Greenpeace Magazin Ausgabe 4.02

Dealen. Tod eines Drogenhändlers

Er suchte Asyl und verkaufte Rauschgift. Er kam aus Nigeria und starb nach einem Brechmitteleinsatz in Deutschland.

Der Fall von Achidi John spaltet Hamburg: War er Opfer oder Täter?

Am Morgen des zweiten Advent schrie Achidi John: „I will die.“ Ich werde sterben. Vier Polizisten drückten ihn auf den nackten Fußboden der Gerichtsmedizin in Hamburg. Eine Ärztin schob eine Magensonde durch seine Nase. Achidi wehrte sich heftig, zwei Versuche waren bereits gescheitert. Um 9.15 Uhr flößte die Ärztin ihm 30 Milliliter des Brechmittels Ipecacuanha ein, dazu 800 Milliliter Wasser. Um 9.23 Uhr fiel Achidi ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachen sollte.

„Er war ständig nach dem neuesten Schick gekleidet“, erinnert sich Wolfgang Morgenstern, der Leiter des Asylbewerberheims in Ellrich, Thüringen. John trug Lederjacke oder Blazer, sein Stolz waren seine Sneakers, die teuren von Reebok. Kein Vergleich mit den anderen Heimbewohnern, die ihre Sozialhilfe-Gutscheine bei C&A einlösen und die Kleiderkammer vom Roten Kreuz aufsuchen. „Der musste entweder einen reichen Stammesfürsten als Vater haben oder Drogen verkaufen“, sagt Morgenstern. John hatte ein Handy, sein Erkennungszeichen war eine dicke Goldkette mit einem großen Amulett. Er war etwa einen Meter siebzig groß und von bulliger Statur. Der Heimleiter konnte sich mit ihm leidlich auf deutsch unterhalten. „Achidi war unscheinbar. Wenn er mal da war, hat er sich auf sein Zimmer zurückgezogen und mit den Kamerunern gegessen.“

Wolfgang Morgenstern, ein rundlicher Mann, ehrenamtlicher Rotkreuz-Helfer, sitzt in seinem kleinen Büro zwischen Gummibaum und Plastikrosen. Er regelt das Zusammenleben von 154 Asylbewerbern mit hemdsärmeliger Menschlichkeit. Ein Schwar- zer hat ihm mal das Messer an die Gurgel gehalten, aber bei Rangeleien geht der Heimleiter noch immer dazwischen. „Ich kenn die Mentalität der Afrikaner: In der ersten Rage hauen die dir was an’n Kopp. Am nächs-ten Tag kommen sie kleinlaut und entschuldigen sich: &Mac226;Oh, ich hatte große Kopfschmerzen.‘“ Um seinen Asylbewerbern die Fahrten zur Volkshochschule zu ersparen, hatte Morgenstern einen Deutschkurs im Heim organisiert. Aber der schlief mangels Teilnehmern ein. In neun Sprachen hat er am Schwarzen Brett die Termine für den 14-tägigen Wäschewechsel angeschlagen. Daneben steht: „Es ist verboten und unhygienisch, Pampers in die Duschen zu legen!“ Über Achidi John urteilt der Heimleiter: „Er war ein ruhiger Knabe, der ordentlich seine Reinigungsaufgaben erfüllte.“

Am 12. Juli 2000 stellte ein junger Schwarzafrikaner einen Antrag auf Asyl in der Bundesrepublik Deutschland. Sechs Tage später erschien er zur persönlichen Anhörung beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, Außenstelle Jena. Er kam ohne Anwalt, sprach Englisch und gab sich als kamerunischer Staatsangehöriger aus. Geboren am 6. Januar 1982. Als Namen nannte er Achidi John.

Der frühere Premierminister von Kamerun hieß Simon Achidi.

