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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.17

Das Schweigen der Vögel

27. September 1962
„Es war einmal eine Stadt im Herzen Amerikas, in der alle Geschöpfe in Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben schienen.“ Wie ein Märchen beginnt das Buch der Biologin Rachel Carson, das am 27. September 1962 in den USA erscheint. Doch „Der stumme Frühling“ (Silent Spring) ist alles andere als das: Die Idylle in der fiktiven Kleinstadt ist durch „eine seltsame schleichende Seuche“ bedroht, der Chor der Singvögel verstummt. Schuld ist der großflächige Einsatz von Chemikalien zur Insekten- und Unkrautbekämpfung. Wissenschaftlich fundiert und doch fesselnd und verständlich legt die Autorin dar, wie die Substanzen in Wasser und Boden gelangen und über die Nahrungskette Vögel, Säugetiere und Menschen vergiften. „Man sollte die Stoffe nicht Insektizide (…), sondern ‚Biozide‘, Töter des Lebens, nennen“, schreibt sie.

Carson kennt sich mit biologischen Zusammenhängen aus. Fast 15 Jahre lang hat sie für die US-Fischereibehörde gearbeitet und später drei erfolgreiche Sachbücher über Ökosysteme und Lebewesen des Meeres verfasst. „Der stumme Frühling“ avanciert sofort zum Bestseller und gilt heute als Bibel der Umweltbewegung. Es ist eine Mahnung, auf die Komplexität ökologischer Prozesse zu achten. Die öffentliche Aufmerksamkeit aber richtet sich vornehmlich auf das Insektengift DDT. Eine Umweltkommission der Kennedy-Regierung lädt Carson, die zu der Zeit bereits an Brustkrebs erkrankt ist, im Sommer 1963 zu einer Anhörung über die Chemikalie ein.

Die meisten Industrieländer verbieten DDT in den Siebzigerjahren. Rachel Carson erlebt das nicht mehr, ebenso wenig wie ihre Ehrung mit der Freiheitsmedaille des Präsidenten, der höchsten zivilen Auszeichnung der USA, im Jahr 1980. Sie stirbt 1964 im Alter von 56 Jahren.