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Das Loch, das bleibt

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.17

Das Loch, das bleibt

Text: Julia Lauter Foto: Daniel Rosenthal

Im Rheinland, zwischen Aachen, Köln und Mönchengladbach, tut sich die Erde auf: Hier, wo seit dem Ende des 19.Jahrhunderts im großen Stil Kohle gefördert und verfeuert wird, erzeugt RWE die Hälfte des deutschen Braunkohlestroms. Hier entscheidet sich auch, ob Deutschland wirklich der Klimaschutzvorreiter ist, der es im Ansehen der Welt gern wäre. Die Bundesregierung will noch bis 2050 mit Kohle Strom erzeugen – obwohl die Klimaziele so nicht zu schaffen sind. Und die Menschen vor Ort? Zwischen Trotz und Resignation gibt es auch zaghafte Versuche, eine Zukunft ohne den Tagebau zu denken

Peter Jansen verwaltet das Verschwinden. Während er durch die östlichen Teile seiner Gemeinde fährt, zeigt er auf Höfe, Felder, Schulen, Sporthallen, „alles hier kommt weg, weg, weg“. Jansen ist seit 13 Jahren der Bürgermeister von Erkelenz – der Stadt, von der bis zum planmäßigen Ende des Kohleabbaus in 28 Jahren noch rund ein Drittel in der Grube verschwinden soll. Die Grube, das ist der 110 Quadratkilometer große Braunkohletagebau Garzweiler: Rund vierzig Millionen Tonnen Kohle werden hier jährlich abgebaut, um die Turbinen der am nordöstlichen Grubenrand gelegenen Kraftwerke Neurath und Frimmersdorf anzutreiben.

Das Rheinland ist das bedeutendste Braunkohlefördergebiet in Deutschland, von dort stammt rund die Hälfte der Braunkohle, die hierzulande verstromt wird. In den drei Tagebauen Hambach, Inden und Garzweiler wird sichtbar, auf welchem Weg sich die Republik immer noch befindet: 2014 stieß allein der Meiler in Neurath jährlich 32 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus – Neurath gilt damit als eines der klimaschädlichsten Kraftwerke Europas. Laut dem Klimaschutzplan der Bundesregierung soll die Kohleverstromung bis 2050 auslaufen. Das Klimaziel, die Reduzierung der Treibhausgasemissionen um mindestens siebzig Prozent bis 2040, ist damit jedoch nicht zu schaffen.

Das Ende der Kohle muss also früher kommen – nur wann? Die Grünen wollen bis spätestens 2035 aus der Kohleverstromung aussteigen. Die Linken eigentlich auch, aber erst im August wurde öffentlich, dass sich einflussreiche Linke im Potsdamer Landtag von den Klimazielen der Partei absetzen – für die Braunkohle in der Lausitz. Nach einer Intervention aus der Bundespartei ruht das Thema erst einmal. Derweil scheut die SPD gänzlich vor konkreten Ausstiegsdaten zurück, die CDU spricht ebenfalls nur vage von anstehenden „Strukturentwicklungen“.

Dass das Ende der Kohle früher kommen muss, findet dagegen auch der CDU-Bürgermeister in Erkelenz. „Wir wünschen uns jeden Tag, dass der Tagebau aufhört“, sagt Peter Jansen. Doch die Entscheidungen der Landesregierung sind bindend. Der Stadtrat hält mit seinen Mitteln dagegen – und verhandelt schon mal drei Jahre lang, um den Rand des Tagebaus wenigstens 400 Meter vom nächsten Haus entfernt zu halten. Denn auch wenn Lärm und Schmutz im Bereich der vorgegebenen Norm liegen: „Meine Bürger und ich, wir sind keine technischen Einheiten, sondern emotionale Wesen.“

Hoffnungsvoll nach vorn zu blicken, das fällt vielen Menschen in Erkelenz schwer. „Die Bagger kann man nicht mehr aufhalten“, sagen die einen. „In meinem Garten bekomm ich nix mit vom Loch“, sagen die anderen. Und: „Alle wollen Strom, aber keiner will die Grube hinterm Haus.“ Resignation, Rückzug, Opferstolz. Für die Zukunft bleibt bei alldem wenig Raum. „Die negative Präsenz des Loches ist noch immer stark“, sagt auch Bürgermeister Peter Jansen.

