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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

„Das sind Chemiefirmen, die mehr Chemie verkaufen wollen“

Text: Toralf Staud

Die Geschichte der Gentechnik ist voller 
falscher Versprechen. Das neueste: Sie helfe gegen 
den Hunger in Zeiten des Klimawandels

Schmuck sieht sie aus, die Zeitungsannonce des Gentechnik-Riesen Monsanto: Ein grünes Blatt in Nahaufnahme ist da zu sehen, an dem ein Tropfen Wasser hinabrinnt. In großen Lettern prangt darüber die Frage: „Wie können wir mehr Lebensmittel aus einem Regentropfen pressen?“ Im Kleingedruckten geht es um Bevölkerungswachstum und Niederschläge, die wegen des Klimawandels unregelmäßiger werden. Bauern bräuchten künftig „modernste wissenschaftsbasierte Werkzeuge“ – 
damit meint Monsanto sein gentechnisch verändertes Saatgut. Der Konzern verspricht „signifikant höhere Ernteerträge“ und weniger Wasserverbrauch. Am Schluss steht ein Slogan, an dem die Werber 
sicher lange getüftelt haben: „Mehr produzieren, mehr bewahren, das Leben von Bauern verbessern – das ist nachhaltige Landwirtschaft. Und das ist, worum es bei Monsanto geht.“

Vollmundige Versprechen sind so alt wie die Gentechnik. Einst kündigte die Industrie matschfreie Tomaten an oder Baumwolle mit blauen Fasern. Sie wollte Bananen so manipulieren, dass sie zum „essbaren Impfstoff“ werden. Die Ernten sollten größer, die Chemie auf dem Acker weniger werden. Doch fast nichts davon wurde wahr. Trotzdem läuft in Industrie, Wissenschaft und Politik die Werbemaschine ungebremst weiter. Bundeswirtschaftsminister 
Rainer Brüderle (FDP) etwa schwadronierte vor ein paar Wochen im Bundestag wieder einmal vom „Beitrag der Genforschung zur Linderung von Hunger und Krankheiten“.

Fünfzehn Jahre nach Anbruch eines vermeintlich neuen Zeitalters ist die Bilanz ernüchternd: 1995 wurde in Kanada erstmals gentechnisch veränderter Raps ausgesät – heute hat die Technologie weltweit rund 130 Millionen Hektar erobert, was eindrucksvoll klingt, aber bloß drei Prozent der globalen Ackerflächen ausmacht. Von größerer Bedeutung ist sie heute in nur sechs Staaten: Argentinien, Brasilien, China, Kanada, Indien und vor allem in den USA, wo bereits mehr als 80 Prozent aller Maispflanzen gentechnisch verändert sind. Im Rest der Welt aber, konstatiert die internationale Umweltorganisation Friends of the Earth (FoE) in einer Studie, gebe es „wenig Bewegung“. In Europa sind überhaupt nur zwei Gen-Pflanzen zugelassen. Und hier schrumpft die Anbaufläche seit fünf Jahren sogar. Einzig in Spanien hat die Technologie mit knapp 80.000 Hektar eine relevante Verbreitung; in Osteuropa jedoch, wo die Gentechnik-Industrie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs großes Potenzial sah, ist sie auf dem Rückzug. In Deutschland lag die Anbaufläche im vergangenen Jahr bei null Hektar, nachdem Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) den Gen-Mais Mon810 verboten hatte. Nach langem Hickhack durfte die BASF in diesem Jahr auf winzigen 15 Hektar im mecklenburgischen Zepkow ihre Gen-Kartoffel Amflora pflanzen.

Am Hungerproblem, auf das Lobbyisten so gern verweisen, geht die Gentechnik bislang vorbei. Amflora beispielsweise soll lediglich bessere Rohstoffe für die Stärkeindustrie liefern. Auch die vier Feldfrüchte, bei denen Gentechnik bisher hauptsächlich zum Einsatz kommt, nämlich Soja, Mais, Raps und Baumwolle, landen nicht auf dem Teller, sondern im Futtertrog, Tank oder Kleiderschrank. All dem 
stehen nach Überzeugung der Kritiker große Risiken für Natur und Mensch gegenüber: Manipulierte Gene könnten sich unkontrolliert verbreiten.

Trotz Milliardeninvestitionen ist das bisherige Leistungsspektrum der Gentechnik sehr begrenzt: Bloß zwei Varianten manipulierter Pflanzen konnten sich auf dem Markt behaupten. Die einen sind resistent gegen Unkrautbekämpfungsmittel (herbizidtolerant) – beispielsweise gegen Glyphosat, das Monsanto unter der Marke Roundup vertreibt. Die anderen können sich durch ein eingepflanztes Bacillus-thuringiensis-Gen (kurz: Bt-Gen) gegen Fraßinsekten wehren.

