Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Das Märchen vom guten Wolf

Greenpeace-Experte Wolfgang Lohbeck nimmt den Lupo

 
Nachteile Lupo:
– Diesel
– Mehr als drei Liter
– Viel teurer als Standard-Modell
– Nicht übertragbar auf die Gesamtflotte
– Aufwendige Materialien

Vorteile Smile:
+ Benziner
+ Drei-Liter-Auto+ Nicht teurer als Standard-Modell
+ System auf andere Modelle übertragbar
+ Standard-Materialien

Gratulation Herr Piëch, das haben Sie gut hingekriegt. Zumindest die breite Öffentlichkeit glaubt Ihnen derzeit die Sprüche vom „einzigen serienmäßigen Drei-Liter-Auto der Welt“ mit denen Sie für den neuen „Spar-Lupo“ werben. Insofern also ein voller Erfolg – Punkt an Sie. Nun könnte sich ja Greenpeace zurücklehnen und sich damit zufriedengeben, daß die Bemühungen um drastische Spritsenkung endlich Früchte getragen haben. Doch dem ist nicht so, denn die schöne Präsentation dieses sogenannten „Drei-Liter-Autos“ wird getrübt von einigen erheblichen Schönheitsfehlern:

Der „Lupo“ ist bei genauem Hinsehen nämlich gar kein Drei-Liter-Auto. Nach allgemeiner Übereinkunft ist ein Drei-Liter-Auto ein Auto mit einem Kohlendioxydausstoß, der nicht höher ist als der, der dem Verbrauch von drei Litern Benzin entspricht. Und hier liegt bereits der Hase im Pfeffer. Denn der Lupo verbraucht leider nicht drei Liter Benzin, sondern drei Liter Diesel. Einen Liter Benzin mit einem Liter Diesel gleichzusetzen, hieße aber, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Denn ein Liter Diesel entspricht, wegen der anderen chemischen Zusammensetzungen und der höheren Dichte bei den CO2-Emissionen nicht etwa einem Liter Benzin, sondern 1,134 Litern Benzin (nach der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages). Mit anderen Worten, ein Auto, das drei Liter Diesel verbraucht, hat einen Verbrauch von etwas über 3,4 Litern (Benzin). Ehrlicherweise sollte man also nicht vom Drei-Liter-Auto, sondern vom 3,4-Liter-Auto sprechen. Das selbstgesteckte Ziel „Drei-Liter-Auto“ hat also Herr Piëch auch diesmal wieder verfehlt.

Diese Zahlenspiele könnte man unter der Rubrik „kleinkariertes Beckmessertum“ abtun, gäbe es nicht noch gravierendere Punkte: Das Konzept des „Öko-Lupo“ ist nämlich nicht auf die Massenproduktion der gesamten Autoflotte übertragbar, und allein darum geht es. Was VW hier hingestellt hat, ist nichts anderes als ein weiteres Nischenauto.

Niemand braucht ein Drei-Liter-Auto. Was Greenpeace und andere Umweltverbände seit Jahren fordern, ist eine drastische Reduzierung des Benzinverbrauchs aller Autos. Ein einzelnes Drei-Liter-Auto – und sei es noch so sparsam – bringt überhaupt nichts, es ist tatsächlich nur ein Alibi. Und übertragbar ist das Lupo-Konzept eben nicht. Lupo ist und bleibt ein Einzelmodell, völlig ohne Relevanz für die Diskussion um benzinsparende Antriebe für die Zukunft.