Trotzdem will der 58-Jährige seine Mitbürger dazu bringen, sich für das Heranrücken des Tagebaus zu rüsten. Die Zeit dränge, denn: „Niemand weiß, wie viel Geld RWE nach dem Ende der Kohleförderung noch haben wird.“ Die Rekultivierung des Tagebaus ist nicht nur langwierig, sondern auch kostspielig – bisher soll RWE rund zwei Milliarden Euro für die Folgekosten zurückgelegt haben. Umweltschützer befürchten, dass diese Summe viel zu niedrig angesetzt ist.

Um nicht nur zu reagieren, sondern zu agieren, haben sich rund um den Tagebau die Gemeinden Erkelenz, Titz und Jüchen mit der Stadt Mönchengladbach zusammengetan: Unlängst gründeten sie einen Planungsverband, um ihre Ideen dem Land und den Behörden offiziell vorstellen und Finanzmittel beantragen zu können. Jansen will langfristig noch mehr Landwirtschaft, will die fruchtbaren Böden für die regionale Lebensmittelversorgung der nahen Großstädte Köln und Düsseldorf nutzen. Der Arbeitsplatzabbau bei RWE schreckt ihn nicht: In seiner Gemeinde arbeiten ohnehin mehr Menschen in der Landwirtschaft als im Tagebau. Erkelenz, auf der „Rückseite“ der Grube gelegen, muss viel ertragen und profitiert wenig – wohl auch ein Grund, warum Jansen dem Tagebau kritischer gegenübersteht als andere Lokalpolitiker in der Region.

Nach dem Willen der Landesregierung und von RWE soll das „Restloch“ bis 2090 mit Wasser aus dem Rhein volllaufen und zum See werden. Bis dahin wollen die Anrainergemeinden ein „grünes Band“ anlegen, das den ehemaligen Tagebau umschließen soll: Ein siebzig Kilometer langer Fahrradweg, begrünte Uferböschungen und neue Straßen und Verkehrslinien, die die übrig gebliebenen Orte gut miteinander verbinden. Diese Vision einer lebenswerten Region will Jansen für die Bürger schon heute greifbar machen. Darum drängt er auch darauf, den Wall, der bereits jetzt entlang der zukünftigen Tagebaukante aufgeschüttet wird, schnellstmöglich zu bepflanzen – „um die Menschen vor dem Blick ins Loch zu schützen“. Und ihnen eine Ahnung zu geben, wie die Zukunft aussehen könnte, ohne Staub, Schmutz und Lärm.

Das Ende des Kohleabbaus im Rheinland könnte eine Blaupause dafür sein, wie der gelungene Ausstieg aus schmutzigen Industrien in Deutschland und weltweit erfolgen kann. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Der erste Schritt: Der Tagebau Garzweiler wird in den kommenden Jahren verkleinert werden. Der Anfang vom Ende. Und dann muss die neue Regierung in Sachen Kohle Farbe bekennen. 28 weitere Jahre Kohleverstromung im Rheinland, das sind 28 Jahre zu viel. Für das Weltklima. Für das Rheinland. Und für die jungen Menschen, die ihr Leben hier noch vor sich haben.

Zukunft an der Grube
Lisa Hilgers, 29, leitet den Kindergarten St. Anna im Umsiedlerdorf Neu-Borschemich. Bald, wenn die letzten Menschen den alten Ort verlassen haben, verschwindet der Zusatz „Neu“ endgültig aus den Namen: Dann beginnt in Borschemich die Zukunft.