Die eigentliche Zielgruppe der sechs großen Gentechnik-Unternehmen Monsanto, BASF, Syngenta, Bayer, Dow und DuPont/Pioneer sind also nicht Endverbraucher, sondern Bauern, denen weniger Arbeit versprochen wird. Die insektenresistenten oder herbizidtoleranten Sorten, so die Behauptung, bräuchten weniger oder nur noch mit einem Pflanzenschutzmittel besprüht werden. Das spare Chemie und schone die Umwelt. Der Haken: Inzwischen haben sich Insekten entwickelt, denen die Bt-Wirkstoffe nichts mehr anhaben können, eine Baumwollmotte in Indien beispielsweise. Dort verschulden sich die Bauern oft für die teuren Gen-Saaten – und sind ruiniert, wenn die Versprechen der Industrie platzen.

Vor allem in den USA haben Farmer mit immer mehr Unkräutern zu kämpfen, die resistent gegen Glyphosat sind. Die Konzerne reagieren mit neuer 
Gentechnik – für neue Herbizide. Potenziell ist das eine unendliche Spirale. Unterm Strich, so der Agronom Charles Benbrook, habe die Gentechnik in den USA den Herbizidverbrauch nachweislich 
erhöht. „Das sind halt Chemiefirmen, die mehr 
Chemie verkaufen wollen“, sagt Andrew Kimbrell vom Washingtoner Center for Food Safety nüchtern. In der Tat machen Firmen wie Monsanto, Syngenta oder Bayer CropScience deutlich mehr Umsatz mit Pflanzenschutzmitteln als mit Saatgut.

„Die Gentechnik hat wenig dazu beigetragen, Ernteerträge zu erhöhen“, räumt die Union of Concerned Scientists mit einem weiteren Mythos auf. Die US-Organisation legte im vergangenen Jahr eine – von der Industrie wütend zurückgewiesene – Analyse vor, der zufolge bei Gen-Soja und -Mais keine oder nur wenig bessere Ergebnisse zu verzeichnen seien. Die meisten Erntezuwächse, die es in den USA in den vergangenen 15 Jahren gab, seien auf allgemeine Anbauverbesserungen und Fortschritte der traditionellen Sortenzüchtung zurückzuführen.

Monsanto & Co. brauchen neue Verheißungen. Da kommt der Klimawandel gerade recht. Für viele Regionen – die Uckermark ebenso wie große Teile Afrikas – prophezeien die Szenarien eine trockenere Zukunft. Bis Ende des Jahrhunderts, heißt es im letzten Bericht des Weltklimarats IPCC etwa über Afrika, würden dort die Möglichkeiten zum Getreideanbau „signifikant sinken“. Bis 2050 könne beispielsweise in Ägypten die Reisernte um elf Prozent zurückgehen, die von Soja um 28 Prozent. „Gentechnik ist genau die Technologie, die nötig sein mag, um die Folgen der globalen Erwärmung zu kontern“, jubelt Keith Jones vom Lobbyverband Croplife International.

Nach eigenen Angaben sucht die Branche intensiv nach Pflanzen, die besser mit „abiotischem Stress“ zurechtkommen – unter diesem Begriff verstehen Experten beispielsweise Hitze, Dürren oder Überflutung. Tatsächlich haben die Saatgut-Konzerne, wie eine Studie der kanadischen Entwicklungsorganisation ETC Group ergab, weltweit bereits mehr als 500 Patente auf „Klima-Gene“ angemeldet, dank derer Pflanzen zum Beispiel längere Dürren überleben sollen. Doch der Zweck sei vor allem, sich möglicherweise 
lukrative Märkte zu sichern – die Forschung von öffentlichen oder gemeinnützigen Instituten werde dadurch eher behindert. „Der Schwerpunkt der Firmen liegt weiter auf dem profitablen Alt-Geschäft“, sagt Mathias Boysen, Gentechnik-Experte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er verweist auf eine Untersuchung, die im Januar im renommierten Journal Nature Biotechnology erschien. 
33 neue Gen-Produkte stehen demnach weltweit vor der Markteinführung – zwei Drittel davon sind weitere herbizidtolerante oder insektenresistente Bt-Pflanzen, bei nur einem einzigen Projekt geht es um „abiotische Stresstoleranz“. Mittelfristig sieht es kaum besser aus: Gerade einmal sechs von insgesamt 70 Vorhaben drehen sich um Themen wie Dürre oder Hitze.

