Fokus

Das weiße Gold
aus dem Meer

Wie Frankreichs Salzgärten durch den Anstieg des Meeresspiegels zu verschwinden drohen

Olivier Péréon (rechts) spricht mit einem befreundeten Salzbauern an seiner Schleuse, mit der er alle paar Wochen Wasser in seine Becken läßt
Olivier Péréon (rechts) spricht mit einem befreundeten Salzbauern an seiner Schleuse, mit der er alle paar Wochen Wasser in seine Becken läßt
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Das weiße Gold
aus dem Meer

Wie Frankreichs Salzgärten durch den Anstieg des Meeresspiegels zu verschwinden drohen

Text: Hanna Gieffers

Fotos: Espen Eichhöfer

Olivier Péréon (rechts) spricht mit einem befreundeten Salzbauern an seiner Schleuse, mit der er alle paar Wochen Wasser in seine Becken läßt
Olivier Péréon (rechts) spricht mit einem befreundeten Salzbauern an seiner Schleuse, mit der er alle paar Wochen Wasser in seine Becken läßt

Olivier Péréon lebt wie sein Vater und Urgroßvater vom Meersalz, das er täglich per Hand erntet. Doch der Anstieg des Meeresspiegels bedroht seine Salzgärten im französischen Guérande – und die seiner Söhne. Péréon kämpft gegen den Klimawandel und zeigt afrikanischen Salzbauern, wie sie Meersalz gewinnen, ohne die kostbaren Mangrovenwälder abzuholzen.

Heute wird es nichts mit den Salzblumen. „Mist“, grummelt Olivier Péréon in die kühle Morgenluft. Mit einem Stock stößt er kleine Löcher in hauchdünne Salzinselchen, die auf der Wasseroberfläche seiner Lehmbecken schwimmen. Das Wasser des Atlantiks sammelt sich in diesen Becken und gibt, nachdem es verdunstet, das Salz frei. Doch die edelsten Kristalle, die ‚fleur de sel‘, sind eigenwillig wie Orchideen. Sie zeigen sich nur in voller Pracht, wenn Meer, Sonne und Mensch in einem sensiblen Gleichgewicht zusammenspielen.

„Es ist zu feucht“, sagt Péréon. Heute wird er nur grobe Salzkörner von den Böden seiner Becken kratzen können. Schon sein Vater und Großvater haben hier an der Atlantikküste bei Guérande Salz geerntet. Der 52-jährige Péréon hofft, dass seine Enkel die Tradition fortsetzen können. Doch der Anstieg des Meeresspiegels gefährdet diesen Wunsch.

Salzbauern zähmen in Guérande seit über tausend Jahren das Meer und trotzen ihm sein weißes Gold ab. Durch den Klimawandel droht es jedoch die fragilen Gärten unter Wassermassen zu begraben. Immer heftigere Stürme knabbern am Schutzdeich.

Blick über die Salzfelder in der Bucht von Guérande. Am Horizont ist das gleichnamige Dorf zu erkennen
Blick über die Salzfelder in der Bucht von Guérande. Am Horizont ist das gleichnamige Dorf zu erkennen
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Das Wasser steigt stetig, seit den Achtzigerjahren um drei Millimeter pro Jahr, so der Weltklimarat IPCC. Bis zum Ende des Jahrhunderts, sagen sie voraus, würde der Meeresspiegel fast über einen Meter des heutigen Pegels stehen. Kein Deich könnte die Gärten von Guérande vor dieser Höhe retten.

An diesem Morgen im August scheint dieses Zukunftsszenario jedoch wie ein ferner, dystopischer Science-Fiction-Film. Die Sonne und der wolkenlose Himmel spiegeln sich in den unzähligen Becken, Vögel wie der schwarz-weiße Säbelschnäbler staksen durchs Wasser. In der Ferne rauschen die Wellen. Eine Szenerie, wie die pastellfarbene Welt eines Rosamunde-Pilcher-Films.

Nach einer Stunde hat Olivier Péréon die ersten seiner 54 Becken geerntet. Mit seinen vom Wind zerzausten, grauen Haaren und der sonnengegerbten Haut erinnert er an einen Seemann. Trittsicher balanciert er auf den Wegen aus Lehm um das zehnte Becken herum. Beugt sich runter zum Rand und öffnet eine Holzklappe, Wasser fließt hinein. Es gurgelt und schäumt, kleinste Wellen plätschern an die Lehmwände. Péréon kennt diesen Handgriff, seit er zehn ist und zum ersten Mal seinem Vater half. „Früher fand ich das unheimlich langweilig“, sagt er. Sein einziges Highlight war die Banane, die sein Vater ihm jedes Mal nach getaner Arbeit gab. Seit 37 Jahren ist er nun selbst Salzbauer – und empfindet seine Arbeit heute wie Meditation. „Es gibt für mich keinen schöneren Job“, sagt er. „So im Einklang mit dem Meer.“

Salzherstellung ist immer Teamarbeit. Hier lagern die Salzbauern der Kooperative Teile der Jahresernte ein
Salzherstellung ist immer Teamarbeit. Hier lagern die Salzbauern der Kooperative Teile der Jahresernte ein
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Péréon und die anderen Bauern ernten per Hand. Alle zwei Wochen füllt eine große Flut fünfzig Kilometer lange Kanäle mit Meerwasser. Aus einem Teich lässt Péréon es dann peu à peu durch ein Labyrinth aus Lehmbecken fließen. Mit jedem erhöht sich der Salzgehalt, bis er schließlich statt wie zu Beginn bei 35 Gramm pro Liter bei zweihundert liegt. Dann ist Erntezeit.

