stehen die robusten Tiere rund um die Uhr auf der Weide und fressen nichts als Gras. Doch in der kalten Jahreszeit dürfen sie nur sporadisch raus. „Wasserschutz“, erklärt Wolters. Im Winter wird die Wiese nicht gedüngt, nicht mal ein bisschen, basta.

Selbst auf seine Felder fährt Wolters bereits Mitte Mai ein letztes Mal Gülle. Die konventionell wirtschaftenden Kollegen dürfen das bis Ende Oktober, auch wenn alles längst abgeerntet ist. „Für uns sind die Regeln des Ökolandbaus Regeln des Wasserschutzes“, sagt Christina Aue. „Sogar die Kontrollen nehmen die Bioverbände uns ab.“ Zweimal im Jahr muss Gustav Wolters seinen Hof überprüfen lassen – und zahlt dafür auch noch selbst. Bei etwa zwei Prozent liegt die Kontrollquote im konventionellen Bereich. „Macht statistisch gesehen alle 50 Jahre einen Besuch von der Landwirtschaftskammer“, sagt Wolters und winkt ab.

Einige seiner Nachbarn haben umgestellt. „Andere kommen, gucken und spielen auch mit dem Gedanken“, sagt er. Aber wenn man dafür eines braucht, dann ist es Land. Wolters hat Glück. Der OOWV berechnet ihm im Schnitt 360 Euro Pacht pro Hektar. Er selbst schätzt, dass ein Ökobauer maximal 600 zahlen kann, ohne pleitezugehen. Bei Rekordpreisen von 1000 bis 1200 Euro in der Region ist Biolandbau für die meisten unerschwinglich.

So ist das Wasserschutzgebiet Großenkneten trotz allem viel zu hoch mit Nitrat belastet. Mehr als 90 Milligramm misst der OOWV fünf Meter unter der Erdkrume, Tendenz steigend. Auch hier hat der Verband schon einmal tiefer gebohrt. „Wir weichen dem Problem aus“, sagt Christina Aue. „Aber irgendwo bleibt das alles.“ Anders als die großen Agrarbetriebe können die Wasserwerke Nitrat nicht einfach wegrechnen. Und sie können es auch nicht herausfiltern, jedenfalls nicht so einfach. Wer zum ersten Mal ein Wasserwerk besucht, kann darüber ins Staunen geraten, in wie wenigen Schritten aus Grundwasser Trinkwasser wird. Mit nichts als Sauerstoff und riesigen Filterbehältern, die feinkörnigen Jurakalk und Kies enthalten. An diesen Steinchen bleiben zunächst rote Eisenflocken hängen, denn Eisen schmeckt nicht, und in einer zweiten Stufe Mangan. Das war es auch schon. Kein Erhitzen, keine Zusätze. Grundwasser ist keimfrei, gereinigt von Milliarden Mikroorganismen im Boden. Ein Naturprodukt, preiswert und gut. Aufbereitung? Eine teure Notlösung.

Johann Hans sitzt mit seinem Stellvertreter und dem Betriebsingenieur vor einer Brötchenplatte. Die Herrenrunde genießt ihre Mittagspause bei einem feinen Tropfen: „Geteloer Quelle“, aufgesprudelt. Geschmacklich ist kein Unterschied zu Mineralwasser festzustellen. „Es ist das Kalzium und Magnesium, das dem Wasser sein Aroma gibt“, verrät einer der Männer. „Doch diese Stoffe verschwinden mit, wenn wir es durch Membranen schicken, eindampfen oder biologisch reinigen.“ Die Mineralien müssen künstlich wieder zugesetzt werden. „Dazu braucht man eine halbe Chemiefabrik“, ergänzt Johann Hans. „Das will doch keiner.“ 


GLOSSAR

Trinkwasser
Leitungswasser ist das am schärfsten kontrollierte deutsche Lebensmittel. 64 Prozent stammen aus Grundwasser, 27 Prozent aus Flüssen und Seen und neun Prozent aus Quellen. In punkto Mineralien kann es laut Stiftung Warentest mit Mineralwasser oft locker mithalten. Bis zu 300-mal billiger ist es außerdem. Falls Sie Nährstoffangaben vermissen, fragen Sie ihren Wasserversorger.

Mineralwasser
Mit 140 Litern pro Kopf und Jahr ist es Deutschlands Durstlöscher Nummer Eins. Laut Mineral- und Tafelwasserverordnung muss es aus „unterirdischen, vor Verunreinigung geschützten Wasservorkommen“ stammen und am Quellort abgefüllt werden. Genauso wie „Quellwasser“. Vom Leitungswasser unterscheidet es sich also vor allem darin, dass es in Flaschen ins Haus kommt.

Tafelwasser
Zum Beispiel „Bonaqa“ von Coca-Cola oder Nestlés „Pure Life“ – diese Marken schmecken überall gleich. Sie bestehen aus örtlichem Trinkwasser, dem oft alle Inhaltsstoffe entzogen werden, um es nach Rezept wieder mit Mineralien anzureichern: Es ist „künstlich“ hergestellt.

