Greenpeace Magazin

Ausgabe 4.14

Das vergessene Volk

Text: Frank Odenthal / Fotos: Marcus Reichmann

In Flüchtlingslagern hoffen vertriebene Sahauris seit Jahrzehnten auf ihre Rückkehr in die Westsahara. Ein Besuch in der algerischen Wüste

Es ist noch früh am Morgen, als Habibulah zu seinem Freund Mohammed eilt. Unterwegs begegnet er einem gebeugten Mann, der einen Handkarren voll dampfender Fladenbrote hinter sich herzieht. Und wie jeden Tag bringt ein Tanklastwagen unter lautem Hupen Trinkwasser. Mohammed ist einer der wenigen, die Strom und einen Laptop haben. In seinem Postfach findet Habibulah, worauf er gewartet hat: eine Nachricht von Freunden aus Übersee, die Stipendien für ein Studium in den USA und Kanada ergattern konnten. Mit etwas Glück, sagt er, werde er das auch schaffen. Habibulah und Mohammed leben im Flüchtlingslager Smara in der algerischen Wüste. Wie alle Sahauris, so nennen sich die  ursprünglichen Bewohner der Westsahara, warten sie auf die Rückkehr in ihre Heimat – manche von ihnen seit Jahrzehnten.

Bei Mamun Brahim in Berlin-Kreuzberg gibt es zur Begrüßung traditionell zubereiteten Grüntee. Die Teezeremonie, das sei ein Stück Heimat, sagt er, während er den ersten Aufguss in der Teekanne mit Zucker süßt. Dann gießt er die dampfende bernsteinfarbene Flüssigkeit in schmale Gläser, die auf einem Silbertablett stehen. Mamun Brahim stammt aus der Lagunenstadt Dakhla. „Die Menschen in Deutschland nehmen kaum Notiz vom Schicksal der Sahauris“, klagt der Mann, „was sich in der Westsahara abspielt, interessiert in Europa niemanden.“ Um das zu ändern, sei er hier. Brahim ist eine Art Diplomat seines Volkes, der für die Anerkennung der Westsahara wirbt.

Die Heimat der Sahauris gilt als die letzte verbliebene Kolonie Afrikas. Dabei hätte der schmale Streifen Land an der westafrikanischen Küste längst in die  Unabhängigkeit entlassen werden sollen. Am 27. Februar 1976 hatte sich die Kolonialmacht Spanien zum Rückzug aus „Spanisch-Sahara“ entschlossen. Einen Tag danach rief die sahaurische Befreiungsbewegung „Frente Polisario“ die „Demokratische Arabische Republik Sahara“ aus. Doch die Freiheit währte nicht lange. Die Nachbarn Marokko und Mauretanien beriefen sich auf alte Stammeszugehörigkeiten und marschierten in die Westsahara ein.

Mit Unterstützung Algeriens nahm die Polisario den bewaffneten Kampf gegen die neuen Besatzer auf. Anfangs mit Erfolg: Überrascht vom hartnäckigen Widerstand der Polisario-Kämpfer, zogen sich die mauretanischen Truppen 1979 aus der Westsahara zurück. Marokko hingegen beharrte auf seinen Ansprüchen. De facto hat das Land weite Teile der Westsahara annektiert und einen 2000 Kilometer langen verminten Sandwall gezogen. Erst 1991 konnten sich beide Seiten auf einen Waffenstillstand einigen, der bis heute andauert. Seither lebt das Volk der Sahauri über drei Gebiete verstreut: Die von Marokko besetzte Zone am Atlantik bewohnen rund 120.000 Sahauris und 300.000 marokkanische Siedler. In der „befreiten Zone“, einem schmalen Streifen, den die Polisario behaupten konnte, leben nur einige Beduinenstämme. Und in den Flüchtlingslagern in Algerien sind schätzungsweise 167.000 Sahauris auf internationale humanitäre Hilfe angewiesen.

In der Nähe der algerischen Garnisonsstadt Tinduf gibt es mittlerweile fünf Flüchtlingslager. Es sind die einzigen weltweit, die nicht vom Asyl gewährenden Staat, sondern von den Flüchtlingen selbst verwaltet werden. Die Sahauris erproben, wie ein eigener Staat funktionieren könnte. Im algerischen Exil haben sie einen demokratisch gewählten Präsidenten, Ministerien und ein Parlament etabliert. Darüber hinaus unterhält die Polisario in 43 Ländern, die die Westsahara als unabhängigen Staat anerkennen, Büros mit Botschaftern. In 38 weiteren Ländern, die das nicht tun, nennen sie sich Repräsentanten. Einer von ihnen ist der 59-Jährige Brahim in Berlin – auf Druck von Frankreich, das treu an der Seite Marokkos steht, erkennt die gesamte EU die Westsahara nicht an.

In allen fünf Flüchtlingscamps ist die medizinische Grundversorgung gewährleistet, es gibt sogar ein Krankenhaus. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt mit 77 Jahren höher als in allen anderen Staaten des Maghreb-Gürtels. Außerdem gibt es ein flächendeckendes Netz an Grundschulen, mehr als 90 Prozent der Männer und Frauen können lesen und schreiben. Diese Alphabetisierungsquote ist in der gesamten arabischen Welt unerreicht. Die Frauen genießen hohes Ansehen, denn sie errichteten die Flüchtlingslager, während ihre Männer um die verlorene Heimat kämpften. Sie tragen farbenfrohe Gewänder und drücken damit, wie sie selbst sagen, ihr Selbstwertgefühl aus. Die Verschleierung, beteuern sie, diene vornehmlich als Sonnenschutz.

