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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

Der atomare Showdown fällt aus

Text: Kerstin Eitner

26. September 1983: Ein besonnener Mann verhindert den Dritten Weltkrieg

Eine Viertelstunde nach Mitternacht heult im Kontrollraum des satellitengestützten Raketenwarnsystems „Oko“ auf der sowjetischen Militärbasis Serpuchow-15 eine Sirene los, und an einer Monitorwand leuchtet das Wort START auf. Der Alarm signalisiert den Abschuss einer atomaren Minuteman-Rakete von einem US-Stützpunkt. Der diensthabende Kommandant, Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, muss blitzschnell entscheiden, ob es wirklich ein Angriff ist. Dann würden der Sowjetführung etwa fünfzehn Minuten bleiben, um den Gegenschlag einzuleiten.

Doch das Radar hat nichts erfasst. Petrow bezweifelt, dass die USA mit einer einzelnen Rakete angreifen würden – es müssten Hunderte gleichzeitig sein, denkt er, greift zum Telefon und meldet einen Fehlalarm. Unterdessen zeigt „Oko“ weitere Einzelstarts an. Jetzt heißt es warten. Nach nervenzerrüttenden dreizehn Minuten bestätigt das Radarsystem: keine Raketen!

Lange bleibt geheim, dass das Objektiv des Satelliten Sonnenreflexionen aufgefangen hatte – verursacht von sehr seltenen kosmischen Konstellationen, ausgerechnet über einer Raketenbasis. Als westliche Medien zehn Jahre später davon erfahren, feiern sie Petrow als Weltretter. Er selbst betont bis zu seinem Tod 2017 stets, jeder andere hätte genauso gehandelt.

Dabei war die Lage zwischen den Machtblöcken extrem angespannt. US-Präsident Ronald Reagan, für den die Sowjetunion „das Reich des Bösen“ war, plante gerade einen Raketen-Schutzschirm im Weltraum – von Spöttern „Star Wars“ genannt. Sein Gegenspieler im Kreml, der greise und schwerkranke Ex-KGB-Chef Jurij Andropow, verfügte über mehr als 400 moderne SS-20-Mittelstreckenraketen. Etwa zwei Drittel davon waren auf westeuropäische Ziele gerichtet.

Und heute? Wer könnte einen Staat stoppen, dem tatsächlich die atomare Sicherung durchbrennt?