Nanofiltration
Immer mehr Versorger interessieren sich für Nanofiltration und Umkehrosmose. Mit diesen Verfahren kann man Nitrate aus Wasser entfernen. Dazu wird es unter hohem Druck durch Membranen mit ein bis zwei Milliardstel Millimeter großen Poren gepresst. Vereinzelt gibt es solche Anlagen in Deutschland schon. Doch sie kosten Millionen von Euro, brauchen Energie und natürlich muss ihr Nitratabwasser entsorgt werden.

Nitratdosis
Abkochen hilft nicht: als Salz bleibt Nitrat trotzdem im Essen. Die WHO empfiehlt, langfristig nicht mehr als 3,7 Milligramm pro Tag und Kilogramm Körpergewicht aufzunehmen. Für eine 60 Kilogramm schwere Person sind demnach 220 Milligramm ungefährlich. Die meisten Wasserversorger veröffentlichen ihre Nitratwerte im Internet. Viel steckt allerdings auch in Pökelfleisch und Gemüse – besonders in Spinat, Rucola und Blattsalaten. Nitratarm sind etwa Tomaten, Gurken und Möhren. Am geringsten belastet sind Bio- und Freilandgemüse.

Streit um ein kostbares Gut

Experten fordern seit langem, das Düngerecht dem Wasserrecht anzupassen und nicht den Bedürfnissen der Agrarlobby. Doch eine mutige oder gar schnelle Reform ist nicht zu erwarten

Zu viel der Gülle – das deutsche Düngerecht

Es war einmal ein Nachhaltigkeitsziel, die Bundesregierung wollte es bis 2010 erreichen: Nur noch 80 Kilogramm Stickstoffüberschuss pro Hektar sollten nach der Ernte in deutschen Äckern stecken. Der Überschuss steigt jedoch seit Jahren wieder an und liegt derzeit bei 112 Kilogramm. Wie Bauernpräsident Joachim Rukwied vor diesem Hintergrund zu der Einschätzung kommt, die bisherige deutsche Düngeverordnung habe sich „bewährt“, bleibt sein Geheimnis. Die Verordnung wurde 1995 erlassen, um die EU-Nitratrichtlinie umzusetzen. Doch einen Hinweis auf den Nitratgrenzwert sucht man darin vergebens. Stattdessen viele Ausnahmen: So kann zum Beispiel etwa ein Drittel des Stickstoffs aus Gülle weggerechnet werden, weil er in Form von „Stall-, Lager- und Ausbringungsverlusten“ über die Luft „verschwindet“, also zu Ammoniak wird. Das betrifft mehr als 500.000 Tonnen Stickstoff jährlich, die im Regen wieder zu Boden fallen. Diese Düngung gefährdet nährstoffarme Ökosysteme wie etwa Moore.

Pflanzliche Gärreste aus Biogasanlagen dürfen bisher unbegrenzt aufs Feld. Und gedüngt werden darf selbst im Winter, wenn kaum Pflanzen wachsen. Seit 2012 werden Reformvorschläge debattiert. Einem Arbeitsentwurf des Bundeslandwirtschaftsministeriums können Experten wenig abgewinnen: Das Ziel müsse der gute Zustand der Gewässer sein, sagt Friedhelm Taube vom Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik. „Ich sehe nicht, dass das mit dem, was jetzt diskutiert wird, erreicht werden kann.“ Anstelle der von den Experten geforderten „Hoftorbilanz“ soll ein weniger transparentes Berechnungssystem Düngerüberschüsse ermitteln. Übergangsfristen für luftschonende Ausbringungstechniken laufen noch bis 2025. Das Düngen mit Gärresten soll zwar begrenzt, das Limit auf Antrag aber erhöht werden dürfen. Düngen nach der Haupternte wird untersagt – außer in Ausnahmefällen. Härtere Sanktionen soll es geben, nicht aber mehr Kontrollen.

Es ist fraglich, ob die EU-Kommission dem zustimmen wird. Im schlimmsten Fall drohen eine Klage und hohe Bußgelder. Das Umweltbundesamt fordert indes eine „ambitionierte“ Reform, die etwa die Anzahl der Tiere pro Hektar verbindlich begrenzt. Wie im Biolandbau.


Wo fließen die Gewinne hin?

Noch immer haben etwa 800 Millionen Menschen weltweit keinen Zugang zu sauberem Wasser, obwohl das seit 2010 im Menschenrechtskatalog der Vereinten Nationen verankert ist – ein klarer Fall von staatlichem Versagen. Kann die Beteiligung der Wirtschaft das Problem lösen?