Da ist zunächst das Thema Diesel. Der Diesel, das gilt leider auch für den sogenannten „Öko-Lupo“, stößt systembedingt nicht nur etwas, sondern dreimal mehr der gefährlichen Stickoxyde aus als ein entsprechender Benziner. Das ist zwar legal (die Grenzwerte wurden aufgrund der guten Lobbyarbeit der Autoindustrie, vor allem VW, speziell für den Diesel nach oben geschraubt), aber es ist trotzdem ein Skandal. Diesel ist und bleibt krebserzeugend, wie in neuesten Studien wiederum erhärtet wurde. Es ist unverantwortlich, einen Treibstoff hoffähig zu machen, der das Krebsrisiko zusätzlich erhöht. Im Gegenteil, aufgrund der Abgaswerte und des Krebspotentials gehört Diesel schlicht und einfach verboten. Peinlich wird es, wenn ein solcher Treibstoff als „umweltfreundlich“ propagiert wird.

Aber noch aus einem anderen Grund ist der Diesel kein zukunftsfähiges oder auf die übrige Autoflotte übertragbares Konzept: Weltweit hat der Diesel nur fünf Prozent Marktanteil, die Leute wollen ihn einfach nicht. Die Fahreigenschaften, Geräusche, Gestank des Treibstoffes und die Kosten lassen 95 Prozent der Autofahrer weltweit eine Entscheidung gegen den Diesel treffen. Das ist nur in den Ländern anders, in denen der Diesel künstlich subventioniert wird, wie in Deutschland oder Frankreich. Aber selbst wenn plötzlich alle Welt Diesel fahren wollte, wäre das gar nicht möglich. Denn produktionsbedingt fallen in der Raffinerie bei der Herstellung von Treibstoff nicht mehr als maximal 35 Prozent als Diesel an. Was also soll das Gerede vom Diesel als Konzept für das spritsparende Auto der Zukunft?

Dieses Konzept läßt sich nicht in die Flotte umsetzen. Nur mit exotischen Materialien wie Magnesium und komplizierten Sandwich-Bauweisen war VW in der Lage, das Gewicht zu reduzieren. Diese Maßnahmen, zusammen mit dem teuren Dieselantrieb, machen das Auto unbezahlbar (je nach Berechnungsbasis ergibt sich eine Differenz zum Basis-Lupo von 4000 bis 9000 Mark). Ein solches Auto läßt sich einfach nicht verkaufen. Und da ist es auch kein Wunder, daß VW von vornherein nur von einem Absatz von wenigen 10.000 Autos ausgeht. Massenproduktion, Serie – weit gefehlt. Wenn aber VW schon am Spritsparen gelegen ist, dann fragt man sich: Wieso eigentlich werden nicht zumindest einzelne Elemente, die zum sparsamen Betrieb beitragen, wie die Abschaltautomatik, auch in die „normalen“ Modelle des Konzerns eingeführt?

Dagegen steht der SmILE von Greenpeace. Er hat die notwendigen Gewichtsreduzierungen nicht durch exotische, komplizierte und teure Materialien und Techniken erreicht, sondern vor allen Dingen durch den hocheffizienten kleineren Motor. Dieser wird, natürlich, mit Benzin getrieben. Das Ergebnis ist ein Auto, das bei halbiertem Verbrauch tatsächlich keinen Pfennig mehr kostet. Bei Realisierung des technischen Entwicklungsstandes eines Lupo – der SmILE ist immer noch Prototyp – und bei Einbau weiterer Spartechniken, wie der Schwungnutzautomatik, könnte SmILE schon heute einen Verbrauch weit unter drei Litern Benzin realisieren!

Aber, und das ist das Wichtigste, die SmILE-Technik ist ein Ansatz, der auf die Autoflotte weltweit übertragbar ist. Denn ein kleinvolumiger und hochaufgeladener Motor, der nahe dem energetischen Bestpunkt läuft, ist in jedem Auto zu verwirklichen. Darauf kommt es an. Ein Einzelstück, das drei Liter verbraucht (was VW allerdings wieder nicht ganz geschafft hat), ist belanglos. Es geht um die Halbierung des Spritverbrauchs aller Autos, das kann die SmiLE-Technik, und das kann VW eben nicht. Das ist der ganze Unterschied.