Aus der Akte seiner Anhörung: Ich weiß nicht, welchem Stamm oder welcher Volksgruppe ich angehöre. Ich spreche keinen Dialekt. Ich kann nicht lesen, nur ein wenig schreiben. Papiere habe ich niemals besessen. Im Alter von fünf Jahren hat meine Mutter mich nach Won gebracht, das liegt in der Nähe von Bata. Seit meinem siebten Lebensjahr diente ich König Eze von Won, bis er 1999 starb. Dann sperrten mich die Leute in einen Käfig ein und sagten, ich solle geopfert werden. Ich konnte fliehen, mit einem Kanu kam ich zu einem großen Schiff, wo ich mich im Laderaum versteckte. Als die Leute mich entdeckten, gab ich ihnen das Gold, das ich vom König mitgenommen hatte. Da behandelten sie mich gut. In einem Hafen sagten sie, ich solle in die Stadt gehen. Später erfuhr ich, dass dies Hamburg war.

Am 13. September 2000 wies das Landesverwaltungsamt Thüringen Achidi John der Gemeinschaftsunterkunft in Ellrich zu, einem Städtchen mit viel Fachwerk und gepflegten Vorgärten am Südrand des Harzes&Mac226; 6750 Einwohner. Das Asylbewerberheim am Ortsrand ist durch einen Maschendrahtzaun vom städtischen Bauhof getrennt. Ein dreistöckiger Plattenbau, in der grauen Fassade hängt noch der Braunkohleruß der DDR. Hinter dem Haus eine Schaukel, Vol-leyballnetz, Fußballplatz. Achidi bekam das linke von zwei Betten in Zimmer 204. Kahle weiße Wand und abgetretener Teppich, Kleiderschrank, Fernseher, Kühlschrank. Besuch bis 22 Uhr gestattet. Achidi erhielt einen Schlüssel und die Grundausstattung zum Kochen: einen tiefen und einen flachen Teller, Topf, Pfanne, Besteck.

Michael aus Sierra Leone sagt: „Die Leute in Ellrich sind freundlich zu Ausländern, Probleme mit Nazis gibt’s nur in der Disco in Nordhausen.“ Der Asylbewerber hat mit John zusammen gewohnt, aber er kennt ihn nicht, „weil er selten da war“.

Ein Asylbewerber darf seinen Landkreis nur mit Urlaubsschein verlassen. „Das ist Käse“, sagt Morgenstern, „die sollten sich in Deutschland frei bewegen können.“ John blieb dreimal länger als einen Monat weg. Er wurde zu 30 Tagessätzen à 20 Mark verurteilt und vereinbarte Ratenzahlung. Fünfmal nahm ihn die Polizei in Hamburg als mutmaßlichen Dealer fest. Sie konnte ihm nichts beweisen und ließ ihn wieder laufen.

Im Juli 2001 beschloss Hamburgs rot-grüner Senat Brechmitteleinsätze gegen mut-maßliche Dealer. Innensenator Olaf Scholz (SPD) wollte mit einer harten Drogenpolitik retten, was gegen den Law-and-Order-Populisten Ronald Schill nicht mehr zu retten war. Der gewann bei der Bürgerschaftswahl am 23. September 19,4 Prozent der Stimmen und löste Scholz als Innensenator ab.

Ein Drogenfahnder des Landeskriminalamts Hamburg. Wenn er in seinem Büro am Steindamm 82 aus dem Fenster schaut, liest er: „Heute habe ich meine Gnade an euch erfüllt“, in großen Buchstaben auf die Rückwand der Moschee im Stadtteil St. Georg gemalt. Wenn er auf die Wand über seinem Schreibtisch schaut, sieht er 50 Steckbriefe: „Intensivtäter Rauschgift“. Wer in sechs Monaten sechsmal beim Dealen erwischt wird, kommt in diese Kategorie. Zu jedem Steckbrief gehört das Foto eines Schwarzafrikaners.

Im Februar 2002 führt die Dienststelle „Frontdeal“, LKA 63, in ihrer Kartei 145 Intensivtäter Rauschgift; 95 Prozent sind Schwarzafrikaner. Die Statistik verzeichnet für das vergangene Jahr 1421 Verstöße von Afrikanern gegen das Betäubungsmittelgesetz. Der Fahnder schätzt die Zahl der schwarzen Straßendealer in Hamburg auf 700. Seit Mitte der 90er Jahre beherrschen sie den Handel mit Kokain und Crack. Sie betreiben den Rauschgifthandel als Einnahmequelle, die wenigsten von ihnen sind selbst abhängig. Das Einwohnerzentralamt hat rund 12.000 Schwarzafrikaner in Hamburg registriert.

