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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

Der Bauernschlaue

Text: Toralf Staud

Seit dreizehn Jahren ist Gerd Sonnleitner 
Bauernpräsident. Wie kaum jemand sonst steht er 
für die konventionelle Landwirtschaft, die mitverantwortlich ist für Artenschwund und Klimawandel. 
Und mit viel Geschick bremst er Reformen

Der traditionelle Eröffnungsrundgang auf der Grünen Woche in Berlin, der weltgrößten Ernährungsmesse, ist für die meisten Politiker eine Härteprüfung. Eingekeilt zwischen Journalisten schiebt man sich stundenlang von Stand zu Stand, überall Essen, Lächeln und vor allem Trinken: Bier, Wein, Wodka, Obstler – den ersten Schnaps gibt’s morgens, zehn nach acht. Für Gerd Sonnleitner aber ist das stets ein Höhepunkt des Jahres.

Sonnleitner, 61, ist seit 1997 Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV) und gilt als einer der erfolgreichsten Lobbyisten des Landes. Trotz allen Spardrucks und aller Reformdebatten bekommen die Bauern weiterhin Jahr für Jahr rund sieben Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt. Nur ein Bruchteil davon fließt in eine umweltschonende Landwirtschaft, der Löwenanteil geht an Großbetriebe mit Äckern voller Monokulturen und Mastanlagen, in denen zehntausende Schweine oder Rinder stehen. Und Gerd Sonnleitner kämpft dafür, dass das so bleibt. Durchaus charmant zwar, im Inhalt aber beinhart.

Außerhalb konservativer Kreise – und natürlich der Branche selbst – besteht mittlerweile Konsens, dass es so nicht weitergehen kann mit der Landwirtschaft. Selbst der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik des Bundesernährungsministeriums hat kürzlich in einem Gutachten „grundlegende“ Reformen gefordert. Die Prinzipien der EU-Agrarpolitik sind heute noch dieselben wie in den 50er-Jahren. Doch was nach dem Zweiten Weltkrieg sinnvoll war – 
größtmögliche Ernteerträge und niedrige Preise –, sorgt seit langem schon für Probleme: Die industrialisierte Landwirtschaft beschleunigt das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten. Rückstände von Pestiziden und Kunstdünger verschmutzen Böden und Gewässer, auch zum Klimawandel trägt die konventionelle Agrarindustrie erheblich bei. Die übliche Massentierhaltung ist so ziemlich das Gegenteil von Tierschutz. Und trotz einiger Fortschritte bekämpft die EU-Agrarpolitik noch immer nicht den Hunger in der Welt. 2014 beginnt in Brüssel eine neue Finanzperiode, Umwelt-, Tierschutz- und Entwicklungshilfe-organisationen fordern einen Kurswechsel. Und auch der Expertenbeirat des Agrarministeriums – beileibe kein Hort von Ökospinnern – schreibt in seinem Gutachten: Es wäre „unverantwortlich, die gegenwärtige Politik für weitere sieben Jahre festzuschreiben“.

Berlin, Mitte Mai. Der Bundestagsausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hält eine öffentliche Anhörung über die künftige EU-Agrarpolitik ab. Neben einer Reihe von Wissenschaftlern ist natürlich auch Sonnleitner geladen. Gleich sein erster Satz ist eine geschickte Flunkerei: Er freue sich, hier „die Position der deutschen Bauern 
darlegen“ zu dürfen – was etwas anmaßend ist, wo doch die Mitgliederzahlen seines Verbandes seit Jahren sinken und sich längst alternative Bauernorganisationen gegründet haben. Die EU-Agrarpolitik sei „mit die modernste weltweit und weit besser als ihr Ruf“, fährt Sonnleitner fort, man brauche „keine Revolution, sondern eine Evolution“ – zu Deutsch: Es möge sich möglichst langsam möglichst wenig ändern. Dann sagt der Bauernpräsident etwas, das viele Bauern erstaunen dürfte: Niedrige Lebensmittelpreise seien etwas Gutes. Denn so bleibe dem Verbraucher ja mehr Geld für anderen Konsum, was dann auch der Gesamtwirtschaft nütze.

Im vergangenen Jahr klang er anders: Da schimpfte Sonnleitner lautstark über Discounter und Großmolkereien, die „gnadenlos“ die Preise drückten. Doch da stand er auch einer Rebellion von Milchbauern gegenüber. Aus Frust über die Linie des DBV liefen sie in Scharen zum neugegründeten Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) über. Der organisierte Hungerstreiks, Lieferboykotte gegen Molkereien und Demonstrationen – gegen Sonnleitner. In Brüssel bewarfen Bauern den Mann, der ihr Vertreter sein sollte, mit Eiern, Kastanien und einer Mistgabel. In Ruhstorf nahe Passau, wo Sonnleitner einen 
100-Hektar-Hof bewirtschaftet, wurde nachts mit roter 
Farbe „Verräter“ auf die Straßen gesprüht.