Von Kerstin Eitner

Wasser als Ware? 
Als ihm die EU-Bürgerinitiative Right2Water (Recht auf Wasser) 1,7 Millionen Unterschriften gegen seine Konzessionsrichtlinie vorlegt, sieht sich EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier im Juni 2013 gezwungen, die Wasserversorgung von der Privatisierung auszunehmen. Die Kommission sagt im März 2014 öffentliche Beratungen über die Wassergesetzgebung zu und verspricht, sich für den universellen Zugang zu Wasser einzusetzen. Entscheidungen über Ver- und Entsorgung seien aber Sache der Mitgliedsstaaten. Jan Willem Goudriaan von Right2Water bedauert, dass es keinen Gesetzesvorschlag für die Anerkennung des Menschenrechts auf Wasser gebe und Wasser von den Verhandlungen zwischen EU und USA über das Freihandelsabkommen TTIP nicht explizit ausgeschlossen sei.

Das Geschäft mit der Wasserprivatisierung 
Die Mauer ist weg, und in Berlin gilt es, das „Schaufenster des Westens“ und die „Hauptstadt der DDR“ zusammenzuführen. Das kostet, und gleichzeitig werden die üppigen Subventionen zusammengestrichen. Wie viele andere Städte verfällt auch Berlin der Privatisierungseuphorie der 90er-Jahre: Gas- und Stromversorgung sowie eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft sind bereits verkauft, als der schwarz-rote Berliner Senat unter Bürgermeister Eberhard Diepgen 1998 beschließt, nun auch die Berliner Wasserbetriebe (BWB) in eine sogenannte Public Private Partnership (öffentlich-private Partnerschaft) zu überführen. SPD-Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing zieht die Sache gegen alle politischen Widerstände durch: 1999 verkauft Berlin 49,9 Prozent der Wasserbetriebe für 1,69 Milliarden Euro an ein Konsortium aus dem Energieriesen RWE, dem französischen Konzern Vivendi (später Veolia) und der Allianz, die jedoch bald darauf ausscheidet. An der Ausarbeitung des umfangreichen Vertragswerks ist ein rundes Dutzend externe Beratungsfirmen, Anwaltskanzleien und Banken beteiligt. Die Verträge enthalten unter anderem eine 30 Jahre gültige Gewinngarantie für die Privaten und weitere rechtlich zweifelhafte Formulierungen. Etliche Vereinbarungen sind geheim.

Der Deal ist ein Paradebeispiel für einen undemokratischen und intransparenten Prozess mit schlechten wirtschaftlichen und sozialen Folgen: So sinkt etwa die Zahl der Beschäftigten bei den Wasserbetrieben um 20 Prozent, während das Wasser nach Ablauf der bis 2003 geltenden Preisbremse um 28 Prozent teurer wird – das Bundeskartellamt moniert die Tarife 2012 als „missbräuchlich überhöht“. Investitionen in die Infrastruktur, die 1999 noch 367 Millionen Euro betragen hatten, sinken bis 2012 auf 270 Millionen Euro. Den Löwenanteil der Gewinne sacken indes die Privaten ein.

Doch Initiativen wie der Berliner Wassertisch wehren sich: Ab 2006 setzen sie sich für die Offenlegung und Rückabwicklung der Verträge ein und erzwingen einen Volksentscheid, der am 13. Februar 2011 mit großer Mehrheit angenommen wird. Der Berliner Senat – diesmal rot-schwarz unter Führung von Bürgermeister Klaus Wowereit – kauft schließlich die Anteile von RWE und Veolia für insgesamt gut 1,2 Milliarden Euro zurück. Der Wassertisch hält das wegen der an die Firmen gezahlten Gewinne, des großen Investitionsbedarfs und der zu hohen Verbraucherpreise für überteuert.

Berlin ist kein Einzelfall: Weltweit steigen global agierende Konzerne in das Geschäft mit dem „blauen Gold“ ein, vor allem in Großstädten – meist zum Schaden der Verbraucher. So kämpfen London und Barcelona mit maroden Leitungsnetzen und sinkender Wasserqualität, in Portugal sind die Preise mancherorts um bis zu 400 Prozent gestiegen. Dem überschuldeten Griechenland droht Ähnliches. In Ländern wie Südafrika, Tansania, Ghana oder Bangladesch sind die Folgen vor allem in den Armenvierteln noch gravierender. Schon vor zehn Jahren warnten die Vereinten Nationen vor der Privatisierungswelle, weil „das Profitstreben zulasten der Rücksichtnahme auf menschliche Bedürfnisse und Rechte gehen“ könne.

Häufig kommt es zu Protesten, 2000 im bolivianischen Cochabamba sogar zum „Wasserkrieg“. Dort war auf Druck der Weltbank ein internationales Konsortium, darunter der US-Konzern Bechtel, ins Geschäft eingestiegen, und die Preise waren in die Höhe geschnellt. Die bolivianische Regierung verhängte das Kriegsrecht, das Militär tötete mindestens sechs Demonstranten und verletzte etwa 170. Das Konsortium zog sich aus Bolivien zurück. 2012 wurde die Privatisierung natürlicher Ressourcen unter dem linken Präsidenten Evo Morales verboten.