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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

„Das sind legale Lügen“

Mit grünfärberischer Werbung werden 
Verbraucher systematisch in die Irre geführt, kritisiert Foodwatch-Expertin Anne Markwardt

Gibt es derzeit neue Trends in der Lebensmittelwerbung? Das ist ganz klar das Thema Natürlichkeit. Vor allem die sogenannten „Ohne“-Versprechen nehmen massiv zu. Auf vielen Produkten steht groß „ohne künstliche Aromen“ und „ohne Geschmacksverstärker“ drauf. Schaut man sich aber die Zutatenliste an, finden sich dort „natürliche Aromen“ – und dahinter verbirgt sich alles Mögliche. Die können aus Holzabfällen gewonnen worden sein oder aus Pflanzenölen, die mithilfe von Hefebakterien zu Fruchtaromen umgewandelt werden.

Ist der Verzicht auf Geschmacksverstärker wie Glutamat nicht zu begrüßen? Doch, aber stattdessen enthalten viele Produkte Hefeextrakt. Das Naturprodukt Hefe dient hier nur als Eiweißlieferant, aus dem Aminosäuren extrahiert werden. Der gewonnene Stoff enthält das geschmacksverstärkende Glutamat – aber es muss nicht genannt werden. Nehmen Sie das Beispiel „Naturals“, eine Chips-Sorte von Lorenz Snack-World: Auf der Verpackung heißt es: „Unverfälschter Genuss! Mit rein natürlichen Zutaten“, und in der Werbung: „ohne künstliche Geschmacksverstärker“, „ohne künstliche Aromen“. In der Zutatenliste finden sich aber undefinierte natürliche Aromen und Hefeextrakt.

Welche Tricks gibt es noch? Konjunktur haben auch Begriffe wie „original“, „traditionell“ und „regional“. Sie erwecken den Eindruck, die Produkte seien hochwertig und ursprünglich – der industrialisierten Lebensmittelproduktion wird ein grünes Mäntelchen verpasst. „Rügenwalder Mühle“ ist so ein Beispiel: Die Werbung täuscht eine ländliche Idylle vor – aber die Tiere stammen aus industriellen Großbetrieben. Auch „Schwarzwälder Schinken“ muss nicht aus dem Schwarzwald stammen, sondern nur dort geräuchert werden – während das Fleisch von weither aus Massentierhaltung kommt. Oder nehmen wir das „Pesto verde“ von Bertolli: Auf der Website heißt es, Bertolli verbinde „Innovation und Tradition mit Liebe, Erfahrung und Begeisterung für Olivenöl“. Doch im Produkt steckt hauptsächlich ein undefiniertes Pflanzenöl – und gerade mal ein Fingerhut voll Olivenöl. Statt Pinien-kernen enthält es vor allem billigere Cashewkerne, hinzu kommen Kartoffelflocken und Aroma. Mit original italienischer Rezeptur hat das wenig zu tun.

Also lieber zu Bioware greifen? Leider werden auch da Verbraucher in die Irre geführt. Die Limonade „Beo Heimat“ von Carlsberg zum Beispiel, die das Bio-Siegel trägt, wirbt auf dem Etikett mit Äpfeln und Birnen. Mit dem Obst werden sozusagen heimatliche Gefühle geweckt – aber tatsächlich ist nicht eine einzige Frucht im Produkt. Der Geschmack kommt lediglich aus Aromen, die nicht aus Früchten hergestellt sind. Der Großteil des Produkts ist Wasser, und die einzigen Bio-Zutaten sind Gerstenmalz und Zucker – sie summieren sich auf ganze 5,5 Prozent.

Dürfen die das denn? Ja, dabei passt es mit der Bio-Idee überhaupt nicht zusammen. Das ist einer der Teile der europäischen Öko-Verordnung, die wir kritisieren. Sie verbietet zwar synthetische Aromen, aber keine natürlichen. Weil diese Aromen als Zutaten nicht-landwirtschaftlichen Ursprungs gelten, müssen sie auch nicht bio sein. Aber selbst wenn Carlsberg die „Beo“-Aromen aus Äpfeln und Birnen gewonnen hätte, hätten es keine Biofrüchte sein müssen. Auch in der Biobranche gibt es einen Trend zu stark verarbeiteten Produkten, und eine gewisse Anzahl an Zusatzstoffen ist erlaubt. Die Transparenz ist dabei nicht größer als bei konventionellen Produkten.

Viele Lebensmittelhersteller fördern wohltätige Projekte. Das ist eine andere Form der Imagepolitur. Auffallend sind die zahllosen Initiativen für mehr Bewegung. Müller verschenkt Spielplätze, Capri-Sonne hat ein eigenes Schwimmabzeichen, Ferrero sponsert Sportabzeichen. Während der WM wimmelt es auf Softdrink- und Süßigkeiten-Verpackungen nur so von Fußbällen.

Was ist dagegen einzuwenden? Es sind meist Hersteller, die kalorienreiche Produkte für Kinder und Jugendliche anbieten, diese aber wie ausgewogene Zwischenmahlzeiten bewerben. Übergewicht ist auch bei Kindern längst eine Volkskrankheit. Die Hersteller stehen hier mit in der Verantwortung – tun aber so, als sei mangelnde Bewegung das größte Problem. Aber das stimmt nicht: Studien zeigen, dass die zusätzlichen Kalorien an der Zunahme von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen Schuld sind. Mit den Aktionen lenken die Konzerne von 
ihrer Verantwortung ab und versuchen, Transparenz bei den Nährwertangaben zu verhindern. Das Engagement ist im Vergleich zu den Umsätzen minimal, aber der PR-Effekt für überzuckerte Kinderprodukte wie Capri-Sonne riesig.

Was muss passieren, um Verbraucher besser vor Täuschungen zu schützen? Zahlreiche Werbelügen sind ja leider legal. Deshalb muss zum Beispiel die Aromenkennzeichung so geändert werden, dass die Begriffe klarer definiert sind. Auch bei der Kennzeichnung von Öko-Produkten sind Verbesserungen nötig. Vor allem brauchen wir eine transparente Nährwertkennzeichung – und da plädieren wir für die Ampel. Mit einer solchen Farb-Kennzeichnung können Verbraucher auf einen Blick einschätzen, was in einem Produkt steckt. Und sie entlarvt viele Werbelügen – von der überzuckerten „Fitnessflocke“ bis zur gesunden „Zwischenmahlzeit“, die sich als Süßigkeit entpuppt.

Interview: Wolfgang Hassenstein

Anne Markwardt, 28, leitet bei der Verbraucherorganisation Foodwatch die Kampagne „Abgespeist“ gegen Etikettenschwindel
www.foodwatch.de