„Besonders die jungen Familien sind glücklich, dass sie endlich hier sind. Für viele alte Dorfbewohner ist das anders. Wo die Jungen den Neuanfang sehen, sehen sie oft nur die Lücke. Die Herausforderung für uns ist, aus dieser Playmobil-Siedlung ein Dorf zu machen. Das ist wie in der Natur, es braucht Zeit zum Wachsen. Unsere Kinder werden die großen Umbrüche in ihrer Heimat alle miterleben: das Ende des Kohleabbaus, das Verschwinden der Grube, die Entstehung des Sees. Vielleicht werden sie 2100 als Rentner in der ehemaligen Grube schwimmen gehen. All das ist ja schon für Erwachsene kaum fassbar, den Kindern kann man das nicht vermitteln. Meine Aufgabe ist es, ihnen die Angst vor Veränderungen zu nehmen. Ich weiß nicht, wie sie später leben, wo sie arbeiten werden. Aber ich bin sicher, dass die Kinder auch ohne Kohleindustrie ein gutes Leben haben können.“

Maren Haida, 25, arbeitet als Gärtnerin in der Region. Ihr Heimatdorf Wockerath liegt heute rund elf Kilometer vom Tagebaurand entfernt.
„Über die Zukunft hier hab ich bisher noch nicht viel nachgedacht. Ich glaube, das ist bei den meisten jungen Leuten so. Wer nicht direkt an der Grube wohnt, wird eigentlich nur dann an sie erinnert, wenn wieder irgendwelche Straßen verlegt werden und man einen längeren Weg zur Arbeit hat. Die Grube ist einfach Teil des Alltags hier. Und den hinterfragt man nicht die ganze Zeit. Irgendwann werde ich das Haus meiner Eltern erben und dann auch in Wockerath leben. Aber bis die Grube da sein wird, dauert es ja noch. Moment, ich schaue mal schnell. 2035, sagt Wikipedia. Dann rückt die Kante bis auf hundert Meter an mein Heimatdorf ran. 2035, das ist doch ganz schön bald.“

Daniel Kober, 25, vertritt die Jugendauszubildenden bei RWE und arbeitet als Mess- und Regeltechniker im Kraftwerk Frimmersdorf. Von 16 Kraftwerksblöcken sind hier noch zwei am Netz.
„Viele Menschen in der Gegend sprechen von ,der Grube‘ oder ,dem Loch‘ – das klingt mir zu negativ: Der Tagebau ist eine schöne, einmalige Landschaft. Man sieht, dass vieles in Bewegung ist. Ich arbeite seit sechs Jahren hier und trage dazu bei, dass die Bevölkerung Strom hat. Auch dann, wenn Sonne und Wind nicht genug Energie erzeugen. Darauf bin ich stolz. Vom technischen Verständnis her könnte ich auch in einem Windpark arbeiten. Dass manche einen sofortigen Kohleausstieg fordern, kann ich nicht nachvollziehen. Was kommt denn danach für die Arbeiter hier?“

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Kohle: Liegen lassen

Weltweit stammt fast die Hälfte der Emissionen aus Kohlekraftwerken. Wenn das Klimaziel von Paris nicht scheitern soll, ist ein radikaler, schneller Ausstieg unvermeidlich. Alternativen stehen bereit, doch die Versuchung, abgeschriebene Meiler so lange wie möglich laufen zu lassen, ist groß. Vor allem in Schwellenländern werden noch Kohlekraftwerke gebaut und geplant. Experten fordern den raschen Abbau schädlicher Subventionen und einen globalen CO2-Preis.

Die Vorreiter
Großbritannien: Erstmals seit Beginn der Industrialisierung kam das Land am 21. April ohne Kohlestrom aus – dank Erdgas und Erneuerbarer.
Finnland: Als erstes Land planen die Skandinavier ein Kohleverbot ab 2030. Nicht unumstritten: Wie die Briten setzen sie auch auf Atomkraft.
China: Zur Smog-Bekämpfung werden alte Kraftwerke still- und viele neue auf Eis gelegt. Ein Hoffnungsschimmer für den globalen Klimaschutz.

Die Lage in Deutschland
Trotz Wind- und Solarboom laufen die „Klimakiller“ in Rheinland, Lausitz und Sachsen weiter; überschüssiger Braunkohlestrom wird exportiert – so gefährdet Deutschland nahe wie mittelfristige Klimaziele. Doch die bisherige Bundesregierung hat sich um einen Ausstiegstermin gedrückt und im Klimaschutzplan nur die „Dekarbonisierung“ bis 2050 erwähnt. Umweltschützer halten den Ausstieg bis 2030 für möglich und nötig.