Der Fahnder zeigt keine Sympathie für die einfachen Rezepte des Populisten Ronald Schill. Aber er kennt die kriminelle Findigkeit der Dealer. Am Flughafen von Lagos hat ein Kollege eine fotokopierte Gebrauchsanweisung für Deutschland gefunden: den Pass nach der Einreise verlieren, sich an keine Zwischenlandung erinnern, das Alter unter 16 Jahren angeben. Wenn der Fahnder Aufenthaltsgestattungspapiere kontrolliert, liest er Fantasienamen wie: „John Unbekannt“, oder „EKU Sixtynine“ – EKU wie das Bier aus Kulmbach. Er kennt Fälle, in denen der Schleuser weiterhin als Drogenlieferant fungiert. Bei einer Telefonüberwachung hat er mitgehört, wie sich eine Mutter in Nigeria für das überwiesene Geld bedankt, sie hätten schon das dritte Haus gebaut. Er weiß, dass Nigerianer vom Volk der Ibo den Zwischenhandel organisieren. „Und beim täglichen Räuber- und Gendarm-Spiel kriegen wir nur die Dummen.“

Die Frustrationen und vielleicht auch die rassistische Grundeinstellung etlicher Beamter entluden sich während der 90er Jahre in Übergriffen gegen Schwarzafrikaner. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss zum „Hamburger Polizeiskandal“ ging Hinweisen auf Schläge, Misshandlungen mit Desinfektionsmitteln und Tränengas sowie Scheinhinrichtungen nach.

Der Fahnder sieht die schwarzen Dealer als stolze Menschen. Keiner macht Aussagen. „Das wäre Verrat, weil die Schwarzen sich alle als Brüder verstehen.“ Wie sieht er Achidi John? War er ein Verbrecher? „Nein, das klingt so nach Schwerverbrecher“, sagt der Fahnder und hält sich am Geländer der Behördensprache fest. „Er war ein Straftäter, der durch einen Unglücksfall zu Tode gekommen ist. Aber er wurde kein Opfer der Strafverfolgung.“

Am 15. Januar 2001 lehnte das Bundesamt den Asylantrag von Achidi John als unbegründet ab. Er habe die behauptete Einreise auf dem Seeweg nicht nachgewiesen. Da in Kamerun keine Fälle von Menschenopfer bekannt seien, sei auch „dieses Vorbringen aus asylrechtlicher Sicht nicht relevant“.

Wenige Tage später suchte John den Rechtsanwalt Hans Albecker in Hamburg auf, der schon viele Schwarze in Asylsachen vertrat. Er vermutet, dass John über Mundpropaganda zu ihm gekommen ist. Am 26. Januar 2001 klagte der Anwalt gegen die Ablehnung des Asylantrags. Als sein Mandant nichts vorbringen konnte, was die Umstände seiner Flucht glaubhafter belegt hätte, wurde das Verfahren am 20. Juli 2001 eingestellt. Wie sieht Hans Albecker seinen toten Mandanten? Der Anwalt schaut aus dem Fenster, hinunter auf den zähen Verkehr. Über den Menschen Achidi John will er sich nicht äußern. Doch Brechmitteleinsätze betrachtet er als unverhältnismäßi- gen Eingriff in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit – eingeführt aus „schierem Populismus“. Auch ohne die Methode habe die Polizei ausreichende Möglichkeiten, um Beweise gegen Dealer zu sichern. „Wenn Beamte mitkriegten, dass einer weiße Kügelchen schluckte, reichte das auch schon zuvor für eine Verurteilung aus.“ bis Ende 2001 gab es in Hamburg 29 Brechmitteleinsätze. In sechs Fällen – rund 20 Prozent – stellte sich heraus, dass die Tatverdächtigen unschuldig waren.
 
Am 8. Dezember kam Achidi John zum letzten Mal in seine Unterkunft nach Ellrich. Der Heimleiter erinnert sich, dass er von einem Fremden im Auto gebracht wurde. John wechselte rasch Wäsche, dann fuhren sie los.