Lehmhütten haben die meisten traditionellen Zelte abgelöst. Vereinzelt gibt es sie noch, sie dienen Großfamilien als Wohnzimmer oder Versammlungsraum. Von einer Anhöhe am Rand von Camp Smara, dem größten der fünf Sahauri-Lager, erscheinen die quaderförmigen Hütten wie willkürlich in die Wüste geworfene  Bauklötze. Mehrstöckige Häuser gibt es nicht. Die Moscheen kommen ohne Minarette aus, haben aber leistungsstarke Lautsprecher.

Mit einem alten Land Rover geht die viertelstündige Fahrt ins Camp Rabouni, wo sich neben dem Exil-Regierungssitz und der sahaurischen Radio- und Fernsehanstalt auch das Hauptquartier der Polisario befindet. So oft es geht, arbeitet Habibulah für die sahaurische Widerstandsbewegung, als Fremdenführer betreut er ausländische Gäste. Irgendwann, sagt er, werde er hoffentlich genug Trinkgeld gespart haben, um sich für das Stipendium in Kanada bewerben zu können.

Auch wenn sich die Sahauris ihr Leben in den Notunterkünften einigermaßen gut eingerichtet haben, liegen ihre Camps in einer der lebensfeindlichsten Regionen der Welt. Dieser Teil der Sahara, die Hamada, ist besonders unwirtlich und besteht nur aus Sand und Geröll. „In den Sommermonaten gehen wir erst in den Abendstunden ins Freie“, sagt Mohammed. Bei 60 Grad sei es selbst drinnen im Schatten kaum auszuhalten. Viele Sahauris versuchten deshalb, in den heißen Monaten einen Job als Tagelöhner in Spanien zu bekommen. Doch seit der Wirtschaftskrise hätten sie kaum noch Chancen. Vor allem Jugendliche leiden unter der Perspektivlosigkeit und der Langeweile in den Lagern. Über Fernsehen und Internet versuchen sie, am westlichen Leben teilzuhaben. In den Flüchtlingscamps gibt es weder Cafés noch ein Theater oder Kino. Man trifft sich daheim zum Fußball- oder Computerspielen.

In den Nachrichten müssen die Menschen in den Lagern immer wieder mitansehen, wie Angehörige ihres Volkes jenseits der Grenze gedemütigt und unterdrückt werden. Gegen Demonstranten, die einen unabhängigen Staat fordern, geht die marokkanische Armee rabiat vor. Manchmal reicht es schon, eine Abbildung der sahaurischen Flagge mit sich zu führen oder Hassania zu sprechen, den in der  Westsahara und in Mauretanien gebräuchlichen arabischen Dialekt, um verhaftet oder mit Schlagstöcken traktiert zu werden. Selbst gegen Frauen und Kinder werden die Einsatzkräfte  gewalttätig, wie die sahaurische Menschenrechtsorganisation „Afapredesa“ dokumentiert. Zwar ist eine  Beobachtermission der Vereinten Nationen vor Ort, doch deren Mandat sieht nur die Überwachung des Waffenstillstands vor. Über die Menschenrechtsverletzungen sehen die Blauhelme bislang hinweg. Eine entsprechende Ausweitung des UN-Mandats scheitert bis heute am Veto Frankreichs.

„Es sind vor allem die brutalen Übergriffe auf die sahaurischen Frauen, die junge Menschen in den Lagern zu radikalisieren drohen“, sagt Zein Mohammed Sidahmad, der Vorsitzende der Polisario-Jugendorganisation. „Bei dem hohen Ansehen, das die Frauen in unserer Gesellschaft genießen, sind solche demütigenden Bilder für sie kaum zu ertragen.“ Sie wirkten auf die zunehmend frustrierte Jugend in den Camps wie Brandbeschleuniger.

Wütend sind die Flüchtlinge auch darüber, dass die Marokkaner wie Kolonialherren ihr Land ausbeuten: riesige Phosphatvorkommen, neu entdeckte Öl- und Gasfelder, die reichen Fischgründe vor der Küste, die der marokkanische König an die EU verhökert. Der ganze Reichtum der Westsahara werde geplündert, ohne die sahaurische Bevölkerung an den Gewinnen zu beteiligen. „Viele junge Sahauris haben genug vom gewaltlosen Widerstand, sie wollen wieder zu den Waffen  greifen“, sagt Zein. Sie verglichen ihre Situation mit der Lage der Palästinenser. Deren Anliegen schaffe es nicht wegen ihrer friedlichen Proteste, sondern wegen der Intifada in die Medien.

Lange hatten die Sahauris auf die internationale Gemeinschaft gehofft: Schließlich hat der Internationale Gerichtshof vor langer Zeit das Selbstbestimmungsrecht der Sahauris anerkannt und die UN haben ein Referendum über die Unabhängigkeit versprochen – doch Marokko verhindert das bis heute. Strittig zwischen den beteiligten Parteien ist, wer überhaupt abstimmen darf. Das Königreich hat bislang jeden Vermittlungsversuch der UN abgelehnt. Die Enttäuschung der Vergessenen ist groß: In der Sahara tickt eine Zeitbombe.