Ohnehin ist umstritten, ob Gentechnik gegen Klimaprobleme überhaupt hilft. Eine Pflanze so zu programmieren, dass sie beispielsweise mit weniger Wasser auskommt, erfordert tiefe Eingriffe in den Stoffwechsel. Anders als etwa bei Bt-Mais, wo die Manipulation eines einzigen Gens ausreicht, müssten 
für eine Dürretoleranz dutzende Gensequenzen angefasst werden. Doch jede einzelne von ihnen ist auch für andere Pflanzenmerkmale verantwortlich, eine Kaskade unbeabsichtigter Nebenwirkungen ist zu befürchten – am Ende hat man vielleicht einen Mais, der prima mit Trockenheit klarkommt, aber ungenießbar und daher nutzlos ist. Zudem ist unwahrscheinlich, dass Sorten mit einer künstlichen Eigenschaft viel nützen. Klimawandel bedeutet ja vor allem, dass Wetterextreme zunehmen. Künftig bräuchte es deshalb wohl vor allem robustere Pflanzen, die Regengüsse und Trockenphasen aushalten.

Das Internationale Maisforschungszentrum CIMMYT entwickelt seit Jahrzehnten dürretolerante Pflanzen – mit konventionellen Züchtungsmethoden hat es bereits zahlreiche Erfolge erzielt. Seit 2008 sucht das renommierte Institut nun auch mittels Gentechnik und in Kooperation mit Monsanto nach besseren Sorten. Die Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates fördert das Projekt mit 42 Millionen Dollar. Kritiker sehen darin einen Versuch der Großindustrie, der umstrittenen Technologie in Afrika Akzeptanz zu verschaffen. Die Vize-Chefin von CIMMYT, Marianne Bänziger, weist das zurück. In der Tat wisse man nicht, ob der Einsatz von Gentechnik etwas bringt – „aber genau das wollen wir mit dem Projekt doch herausfinden!“ Jedenfalls sei das Hungerproblem auf dem Kontinent so groß und der Klimawandel werde so schlimm, „dass es unverantwortlich wäre, diesen Weg von vornherein auszuschließen“.

„Das Projekt ist unnötig“, sagt Gentechnik-Experte Christoph Then, der unter anderem Greenpeace berät. In Afrika gibt es bereits viele Sorten, die dürreresistent sind. „Unter dem Deckmantel der Philanthropie“, kritisiert das African Center for Biosafety, „wird von den wirklichen Ursachen des Hungers abgelenkt, etwa der global ungerechten Verteilung von Lebensmitteln.“ Gen-Mais gehe völlig an den Bedürfnissen der Kleinbauern vorbei und verdränge die traditionelle Sortenvielfalt, die in Zeiten des Klimawandels wichtiger sei denn je. „Die effektivste Hilfe wäre eine Förderung ökologischer Anbaumethoden“, so die südafrikanische Organisation.

Dasselbe fordern die UN-Fachorganisationen für Entwicklung und Umwelt. Umweltschonende Landwirtschaft schaffe mehr Ernährungssicherheit, betonten Unctad und Unep 2008 in einem gemeinsamen Bericht. Sie könne „Produktivität und die Einkommen von Bauern erhöhen – mit niedrigen Kosten, längst verfügbaren Technologien und ohne Umweltschäden“. Immer mehr Experten warnen inzwischen davor, die hochintensive Landwirtschaft der Industriestaaten in den Süden zu exportieren. Zum einen zerstört sie Ackerböden und Artenvielfalt – und verschlimmert die Erderwärmung noch. Zum anderen sind riesige Monokulturen mit hochgezüchteten (Gen-)Pflanzen genau das Gegenteil dessen, was bei extremen Klimaschwankungen Ernährungs-sicherheit bietet. Auch der Weltagrarrat, in dem mehr als 400 Experten vier Jahre lang berieten, verlangt: Die Menschheit „muss die Art, wie sie ihre Lebensmittel anbaut, radikal ändern“.

Die Innovationen von Monsanto & Co. sind damit ausdrücklich nicht gemeint.

Zum Weiterlesen

„Auslaufmodell Grüne Gentechnik“ – Report im Greenpeace Magazin 2.07

Die Heilsversprechen der Gentechnikindustrie – ein Realitäts-Check (BUND 2008)
www.bund.net (Suchwort: Heilsversprechen)

Wer profitiert von der Gentechnik? – englischer Report von Friends of the Earth (2010)
www.foei.org (Suchwort: Who benefits from GM crops)

Die Ergebnisse des Weltagrarrates IAASTD:
www.weltagrarbericht.de

Aktuelle Greenpeace-Kampagnen:
www.greenpeace.de/themen/gentechnik