Hinter dem Hamburger Hauptbahnhof steht eine Baracke. Sie ist himmelblau und mit Wolken bemalt. Davor kauert eine junge Frau im Matsch. Den Kopf hat sie schräg auf die verschränkten Arme gelegt. Ihre Augen glänzen entrückt. Sie wartet. Das „Drob Inn“ lässt nur 50 Süchtige gleichzeitig ein. In zwei Konsumräumen können sie sich einen Schuss setzen oder eine Crack-Pfeife rauchen. Voriges Jahr verzeichnete das „Drob Inn“ 63.000 sogenannte Konsumkontakte. In Hamburg gab es 101 Drogentote.

Peter Möller, der Leiter des „Drob Inn“, kennt die Wirkung von Crack: Nach fünf Sekunden setzt der Flash ein, nach zwei Minuten landet der Raucher schon wieder hart in der Realität. Depressionen und Verfolgungsängste sind gängige Nebenwirkungen. Ein Crack-Junkie verwahrlost und wird schnell psychisch abhängig. Das zwingt zu häufigem Rauchen. Solange Hamburg die offene Drogenszene tolerierte, verkauften viele Crack-Dealer der Einfachheit halber im Umkreis des „Drob Inn“. Wenn die Polizei auftauchte, gingen die Händler in die Drogenberatungsstelle, da waren sie vor dem Zugriff sicher. Nur die schwarzen Dealer haben dieser Lösung nicht getraut. Wie sieht Peter Möller den Dealer John? Da kann er nicht zwischen Täter und Opfer unterscheiden: „Die Schwarzafrikaner sind arme Würste. Die werden eingeschleust, um für ihre Familien Geld zu machen.“

Am zweiten Advent, 9. Dezember 2001, morgens um 8.20 Uhr, nahmen Fahnder des Hamburger Kommissariats 11 John in der Danziger Straße fest, in Sichtweite der verspiegelten Fassade von LKA 63. Sie beobachteten, wie er schluckte, und nahmen ihn mit zur Wache. Der Dienst habende Staatsanwalt ordnete Brechmitteleinsatz zur Beweissicherung an. Ein Streifenwagen brachte John ins gerichtsmedizinische Institut, Butenfeld 34, am Rand der Universitätsklinik Eppendorf, Haus N 81. Ein Vordach mit bröckelndem Beton, drei Neonleuchten, drei Stufen. Im Untersuchungsraum wurde John panisch, wehrte sich mit Tritten und Schlägen, machte dabei einen körperlich kräftigen Eindruck. Die Polizisten forderten Verstärkung an. Vier Mann drückten ihn auf den blaugesprenkelten Fußboden. Noch bevor das Brechmittel wirkte, kolabierte John. Nach drei Minuten stellte die Ärztin einen Herzstillstand fest und versuchte, ihn wieder zu beleben. John kam auf die Intensivstation. Mittels einer Magenspiegelung holte Professor Klaus Püschel, Leiter der Rechtsmedizin, 41 Kugeln Crack und Kokain aus Johns Magen. Wie üblich war das Rauschgift in Zellstoff gewickelt, zu Kügelchen geformt und wasserdicht in Zellophan verschweißt. So kann der Dealer seine Ware im Mund transportieren und hinunterschlucken, sobald die Polizei auftaucht. 41 Betäubungsmittelbehältnisse, groß wie Haselnusskerne. 

Am 12. Dezember registrierten die Ärzte bei zwei neurologischen Untersuchungen keine Gehirnströme mehr. Um 14.20 Uhr stellten sie die lebenserhaltenden Geräte ab. Klaus Püschel erhielt in den folgenden Tagen Morddrohungen per Post.

Am 13. Dezember 2001 benachrichtigte die Ausländerbehörde den Heimleiter in Ellrich von Achidis Tod. Wolfgang Morgenstern ging in Zimmer 204 und packte Achidis Habseligkeiten zusammen. „Viel war’s nicht, das sah so aus, als ob er nicht wiederkommen wollte.“ Als er seinen schwarzen Asylbewerbern vom Tod ihres Bruders erzählte, klebten sie Zettel an die Türen im Heim: Die Behörden hätten Achidi ermordet, die Deutschen seien Nazis. Nach 14 Tagen waren die Zettel wieder verschwunden.