Mit Schwung schiebt Olivier Péréon einen fünf Meter langen Holzrechen über den Boden des Beckens. So fest, dass er möglichst viel Salz sammelt, ohne den fragilen Lehmboden abzutragen. Die weißgrauen Kristalle häuft er mit kurzen Rechen-Zügen zu glitzernden Hügeln am Rand.

Péréon sieht das Meer nicht. Die grasbewachsenen Kanalränder versperren ihm die Sicht. Doch er fühlt es. Er riecht die salzgeschwängerte Luft mit jedem Atemzug. Hört es in den Schreien der Möwen, die über ihm kreisen. Bemerkt seine unsichtbare Kraft daran, wie hoch das Wasser in den Kanälen steht. „Lange war das Meer ein Segen“, sagt er. „Durch den Klimawandel wird es mehr und mehr zum Fluch.“ Zum Beispiel durch Stürme, die häufiger und heftiger werden. Wie am 28. Februar 2010, als um vier Uhr nachts der Orkan Xynthia mit hundert Stundenkilometern riesige Wellen Richtung Küste peitschte. Das Wasser riss über zwanzig Löcher in den zwei Meter hohen Steindeich, der die Gärten schützt. Löcher, durch die das Wasser in die fragilen Lehmbecken strömte. Und fast die Hälfte zerstörte.

Nur wenige Meter von den Lehmbecken entfernt wird das Salz in Schachteln, Tüten und Pappbehälter abgefüllt
Nur wenige Meter von den Lehmbecken entfernt wird das Salz in Schachteln, Tüten und Pappbehälter abgefüllt
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Péréon und die anderen Salzbauern hatten acht Wochen Zeit, den Deich zu reparieren und die Becken zu säubern. Wäre der Sturm nur ein paar Wochen später über die Küste gefegt, die Jahresernte wäre verloren gewesen.

Auch Kollegen, deren Felder nicht überschwemmt wurden, packten beim Aufräumen an. Solidarität ist in Guérande mehr als ein Schlagwort einer Unternehmensbroschüre. Zu sehen an diesem Nachmittag: Sechzig Bauern lagern auf dem Hof der Kooperative „Les Salines de Guérande“ Salz ein.

Auch die Ernte aus Péréons Gärten liegt auf einer der beiden fünf Meter hohen Halden. Ein Bauer steht davor und dirigiert: „Halt, langsam“, dann „Zieht, weiter“. Wie Ameisen klettern die anderen auf dem Salz umher. Und ziehen grüne Planen über die Hügel. Sie sollen auch den heftigsten Stürmen standhalten.

Zusammenarbeit ist die Stärke der Bauern. Durch die Gründung der Kooperative in den Siebzigerjahren können sie bis heute von ihrem Handwerk leben. Alle Mitglieder liefern ihr Salz ab, gemeinsam kümmern sie sich um den Verkauf und die Vermarktung. Vorher hatten viele aufgegeben, zu niedrig war ihr Einkommen. Doch gemeinsam konnten sie die Dumpingpreise der Großhändler ändern. Sie wehrten sich auch gegen Pläne, die Kulturlandschaft durch Ferienwohnungen und Durchgangsstraßen zu zerstören.

Olivier Péréon (rechts) hilft mit seinem Kollegen Salzbauern in Afrika, mal vor Ort, mal aus dem heimischen Büro – zum Beispiel via Skype nach Guinea-Bissau
Olivier Péréon (rechts) hilft mit seinem Kollegen Salzbauern in Afrika, mal vor Ort, mal aus dem heimischen Büro – zum Beispiel via Skype nach Guinea-Bissau
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Heute gehören knapp zwei Drittel aller Bauern in Guérande der Kooperative an. Auch Péréon ist eines der dreihundert Mitglieder. Das Salz hat Bio-Qualität, ist weltweit bekannt und bringt über zwanzig Millionen Euro Umsatz pro Jahr.