Die Lage hat sich inzwischen etwas beruhigt, der DBV macht weiter die alte Politik. Wie aber kann es sein, dass der Bauernverband Positionen vertritt, deren 
größte Nutznießer nur wenige Bauern sind? Bloße 1,6 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe kassieren 30 Prozent der Brüsseler Direktzahlungen. Seit vergangenem Jahr (und gegen Sonnleitners Widerstand) werden auch hierzulande alle Empfänger veröffentlicht. Seither kann man im Internet detailliert nachlesen, dass etwa die Konzerne Nordmilch und Südzucker im vergangenen Jahr 51 beziehungsweise 42 Millionen Euro kassierten. Siebenstellige Summen gingen an Geflügelgroßschlachter, Rindermastfabriken oder Agrarbetriebe, die mit wenigen Arbeitskräften auf riesigen Äckern Monokulturen anbauen. Hingegen bekommen kleinbäuerliche Familienbetriebe meist weniger als 5000 Euro – obwohl es ihnen in der Regel wirtschaftlich am schlechtesten geht und sie, so argumentieren Umwelt-verbände, am ehesten Rücksicht nehmen auf Natur- und Tierschutz. Für den Sonnleitner-Hof in Niederbayern verzeichnet die Online-Datenbank exakt 36.353,30 Euro.

Die Nebenjobs der Bauernfunktionäre seien ein Grund, weshalb sie „oftmals gegen die Interessen der eigenen Klientel entscheiden“, resümierte vor knapp zehn Jahren der Naturschutzbund in einer Studie über Lobbyverflechtungen in der Landwirtschaft. Das DBV-Spitzenpersonal sitzt auch in vielen anderen Gremien. Sonnleitner kam damals auf knapp 30 Posten 
bei Verbänden, Banken, Versicherungen oder der Lebensmittelwirtschaft. Dort kämen die Bauernvertreter regelmäßig mit den Spitzen der Agrarindustrie zusammen – und hätten am Ende oft mehr Verständnis für deren Interessen als für die eigene Basis.

Lutz Ribbe, Agrarexperte beim Umweltverband Euronatur, hat eine weitere Erklärung: Der Bauernverband werde von Landwirten geprägt, „die die Zeit dazu haben“. Es klinge vielleicht banal, aber so simpel sei es: „Wenn man ein kleiner Bauer ist, der morgens in den Stall geht und den ganzen Tag schuftet, dann hat man abends gar keine Zeit mehr, in der Kreisbauernschaft seine Interessen zu vertreten.“ Dieses 
Prinzip setze sich beim DBV fort „bis ganz nach oben“. In der Tat ist Sonnleitners Hof deutlich größer als in Bayern üblich, auch seine vier Vize-Präsidenten bewirtschaften überdurchschnittlich große Betriebe.

Fragt man Sonnleitner, warum er die Forderungen etwa von kleinen Milchbauern nicht vertritt, dann antwortet er: „Ich kann denen doch nicht nach dem Mund reden, wenn ich weiß, es lässt sich nicht durchsetzen.“ Und im EU-Dschungel kennt sich Sonnleitner 
wirklich aus: Von 1995 bis 1997, also bevor er hierzulande Präsident wurde, war er bereits Vize im europäischen Bauernverband, später stand er zwei Jahre an dessen Spitze. Für das, was er durchsetzen will, kann Sonnleitner einen immensen Apparat in Bewegung setzen. In Berlin residiert der Bauernverband in einem schicken Neubau, gemeinsam mit dem ganzen Geflecht von Organisationen der Land- und Ernährungswirtschaft: vier Stockwerke, tausende Quadratmeter Bürofläche, nur einen Katzensprung von Bundestag und Kanzleramt entfernt.

In den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen vergangenen Herbst konnte der Verband denn auch seine wesentlichen Forderungen durchsetzen. Zusätzlich zu den EU-Geldern hat die Regierung Merkel ein 750 Millionen Euro schweres „Sofortprogramm“ für die Bauern aufgelegt und die Steuerermäßigung für Traktoren-Diesel unbefristet verlängert.

Öffentliche Debatten über Sinn oder Unsinn von Agrarsubventionen wehrt der Bauernpräsident mit einem Totschlagargument ab: Sie seien „nur der mensch-lichen Eigenschaft des Neides geschuldet“. Im Interview lässt Sonnleitner Nachfragen abperlen, 
Argumenten weicht er mit Anekdoten aus. Dabei 
lächelt er meist schelmisch. In seinem bayrischen 
Dialekt klingt er stets jovial. Und selbst Kritiker bescheinigen ihm, er sei privat eigentlich ganz nett.

Industrielle Tiermast ohne Stroh? – „Kein Problem“, die Bauern in den Alpen hätten nie Stroh gehabt und seien auch gut zu ihren Tieren.

Der hohe Treibhausgas-Ausstoß des konventionellen Landbaus? – „Übertrieben“. Und: „Wir Bauern haben den CO2-Ausstoß schon stark reduziert“.

Ungebremstes Aussterben von Tier- und Pflanzenarten? – Ein allgemeines Problem, das man „nicht allein bei der Landwirtschaft abladen“ dürfe.

Große Betriebe schlecht für die Umwelt? – Das stimme „überhaupt nicht“, oft seien sie sogar umweltschonender, weil sie sich Spezialisten leisten könnten, die die Pestizide besser dosieren.

So kann man mit dem Bauernpräsidenten lange reden. Irgendwann sagt man dann, aber Herr Sonnleitner, langfristig kann das doch so nicht weitergehen mit der Agrarpolitik! Da grinst er bauernschlau: „Langfristig sind wir alle tot.“

Zum Weiterlesen:
Die Lobby-Studie des Naturschutzbundes
www.nabu.de/themen/landwirtschaft/lobbyverflechtungen

Reformpapier von fast 30 Verbänden zur
EU-Agrarpolitik
www.abl-ev.de/themen/agrarpolitik/positionen.html