Dr. Bernd Kalvelage, niedergelassener Internist in Hamburg, redet sich in Rage. Gleich in seiner zweiten Vorbemerkung benennt er den Chef der Rechtsmedizin, der zerknitterten Gesichts neben ihm auf dem Podium sitzt, als Folterer. Die Evangelische Akademie hat zu einer Diskussion über Brechmitteleinsätze eingeladen. Aus dem Publikum, vornehmlich Medizinstudenten, hagelt es Beleidigungen gegen Klaus Püschel: „Sie sind das Brechmittel!“ Püschel bekennt sich als Institutsleiter zu seiner Verantwortung. Als er seine Haltung begründen möchte, wird er von Zwischenrufen übertönt: „Rassist!“ Der Rechtsmediziner krümmt sich in seinem anthrazitfarbenen Anzug, ein Diskutant schleudert ihm entgegen: „Der Faschismus trägt in diesem Land traditionell schwarz.“ Dr. Kalvelage unterstellt eine „Todesstrafe durch die Hintertür“, insinuiert eine Verschwörungstheorie, bei der „die Täter keine Spuren hinterlassen haben.“

Wie sieht er Achidi John? „Er ist der Hoffnungsträger seiner Familie in Afrika. Er ist noch nicht lange in Hamburg. Er weiß nicht, was er tun soll. Er ist in eine schlechte Gesellschaft geraten.“

Auf Anweisung der Hamburger Staatsanwaltschaft wurde der Leichnam von Achidi John am 13. Dezember im Rechtsmedizinischen Institut der Freien Universität Berlin obduziert, Hittorfstraße 8. In seinem Darm fanden sich weitere vier Kugeln Rauschgift. Der Obduktionsbericht stellt fest: John hatte einen schweren Herzfehler, er hatte selbst Kokain genommen, und in Verbindung mit dem Stress der Brechmittelvergabe hätten diese Faktoren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu seinem Tod geführt.

Fünf Monate nach dem Tod hat die Hamburger Staatsanwaltschaft noch immer kein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Seit 14 Jahren steht Dembo Marenah aus Gambia hinter dem Tresen und zapft Jever-Pils. Sein Musikkeller „Fulladu“ ist ein Treffpunkt für Afrikaner und Deutsche im Hamburger Schanzenviertel. Dembo strahlt unter seiner Ballonmütze, aus den Boxen kommt Ethno-Pop. „Love and understanding for all the people in the world“, steht in Ölfarbe unter bunten Fähnchen.

Dealer wie Achidi John machen Dembo das Leben schwer. Er hat seine Meinung auf ein großes Plakat geschrieben und ins Fenster neben der Eingangstür gehängt: „Ungestört gehen Drogendealer im Schanzenpark ihren Geschäften nach. Jeder weiß es, und jeder weiß, dass dies nicht korrekt ist. Viele dieser Dealer sind Afrikaner. Ich selbst bin Afrikaner. Ich bin kein Rassist, ich bin nicht gegen meine eigenen Leute. Aber ich will, dass die Wahrheit und die sich aus ihr ergebenden Konsequenzen klar erkannt werden: Schon 20 dieser jungen afrikanischen Drogendealer werden ausreichen, dem Ansehen und dem Ruf Tausender in Hamburg lebender Afrikaner immens zu schaden.“

Die „Brothers Keepers“, eine afrodeutsche Menschenrechtsgruppe, machte sich auf die mühsame Suche nach den Eltern des Toten, von dem nur ein falscher Name bekannt war. Am 7. Mai 2002 flog Air France, Flugnummer AF 1411, den Sarg mit Achidi John aus Hamburg über Frankreich nach Nigeria. In Port Harcourt nahm Familie Nwabuisi den Leichnam ihres Sohnes in Empfang.

Im Keller des Asylbewerberheims Ellrich liegt noch ein Plastiksack mit Unterwäsche, Rasierzeug und einem roten Pullover.

Von JOHANNES SCHWEIKLE