Eine Erfolgsgeschichte, für die auch Olivier Launais verantwortlich ist, der Präsident der Kooperative. Er schaut seinen Kollegen zu, wie sie die Salzberge wetterfest schnüren. Ein ‚Salut‘ hier, zwei Küsschen dort. Mit seiner Sonnenbrille, die auf seinen langen blonden Haaren steckt, sieht er mehr wie ein Surfer aus als wie ein Bauer. Launais setzt sich auf einen Holzstapel neben den Halden und zündet sich eine Zigarette an. „Wir können die Salzgärten an vieles anpassen“, sagt er, plötzlich ernst. „Aber den Kampf gegen den Klimawandel werden wir verlieren.“

Seine Strategie ist deshalb eine Verzögerungstaktik: Er will bei Überschwemmungen nicht mehr gegen das Meer arbeiten, sondern mit ihm. Das Wasser soll bei Stürmen mehr Raum haben, damit es weniger kaputtmacht. Es soll in das Labyrinth aus Kanälen eindringen können und nicht mehr draußen gehalten werden. Gleichzeitig kämpft er im Kleinen gegen das langsame Ertrinken der Gärten. Indem er hilft, Mangrovenwälder in afrikanischen Ländern zu retten, arbeitet er gegen den Klimawandel und den Anstieg des Meeresspiegels an. Für manche mag dies wie ein Wassertropfen in einem Ozean sein, Péréon hat keine Zweifel an seinem Engagement. Und Launais und seine Kollegen helfen auch andernorts: Seit fast dreißig Jahren fahren er, Péréon und einige andere immer wieder nach Afrika und zeigen dort Bauern, wie sie Salz gewinnen, ohne kostbares Mangrovenholz zu verbrennen. Sie haben dafür den Verein „Univers-Sel“ gegründet. Die Wälder haben enormen Einfluss auf das Klima. Durch die Zerstörung landen jedes Jahr bis zu 120 Millionen Tonnen CO2 in der Atmosphäre.

Péréons Salzgärten umfassen 54 Becken, die er im Sommer fast täglich erntet
Péréons Salzgärten umfassen 54 Becken, die er im Sommer fast täglich erntet
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„Die Arbeit mit den afrikanischen Kollegen gibt meinem Leben Sinn“, sagt Olivier Péréon, während er im Auto über die verschlungenen Wege zwischen den Salzgärten brettert. „Nur für sich zu leben, macht keinen Spaß.“ Péréon ist auf dem Weg zu einem Skype-Gespräch mit Entwicklungshelfern aus Guinea-Bissau. Das Büro von „Univers-Sel“ liegt nur wenige Minuten von Péréons Gärten entfernt.

Vor dem PC wartet Péréon mit einem Kollegen darauf, dass die Verbindung steht. An der Wand neben der Tür hängt ein schwarzes Poster mit der Aufschrift „Die Salzgärten dürfen nicht sterben“, ein Relikt aus dem Überlebenskampf der Siebziger in Guérande. Eine weiße Flagge mit dem blauen „Univers-Sel-Logo“ überdeckt es fast.

Das Ziel des Vereins: Sie wollen afrikanische Bauern für eine nachhaltige Salzherstellung begeistern. Statt das Meerwasser durch Feuer zu erhitzen, nutzen viele Leute im Senegal, in Benin oder Guinea-Bissau dank der Hilfe aus Guérande jetzt die Kraft der Sonne. Sie lassen das Wasser dafür in Becken fließen. Über den Tag verdunstet es, zurück bleibt nur eine feine Salzschicht. Die Skype-Verbindung steht: Péréon erklärt den Helfern aus Guinea-Bissau, wie sie ein Rohr am besten durch einen Damm führen, damit das Wasser richtig abfließt. Seine Hände kann er dabei nicht stillhalten, er dreht permanent an einer Schraube seines Stuhls, schaut auf die Uhr. Nach 15 Minuten entschuldigt er sich: „Das Salz erntet sich nicht von alleine.“

Abends zeugen in den Salzfeldern des französischen Guérande noch die aufgehäuften Salzberge von der schweren körperlichen Arbeit des Tages
Abends zeugen in den Salzfeldern des französischen Guérande noch die aufgehäuften Salzberge von der schweren körperlichen Arbeit des Tages
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In den letzten vier Jahren haben die Bauern aus Guérande 1500 Menschen in Afrika helfen können. Heute ist Péréon Präsident von „Univers-Sel“, seine Frau die Sekretärin, ihr gemeinsamer Sohn Paul hat mehrwöchige Missionen geleitet. Ein Verein wie ein Familienunternehmen.

Zurück im Salzgarten hat Péréon noch zehn Becken abzukratzen. Er muss immer öfter pausieren, stützt sich auf seinen Rechen und massiert seine linke Schulter. Sein Sohn Paul, 27, läuft leichtfüßig ohne Schuhe über die Lehmwege seiner eigenen Becken. Péréon nickt ihm zu. „Mein Vater wollte damals nicht, dass ich in seine Fußstapfen trete“, erinnert sich der 52-jährige Péréon. Zu unsicher, zu wenig Geld. Heute ist er froh, dass er nicht auf ihn gehört hat und sein Sohn Paul die Familientradition weiterführt.

Am Abend lässt sich Olivier Péréon mit einem tiefen Seufzer auf einen Stuhl vor seinen Geräteschuppen fallen. Auch sein Vater saß hier schon. An der Wand hängt sein alter Rechen. Péréon trinkt wie jeden Abend einen Bananenshake, die Belohnung für seinen Arbeitstag. Den Geschmack, den er seit seiner Kindheit mit den Salzgärten verbindet. Manche Sachen ändern sich eben nicht.

Weitere Geschichten, wie der Mensch und das Meer zusammenspielen, gibt es im aktuellen Greenpeace Magazin zu lesen.